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Vimperk/Winterberg. Vor rund einem Jahr haben wir gemeinsam mit unserem tschechischen Partnerportal Šumava.eu das erste Interview mit Eva Reitspiesová veröffentlicht, der Kuratorin von Schloss Winterberg (Vimperk). Es ging dabei um die fast vergessene Welt der Steinbrener-Illustratoren. Damals stand eine Ausstellung im Mittelpunkt, dazu eine bemerkenswerte Sammlung von mehr als sechstausend Zeichnungen. Was sich in der Folge ergab, war damals nicht abzusehen…

Eva Reitspiesová, Kuratorin von Schloss Winterberg (Vimperk), erforscht seit Jahren die Illustratoren der Steinbrener-Kalender. Foto: privat
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Innerhalb eines Jahres kam tatsächlich Bewegung in die Sache. Die Zahl der identifizierten Illustratoren stieg von dreißig auf fünfzig – und die Suche reichte bald weit über den Böhmerwald hinaus nach Mitteleuropa. Dank Reitspiesovás Recherchen knüpfte Winterberg Kontakte nach Wien, Thüringen, Tiflis, Teheran, Baku, in die Schweiz und nach New Jersey. Hinzu kamen neue Geschichten und Dokumente, Nachkommen der Künstler sowie Pläne für weitere Ausstellungen und internationale Kooperationen.

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Das nun folgende Gespräch ist daher mehr als die Fortsetzung des letztjährigen. Es zeigt, was geschehen kann, wenn ein lange vergessenes Archiv geöffnet wird und jemand beschließt, die darin schlummernden Geschichten wieder zum Leben zu erwecken. Eva Reitspiesová berichtet darüber, wie aus einer regionalen Studie ein internationales Forschungsprojekt wurde: von Josef Rotters abenteuerlichem Weg nach Tiflis über detektivische Recherchen in Matrikelbüchern und Zeitungsarchiven bis zum tragischen Ende des Zeichners Eduard Regler.

Ein Jahr danach: Aus dreißig werden fünfzig Namen

Frau Reitspiesová: Rund ein Jahr ist seit unserem ersten Gespräch über Steinbreners Illustratoren vergangen. Die erfolgreiche Ausstellung ihrer Zeichnungen auf Schloss Vimperk ist nun beendet, doch die Erforschung der historischen Zusammenhänge geht intensiv weiter und führt zu völlig unerwarteten Entdeckungen, die sich über drei Kontinente erstrecken. Welche bahnbrechenden Erkenntnisse haben Sie in dieser Zeit gewonnen?

Johann Steinbrener (1835-1909).

Wir wollten die Ausstellung zum 150. Jubiläum des ersten Kalenders (erschienen 1875) vorbereiten, was uns auch gelang. Aus insgesamt 6.000 Zeichnungen wählte ich die 200 interessantesten aus, um sie der Öffentlichkeit zu präsentieren. Da die Sammlung bis dahin aber praktisch unerschlossen war, stand fest, dass die Forschung auch nach Ausstellungsbeginn weitergehen würde.

Tschechen, Deutsche und Österreicher stellten jeweils etwa ein Drittel von Steinbreners Illustratoren. Die bekannteren, deren Namen in Kunstlexika verzeichnet sind, sind bereits ausreichend erforscht, und ihren Biografien ist kaum noch etwas hinzuzufügen. Eine weitaus größere Herausforderung stellen jene dar, die in keinem Lexikon zu finden sind – sie hatten oft noch interessantere Lebenswege. Das gilt vor allem für ausländische Illustratoren, aber auch für heimische Künstler aus dem Böhmerwald und Südböhmen. Die Zahl der identifizierten Persönlichkeiten ist seit dem letzten Jahr bereits von dreißig auf fünfzig Namen gestiegen.

Wann wurde Ihnen zum ersten Mal bewusst, dass es sich nicht mehr nur um eine regionale Studie über Vimperk handelte, sondern um ein internationales Thema?

Schon die ersten Recherchen zur Sammlung zeigten, dass es sich um eine sehr vielfältige Mischung von Künstlern handelte, die mindestens aus ganz Mitteleuropa stammten und vom Ende des 19. Jahrhunderts bis zum Zweiten Weltkrieg wirkten. Doch ich hätte mir nie erträumen lassen, dass mich die genauere Suche nach den biografischen Daten der Illustratoren nicht nur nach München und Wien führen würde, sondern auch nach Lemberg, Stettin, in den Harz, nach Thüringen – und sogar nach Georgien und Armenien.

Andererseits hatten viele Illustratoren, die sich in Wien erfolgreich etablierten, ihre Wurzeln in den böhmischen Ländern, zumeist in deutschsprachigen Familien des Sudetenlandes. Zwei der drei bedeutendsten und produktivsten Wiener Illustratoren der 1930er-Jahre wurden im Sudetenland geboren: Hans Kaplan in Liberec und der große Weltreisende Josef Rotter im schlesischen Javorník. Letzterer sticht mit seinem abenteuerlichen Lebensweg besonders hervor. Auch andere namhafte österreichische Illustratoren der Zwischenkriegszeit wie Ernst Kutzer oder Marianne Frimberger, geboren im mährischen Ostrava, stammten aus dem Sudetenland.

Ein Leben zwischen Wien und dem Kaukasus

Die größte Entdeckung der letzten Monate ist Josef Rotter. Was macht seine Lebensgeschichte so außergewöhnlich?

Rotters Schicksal war wahrhaft unglaublich. Dass er 1885 von Javorník bei Opava nach Wien ging, um an der Akademie der bildenden Künste zu studieren, ist an sich nichts Besonderes. Doch dann, um die Jahrhundertwende, lernte er in München einen Nachkommen deutscher Siedler aus dem Kaukasus kennen, der ihn nach Tiflis einlud, um gemeinsam mit ihm an der neu gegründeten Kunstschule zu unterrichten, die dieser ins Leben gerufen hatte – der Vorgängerin der heutigen Staatlichen Kunstakademie.

Rotter verbrachte mindestens zwölf Jahre in Georgien, von 1902 bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs. In dieser Zeit schuf er Hunderte von Karikaturen für zahlreiche armenische, georgische und aserbaidschanische Zeitschriften. Die wichtigste davon war die Satirezeitschrift Molla Nasreddin, die die islamische Gesellschaft mutig karikierte und in der gesamten muslimischen Welt von Marokko bis Ostasien zur Legende wurde. Wegen ihrer Offenheit wurde die Redaktion häufig verfolgt – und die Zeitschrift wurde mehrfach verboten.

Josef Rotter, „Wo das Geld auf der Straße liegt“. Über Bewohner fremder Länder, die sich ihr tägliches Brot auf der Straße verdienen. Abgedruckt im ungarischen Kalender Nagy Mese Naptár („Großer Bilderkalender“) für das Jahr 1935.

Den Ersten Weltkrieg verbrachte Rotter offenbar in russischer Gefangenschaft und tauchte ab 1919 wieder in Wien auf, wo er Bücher illustrierte und großformatige Gemälde und Wandbilder schuf. In den letzten sieben Jahren seines Lebens, von 1930 bis 1937, lieferte er dem Steinbrener-Verlag in Vimperk jährlich Dutzende von Zeichnungen, sodass sich insgesamt über sechshundert davon in unseren Sammlungen befinden.

Wie kommt es, dass ein Illustrator der Vimperker Kalender einen Forscher bis in den Kaukasus, nach Tiflis, führt? Es klingt fast wie ein Abenteuerroman.

Faszinierend ist, dass gleichzeitig drei Menschen in verschiedenen Teilen der Welt unabhängig voneinander nach Rotters Schicksal suchten: ein Kunsthistoriker in Wien, wo Rotter in den 1920er-Jahren arbeitete, ich als Kurator von Schloss Vimperk, wo sich über 600 seiner späten Zeichnungen befinden, und vor allem ein renommierter Forscher in Teheran, der mit dem Rotter-Projekt eine großartige Initiative ins Leben rief, die das Wissen über Rotters Leben und Werk bündelt. Schließlich fanden diese drei Fäden über Kontinente hinweg auf wunderbare Weise zusammen – und es ist mir eine Ehre, Teil des Rotter-Projekts gewesen zu sein.

Außerdem erhielt ich Unterstützung von mehreren georgischen Forschern, insbesondere von Nino Tchogoshvilli, Professorin an der Staatlichen Kunstakademie Tiflis. Ein weiterer Kontakt besteht zur Nationalgalerie in Tiflis, wo sich mehrere großformatige Ölgemälde Rotters mit historischen Motiven befinden.

Auch von Kollegen anderer ausländischer Institutionen erfuhr ich große Hilfsbereitschaft. So wandte ich mich beispielsweise an den Verband der aserbaidschanischen Künstler in Baku mit der Bitte, den Herausgeber einer vor 20 Jahren erschienenen Enzyklopädie zu kontaktieren – und erhielt bereits am nächsten Tag eine positive Antwort. Da macht es Freude, die Zusammenarbeit fortzusetzen.

Detektivarbeit im Matrikelbuch

Wie viele Stunden oder Tage stecken hinter einer solchen Entdeckung? Ist es eher die Arbeit eines Historikers oder eines Detektivs?

Ein akademischer Maler, der es nicht in ein Künstlerlexikon geschafft hat, lässt sich in der zeitgenössischen Presse, in Registern und in den Wiener Adressbüchern aufspüren. Und meist führt die Kombination all dieser Quellen schließlich zur Klärung seiner Identität. Auch die Matrikelbücher der Kunstakademien in München und Wien sind sehr hilfreich.

Emil Reinicke, Anekdotische Szene, 1921.

Es ist eine sehr zeitaufwendige und mühsame Angelegenheit – und manchmal gebe ich nach zehn Stunden erfolgloser Suche auf. Doch dann taucht plötzlich ein winziger Hinweis auf, beispielsweise im Register der Deutschen Nationalbibliothek in Berlin, der zum nächsten führt – und am Ende ist die Frage nach dem gesuchten Urheber völlig eindeutig beantwortet.

Je tiefer man in die Thematik eintaucht, desto besser kann man die entdeckten Zusammenhänge nutzen – zum Beispiel die Tatsache, dass der Steinbrener-Verlag bis zum Ersten Weltkrieg vorwiegend mit Münchner Künstlern zusammenarbeitete und sich erst in den 1920er- und 1930er-Jahren Wien zuwandte.

Das größte Rätsel war ausgerechnet die größte Zeichnung unserer Sammlung, eine Anekdotenszene aus dem Jahr 1921, die lediglich mit den Initialen ER signiert ist. Es ist das einzige Werk dieses Künstlers in der Sammlung. Ich durchsuchte die Matrikelbücher der Münchner Kunstakademie nach Studenten der 1880er-Jahre, deren Nachname mit R und deren Vorname mit E beginnt. Das Ergebnis war eindeutig: Der Urheber ist der heute kaum noch bekannte Emil Reinicke, der auf humorvolle Szenen spezialisiert war. Und unsere Zeichnung entspricht stilistisch vollkommen seinen anderen öffentlich zugänglichen Werken.

Ich habe aber auch viele wertvolle Ratschläge von Kollegen verschiedener Institutionen erhalten: vom Denkmal des nationalen Schrifttums – heute Literaturmuseum – über die Karls-Universität und die Masaryk-Universität bis hin zu nationalen und regionalen Museen, Galerien und Bibliotheken. Und manchmal spielt auch ein bisschen Glück eine Rolle.

Josef Filetz: Der vermeintliche Ungar

Eine weitere Enthüllung: Josef Filetz galt lange als Ungar. Schließlich stellte sich heraus, dass er aus Südböhmen stammte und im Mai 1945 hingerichtet wurde.

Filetz‘ Vorname tauchte erst Mitte der 1920er-Jahre in einer Wiener Satirezeitschrift auf, die mehrere seiner Karikaturen abgedruckt hatte. In einer Zeichnung verwendete er sogar den Vornamen Josef. Dann entdeckte ich in anderen österreichischen Zeitungen eine Hochzeitsanzeige, aus der hervorging, dass Josef Filetz etwa zur selben Zeit in Wien geheiratet hatte. Und im Trauungsbuch der zuständigen Wiener Pfarrei findet sich der Hinweis, dass der Bräutigam aus Hlinsko bei Dobrá Voda in der Nähe von České Budějovice stammte!

Während der NS-Zeit bekleidete er das Amt eines Regierungskommissars in Suchý Vrbný und wurde am 20. Mai 1945 zusammen mit anderen Deutschen erschossen. Der tschechische Chronist beschreibt ihn rückblickend jedoch als anständigen Mann, der wissentlich niemandem geschadet habe und der beste Regierungskommissar in der Gegend um České Budějovice, also Budweis, gewesen sei. Bevor er die Beamtenlaufbahn einschlug, zeichnete er in den 1930er-Jahren Hunderte von Witzen für Steinbreners Kalender.

In Wien haben Sie schließlich zehn Illustratoren des Steinbrener-Verlags aufgespürt. Wie ist es möglich, dass sie der Fachliteratur jahrzehntelang praktisch unbekannt blieben?

Tatsächlich arbeitete ein Fünftel aller bisher identifizierten Künstler in Wien. Sie waren meist Zeitgenossen, zeichneten für dieselben Zeitschriften – und schon auf dem Stadtplan sieht man, dass einige von ihnen gar nicht weit voneinander entfernt wohnten. Es wäre interessant herauszufinden, wie gut sie einander kannten oder ob einer den anderen dem Verlag in Vimperk empfohlen hat.

Es waren keine Avantgarde-Künstler, die in Lehrbüchern Erwähnung finden würden, sondern Illustratoren, die ihren Lebensunterhalt mit ehrlicher Arbeit verdienten. Sie lebten zeitlebens vom Zeichnen und lieferten teils auch Beiträge für andere Kalender, nicht nur für Steinbreners. Diese Art von Künstlern findet in der Fachliteratur üblicherweise keine Beachtung. Ich fand es jedoch schade, dass Persönlichkeiten wie Eduard Regler oder Hans Kaplan in keinem Künstlerlexikon Erwähnung fanden. Daher habe ich alle mir zugänglichen Informationen genutzt, um zumindest auf Wikipedia Artikel über sie anzulegen und in den bestehenden Artikeln über andere Illustratoren deren Zusammenarbeit mit dem Steinbrener-Verlag zu ergänzen. Auch das ist ein Nebenprodukt meiner Recherche.

Eduard Regler: Freigeist, Talent und ein tragisches Ende

Stichwort: Eduard Regler, Schöpfer von über hundert großformatigen Zeichnungen aus der Jahrhundertwende. Wer war er? Was hat Sie an ihm so fasziniert, dass Sie ihm so viel Zeit gewidmet haben?

Eduard Reglers „Die britische Expedition nach Tibet„, 1903–1904 (die sogenannte Younghusband-Expedition).

Zum Zeitpunkt der Ausstellung kannten wir nicht einmal seinen Vornamen, geschweige denn, ob er in Österreich oder Deutschland lebte. Schließlich gelang es mir, ihn ausfindig zu machen, indem ich historische Kalender durchstöberte, die als Zugabe für Zeitungsabonnenten im US-Bundesstaat Iowa angeboten wurden und zu denen er ebenfalls Zeichnungen beigesteuert hatte.

Es stellte sich heraus, dass er aus Heiligenstadt in Thüringen stammte, unweit von Göttingen, Kassel und dem Harz. Er war ein unglaublich unkonventioneller und temperamentvoller Freigeist mit einem gottgegebenen künstlerischen Talent, aber auch mit dem Fluch des Alkoholismus. Nur vier Jahre nach der Hochzeit verklagte ihn seine Frau, weil er ihr Vermögen verschwendet hatte – und schließlich ertrank er in betrunkenem Zustand in der Weser. Zeitungen von Karlsruhe über Berlin und Prag bis Liberec berichteten über sein trauriges Ende.

Die meisten Informationen über Eduard Regler erhielt ich durch den intensiven Austausch mit Günter Liebergessell, dem Vorsitzenden des Heiligenstädter Geschichts- und Museumsvereins, sowie mit Bernard Cordier, dem Inhaber des dortigen Verlags F. W. Cordier. Dieser Verlag veröffentlichte bereits vor 130 Jahren Bücher mit Reglers Illustrationen und besteht noch heute als Familienunternehmen. Für den Herbst nächsten Jahres bereitet er in Heilbad Heiligenstadt eine monografische Ausstellung über Regler vor und hat Interesse bekundet, Zeichnungen aus unseren Sammlungen auszuleihen. Ich freue mich sehr auf diese entstehende Zusammenarbeit.

Interview: Jitka Řezanková und Marek Matousek

Im zweiten Teil des großen Interviews mit Eva Reitspiesová erzählt die Kuratorin, wie ein Wiener Wandbild Rotters Vimperker Zeichnungen in neuem Licht zeigt, wie nah sie dem rätselhaften Monogrammisten „HM“ auf der Spur ist und welche Geschichte noch auf ihre Entdeckung wartet…

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