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Deggendorf. Eine lange Schlange hat sich an diesem Donnerstagmorgen vor dem Landgericht Deggendorf gebildet. Kamerateams, Fotografen und zahlreiche Zuschauer drängen in Sitzungssaal eins. Fünfzehn Monate nach den Verbrechen von Zwiesel (da Hog’n berichtete) beginnt hier jener Prozess, auf den Ermittler, Angehörige und eine ganze Region gewartet haben.

Dichtes Gedränge herrscht am Morgen des ersten Verhandlungstags vor dem Eingangsbereich des Landgerichts Deggendorf. Zahlreiche Medienvertreter und Prozessbeobachter warten darauf, in den Sitzungssaal vorgelassen zu werden, um an dem aufsehenerregenden Prozess teilzunehmen. Fotos: Franziska Hierbeck
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Dem heute 39-jährigen Slowaken Martin L. wirft die Staatsanwaltschaft vor, im Sommer 2025 zwei Nachbarinnen und den Lebensgefährten einer der Frauen ermordet zu haben. Sie sieht unter anderem die Mordmerkmale Heimtücke, Grausamkeit, sexuelle Motivation und Verdeckungsabsicht als erfüllt an.

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Von Polizeibeamten wird Martin L. in den Saal geführt. Unter einer schwarzen Kappe und mit einer blauen Mappe vor dem Gesicht verborgen, richtet er den Blick stoisch nach unten. Während der gesamten Verhandlung vermeidet er jeden Blick zum Zeugenstand. Dort sitzen zum Auftakt die Angehörigen der Opfer, die als Nebenkläger auftreten.

Verbrechen von kaum fassbarer Brutalität

Nach Überzeugung der Ermittler soll Michaela N. nach einem Streit mit ihrem Freund nicht mehr in die gemeinsame Wohnung zurückgekehrt sein. Stattdessen habe sie bei ihrem Nachbarn Martin L. Zuflucht gesucht. Dort seien Alkohol und Drogen konsumiert worden. Als die Frau bewusstlos geworden sei, habe der Angeklagte einen sexuellen Übergriff begangen, sie anschließend gewürgt und mit einem Kabel erdrosselt. Nachdem der Leichnam tagelang in seiner Wohnung gelegen habe, soll Martin L. ihn mit einem Küchenmesser zerstückelt haben. Den Oberkörper versteckte er laut Anklage im Kühlschrank, weitere Körperteile legte er später in einem Waldstück ab.

Im Sitzungssaal eins werden in den kommenden Wochen die grausamen Details der Anklage verhandelt und Zeugen gehört.

„Als sich die Mutter des Mordopfers nach dem Verbleib ihrer Tochter erkundigte, gab der Angeklagte an, sie habe nach Nürnberg fahren wollen“, verliest der Oberstaatsanwalt die Anklageschrift. Wenige Wochen später soll eine weitere Nachbarin Opfer geworden sein. Die 22-jährige Laura E. kochte gerade in der Wohnung ihres Freundes Martin W., als plötzlich der Strom ausfiel. Da ihr Partner unterwegs war, bat sie ihren Nachbarn um Hilfe.

Was in ihren letzten Lebensstunden geschah, fasst die Anklage mit den Worten „schwerste Qualen“ zusammen. Mehrfach habe die junge Frau um Hilfe geschrien und sich gewehrt. Nachdem mit einer Bierflasche und einem Fäustelhammer auf sie eingeschlagen worden sei, erlag sie ihren Verletzungen.

Auch Martin W. wurde laut Anklage Opfer des Angeklagten. Weil er noch eine Nachricht seiner Freundin erhalten hatte, suchte er in der Nachbarwohnung nach ihr. Martin L. habe sich dabei in die Enge getrieben gefühlt. Die Ermittler gehen davon aus, dass er den überraschten Mann mit Messerstichen und Hammerschlägen tötete.

 „Ein Damischer – der ist ein bisschen unheimlich!“

Die Schlange der Wartenden reicht bis um die Ecke des Gebäudes, was das große öffentliche und mediale Interesse an dem Fall unterstreicht.

Die Schilderungen sind schwer auszuhalten. Die Angehörigen ringen um Fassung, während Martin L. die Ausführungen regungslos über sich ergehen lässt. Neben ihm übersetzt eine Dolmetscherin jedes Wort ins Tschechische. „Der Angeklagte möchte sich grundsätzlich äußern, aber nicht heute“, erklärt sein Verteidiger. Seit seiner Festnahme sitzt Martin L. in Untersuchungshaft. Dort leide er unter „tiefer Verzweiflung und Depressionen“. „Das ist der erste Entzug seit langer Zeit. Mit dieser Klarheit kam auch die Erkenntnis, welche schrecklichen Dinge er gemacht hat“, sagt der Anwalt.

Unbeeindruckt von der ausbleibenden Aussage lässt der Vorsitzende Richter Dr. Georg Meiski die ersten Zeugen aufrufen. Es sind die Eltern von Laura E. Mehrmals setzt der Vater an, bricht ab und sucht nach Worten. Er berichtet von seiner Tochter, zu der trotz unterschiedlicher Lebenswege immer Kontakt bestand. Nach einem guten Schulabschluss und einer Ausbildung sei sie zunehmend in die Drogenszene geraten. Über den Angeklagten habe sie nur einmal gesprochen. „Ein Damischer – der ist ein bisschen unheimlich!“

Oft sei laute Musik zu hören gewesen, die Wohnung stets verdunkelt. Gleichzeitig berichtet der Vater von einer Tochter, die zuletzt wieder Hoffnung geschöpft habe. Sie habe eine Psychotherapeutin besucht, nach Arbeit gesucht und ihr Leben neu ordnen wollen. Auf die Frage des Oberstaatsanwalts, wie er heute mit der Situation zurechtkomme, antwortet er nur: „Gar nicht.“

„Warum hat ihr keiner geholfen?“

Im Landgericht Deggendorf findet die Hauptverhandlung gegen den 39-jährigen Martin L. statt, der sich wegen dreifachen Mordes verantworten muss.

Auch die Aussage der Mutter bewegt den Saal. Sie beschreibt ihre Tochter als ruhiges, musikalisches und fleißiges Kind. Zuletzt habe sie wieder Lebensfreude entwickelt. „Ich weiß, es ist passiert. Aber ich kann es nicht akzeptieren.“ Fünfzehn Monate nach der Tat bestimme der Verlust noch immer jeden Tag ihres Lebens. „Es wird nie mehr so sein, wie es war. Nie mehr.“

Besonders verletzt habe sie die öffentliche Darstellung ihrer Tochter als Teil eines Drogenmilieus. Ihre Tochter habe sich ausprobiert, sei aber gerade dabei gewesen, ihr Leben wieder in den Griff zu bekommen. Dann stellt sie die Frage, die viele im Saal aufwühlt: „Warum hat ihr keiner geholfen, als man sie schreien gehört hat? Warum?“

Immer wieder werden an diesem ersten Verhandlungstag auch die prekären Verhältnisse im sogenannten „Zwieseler Problemhaus“ (da Hog’n berichtete) thematisiert: eine mangelhafte Stromversorgung, Gewalt und Drogen. Es entsteht das Bild einer Hausgemeinschaft, die sich gegenseitig in einer Abwärtsspirale gefangen hielt.

„Martin hat sein Essen mit ihm geteilt“

Zum Ende des Verhandlungstages zeigt der Angeklagte doch noch Emotionen. Als die Mutter von Martin W. aussagt, schildert sie einen Sohn, dessen Leben von Schicksalsschlägen und jahrzehntelanger Sucht geprägt gewesen sei. Martin W. sei mit „dem Tschech“, wie Martin L. im Haus genannt wurde, befreundet gewesen. „Martin hat ihm beim Einzug geholfen und sein Essen mit ihm geteilt“, erzählt sie. Während ihrer Aussage wischt sich der Angeklagte stumm Tränen aus dem Gesicht.

Die grausamen Details der Anklage sind längst verlesen, die Zeugen entlassen. Als sich der Gerichtssaal langsam leert, begegnen sich die Mütter zweier Opfer und fallen sich in die Arme. Ein stiller, bewegender Moment, der die Intensität dieses ersten Verhandlungstages noch einmal greifbar macht. Fortgesetzt wird der Prozess am Dienstag, 6. Oktober. Dann sollen weitere Zeugen gehört werden. Auch eine Einlassung des Angeklagten bleibt weiter möglich.

Franziska Hierbeck

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