Prag. Nur wenigen Menschen gelingt es, Geschichte, Landschaft, Naturwissenschaften, Philosophie und menschliche Schicksale mit so viel Feingefühl zu verweben wie der Dokumentarfilmerin und Forscherin Mgr. Lenka Ovčáčková, Ph.D. In ihren Filmen wie auch in ihrer akademischen Arbeit widmet sie sich seit Langem vor allem dem tschechisch-deutsch-österreichischen Grenzraum, dessen kollektivem Gedächtnis und den Lebenswegen jener Menschen, deren Schicksale von den dramatischen Umbrüchen des 20. Jahrhunderts geprägt wurden. Doch sie begnügt sich nicht mit reinen Fakten – sie sucht nach den tieferen Zusammenhängen zwischen Mensch, Landschaft und Zeit.

Ihr jüngster Dokumentarfilm „Licht für die Zukunft“ (da Hog’n berichtete) beleuchtet die Nachkriegsvertreibung der deutschsprachigen Bevölkerung anhand der Erinnerungen dreier Zeitzeuginnen. Wie schon ihre früheren Arbeiten sucht auch dieser Film nicht nach schnellen Werturteilen, sondern nach Verstehen, offenem Dialog und verbindenden Elementen über Grenzen hinweg.
Im Dialog mit unserem tschechischen Partnerblog sumava.eu spricht Lenka Ovčáčková nicht nur über ihren Film, sondern auch über die Kultur des Erinnerns, die Ethik des Filmemachens, die Landschaft als Trägerin von Geschichten, die Metaphysik des Lichts – und darüber, warum der Mut zum Zuhören für sie einer der entscheidendsten Werte unserer Zeit ist.
Innere Einkehr und die Landschaft der Seele
Wenn Sie zu Beginn unseres Gesprächs für einen Moment all Ihre Rollen – Forscherin, Dokumentarfilmerin, Regisseurin, Reisende – ablegen würden: Wo stünden Sie heute? Und welchem stillen Thema wendet sich Ihre Arbeit gerade wieder zu?
Der gegenwärtige Prozess meiner Einkehr reflektiert die Frage des Verweilens in der Welt. Er ermöglicht eine sinnvolle Verbindung von Erdverbundenheit und Fernweh und bietet zugleich Orientierung in der Welt der sichtbaren und verborgenen Phänomene. Er ist eine Art Reflexion meiner eigenen Landschaft – der inneren, in der ich bewusst wohltuenden Frieden und Harmonie erlebe, und der äußeren, auf der ich die Wege betrachte, die sich mir für die Zukunft offenbaren. In diesen Phasen der Einkehr finde ich Inspiration für weitere Arbeiten. Sie ermöglichen es mir, nicht nur historische Fakten und deren zeitgenössische Reflexionen zu einem harmonischen Ganzen zu verweben, sondern auch die damit verbundenen – oft auf den ersten Blick unsichtbaren – philosophischen und spirituellen Ebenen offenzulegen. Dabei treten ganzheitliche Themen zutage, deren Fundament ein dynamisches Gleichgewicht, vielschichtige Einsichten und eine interdisziplinäre Perspektive bilden.

Sie sind in den Weißen Karpaten aufgewachsen, einer Landschaft der Grenzen, der Natur und der Erinnerung. Glauben Sie, dass Ihre spätere Sichtweise dort ihren Ursprung hat – dass die Landschaft nicht nur Kulisse, sondern lebendiger Träger von Geschichten ist?
Die Wahrnehmung der Landschaft als Trägerin von Geschichten ist mir seit meiner Kindheit und Jugend vertraut. In den Weißen Karpaten habe ich die verwobene Vielfalt natürlicher und kultureller Phänomene intensiv beobachtet und erfasst – sowohl die Prozesse, die Landschaftseinheiten formen, als auch die historischen und zeitgenössischen Geschichten, die sich in den verschiedenen Schichten der Landschaft widerspiegeln. Gleichzeitig wurde mir bewusst, dass Orte in der Landschaft und menschliche Schicksale ganz unterschiedliche Qualitäten besitzen – und dass es allein an uns liegt, wie stark wir sie einander beeinflussen und durchdringen lassen.
Diese Art meiner Reflexion und meines Welterlebens wurde maßgeblich durch die Begegnung mit dem außergewöhnlichen Denker, Philosophen und Biologen Zdeněk Neubauer bereichert. Seine tiefgründigen und inspirierenden Einsichten in philosophische, wissenschaftliche und kosmologische Zusammenhänge, die auf einer Ontologie der subjektiven Erfahrung basieren, begleiten mich bis heute beruflich wie persönlich und prägen auch meine Wahrnehmung von Natur und Landschaft.
Spuren der Vertreibung: Das Licht in der Geschichte
Ihr neuester Film, „Licht für die Zukunft“, trägt das Wort „Licht“ im Titel, entspringt jedoch schmerzhaften historischen Erfahrungen. Wie würden Sie sein innerstes Wesen beschreiben – ist es ein Film über Erinnerung, Vertrauen und Versöhnung? Oder über ein Licht, das den Schmerz nicht verhüllt, sondern ihn behutsam wandelt?
Der Dokumentarfilm „Licht für die Zukunft“ ist durchwoben von Motiven der Transformation, Versöhnung und Toleranz, die die Erzählung dramatischer historischer Ereignisse prägen. Diese Ereignisse zwangen nach dem Zweiten Weltkrieg drei heute 90-jährige Überlebende aus deutschsprachigen Familien in Böhmen und Mähren dazu, ihre Heimat zu verlassen. Damals waren sie unschuldige Kinder, die gezwungen waren, rasch erwachsen zu werden, im Alltag Verantwortung zu übernehmen und vor der schwierigen Aufgabe standen, sich ein neues Leben aufzubauen.

Der Schmerz über den Verlust der Heimat wurde zunächst verdrängt, konnte später jedoch durch die Fähigkeit, offen über das Erlebte zu sprechen, verarbeitet werden. Für mich war das Motiv des Lichts zu Beginn der Filmentstehung in erster Linie mit dem Bedürfnis verbunden, einen offenen und versöhnlichen Dialog zu unterstützen – sowohl in Tschechien als auch in Deutschland und Österreich. Es ging darum, die schwierigen historischen Ereignisse im Zusammenhang mit dem Zweiten Weltkrieg und der Vertreibung der deutschsprachigen Bevölkerung aus der Tschechoslowakei aufzuarbeiten.
Im Film hören Sie drei sehr alten Frauen zu, die den Verlust ihrer Heimat erlebt haben und nun an einem grenzüberschreitenden Dialog teilnehmen. Was muss zwischen einer Dokumentarfilmerin und einer Zeitzeugin geschehen, damit die Erinnerung nicht als Wunde aufgerissen wird, sondern als Chance zum Verstehen dient?
Die von den Zeitzeuginnen erlebten Ereignisse aufzuarbeiten, war kein einfacher Prozess. Möglich wurde er durch das große Vertrauen, das mir diese außergewöhnlichen Frauen entgegenbrachten. In meiner Dokumentarfilmarbeit lege ich größten Wert darauf, Raum für einen natürlichen Dialog zu schaffen. Dieser Ansatz erfordert meinerseits eine gründliche Vorbereitung durch das Studium historischer Quellen und im nächsten Schritt eine sehr behutsame, einfühlsame und zugleich offene Art der Fragestellung, ohne heikle Themen auszusparen.
Es gelang mir, diesen Prozess umzusetzen, indem ich eine Schwarz-Weiß-Betrachtung der Geschichte vermied und mich auf meine Intuition verließ. Das half mir, mich tief in die bewegten Schicksale der drei Frauen einzufühlen. So entstand eine sehr freundschaftliche Atmosphäre voller gegenseitigen Respekts und großer Toleranz.
Die Metaphysik des Lichts und der Geist der Renaissance
Sie haben Zitate von Marsilio Ficino und das Motiv des Lichts in den Film eingebunden. Was bedeutet Licht für Sie – ein Bild der Hoffnung, der Erkenntnis, der spirituellen Transformation? Oder etwas, das erst in Erscheinung tritt, wenn ein Mensch eine dunkle Phase seiner Geschichte durchlebt hat?
Licht ist für mich ein sehr kraftvolles Motiv, da es Raum für innere wie äußere Transformation eröffnet. Der symbolische Prozess der Hinwendung zum Licht oder zur „Erleuchtung“ – oft nach einer vorangegangenen Erfahrung der Dunkelheit – ist Teil traditioneller wie zeitgenössischer Rituale. Wir können ihn analog auch auf die Reflexion vergangener oder gegenwärtiger Ereignisse übertragen.

Das Motiv des Lichts findet sich im kosmogonischen, kosmologischen und philosophischen Denken wieder und ist eng mit antiken wie auch neueren naturwissenschaftlichen Theorien verknüpft, etwa in der Astronomie und Biologie. Für mich bildet das Werk des Renaissance-Arztes, Philosophen und Theologen Marsilio Ficino einen zentralen Bezugspunkt für Überlegungen zur Metaphysik des Lichts. Am Hof der Medici in Florenz übersetzte Ficino die Schriften Platons sowie die hermetische Textsammlung des Corpus Hermeticum ins Lateinische und verknüpfte diese Denkströmungen in seinen Werken mit dem Christentum. Sein christlicher Platonismus übte einen enormen Einfluss nicht nur auf andere Philosophen und Hermetiker aus, sondern auch auf Naturwissenschaftler.
Während der Dreharbeiten zu den Interviews dachte ich oft an die Parallelen zwischen den Aussagen der Frauen und Passagen aus Ficinos Werken Über die Sonne und Über das Licht. Ich beschloss, sie im Film zu einem Ganzen zu verweben – zusammen mit den Zeitzeugenberichten, den Landschaftsaufnahmen und einer sorgfältig ausgewählten Musik. Rückmeldungen vieler Zuschauer, denen Ficinos Zitate ermöglichten, kurz in ein verwandtes, aber doch anderes Genre einzutauchen und so die Zeitzeugenaussagen wie auch den Film als Ganzes intensiver zu reflektieren, haben mich in dieser Entscheidung bestärkt.
Vom Schmerz der Grenzen und dem Mut zur Heilung
In Ihren Filmen erscheint die Grenze nicht nur als politische Linie, sondern als Ort des Schmerzes, der Begegnung, der Erinnerung und der Möglichkeiten. Kann eine Grenze jemals vollständig heilen – oder sollte sie als subtiler Lernort bewusst präsent bleiben?

Die Grenze als Ort des Schmerzes entsteht durch politische Entscheidungen, die das Schicksal der Menschen vor Ort selten berücksichtigen. Die Einschnitte in den tschechisch-deutschen und tschechisch-österreichischen Grenzgebieten waren immens. NS-Propaganda, Expansionismus und Gräueltaten, die durch Egoismus, Ignoranz und Ideologie nährreichen Boden fanden, wurden nach dem Krieg durch einen unreflektierten Rachedurst abgelöst. Dieser führte letztlich zur Vertreibung von fast drei Millionen deutschsprachigen Einwohnern der Tschechoslowakei, die größtenteils in diesen Grenzgebieten lebten. Dadurch entstanden tiefgreifende Wunden und Narben in der Landschaft und in den Seelen der Menschen, die bis heute im Prozess der Identitätssuche heilen.
Grenzen eröffnen ein weites Feld an Interpretationen. Für mich bleibt es entscheidend und inspirierend, sie bewusst wahrzunehmen und ganzheitlich zu reflektieren. Grenzen gänzlich zu ignorieren, wäre definitiv der falsche Weg, denn sie geben uns Orientierung – in der Vergangenheit wie in der Gegenwart. In meiner dokumentarischen Arbeit versuche ich, Grenzen zu überwinden, also dazu beizutragen, schwarz-weiße Denkmuster aufzubrechen und einen offenen Dialog anzuregen. Dieser Dialog sollte auf einer Auseinandersetzung mit der Vergangenheit beiderseits der Grenze basieren, auf einer bewussten Reflexion der Beziehung zur alten oder neuen Heimat und vor allem auf der Fähigkeit, einander zuzuhören.
Oxford und die Ganzheit der Natur
Als Sie in Oxford über Buquoys Naturphilosophie sprachen, was hat Ihnen dieser akademische Raum gegeben? War es eher ein Gefühl von Distanz, Präzision, die Begegnung mit einem anderen Denkrhythmus – oder die Bestätigung, dass die alten Fragen nach der Natur, dem Ganzen und dem Menschen nach wie vor aktuell sind?
In Oxford wurde mir erneut bewusst, welche Unterschiede zwischen den ideologischen Strömungen der angelsächsischen und der tschechisch-deutschen Auseinandersetzung mit der Wissenschafts- und Philosophiegeschichte bestehen. In diesem Kontext war die Konfrontation mit den britischen wissenschaftlichen Paradigmen in Philosophie und Naturwissenschaften zu Buquoys Zeiten – also im Umbruch vom 18. zum 19. Jahrhundert – für mich überaus spannend und inspirierend. Es war sehr hilfreich zu erkennen, dass die interdisziplinäre und holistische Forschungsmethode, die meine Arbeit prägt, tief in der britischen Geistesgeschichte verwurzelt ist und daher keiner Rechtfertigung bedarf.
Interview: Jitka Řezanková & Marek Matoušek/ sumava.eu
- zum zweiten Teil des Interviews: Lenka Ovčáčková über die Einheit des Lebens & die Ethik des Filmens
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