Bauernhof 2.0: Familie Wilhelm auf neuen landwirtschaftlichen Wegen

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Grainet. Vom einstigen Bauernhof, den die Großeltern von Andreas Wilhelm ausschließlich deshalb betrieben haben, um sich selbst zu versorgen, ist nur wenig übriggeblieben. Lediglich der vordere Teil des Gebäudes hat noch dieselbe Funktion wie einst – dort lebt seine Oma, die frühere Bäuerin. Der Rest des Anwesens hat eine beachtliche Metamorphose vollzogen: Im ehemaligen Stall ist inzwischen eine gerade fertiggestellte Molkerei eingerichtet. Die Kühe haben in einem modernen Laufstall mit Melkanlage eine neue Heimat gefunden. Andreas Wilhelm (24) und seine Eltern Heidi und Johann leben in einem großen, gemütlich eingerichteten Austragshaus. In einer von außen unscheinbaren Holzhütte befindet sich eine Milchtankstelle – rund um die Uhr können sich dort Kunden mit landwirtschaftlichen Erzeugnissen versorgen.

Jungbauer mit Visionen: Andreas Wilhelm will zwar den Hof im Sinne seiner Eltern weiterführen, gleichzeitig aber ist er Neuerungen gegenüber aufgeschlossen.

Die Zeiten haben sich geändert auf dem Wilhelm-Hof in Kronwinkl (Gemeinde Grainet). Gemeinsam hat sich die Familie dazu entschlossen, neue Wege zu gehen, um ihren Hof zukunftsfähig zu machen. Vorbei sind die Zeiten, in denen sich Nebenerwerbslandwirte ein paar Kühe gehalten und so die eigene Familie ernährt haben. Vorbei sind die Zeiten, in denen sich Bauern mit dem Verkauf von einer gewissen Menge Milch einen nicht zu unterschätzenden Zuverdienst erwirtschaften konnten. Die „neue“ Landwirtschaft rentiert sich lediglich, wenn die Tiere intensiv gehalten werden. Verbunden damit sind viele, teils kostenspielige Vorgaben einer artgerechten Haltung. Und will man dann noch das Bio-Zertifikat, sind Investitionen notwendig, die einem mittelständischen Betrieb entsprechen. Zu all diesen Schritten hat sich die Familie Wilhelm entschlossen – und hat damit vieles richtig gemacht.

Der Wandel der Gesellschaft und seine Vorteile

Bereits 1989, als Andreas‘ Eltern Heidi und Johann den Hof übernommen haben, war den Wilhelms klar, dass sie neue Ideen umsetzen müssen, um zu überleben. Die anhaltende Milchkrise machte diesen Schritt dann alternativlos. „Inzwischen haben wir 130 Stück Vieh, 60 davon sind Milchkühe“, erklärt Andreas Wilhelm. „Jüngst haben wir darüber hinaus das Bio-Zertifikat erhalten – ein Meilenstein für uns.“ Nicht nur die eigenen Investitionen spielten den Landwirten dabei in die Karten. Auch ein Bewusstseinswandel innerhalb der Gesellschaft trug seinen Teil dazu bei, dass der Hof heute gut dasteht. „Die Leute legen wieder mehr Wert auf regionale und hochwertige Lebensmittel“, verdeutlicht der gelernte Landwirt Andreas Wilhelm.

Zwar liefern die Kronwinkler auch heute noch den Großteil der produzierten Milch an große Molkereien. Doch einerseits garantieren sie als Bio-Bauern, dass die Kühe ausschließlich unbehandeltes Futter (unter anderem ohne das in den Medien häufig diskutierte Glyphosat) bekommen – und erzielten damit höhere Preise. Zum anderen setzen sie auf das Hofladen-Prinzip, dessen erster Baustein die Errichtung einer Milchtankstelle war. Dank eines gekühlten Milchtanks mit Zapfanlage können sich Kunden dort mit dem nötigen Kleingeld rund um die Uhr mit frischer Milch eindecken. Auch selbstgemachten Käse (in bisher noch geringen Mengen) gibt es dort zu kaufen. Demnächst soll auch noch selbstgemachter Joghurt hinzukommen. „Mit diesen zusätzlichen Angeboten versuchen wir, den Leuten überhaupt bewusst zu machen, zu was Landwirte fähig sind. Und natürlich sind sie auch eine Einnahmequelle“, berichtet Andreas Wilhelm.

Was sich zunächst relativ einfach anhört, ist auf den zweiten Blick mit einigen Mühen verbunden. Die frisch gemolkene Milch wird zunächst in großen Kühltanks gelagert. Ein Teil wird vom Milchauto abgeholt, der Rest landet in der hofeigenen, neu fertiggestellten Molkerei. Dort wird das Produkt – unter strengen hygienischen Vorschriften – zunächst pasteurisiert, bevor es entweder verkauft oder zu Käse weiterverarbeitet wird. „Dabei hilft uns ein fahrender Käser“, erklärt Wilhelm. „Den Joghurt machen wir aber selber.“ Rund zwei Tage pro Woche verbringen die Landwirte deshalb in den neuen Räumen – zusätzliche Arbeit neben den alltäglichen Aufgaben eines Bauers. Deshalb ist Sohn Andreas inzwischen auch Vollzeit im eigenen Betrieb beschäftigt. Seine Freundin soll demnächst als Teilzeit-Arbeitskraft hinzukommen. „Zweimal wöchentlich beliefern wir zum Beispiel regionale Discounter. Das heißt, wir stehen schon unter einem gewissen Druck.“

Die Suche nach einem Alleinstellungsmerkmal

Mühen, die die Familie Wilhelm auf sich nehmen will – und muss. Einerseits sind sie Vollblut-Landwirte, die den Umgang mit ihren Tieren lieben. Andererseits sind sie finanziell auf diese Neuerungen angewiesen. „Der Verkauf von Milch an Molkereien allein reicht nicht mehr.“ Und da der Verkauf von Schlachtvieh noch aufwendiger wäre und „Urlaub auf dem Bauernhof“ aufgrund der begrenzten Räumlichkeiten nicht möglich ist, haben sich die Kronwinkler eben für die Molkerei-Schiene entschieden. „Das ist unser Alleinstellungsmerksmal“, ist Andreas Wilhelm, der sich bei der Umsetzung seiner Ideen auf die Unterstützung seiner Eltern verlassen kann, stolz. Landwirt ist längst kein Nebenerwerbsjob mehr. Landwirt ist inzwischen ein vielschichtiger und zukunftsorientierter Beruf.

Helmut Weigerstorfer

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