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Haarbach. Ein Frühsommertag, weiß-blauer Himmel und grüne Wiesen rundum. Ich stehe an einer asphaltierten Nebenstraße im Ortsteil Buch in Unteriglbach bei Ortenburg vor einer kleinen Kapelle im lebendigen Schatten zweier Ahornbäume. Neben mir Ludwig Limbrunner sen., Tausendsassa und kreativer Geist. Von Vernissagen und Ausstellungen seiner Künstlergruppe Bildung-s-ART kennt man ihn eigentlich etwas flippiger. Wenn er seine Werke präsentiert und meist auffallend gekleidet den Kunstinteressierten ins Auge sticht.

Der „Herr“ der Gotteshäuser: Fotograf und Künstler Ludwig Limbrunner. Fotos: Limbrunner, Loibl

Jetzt steht er lächelnd und mit Wind im ergrauten Haar, um uns eine andere Seite von sich zu zeigen: Seit etwa zwei Jahren widmet er sich Kapellen im Holzland, einem einst weitläufigen Waldgebiet im südlichen Landkreis Passau. Limbrunner erforscht Umgebung und Geschichten der „stummen Zeugen am Wegesrand, die viel zu erzählen haben“ und nutzt die Kapellen „zum Hersitzen und in sich kehren“.

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Ja, Ludwig Limbrunner hat auch eine ruhige Seite. Doch sein Drang, die Dinge zu beleuchten und mit seinem speziellen Blick zu interpretieren – wie in der Kunst – kommt auch bei den oft unscheinbaren Kapellen am Wegesrand zum Vorschein.

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Die Hofkapelle Buch, Familie Schlögl

Dem Bau der noch relativ jungen Kapelle der Familie Schlögl in Buch liegt eine Danksagung für die Gesundung eines erkrankten Sohnes zugrunde. Limbrunner beschreibt die Geschichte weiter:

„Nach der Genesung ihres Sohnes begann die Familie Schlögl im Mai 1996 in der Nähe jenes Standorts, an dem früher eine Kapelle gestanden hatte, die um 1860 abgerissen wurde, eine geräumige neue Kapelle zu errichten. Durch das Einlösen ihres Versprechens knüpften sie an die alte Tradition der bereits um 1620 belegten Kapelle an. Die Familie erhielt Unterstützung von Nachbarn, Freunden und vielen freiwilligen Helfern. Am 20. Oktober 1996 wurde die Kapelle auf Anregung von Pater Josef Boguszewski, dem Pfarrer von Unteriglbach, zu Ehren der Mutter Gottes von La Salette geweiht – einem Marienwallfahrtsort in den französischen Alpen nahe Grenoble. Der polnische Salettiner Orden, dem der damalige Pfarrer von Unteriglbach angehörte, hat seinen Ursprung in der Erscheinung der weinenden Marie von La Salette.“

Es sei nicht immer einfach zu erfahren, warum und von wem die Kapellen erbaut wurden. „Oft verraten – nicht immer gut lesbare – Inschriften oder Votivtafeln Genaueres, wenn Zeitzeugen oder Dokumente fehlen. Manchmal habe ich Glück und mir kann tatsächlich noch jemand die Begebenheiten oder historischen Überlieferungen erzählen.“

Der Kraftort im Fokus

Ein Blick in die Kapelle von Buch.

Limbrunner trägt diese Erkenntnisse auf einer eigenen Webseite zusammen, damit sie nicht in Vergessenheit geraten. Gespickt sind diese Online-Porträts der Kapellen zumeist mit seinen Fotos, die gekonnt den Fokus auf das Besondere legen. „Leider sind in vielen Wald-, Hof- oder freistehenden Kapellen in Orten oder Weilern Figuren entfernt worden, um dem Diebstahl vorzubeugen. Zu Maiandachten oder Festtagen werden sie aber natürlich wieder bestückt.“

Viele Kapellen stehen ganzjährig offen, weil die Schlüssel verloren gingen oder sich niemand mehr täglich darum kümmern kann. Zum Glück werden die meisten Kapellen aber noch regelmäßig besucht. Sei es von den Anwohnern, die die Tradition pflegen, von Via-Nova-Pilgern, die zufällig diesen Wegpunkt zur Besinnung nutzen sowie von Wanderern oder Radlern, die die sanften Hügel der Holzlandregion begehen oder befahren, um Energie zu tanken.

„Ergänzend zu den Kapellenporträts habe ich auf meiner Website Tourenvorschläge mit dem Fahrrad veröffentlicht. Ich selbst bin gerne abseits der Hauptstraßen unterwegs und atme die frische Luft und genieße die Natur um mich“, erklärt Limbrunner. Die Wahl der Platzierung der Kapellen ist nach seiner Überzeugung kein Zufall; vorhergehende Generationen – und aus seiner Sicht besonders die gläubigen italienischen Gastarbeiter im Holzland des 17. und 18. Jahrhunderts – spürten und nutzen diese Energie der Kraftplätze zur Errichtung der spirituellen Bauwerke.

Eine Kapelle mit trauriger Geschichte

In der einst von dichten Wäldern geprägten Region ums heutige Haarbach lebten die Bewohner in enger Verbindung mit der Natur und nutzten das Holz intensiv in ihrem täglichen Leben. Daher die Bezeichnung Holzland, die die einstige Bedeutung des Waldes für die Region unterstreicht. Seit dem 19. Jahrhundert wich der Wald größtenteils landwirtschaftlich genutzten Flächen und Siedlungen.

Mit leuchtenden Augen berichtet Ludwig Limbrunner vom malerischen Holzland und seinen Radtouren in der Gegend mit ihren Ausblicken, Fotomotiven Kapellen und bereichernden Begegnungen. So auch von der von außen recht unscheinbaren sogenannten Schmidkapelle, die ihm wegen ihrer tragischen Entstehungsgeschichte besonders in Erinnerung blieb. Schon beim Betrachten des Votivbildes lässt sich ein großes Unglück erahnen. Die Heilige Maria blickt auf zwei Frauen herab, die verschüttet unterhalb eines Waldes liegen.

Ludwig Limbrunner gibt die Begebenheit folgendermaßen wieder:

„Am 24. November 1834 sind zwei Schmidtöchter zu Fadering in der Sandgrube verunglückt. Anna Mugenthaler hat das Unglück im Alter von 20 Jahren tragischerweise nicht überlebt. Leider wurde die Kapelle schon zweimal seiner Kostbarkeiten beraubt. Sogar eine Holzbank vor der Kapelle wurde gestohlen. Gepflegt wird das Kleinod von Familie Augenthaler, die schon seit über 350 Jahren, auf dem Schmidhof lebt.“

Der originale Votivtext, der auf der Webseite transkribiert zu lesen ist, rührt den Leser sehr an. Ein stummes Schmuckstück am Wegesrand, diese Schmidkapelle.

Einkehr und Einkehren

Unermüdlich schreibt Ludwig Limbrunner seine Kapellenliste fort. Er möchte sie nicht nur aufs Holzland beschränken und blickt auch über den Tellerrand hinaus. Zu den Kapellenporträts und Radwegen plant er, zukünftig auch weitere Einkehrtipps in Biergärten und Gasthäusern hinzuzufügen. Wenn alles zusammengetragen ist, schließt er auch nicht aus, dies als Buch zu veröffentlichen.

Warum er das neben seinen vielen Interessen und vielfältigem Engagement in Kunst, Fotografie und dem Hilfsprojekt Socialis for the Gambia e. V. macht? Mit dem Fahrradlenker fest im Griff, vor der Buch-Kapelle stehend, meint der ganz relaxed: „Kapellen gefallen mir einfach“ – eine niederbayerisch-bodenständige Erklärung á la Limbrunner.

Stephanie Loibl

(Erstveröffentlichung in: Schöner Bayerischer Wald)

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