Die Ortschaft Böhmisch Röhren (České Žleby) liegt im Herzen des Böhmerwaldes an der tschechisch-bayerischen Grenze, im Katastergebiet der Gemeinde Tusset (Stožec). Heutzutage gehört der Ort zu den beliebten touristischen Zielen im hiesigen Naturschutzgebiet, ist aber gleichzeitig nur ein Torso der einst ausgedehnten Ortschaft, in deren Schicksal sich der Lauf der Geschichte des 20. Jahrhunderts widerspiegelt.

Obwohl der unwirtliche Raum an der heutigen Grenze wegen der klimatischen Bedingungen lange unbewohnt blieb, führte durch das beschriebene Gebiet vermutlich schon in der jüngeren Steinzeit eine wichtige Verbindung zwischen Bayern und Böhmen. Der 1010 erstmals schriftlich erwähnte Handelsweg („Goldener Steig“) diente vor allem zum Transport von Salz nach Böhmen, aber auch zum Austausch von anderen Waren in beiden Richtungen. Ursprünglich führte der Weg durch das Tal der Kalten Moldau, erst im 14. Jahrhundert wurde die Route verlegt und führt seitdem durch die erst später entstandenen Ortschaften Bischofsreut und Böhmisch Röhren.
Auf Initiative des Passauer Bischofs Johann Philipp von Lamberg wurde 1705 am Goldenen Steig unweit der böhmischen Grenze die Ortschaft Bischofsreut gegründet und als Reaktion darauf ließ 1709 der damalige Herzog von Krumau Johann Christian von Eggenberg die Ortschaft Böhmisch Röhren gründen. Später wurden in der Umgebung weitere Ortschaften gegründet – darunter Haidmühle und Auersbergsreut in Bayern und Oberzassau, Schillerberg, Tusset, Schönberg, Neuthal und Guthausen in Böhmen.
16 Vereine und vier Wirtshäuser
Von 1719 bis 1940 bzw. 1947 gehörten das Gelände von Böhmisch Röhren bzw. die umliegenden Wälder im Rahmen der Herrschaft Krumau zum Besitz der Fürsten Schwarzenberg, deren Ära mit bedeutenden forstwirtschaftlichen Reformen verbunden war. Nach den Plänen von Joseph Rosenauer entstand der Schwarzenbergische Schwemmkanal, mit dem das Holz aus dem Böhmerwald sowohl auf die Moldau als auch auf die Donau transportiert wurde. Uralte Stämme aus den Wäldern am Dreisesselberg wurden als Resonanzholz u.a. in der von Franz Bienert gegründeten Fabrik in Tusset bearbeitet und nach ganz Europa verschickt.
Neben fürstlichen Hegern und Holzhauern besuchten schon seit dem frühen 19. Jahrhundert Naturforscher und später auch Touristen die Wälder um Böhmisch Röhren. Wichtig waren dabei der schrittweise Bau des Eisenbahnnetzes und unterstützende Organisationen wie der Deutsche Böhmerwaldbund und Národní jednota Pošumavská. Böhmisch Röhren erhielt später den Titel einer Sommerfrische, für Gäste standen vier Gasthäuser zur Verfügung: „Zum Dreisesselberg“, „Zum Böhmerwald“, „Zum Goldenen Steig“ und „Olzinger“.
Mit den gesellschaftlichen und politischen Änderungen seit der Mitte des 19. Jahrhunderts eröffnete sich auch in Böhmisch Röhren der Weg zu Modernisierung und wirtschaftlicher Entwicklung. Aus einer kleinen Holzhauersiedlung mit 45 Häusern und 545 Einwohnern im Jahr 1841 wurde um die Jahrhundertwende ein Dorf mit 100 Häusern und 923 Einwohnern. In Böhmisch Röhren existierten zu jener Zeit 16 Vereine, beispielsweise der Militär-Veteranen-Verein, die Freiwillige Feuerwehr, der Bienenzuchtverein, die Raiffeisenkasse, der Gesangsverein oder der Schützenverein.
Der Geburtsort von Dr. Rudolf Kubitschek

Obwohl die Bedeutung des Handelswegs nach Prachatitz zu dieser Zeit nicht mehr mit der im 16. Jahrhundert vergleichbar war, war Böhmisch Röhren spätestens seit 1838 Sitz eines Grenzzollamtes und der späteren Finanzwache. Als Sohn des Finanzwacheaufsehers Pius Kubitschek kam hier Dr. Rudolf Kubitschek (1895-1945) auf die Welt, einer der bedeutendsten Ethnographie-, Sprach- und Heimatforscher des Böhmerwaldes. Bereits 1871 wurde im Dorf das Postamt eröffnet, seit 1900 stand den Einwohnern und Touristen der Bahnhof Säumerbrücke zur Verfügung und 1910 wurde die Bahn über Tusset und Haidmühle nach Bayern gebaut.
Zwischen 1912 und 1914 verliefen sogar – leider erfolgslose – Verhandlungen über die Erhebung von Böhmisch Röhren zu einer Marktgemeinde. Diese Bemühungen wurden durch den Ausbruch des Ersten Weltkriegs beendet, der neben wirtschaftlicher Not und Preissteigerungen den Tod von 33 Männern aus Böhmisch Röhren und mindestens 70 Männern aus anderen Ortschaften der Pfarrei mit sich brachte. An ihr Schicksal erinnerten seit 1919 zwei große Bilder mit ihren Namen in der Kirche.
Böhmisch Röhren lag nach Kriegsende zwar in Böhmen, historisch aber im deutschsprachigen Gebiet. Die Präsenz der tschechischsprachigen Bevölkerung kann man hier ab dem späten 19. Jahrhundert nachweisen: 1890 lebten hier acht, 1900 schon ca. 50 Tschechen, meistens Geistliche und staatliche oder schwarzenbergische Angestellte. Die tschechische Minderheit gründete hier nach 1918 den Verein „Národní jednota pošumavská“, eine tschechische Minderheitenschule und später auch eine eigene politische Fraktion.
Zunehmende politische Radikalisierung
Einen markanten Bruch in der politischen Entwicklung brachten die Weltwirtschaftskrise und die damit verbundene steigende Arbeitslosigkeit. In Jahren 1931 bis 1934 verloren ca. 50 Einwohner ihre Arbeit, eine zunehmende politische Radikalisierung war die Folge: 1933/1934 wurden in Böhmisch Röhren und Guthausen Fraktionen der Sudetendeutschen Heimatfront gegründet, die hier bei den Parlamentswahlen 1935 – schon als „Sudetendeutsche Partei“ – fast 70 Prozent aller Stimmen gewann.
Im folgenden Jahr stieg die Arbeitslosenzahl auf 190. Unzufriedenheit und das negative Verhältnis zur Tschechoslowakei wurden durch Propaganda aus dem Deutschen Reich unterstützt, das seit Herbst 1937 die Sudetendeutsche Partei kontrollierte.
Wegen der Verschärfung der internationalen Situation und der Aggression des Deutschen Reichs baute die tschechoslowakische Armee auch im Böhmerwald Festungen. Der „Anschluss“ Österreichs erhöhte den Mut der Sympathisanten Hitler-Deutschlands und führte zum Strategiewechsel der Sudetendeutschen Partei, die bei den Kommunalwahlen 1938 94,6 Prozent der Stimmen gewann.
920 Einheimische, 500 US-Soldaten, 450 Flüchtlinge

Aus Angst vor einem Krieg zwischen dem Deutschen Reich und der Tschechoslowakei flohen viele deutsche Einwohner des Böhmerwaldes nach Bayern. Zu einem bewaffneten Konflikt kam es aber nicht. Nach dem Münchner Abkommen wurde das Dorf durch die deutsche Wehrmacht besetzt und der Böhmerwald wurde zum Teil des Deutschen Reiches.
Kurz danach wurden einige Sozialdemokraten und Tschechen verhaftet und in Konzentrationslager gebracht, ehemalige Mitglieder der Sudetendeutschen Partei dafür in die NSDAP aufgenommen. Alle Vereine wurden aufgelöst und das gesamte Vereinswesen sowie das gesellschaftliche und politische Leben wurden der nationalsozialistischen Partei untergeordnet. Im folgenden Zweiten Weltkrieg verloren 45 Männer aus Böhmisch Röhren und weitere 162 aus anderen Ortschaften der Pfarrei ihr Leben.
Böhmisch Röhren wurde am 4. Mai 1945 durch die amerikanische Armee befreit. Die Zahl der Einwohner stieg zu dieser Zeit auf fast 1.900: 920 Einheimische, 450 Flüchtlinge aus dem Osten und 500 amerikanische Soldaten. Mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde der Böhmerwald wieder zum Teil der Tschechoslowakei, deren Vertreter – Mitglieder der Gendarmerie und Finanzwache – erst Anfang Juni im Dorf eintrafen. Die Situation der Deutschen in der Tschechoslowakei änderte sich dramatisch, wegen der antideutschen Stimmung wurden viele rechtliche Normen bewilligt, die ihre Rechte beschränkten und zur Enteignung und Vertreibung bzw. Zwangsaussiedlung führten.
1946 endete die Ära des alten Böhmerwaldes
Zwischen dem Sommer 1945 und dem Frühjahr 1946 verließen bis zu 400 Einwohner von Böhmisch Röhren ihre Heimat und flohen illegal nach Bayern. Weitere 522 deutschsprachige Einwohner wurde in den folgenden Monaten in vierzehn organisierten Transporten mit minimalem Vermögen und Gepäck in die amerikanische Besatzungszone Deutschlands zwangsausgesiedelt. Mildere Regeln galten nur für 96 Personen aus „antifaschistischen“ Familien.
Für den Gerichtsbezirk Wallern mit 94,9 Prozent deutscher Bevölkerung war die Zwangsaussiedlung verheerend, für viele Ortschaften, darunter Böhmisch Röhren, ein unersetzlicher Verlust. Alle kulturellen und gesellschaftlichen Verbindungen wurden unterbrochen, Traditionen und das Verhältnis der Menschen zur Landschaft unwiederbringlich zerstört. Das gleiche Schicksal ereilte sowohl diejenigen, die sich während der NS-Zeit engagiert hatten, als auch diejenigen, die darunter gelitten hatten.
Zudem verlief der ganze Prozess nicht ohne Gewalt. Der tschechoslowakische Staat, der durch das System repressiver Maßnahmen umfangreiches Eigentum erworben hatte, hatte den Diebstahl durch seine eigenen Angestellten und Bürger und schließlich den Untergang ganzer Gemeinden nicht verhindert. 1946 endete die Ära des alten Böhmerwaldes.
Das Gasthaus „Zum Böhmerwald“ wurde zum „Hotel Washington“

Bemühungen der tschechoslowakischen Behörden, das Grenzland neu zu besiedeln, stießen im Fall Böhmisch Röhren und Umgebung vor allem wegen der ungünstigen klimatischen Bedingungen und der Abgeschiedenheit auf wenig Interesse. In Jahren 1946 bis 1948 wohnten hier Dutzende slowakischer Reemigranten aus Ungarn, Bulgarien und Rumänien, deren Unzufriedenheit mit den örtlichen Umständen und deren kulturelle Unterschiede keine erfolgreiche Integration ermöglichten. Beschäftigt waren sie bei der Bergweidegenossenschaft in Böhmisch Röhren, die sich um das Vieh der ausgesiedelten Deutschen kümmern sollte und deren Leitung wegen der vernachlässigten Pflege und des Missbrauchs der Tiere, die zum größten Teil starben oder getötet werden mussten, 1949 vor Gericht stand.
Neben dem landwirtschaftlichen Niedergang waren nach 1946 auch die meisten Geschäfte und Werkstätten nicht mehr im Betrieb. Böhmisch Röhren als Dorf an der Grenze zwischen den beiden Machtblöcken verlor jede Perspektive zur weiteren Entwicklung. Im Dorf lebten 1950 176 Einwohner, es gab einen Gemischtwarenladen, eine Metzgerei, eine Bäckerei und das Gasthaus „Zum Böhmerwald“. in „Hotel Washington“ umbenannt.
Der Grenzraum wurde von der Polizei bewacht, die die Flucht von Menschen, die nicht im totalitären kommunistischen Staat leben wollten, verhindern sollte. 1949 wurden zwei Grenzpolizisten bei der dramatischen Flucht der vierköpfigen Gruppe des antikommunistischen Widerstandskämpfers Jaroslav Gajdoš über Böhmisch Röhren nach Bayern erschossen. Allein 1951 wurden im Bereich der Wallerner Grenzpolizeibrigade 163 flüchtende Personen festgenommen und 29 weitere gemeldeten Fluchtversuche waren erfolgreich. Auch acht Grenzpolizisten flohen über die Grenze. In der Umgebung von Böhmisch Röhren zwischen dem Dreisesselberg und Kuschwarda wurden an der Grenze zwischen 1948 und 1989 mindestens dreizehn Personen getötet.
Sprenung der Kirche im Jahr 1965
In der Nachkriegszeit wurden die meisten Häuser in Böhmisch Röhren dem Erdboden gleichgemacht, In erster Linie, weil es wegen mangelnden Interesses keine Hoffnung gab, die leeren Häuser wieder zu besiedeln. Zahlreiche Häuser wurden verkauft und von Tschechen aus dem Landesinneren abgetragen, das Material wurde neu verwendet. Viele Häuser wurden nach der Aussiedlung durch sogenannte „Goldgräber“ geplündert und zerstört, nach 1952 wurden schrittweise alle Häuser im Grenzgebiet durch das Militär eingeebnet.
Die letzte Welle von Demolierungen fand 1965 statt, wobei auch die Kirche von Böhmisch Röhren zerstört wurde. Nach der Aussiedlung der deutschsprachigen Bevölkerung wurden die Gottesdienste kaum mehr besucht, mit der Entstehung eines für Zivilpersonen nicht zugänglichen militärischen Sperrgebietes fanden keine mehr statt. Die Kirche wurde durch die Witterung, aber auch von der Schuljugend und den Soldaten schrittweise zerstört. Das Gebäude wurde 1965 gesprengt, wobei als Gründe der Zerstörung die Unwirtschaftlichkeit der Renovierung, Sicherheitsgründe, „Staatsverteidigung“ und „Pietät“ genannt wurden. Von den 156 alten Häusern blieben in Böhmisch Röhren in den 1980er Jahren nur noch 34 Gebäude bestehen.
Zwischen den 1950er und 1980er Jahren gab es im Ort nur im land- und forstwirtschaftlichen Bereich Arbeit. Die Zahl der Einwohner sank bis 1980 auf 59. Im Jahr 1954 wurde Böhmisch Röhren mit der benachbarten Gemeinde Tusset, die vor allem wegen der Bahnverbindung und der Holzverarbeitung an Bedeutung gewann, zusammengelegt. Drei Jahre später wurden die Gemeinden zwar wieder getrennt, seit 1963 bis heute ist Böhmisch Röhren wieder ein Ortsteil der Gemeinde Tusset. Im Jahr 1974 wurde die örtliche Schule wegen geringer Anzahl an Schülern geschlossen.
Integeration war verbunden mit Berufswechsel

Ganz anders verlief nach deren Zwangsaussiedlung das Leben der deutschen Einwohner von Böhmisch Röhren. Der Neuanfang hing davon ab, ob die jeweilige Person aus ihrer Heimat über die grüne Grenze geflohen oder mit dem offiziellen Transport ausgesiedelt worden war. Ersteres betraf ca. 400 Personen aus Böhmisch Röhren, die in der Regel mehr von ihrem Eigentum über die Grenze in Sicherheit bringen konnten, was den Anfang im bayerischen Grenzland – meistens bei Verwandten oder Bekannten – erleichterte.
Von der Aussiedlung mit Zugtransporten in Viehwaggons waren ca. 500 Einwohner von Böhmisch Röhren betroffen, die nur wenig Gepäck mitnehmen durften, weshalb sie in den ersten Monaten stark von der Hilfe der Besatzungsorgane und anderer Organisationen abhängig waren. Die Arbeitsintegration von Kleinbauern und Handwerkern war meistens wegen des Fehlens von finanziellen Mitteln, Werkzeugen oder Räumlichkeiten problematisch. Die Integration bedeutete deshalb für viele einen Berufswechsel, vor allem in die Industrie, was jedoch maßgeblichen Einfluss auf die Industrialisierung und Modernisierung der bayerischen Wirtschaft hatte.
Der Böhmerwald blieb für viele Vertriebene ein wichtiger Bestandteil ihrer Identität. 1975 begann die bis heute lebende Tradition der Heimattreffen der Vertriebenen aus der Pfarrei Böhmisch Röhren in Haidmühle. Die Initiatorin der Treffen Anna Reitinger aus Neuthal wurde 1984 zur Mitbegründerin der „Arbeitsgemeinschaft ehemalige Pfarrei Böhmisch Röhren/Haidmühle“, die 1986 eine Heimatstube mit vielen Exponaten zur Geschichte von Böhmisch Röhren in Haidmühle errichtet hat. Im selben Jahr übernahm die bayerische Gemeinde die Patenschaft über die Vertriebenen aus der Pfarrei Böhmisch Röhren.
Viele Ferienhäuser und mehrere Hotels
Wichtige Veränderungen brachte das Ende der kommunistischen Herrschaft in der Tschechoslowakei: 1990 konnte das Heimattreffen zum ersten Mal in Böhmisch Röhren stattfinden, gleichzeitig begann man mit der Renovierung des zerstörten Friedhofs. Zur Erinnerung an die zerstörten Ortschaften und der Pfarrkirche wurden Gedenksteine gesetzt. In Böhmisch Röhren werden jedes Jahr Gottesdienste unter dem freien Himmel veranstaltet.
Böhmisch Röhren ist heute auch mit vielen Ferienhäusern und mehreren Hotels – im Vergleich zu der Ära vor der Zwangsaussiedlung der deutschsprachigen Bevölkerung – nur eine kleine Siedlung, die aber immer noch Spuren der Vergangenheit erkennen lässt: auf dem Friedhof, wo man auf Grabsteinen immer noch Namen der einstigen Bewohner lesen kann, oder an den Dorfstraßen, wo noch heute Ruinen von zerstörten Häusern stehen.
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Erfahrungsbericht von Heinz Pollak
Zum ersten Mal in Böhmisch Röhren, im Heimatdorf meines Vaters
Es gibt im Leben eines jeden Menschen Tage, die sich besonders einprägen, die unvergessen bleiben. Zu diesen Tagen gehört für mich der 1. Juli 1990 – ein Sonntag. Es ist der Tag, an dem das visafreie Reiseabkommen zwischen der Tschechischen und Slowakischen Föderativen Republik und der Bundesrepublik Deutschland in Kraft tritt. Bereits früh morgens steht für mich fest: ich will heute nach Böhmisch Röhren, ich will heute in das Heimatdorf meines Vaters. Viel hatte ich vom Vater und von Verwandten über „d’Reahn“, wie die Leute den Ort nannten, gehört. Eine Menge Gedankenbilder hatte ich mir aus dem Gehörten zusammenkonstruiert.

Problemlos passiere ich den Grenzübergang Philippsreut und bin kurz darauf bereits in Leimsgrub. Als ich dort die Hauptstraße verlasse, steigt in mir ein Gefühl auf, wie man es vom ersten Rendezvous kennt: Wie wird die erste Begegnung sein? Werden die Erwartungen erfüllt? Werden die Gedankenbilder der Wirklichkeit entsprechen? Wie wird das Heimatdorf des Vaters, das ich in wenigen Minuten erreichen werde, aussehen? Fragen über Fragen während der Fahrt auf der schmalen Straße hinauf auf d’Reahn.
Linker Hand nun das erste Haus. Nein, den Namen „Haus“ verdient das Gebäude nicht mehr. Eine Ruine steht vor mir. Der Weg zu ihr ist im hohen Gras verschwunden, am Giebel fehlen etliche Bretter, ein Teil des Mauerwerks ist eingestürzt. Im Obergeschoß schreien Fenster mit offenen Mündern nach Glas. An der Frontseite entziffere ich die verblasste Aufschrift „Fr. Lichtnecker, Schlosserei“.
Wie ich später erfahre, wohnten nach der Vertreibung der Familie Lichtnecker Rumänen in dem Haus. Seit 1980 steht es leer, ist dem Verfall preisgegeben. Ein paar Meter weiter endlich das Ortsschild „České Žleby“. Ich bin an meinem Ziel angekommen. Wo auf einer mitgebrachten Ansichtskarte die Metzgerei Smitka und das Gasthaus Olzinger abgebildet sind, breitet sich ein Parkplatz aus, auf dem ich das Auto abstelle. Das soll das Dorf sein, in dem nach vielen Erzählungen einst blühendes Leben herrschte? Mich umgibt nur noch ein kläglicher Rest von dem, was mir die alte Ansichtskarte zeigt.
Der strenge Oberlehrer Strunz
Der Text eines vergilbten Werbeprospekts, das ich aus der Tasche ziehe, verdeutlicht mir die Bedeutung des Ortes vor 1945. Weitere alte Fotografien helfen mir, mich etwas zu orientieren. Das Gebäude an der Ecke zur Jägerstraße hinab nach Tusset muss der Konsum sein. Fritz Robl aus Wallern erzählte mir einmal, dass er als Hilfslehrer für kurze Zeit im Obergeschoss des Konsums gewohnt habe. Nur wenige Schritte seien es von dort zum Schulhaus gewesen.
Die Aussage meines alten Freundes stimmt. Auf einer Anhöhe schräg gegenüber thront ein Gebäude, das vom Baustil her unschwer als Schule erkannt werden kann. Sehr streng soll der Oberlehrer Strunz gewesen sein, Disziplin und Pünktlichkeit galten ihm als oberste Prinzipien. Noch heute muss ich über eine Anekdote schmunzeln, welche unsere unvergessene Rosa Tahedl in einem ihrer Bücher festgehalten hat: Der Schulleiter tadelte einmal seine Kollegen, weil diese nach der Kirchturmuhr eine Minute zu spät an die Schule gekommen waren.
Die Lehrer rechtfertigten sich, dass für sie nicht die Kirchturmuhr maßgebend sei, sondern sie sich an die amtliche Radiozeit halten würden. Und nach dieser Radiozeit seien sie ganz pünktlich an der Schule gewesen. Darauf der Schulleiter Strunz: „Das kann ich nicht durchgehen lassen. Für unsere Schule gilt die Kirchturmzeit, denn wer weiß, wie lange eure Radiozeit braucht, bis sie von München nach Böhmisch Röhren kommt.“
„Vor 75 Jahren wurde ich in diesem Haus geboren“

Das ehemalige Kaufhaus Fehr unterhalb der Schule ist mir von einem Foto bekannt, auf dem meine Tante als Kommunionkind abgebildet ist. Die Aufnahme muss um 1935 entstanden sein. Neben dem schmalen Weg hinauf zum Schulhaus steht ein alter Anhänger, beladen mit Steinen, „eingewachsen“ in hohes Gras. Aus dem Schulhaus ist ein Wirtshaus geworden. Mir erscheint es als Fügung des Himmels, dass just in dem Moment, wo ich vor dem Schul-Wirtshaus stehe, ein ehemaliger Böhmisch Röhrener aus der Türe tritt: Johann Kölbl, besser bekannt als „Kajtanschmied“. Wir beide kennen uns schon lange.
Er zeigt mir, wo die St. Anna-Kirche und der Pfarrhof standen. Wir gehen in Richtung Dorfmitte zurück, vorbei an dem aus Holz gebauten Feuerwehrhaus. Ruhig und nachdenklich wird der Kajtanschmied, als wir vor seinem Haus, vor der Kajtanschmiede, stehen. „Vor 75 Jahren wurde ich in diesem Haus geboren, erlernte hier das Schmiedehandwerk.“ Geradezu ehrfurchtsvoll gleitet seine Hand über die kunstvoll gefertigten Eisenbeschläge des Schmiedetores. Johann Kölbl verabschiedet sich.
Ich erinnere mich an seine Sätze, als ich einige Jahre später in Bischofsreut an seinem offenen Grab stehe. Das Schulhaus in Böhmisch Röhren, vor dem wir uns fünf Jahre zuvor zufällig trafen, gibt es heute noch. Verschwunden sind aber seit Jahren das Feuerwehrhaus und die Kajtanschmiede. An deren Stelle befindet sich heute ein Nationalparkgebäude mit einer Gaststätte.
„Erinnerungen an erzählte Legenden“
Wieder allein, betrete ich den Friedhof. Schafe streifen durch die Gräberreihen. Beim Anblick des Gottesackers fallen mir die Worte des expressionistischen Lyrikers Georg Trakls ein: „Zu Tränen rührt der Anblick des verfallenen Friedhofs am Hügel. Erinnerung an erzählte Legenden.“ Mit seinen weit ausgestreckten Armen scheint mich der Gekreuzigte am Friedhofskreuz umarmen und begrüßen zu wollen. Am Sockel des Friedhofskreuzes ist die Jahreszahl 1897 eingemeißelt. Zwei Weltkriege hat dieses steinerne Kreuz überlebt. Wie viele Trauernde mag es in den Jahren seines Bestehens gesehen haben?
In der Ecke hinter der verfallenen kleinen Kapelle weisen weiße Holzkreuze darauf hin, dass hier Kinder begraben sind. Mir fällt mein Großonkel ein, dem sechs Kinder im Kleinkindalter starben. Ich finde keinen ihrer Namen. So sehr ich auch suche, ich finde auch das Grab meiner Urgroßeltern väterlicherseits nicht. 1944 wurde der Urgroßvater hier beerdigt, 1947 die Urgroßmutter. Nur den Grabstein meiner Urgroßmutter mütterlicherseits kann ich noch ausfindig machen. „Hier ruht Josefa Spannbauer, geb. am 24.01.1878, gest. am 19.05.1940“, ist darauf mit Mühe zu entziffern.
Ruhet in Frieden!

Vom Emailbild über der Schrift lächelt mir die Urgroßmutter entgegen. Ich gehe weiter durch die Gräberreihen, vorbei an umgestürzten Grabsteinen und von Rost zerfressenen Eisenkreuzen. Zwei Gruften fallen mir auf: die der Familie Smitka und die der Familie Bienert. Von den guten Krenwürsteln aus der Metzgerei Smitka und von der Resonanzholzfabrik Bienert in Tusset hatte der Vater oft erzählt. Ruhet in Frieden, liebe Böhmisch Röhrener, Steinköpfler, Schönberger, Guthausener, Schillerberger, Tusseter und Neuthaler! Obwohl wir uns nicht kennen, waren wir uns soeben doch ganz nahe! Das beschädigte Eisentor des Friedhofs fällt hinter mir ins Schloss.
Mit einer Fülle unterschiedlicher Eindrücke und Gefühle verlasse ich Böhmisch Röhren. Am Ortsausgang halte ich nochmal kurz an, werfe nochmal einen Blick auf das arg verletzte, fast völlig zerstörte Dorf, das mir Ansichtskarten so ganz anders zeigten. Unvermittelt kommen mir die Zeilen Hugo von Hofmannsthals in den Sinn: „Aber seltsam! Ein namenloses Heimweh weinte lautlos in meiner Seele nach dem Leben.“
Meinem ersten Besuch in Böhmisch Röhren folgten viele weitere Besuche. Das Dorf wurde mir längst zu einem Punkt der Sehnsucht. So wünsche ich mir innig, noch oft heimgehen zu können, auch wenn ich dieses Heimgehen bisweilen als ein Heimgehen in die Fremde empfinde.
Heinz Pollak/Luděk Němec
(Auszüge aus dem Buch „České Žleby – Böhmisch Röhren“, erschienen 2021)
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Gemeinsam mit „Der Böhmerwald – Natur, Kultur, Geschichte„ begibt sich das Onlinemagazin da Hog’n in nächster Zeit auf Erkundungstour: Im Rahmen der Serie „Verschwundenes Behm“ werden die Dörfer thematisiert, die auf tschechischer Seite in Folge der Vertreibung der deutschen Bevölkerung nach Ende des Zweiten Weltkrieges erst verlassen und dann zerstört worden sind. Gegen das Vergessen, für ein bayerisch-böhmisches Miteinander…
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