Kaining. Dieses Kartenspiel gehört genauso zu Bayern wie die Lederhose, die Berge oder der Dialekt. Schafkopf ist nicht nur ein liebgewonnener Zeitvertreib in geselliger Runde, sondern ein Kulturgut. In der Vergangenheit wurden die jeweils acht Karten an die vier Spieler verteilt, in der Gegenwart werden Sauspiele ausgetragen – und auch in Zukunft wird gejubelt werden, wenn ein „Solo-Sie“ ausgerufen wird.

Einer, der seit frühester Kindheit, vom Schafkopf begeistert ist, ist Florian Fuchs. Der gebürtige Fürholzer, der inzwischen in Kaining (Gmd. Hinterschmiding) wohnt, ist aber seit jeher nicht nur sofort dabei, wenn ein Blatt ausgeworfen wird. Der 36-Jährige hat bereits mit 14 Jahren einen Schritt weitergedacht – und schafkopf-turniere.de ins Leben gerufen.
Im Interview mit dem Onlinemagazin da Hog’n spricht der leidenschaftliche Kartler über seine Online-Plattform, deren Weiterentwicklung – und generell über den Mythos Schafkopf.
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„Natürlich gehört zum Schafkopf Glück dazu“

Warum ist aus Deiner Sicht Schafkopfen so beliebt? Was zeichnet dieses generationenübergreifende Kartenspiel aus?
Ich glaube, genau diese Mischung macht es aus: Die Regeln sind grundsätzlich überschaubar, aber man lernt eigentlich nie aus. Gerade Spieltaktik oder auch das „Lesen“ der Mit- und Gegenspieler lernt man nur, wenn man spielt – und vor allem, wenn es nicht immer die gleichen sind.
Da liegt für mich auch ein besonderer Reiz: wenn ein Junger auf einen alten Haudegen trifft und vielleicht nicht immer die Erfahrung siegt, sondern auch mal die freche Unbekümmertheit. Das Schöne daran ist: Am gleichen Tisch können ein 20-Jähriger und ein 70-Jähriger sitzen und beide spielen nach denselben Regeln miteinander. Das gibt es nicht bei allzu vielen Freizeitbeschäftigungen.
Das Gesellschaftliche kommt aber definitiv auch dazu: Vier Leute sitzen tatsächlich an einem Tisch, reden miteinander, ärgern sich mit- oder übereinander, lachen miteinander – und das Handy spielt im besten Fall für ein paar Stunden keine Rolle. Gerade heute hat das schon wieder etwas Besonderes.
Was entgegnest Du denjenigen, die behaupten, Schafkopfen ist ein Glücksspiel – und kann, wie es so schön heißt, süchtig machen?
Natürlich gehört zum Schafkopf Glück dazu – sonst bräuchten wir die Karten ja gar nicht mischen. Für mich hat das klassische Schafkopfen aber mit dem Bild eines typischen Glücksspiels relativ wenig zu tun. Beim Stammtisch oder auf vielen Turnieren geht es um überschaubare Einsätze, um den sportlichen Ehrgeiz und vor allem um das gemeinsame Spiel.
„Das Können entscheidet, was man aus den Karten macht“

Begeistern kann Schafkopf einen definitiv – und wenn einen das Karteln einmal gepackt hat, will man natürlich gerne wieder spielen. Echte Spielsucht ist für mich aber etwas anderes und natürlich ein ernstzunehmendes Thema, das ich nicht verharmlosen möchte. Das Entscheidende beim Schafkopf ist: Ich kann die Karten, die ich bekomme, nicht beeinflussen – sehr wohl aber, was ich daraus mache. Genau da beginnt das eigentliche Schafkopfen.
Konkret: Wie viel Glück ist Schafkopf – und wie viel Können?
Bei einem einzelnen Spiel oder einer Schafkopfrunde kann das Glück sicher einen Anteil haben. Wenn ich vier Ober bekomme, brauche ich wahrscheinlich weniger spielerisches Genie als mit einem ziemlich schlechten Blatt. Je länger man aber spielt, desto stärker zeigt sich meiner Meinung nach das Können. Gute Spieler merken sich Karten, lesen ihre Mitspieler, kennen Wahrscheinlichkeiten und erkennen Spielsituationen. Ein guter Spieler wird deshalb nicht jedes Spiel gewinnen. Aber über viele Spiele hinweg wird er in der Regel bessere Ergebnisse erzielen als ein unerfahrener Spieler. Vielleicht kann man es so sagen: Das Glück entscheidet, welche Karten man bekommt. Das Können entscheidet, was man daraus macht.
2003 hast Du die Online-Plattform schafkopf-turniere.de ins Leben gerufen. Warum war es nötig, das Kartenspiel vom Stammtisch in die virtuelle Welt zu transportieren?
Eigentlich wollte ich genau das nie – auch nicht mit meinen 14 Jahren damals – also den Schafkopf vom Stammtisch in die virtuelle Welt transportieren. Im Gegenteil. Die Idee war schon 2003, das Internet nur dafür zu nutzen, dass die Leute überhaupt erfahren, wo gespielt wird. Damals wurden Schafkopfturniere hauptsächlich über Plakate, Mundpropaganda, Zeitungsanzeigen oder innerhalb von Vereinen bekannt gemacht. Wenn ein interessantes Turnier zwei oder drei Landkreise weiter stattgefunden hat, hat man davon häufig schlicht nichts erfahren. Also entstand die Idee, diese Termine zentral zu sammeln. Ich habe somit für mich zwei meiner Hobbys vereint: Programmieren und Schafkopfen.
Und daran hat sich im Kern bis heute gar nicht so viel geändert. Die Technik ist nur wesentlich besser geworden. Das Ziel bleibt aber ziemlich analog: Turnier suchen, Leute finden, Handy weglegen, Karten auf den Tisch.
Es hat sich einiges verändert…

Auf der Seite werden die wichtigsten Daten – Ort, Zeit, Preise – von Schafkopf-Turnieren aufgelistet. Inwiefern hat sich dieser Inhalt über 20 Jahre hinweg entwickelt? Sind stetig mehr Turniere dazu gekommen?
Der Grundgedanke ist erstaunlich ähnlich geblieben. Aber natürlich sind über die Jahre deutlich mehr Informationen und Möglichkeiten dazugekommen. Heute geht es beispielsweise nicht mehr nur darum, eine lange Terminliste darzustellen. Man möchte auf dem Smartphone suchen, Veranstaltungen in seiner Umgebung finden und möglichst schnell erkennen können, ob ein Turnier interessant ist. Neben einem Facebook-Auftritt gibt es seit neuestem auch einen WhatsApp-Kanal, um die Leute noch einfacher erreichen zu können.
Auch für die Veranstalter hat sich einiges verändert. Ein Turnier kann heute selbst eingetragen und wesentlich ausführlicher präsentiert werden als früher. Ob die Zahl der Turniere über die gesamten 20 Jahre tatsächlich kontinuierlich gestiegen ist, glaube ich eher nicht. Ich kann ohnehin nur beurteilen, welche Turniere bei uns erfasst wurden.
Unsere vergleichbare Statistik beginnt 2010. Bis Corona lagen wir über viele Jahre relativ konstant bei etwa 550 bis 700 erfassten Turnieren jährlich. Dann sieht man den Einschnitt sehr deutlich: 2020 waren es noch 218 und 2021 lediglich 15. Danach ging es wieder stetig nach oben – 2025 waren bereits wieder 655 Turniere erfasst. 2026 stehen wir Ende August bei 491 Turnieren an 344 verschiedenen Orten.
Genau solche Entwicklungen finde ich inzwischen selbst sehr spannend. Aus einer reinen Terminplattform ist über die Jahre ganz nebenbei auch ein ziemlich interessanter Datenbestand über die Schafkopfturnierlandschaft entstanden.
8.735 erfasste Turniere seit 2010

Auf Basis Deiner Daten: Sind Schafkopf-Turniere nur ein bayernweites Phänomen?
Der Schwerpunkt ist eindeutig Bayern. Von den 8.735 seit 2010 erfassten Turnieren lassen sich 8.529 einem der sieben bayerischen Regierungsbezirke zuordnen. Das sind knapp 98 Prozent. An der Spitze liegt in unserer Statistik Schwaben mit 2.228 erfassten Turnieren, gefolgt von Oberbayern mit 1.685, der Oberpfalz mit 1.434 und Niederbayern mit 1.248. Danach folgen Mittelfranken, Oberfranken und Unterfranken. Schafkopf hört natürlich nicht an der bayerischen Landesgrenze auf. Wir haben auch Veranstaltungen außerhalb Bayerns beziehungsweise Termine, die sich nicht eindeutig einem bayerischen Regierungsbezirk zuordnen lassen.
Kürzlich wurde die Seite neu aufgesetzt – mit deutlich mehr Möglichkeiten. Was ist künftig geplant? Eine Art Rangliste von registrierten Spielern? Online-Turniere?
Ideen gibt es tatsächlich sehr viele. Online-Turniere gehören aber eher nicht dazu. Dafür gibt es bereits andere Angebote – und es würde auch ein Stück weit unserem Grundgedanken widersprechen. Schafkopf-Turniere.de soll Menschen zu echten Turnieren bringen und nicht den echten Spieltisch ersetzen.
Interessant finde ich dagegen die stärkere Vernetzung von Spielern und Veranstaltern. Denkbar sind beispielsweise Spielerprofile mit einer Turnierhistorie, Funktionen für Veranstalter zur Teilnehmerverwaltung oder irgendwann auch Ranglisten – wobei man sich bei Letzteren natürlich genau überlegen muss, wie man sie fair und aussagekräftig gestaltet.
„Vier Leute, ein Kartenspiel und ein Tisch reichen“
Ein größeres Thema ist für mich außerdem die Turnierorganisation selbst. Ich hatte früher bereits eine eigene Auswertungssoftware für Schafkopfturniere entwickelt. Hier könnte künftig wieder etwas entstehen, diesmal direkt mit dem Portal verzahnt: von der Anmeldung der Spieler über die Auswertung bis hin zur Veröffentlichung der Ergebnisse.
Warum bleibt Schafkopfen Deiner Meinung nach zufolge auch in den nächsten Jahren der Renner?
Weil es etwas bietet, das in unserer Gesellschaft leider immer weniger und dadurch zugleich wieder viel wichtiger wird: echte Gemeinschaft.
Man braucht keinen Bildschirm, kein Abo, keine besondere Technik und eigentlich nicht einmal besonders viel Platz. Vier Leute, ein Kartenspiel und ein Tisch reichen.
Gleichzeitig ist Schafkopf tief in unserer Region und in Bayern verwurzelt, ohne deshalb altmodisch sein zu müssen. Junge Spieler können genauso ehrgeizig dabei sein wie diejenigen, die seit 40 oder 50 Jahren spielen.
Und vielleicht hilft ausgerechnet die Digitalisierung ein bisschen dabei, diese Tradition zu erhalten. Wenn jemand über sein Smartphone ein Turnier findet, dort drei Stunden lang mit anderen Leuten am Tisch sitzt und in dieser Zeit das Smartphone überhaupt nicht mehr braucht, dann haben wir mit Schafkopf-Turniere.de eigentlich genau das erreicht, was wir erreichen wollen.
Vielen Dank für das Gespräch – und weiterhin gut Blatt!
Die Fragen stellte: Helmut Weigerstorfer
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