Blick nach Österreich: „Flüchtlinge willkommen“ in meiner WG

Wien. „Flüchtlinge willkommen“ nennt sich ein Projekt, das in Deutschland und Österreich Flüchtlinge in Wohngemeinschaften oder Privatunterkünfte vermittelt. Der Tscheche Michal Sikyta koordiniert die Initiative in Wien und Niederösterreich.

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„Warum können geflüchtete Menschen nicht einfach in WGs wohnen statt in Massenunterkünften?!“

„Wollen verhindern, dass Probleme im WG-Leben entstehen“

Nicholas schläft seit einigen Wochen bei Barbara auf der Couch. Auf den ersten Blick nichts Ungewöhnliches in einer WG. Nicholas ist Nigerianer und als Flüchtling nach Österreich gekommen. Der 24-Jährige ist seit einigen Jahren in Österreich, hat mittlerweile seinen Pflichtschulabschluss nachgeholt und eine Lehrstelle als Koch gefunden. Der Kontakt zu Biotechnologin Barbara ist über die Initiative „Flüchtlinge willkommen“ entstanden, die Barbaras Couch an Nicholas vermittelt hat.

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Michal Sikyta (hintere Reihe, Mitte), der Koordinator der Initiative „Flüchtling willkommen“ in Wien und Niederösterreich, umringt von seinen ebenfalls ehrenamtlichen Mitstreitern. Foto: Aleksandra Pawloff

„Flüchtlinge willkommen“ gibt es in Österreich seit Januar 2015. Eine Gruppe Ehrenamtlicher rund um den tschechischen Studenten und Koordinator Michal Sikyta hat die Idee aus Deutschland übernommen. Vermittelt werden WG-Plätze, Zimmer in Familienhäusern oder andere private Wohnmöglichkeiten, an Flüchtlinge, die sich in prekären Lebenssituationen befinden, erklärt der 25-Jährige Sikyta. Flüchtlinge mit prekären Lebenssituationen sind jene, die sich noch oder schon jahrelang im Asylverfahren befinden – und deshalb keine Sozialleistungen bekommen.

In manchen WGs allerdings ist es notwendig, dass sich der neue Mitbewohner finanziell beteiligt. In solchen Situationen wird auch an sogenannte Mindestsicherungsbezieher (entspricht in Deutschland „Hartz-IV-Beziehern“) vermittelt. „Flüchtlinge willkommen“ unterstützt bei der Finanzierung der Miete, arbeitet Konzepte dafür aus und bleibt auch nach dem Einzug mit den WGs in Kontakt. „Wir wollen verhindern, dass Probleme beim Zusammenleben entstehen. Wir fragen deshalb regelmäßig nach, ob alles gut funktioniert oder ob Unstimmigkeiten geklärt werden müssen“, erzählt Michal Sikyta. Bislang habe es noch keine Probleme beim Zusammenleben gegeben.

„Nehmen uns Zeit, mehr über die Menschen zu erfahren“

Derzeit arbeiten rund 15 Freiwillige alleine in Wien an dem Projekt, die Zahl der Vermittlungen steigt: 57 seit Januar dieses Jahres. Der überwiegende Anteil der Vermittlungen wird in der österreichischen Hauptstadt vollzogen, aber auch in den anderen Bundesländern gibt es mindestens eine Wohngemeinschaft mit Flüchtlingen.

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Harmonische Willkommens-WG in Wien: Nicholas aus Nigeria schläft seit einigen Wochen bei Biotechnologin Barabar auf der Couch.

Der Anstieg an Flüchtlinge, die jeden Tag nach Österreich kommen, ist auch bei „Flüchtlinge willkommen“ zu spüren. Momentan gibt es rund dreimal so viele interessierte Flüchtlinge für einen WG-Platz wie angebotene Zimmer. Aber auch die Hilfsbereitschaft steigt. Im August wurden 300 Zimmer angeboten, bis Mai waren es gerade einmal 55. Zusammengearbeitet wird mit NGOs, die Flüchtlinge für das Projekt vorschlagen. Aber auch die Mundpropaganda unter den Asylwerbern funktioniere erstaunlich gut, erklärt Michal Sikyta.

Manchmal gebe es für das Zusammenleben auch Wünsche: Oft werde etwa eine Studenten-WG bevorzugt, dann wieder Zimmer in Familienhäusern; manche möchten nur Frauen mit Kindern aufnehmen. „Wir versuchen, passende Mitbewohner zu finden und nehmen uns Zeit, mehr über die Menschen zu erfahren – über die Mieter und Vermieter“, erklärt der Koordinator des Projekts.

„Österreich offener für Flüchtlinge als Tschechien“

Michal Sikyta bekommt eine geringe Aufwandsentschädigung für seine Tätigkeit, nebenbei studiert er Politikwissenschaften. Die vielen positiven Erfolgserlebnisse motivieren ihn, weiterzumachen.

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„In der tschechischen Gesellschaft vermisse ich Toleranz“, sagt Michal Sikyta über sein Heimatland.

Überrascht haben den gebürtigen Prager, der 2010 nach Wien gezogen ist, die positiven Rückmeldungen auf die Initiative, vor allem im Vergleich mit Tschechien. „Wenn ich so ein Projekt in Prag starte, bin ich überzeugt, dass es von der Gesellschaft heftig kritisiert werden würde“, glaubt er.

Die Offenheit der Österreicher, die Bereitschaft, sich ehrenamtlich für Flüchtlinge zu engagieren oder Geld zu spenden, finde er beeindruckend. Es gebe in Österreich – genauso wie in Deutschland – Hasspostings auf Sozialen Netzwerken, negative Stimmungen, auch aus der Politik. Aber im Vergleich zu Tschechien seien diese gering. „In der tschechischen Gesellschaft vermisse ich Toleranz, die Bereitschaft zu helfen und die Solidarität mit geflüchteten Menschen.“ Aber auch in Österreich müsse sich noch so einiges verbessern…

Magdalena Schluckhuber

 

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Ein Kommentar bei "Blick nach Österreich: „Flüchtlinge willkommen“ in meiner WG"

  1. Marek sagt:

    Respekt fur Michael Sikyta.
    „In der tschechischen Gesellschaft vermisse ich Toleranz“, sagt Michal Sikyta über sein Heimatland….leider muss ich diesen Satz bestatigen, nicht generel aber im Mehrheit ja
    Marek Matousek Vimperk

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