Bayern. Wir befinden uns in einer kleinen Gemeinde in Oberbayern. 2.200 Einwohner, im Herzen der Hallertau, dem bayerischen Spargel- und Hopfenzentrum. Die Sonne scheint – und es ist Volksfest-Zeit. Oder „Voixfest“, wie es hier im Dialekt auf den bunten Plakaten beworben wird. Volksfeste gehören zweifelsfrei zur bayerischen Leitkultur. Sie sind die perfekte Mischung aus Tradition, Lebensstil und Konsum.

Ebenso sind sie Schauplatz für Lokal- und Kleinpolitik, Diskussionen und Gemeinschaft. Für mich sind Volksfeste entweder grenzenloser Spaß oder harte Arbeit: Ein spontaner Nebenjob, der mir nicht nur Geld einbringt, sondern mich auch regelmäßig aus meiner heilen Studierenden-Blase in die Realität holt.
Nicht, dass Studierende nicht auch während des Studiums mit Arbeit konfrontiert sind. Jedoch findet sich in Schaustellerkreisen und auf Volksfesten ein Spekturm unserer Gesellschaft wieder, das woanders seinesgleichen sucht. Möchte man Einblicke und Erkenntnisse darüber gewinnen, wie die bayerische Bevölkerung tickt, sollte man sich einen Abend lang (nüchtern) in die Ecke eines Zeltes stellen – und beobachten.
Grillmeister, Putzkraft, Elektriker, Metzger und Schreiner in einem
Mit Realität meine ich aber auch die harte körperliche Arbeit, die ich sonst nicht gewohnt bin. Die Schichten im Volksfestbetrieb sind weitschweifig. Oft Stundenlanges Stehen oder Laufen. In engen Buden verbringt man den Tag zwischen Fisch- und Hendlöfen, Pommes-Fritteusen und Grillpfannen, aus denen einem heißes Würstchenfett entgegenspritzt. Es ist laut, Kinder schreien – und Erwachsene vergessen an der Imbisstheke oft jegliche Manieren. Nicht alle, aber viele.

Dabei beantworte ich gefühlt hunderte Male am Tage die Frage, ob denn bei den Steckerlfischen die hölzernen Essstäbchen auch nicht vergessen wurden – und welche Soßen denn alle auf die Feuerwurst kommen, obwohl das Schild mit Erklärung direkt daneben hängt. Zudem erkenne ich bei erschreckend vielen Gästen ein gewisses Misstrauen, was die Zubereitung angeht: „Nein, Herbert, ich versuche nicht, dich um ein Stück Currywurst auf deinem Teller zu betrügen…“
Ich stehe in der Rangfolge der Volksfestarbeiterschaft ganz unten. Ich mache das, was man mir sagt, weil ich vom Rest keine Ahnung habe. Ich werde scherzhaft „Prinzessin“ genannt, weil ich weder über handwerkliche Fähigkeiten noch Wissen verfüge. Man könnte meinen, ich nehme diese sexistische Bemerkung dem Verlautbarer übel – aber nein! Denn: Sie kommt von David. Er ist Rumäne und arbeitet festangestellt bei der Schaustellerfamilie, die auch mich unter Vertrag genommen hat. Er wohnt mit den anderen auf dem Volksfestgelände, während seine Familie und Kinder zuhause in Rumänien sind. Auch Andrei ist Rumäne, auch er ist festangestellt. Sie sind Grillmeister, Putzkraft, Elektriker, Metzger und Schreiner in einem. Sie können alles, was handwerklich gefragt ist, um ein Volksfest und seine Buden am Laufen zu halten. Aber sie sind eben auch Väter und Ehemänner.
Andrei ist Mitte 50, auch seine Familie ist in Rumänien beheimatet. Seine Arme sind mit Narben übersäht – Verbrennungen vom Grill. Seine Finger zieren eine dicke Hornhaut, seine Augen sind müde. Im vergangenen Jahr hatte er gekündigt, um zurück in sein Geburtsland zu gehen. Er wollte näher bei seiner Familie sein. Dieses Jahr ist er wieder da. „Keine gute Arbeit“, sagt er. Nicht genug zum Leben, er habe sich gelangweilt, es gab nicht genug Aufgaben für ihn. Er arbeitet lieber wieder hier, wo der Job zwar hart und er weit weg von daheim ist, er aber viel schaffen und Geld verdienen kann. Man merkt ihm seinen inneren Zwiespalt an, wenn er über seine Rückkehr redet.
Die Arbeit ist hart und anstrengend – für alle
Ich bin nur ab und zu ein paar Tage da, mehr nicht. Meistens stehe ich in der Imbissbude an der Kasse oder im Ausschank – nach mehreren Stunden habe ich weder Spucke im Mund, noch bekomme ich eine Preisangabe geraderaus gesprochen. Die Belegschaft wechselt häufig, einige sind wie ich nur manchmal im Einsatz. Einige kommen regelmäßig nach ihrem Hauptjob, um sich noch etwas dazu zu verdienen oder ihre Rente aufzubessern.

Die Schaustellerfamilien, denen die Buden gehören und die in ihrem heimischen Dorf auch das „Voixfest“ veranstalten, sind immer da. Ohne sie läuft es nicht. Ihre Wochen bestehen nicht selten aus 80 Stunden Arbeit oder mehr. Jeden Tag Volksfest: Aufbau, Verkauf, Abbau – und dann Weiterziehen zur nächsten Veranstaltung.
Auch ohne David und Andrei funktioniert nichts, sie sind die Konstante im Steckerlfisch-Business. Deswegen akzeptiere ich auch, wenn ich von ihnen „Prinzessin“ genannt werde. Ich kann ihnen vielleicht eine politische Theorie erklären, sie aber können diesen Laden für hunderte und tausende Gäste am Laufen halten. Was ich damit sagen will: Die Arbeit ist hart und anstrengend. Für alle, die dort arbeiten. Besonders, wenn man eigentlich noch einen anderen Vollzeitjob hat oder schon im fortgeschrittenen Alter ist.
Der Unterschied ist: Für sie ist es eine Möglichkeit oder Chance, ihren Familien oder sich selbst ein besseres Leben zu ermöglichen. Für mich ist es ein Nebenjob, bei dem ich froh bin, nach einer Woche erstmal kein Festzelt mehr betreten zu müssen. Volksfeste bedeuten Spaß, Ausgelassenheit – und ein bis multiple Maß Bier. Für viele sind Volksfeste aber auch: Arbeit, Lebensunterhalt, Existenz. Über die Leute, die die Gaudi Volksfest ermöglichen, wird oft nicht gesprochen. Auch sie erzählen jedoch viel über unsere Gesellschaft.
Die Spargelstecher fallen auf

Nun hat man vom Imbissstand aus einen guten Überblick über das Geschehen vor Ort. Ich sehe die Kinder, die nachmittags vorm Kasperltheater sitzen, die Stammtische, die Vereinsgruppen. Ich beobachte, wie Senioren und Familien gegen Abend das Festzelt verlassen und an ihrer Stelle jüngere Leute die Tische einnehmen. Die Blaskapelle wird durch eine Partyband ausgetauscht. Jeden Tag kommt dieselbe Burschengruppe und sitzt am selben Tisch. Einmal höre ich einen der Blaskapelle zurufen, dass „Böhmischer Traum“ sein Lieblingslied ist. Von Krisenzeiten ist hier kaum etwas zu merken – und das ist auch gut so. Es wird ausgelassen gegessen, getrunken und gefeiert – und je später es wird, desto höher die Lautstärke.
Wer in diesen Tagen auch zu dieser Voixfestgesellschaft gehört, sind Spargelstecher. Es sind Rumäninnen und Rumänen, die zur Spargelernte jeden Tag draußen auf den Feldern arbeiten. Das Dorf hat viele Höfe, viele Bauern. Die Landstraße, auf der ich jeden Tag zum Ort des Geschehens fahre, ist gesäumt mit den charakteristischen langen Furchen und weißen Planen. Hier werden die dort arbeitenden Menschen nur die „Spargelstecher“ genannt. Sie kommen abends – und sie gehören zu den besten Kunden. David erklärt mir, dass sie großen Hunger aufgrund der langen Arbeitszeiten auf den Feldern haben.
Ich beobachte auch sie. Wie alle anderen sitzen sie im Zelt, essen, trinken Bier. Manche stehen auf und tanzen. Sie sind mitten im tiefsten Bayern gelandet, um sie herum stehen Jugendliche in Tracht auf Bierbänken und grölen Schlager. Die Spargelstecher fallen auf. Nicht wegen ihres Verhaltens, sondern aufgrund ihres Äußeren. Einer von ihnen trägt am nächsten Tag unser Arbeitsshirt. Er hat am Abend noch gefragt, ob er helfen kann. Nach stundenlangem Spargelstechen steht er jetzt noch jeden Abend mit uns im Bierzelt und räumt Tische ab. Er ist nicht viel älter als ich.
„Naja, recht haben sie ja…“
Auch ich räume Tische ab, im Biergarten. Auf einmal fällt mir etwas ins Auge, es ist ein Sticker. „FCK GRÜNE“ steht da. Daneben klebt ein anderer: „Remigration“ – mit dem typisch roten Pfeil, der nach oben zeigt. Ich bin irgendwas zwischen schockiert und frustriert. Als erste Reaktion zeige ich es meiner Kollegin. „Naja, recht haben sie ja…“ Andrea, ich schätze sie auf Mitte 30. Sie kommt jeden Tag nach ihrer Schichtarbeit zum Fest, immer in Engelbert-Strauss-Klamotten. Oft hat sie wenig geschlafen, aber sie beschwert sich nie. Sie lächelt mich an. Ich schlucke. Mit einem Schlag wird mir bewusst, dass ich mir nie Gedanken über die politische Ausrichtung meiner Kolleginnen und Kollegen gemacht habe. Aber diese Antwort trifft mich.

Mein Chef nickt nur, als ich es ihm erzähle. Sticker wegkratzen! Laut aktueller Forsa-Umfrage steht die AfD in Bayern bei aktuell 19 Prozent, Tendenz steigend. Sie ist die zweitstärkste Kraft. Und irgendwie kann ich Andreas Kommentar verstehen. Sie macht zwei Jobs – wahrscheinlich mehr als viele andere -, die sie körperlich fordern. Ich kann verstehen, dass sie sich im Stich gelassen fühlt, wenn unser Kanzler die Bevölkerung als faul bezeichnet und Bezüge kürzen möchte. Diese Jobs will niemand gerne machen – und trotzdem halten sie unsere Wirtschaft und unser Leben am Laufen. Trotzdem ist die AfD weder eine Antwort, noch eine Lösung auf diese Probleme. Und Remigration zahlt weder mehr Lohn, noch mehr Rente – noch verbessert sie irgendetwas anderes in unserem Land.
Johanns Alter ist schwer zu schätzen. Laut eigener Aussage ist er seit mehreren Jahren im Ruhestand. Ich nehme ihn jeden Tag im Auto mit. Er trägt eine randlose Brille, Goldkette – und raucht im halbstündlichen Takt eine Zigarette. Warum er hier arbeitet, weiß ich nicht genau. Er sagt, er kenne den Chef – und weiß, dass der immer wen bei den Getränken braucht. Während ich mit ihm Bier zapfe, erzählt er mir von seinen Krankheiten, seinem Krebs. Und seinem Vorbild, dem Patriarch König Ludwig. Verschwörerisch steckt er mir Zigaretten zu und erkundigt sich regelmäßig, ob ich auch genügend Wasser trinke. Er hat viel gearbeitet und wohl ebenso viele Verletzungen überstanden. Trotzdem steht er hier, Zigarette im Mund, Maßkrug in der Hand. Einmal berichtet er mir, dass ein „Neger“, der Arzt im Krankenhaus war, besseres Bairisch gesprochen habe als er selbst. Er lacht – und er erzählt es mit Anerkennung.
„Wir sprechen hier Deutsch, keine Wüstensprache!“

Ich bin im Biergarten, kratze Sticker von den Tischen und räume Gläser ab. Eine große Gruppe in meinem Alter spricht mich an, ich quatsche mit ihnen. Sie schenken mir Zigaretten, damit ich kurz mit ihnen Pause machen kann. Sie sind betrunken, aber nett. Die Mädels im Dirndl, sie lachen, als einer von ihren Freunden mich lallend ausfragt, warum ich hier arbeite. Nette Begegnungen, die man eben so hat.
Später am Abend stehe ich wieder im Imbiss. Die Leute grölen auf den Bierbänken. Im Zelt steht die warme Luft, die Musik dröhnt. Die Stimmung ist gut. Einige, die sich noch vor kurzem eine Currywurst gekauft haben, schwanken durch die Gegend. Direkt vor mir die Spargelstecher, auch mit Bier. Männer laufen mit frisch gefüllten Maßkrügen vorbei nach draußen. An ihren Trachtenwesten sehe ich blaue Sticker. Ich denke instinktiv: Hoffentlich waren das nicht die, mit denen ich mich vorhin unterhalten habe.
Am Ende des Abends werde ich wieder in den Biergarten geschickt. Die Gruppe von vorhin ist auch da. Sie alle haben die „Remigration“- und AfD-Sticker auf ihrer Brust – Männer wie Frauen. Sie sind laut, grölen. Zwei der Spargelstecher sind mitten unter ihnen. Während ich Gläser abräume, höre ich, wie diskutiert wird. Nur versteht offensichtlich eine Seite nicht allzu viel. Einer der Rumänen antwortet in seiner Sprache, versucht sich zu artikulieren. „Wir sprechen hier Deutsch, keine Wüstensprache!“ brüllt einer der AfD-Sticker-Kerle – und seine Freunde steigen mit ein.
„Schwarze Natascha“ wird angestimmt. Sie singen es den beiden Rumänen ins Gesicht. Schreiend fast, ohne zu merken, dass ihr Gegenüber nicht versteht, was da vor sich geht. Das merke ich daran, dass die beiden Rumänen im nächsten Moment auch anfangen zu singen – und zwar auf Rumänisch. Und dazu tanzen. „Nein, halt dein Maul! Aufhören mit der Wüstensprache! Raus mit dir, Remigration!“ Der Rest der Gruppe lacht, keiner geht dazwischen. Die Frauen kichern. Keiner verteidigt zwei Menschen, die so offensichtlich nicht verstehen, was hier gerade geschieht. Auch ich gehe nicht dazwischen. Weil diese Gruppe Macht und Überlegenheit ausstrahlt, vor der sogar ich Angst habe…
Die Situation verfolgt mich noch lange
Wüstensprache. Wäre es nicht so erschütternd, würde ich gerne fragen, wo sie in Rumänien eine Wüste vermuten. Aber es ist egal. Es geht nicht um korrekte Geographie, es geht nur darum, dass da jemand auf „ihrem“ Volksfest ist, der augenscheinlich ihrer Ansicht nach nicht hierher gehört. Dabei spielt es keine Rolle, woher dieser Mensch kommt oder dass er zum Arbeiten hier ist. Um Spargel zu stechen, den jeder von uns gerne Sonntagmittag auf dem Teller liegen hat. Es spielt keine Rolle, ob diese Leute hier sind, weil sie Jobs machen, auf die wir Deutschen keine Lust haben. Oder dass er hier auf dem Volksfest gegessen, getrunken und gefeiert hat, wie alle anderen auch.
Die Situation gipfelt darin, dass sie Selfies mit den Spargelstechern machen: Sie nehmen sie in ihre Mitte, recken den Daumen hoch, die Remigration-Sticker sind deutlich zu sehen. Der Mensch zwischen ihnen ist ihr Spielzeug, ihre Attraktion. Sie machen sich über ihn lustig. Ein Störfaktor, weil dieser Mensch anders aussieht, als der Rest der weißen bayerischen Dorfgesellschaft; weil er für sie nicht die richtige Sprache spricht. Wer sich noch fragt, was wohl passieren könnte, wenn die AfD noch stärker wird, findet hier seine Antwort. Die Partei schürt ein Klima des Hasses. Sie bringt eine Gesellschaft dazu, sich aus nichtigen Gründen überlegen zu fühlen.
Die Situation verfolgt mich noch lange. Ich überlege, ob den Leuten bewusst ist, wie sie sich verhalten haben. Ich frage mich, ob sie am nächsten Tag Spargel essen. Johann setze ich bei ihm zu Hause ab. Auf der Fahrt war er entsetzt, als ich ihm die Situation schildere. Als wir in seine Straße einbiegen, sagt er: „Die scheiß Ausländer lassen immer überall ihren Müll liegen…“
Anna Riedel
Info: Die Autorin ist ehemalige Passauer Studentin und seit mehreren Jahren regelmäßig auf verschiedenen Volksfesten Bayerns als Arbeitskraft im Nebenjob tätig.
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Vielen Dank für diesen ehrlichen und auch nachdenklich machenden Bericht.
Dazu könnt man noch viel schreiben und bestätigen. Deutschland und auch große Teile der Welt steuern so wieder auf eine gefährliche Zeit hin.
Deutschland, sowie eben auch einem großen Teil der ,, Deutschen“ gehts gut, Ja sehr gut sogar, wenn man sieht was man sich so leistet.
Sport, Urlaub,, ……. Richtig sparen kennt man , ja braucht man eben kaum noch.
Sparen !! nur noch für große u teure Autos, Fernurlaub, ….
Alles Andere, wie eben Versorgung im Notfall, Lebensmittel, Sicherheit und eben Strom, Wasser, ….. ist ja e da.