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In den vergangenen Jahren fällt eine Entwicklung immer stärker auf: Bei mehr als jeder zweiten Beerdigung wird inzwischen der Wunsch geäußert, die Trauerfeier möge doch bitte an einem Freitag – oder noch besser: an einem Samstag – stattfinden. Die Begründung ist dabei fast immer dieselbe: „Unter der Woche haben die Leute keine Zeit.“ Doch stimmt das wirklich? Oder würde die ehrlichere Antwort nicht vielmehr lauten: Wir nehmen uns keine Zeit mehr! Ein persönlicher Denkanstoß unseres Gast-Autors Stefan Pradl, Bestattungsunternehmer aus Freyung, über Zeit, Prioritäten und den letzten Abschied.

„Ein halber Tag Urlaub kostet Geld oder Überwindung. Das stimmt. Aber eine verpasste Gelegenheit, sich persönlich zu verabschieden, lässt sich später nicht nachholen.“ Symbolfoto: pexels/ Mario Wallner
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Natürlich hat sich unsere Arbeitswelt verändert. Viele Menschen arbeiten im Schichtdienst, pendeln weite Strecken oder sind beruflich stark eingebunden. Manche Arbeitgeber zeigen wenig Verständnis für kurzfristige Freistellungen. Das alles ist Realität und darf nicht außer Acht gelassen werden. Und trotzdem stellt sich eine Frage, die nachdenklich macht:

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Für was nehmen wir uns heute eigentlich Zeit?

Für den Wochenendausflug. Für das Vereinsfest. Für das Fußballspiel. Für den Friseurtermin. Für den Einkauf oder den Kurzurlaub. Für Konzerte, Geburtstage oder einen Brückentag. All das ist völlig legitim. Aber wenn es darum geht, einem Menschen die letzte Ehre zu erweisen, scheint ein halber Tag plötzlich kaum mehr möglich zu sein…

Dabei ist eine Beerdigung weit mehr als ein Termin im Kalender. Sie ist der letzte gemeinsame Weg mit einem Menschen. Der Moment, in dem wir Dankbarkeit zeigen, Respekt ausdrücken und den Hinterbliebenen signalisieren: Ihr seid mit eurer Trauer nicht allein.

Gerade für die Angehörigen bedeutet jeder einzelne Mensch, der den Weg zur Beerdigung findet, oft mehr als Worte ausdrücken können. Es ist kein großer Aufwand, keine teure Geste und kein aufwendiges Geschenk. Es ist schlicht das Dasein. Manchmal genügt allein die stille Anwesenheit.

Früher war es vielerorts selbstverständlich, dass Nachbarn, Kollegen, Vereine und Freunde gemeinsam Abschied nahmen. Der Betrieb stand für kurze Zeit still, weil allen bewusst war: Es gibt Dinge im Leben, die wichtiger sind als Arbeit oder Termine.

Heute scheint sich diese Selbstverständlichkeit langsam zu verändern

Natürlich wird niemand erwarten können, dass jeder jede Beerdigung besucht. Nicht jeder hatte eine enge Verbindung zum Verstorbenen. Und manchmal lassen berufliche oder persönliche Umstände eine Teilnahme tatsächlich nicht zu.

Doch wenn wir grundsätzlich davon ausgehen, dass eine Beerdigung möglichst auf einen Freitag oder Samstag gelegt werden muss, weil unter der Woche ohnehin niemand kommt, dann verändert sich etwas Grundsätzliches in unserer Gesellschaft: Es verändert sich unser Verständnis davon, was wirklich wichtig ist.

Vielleicht sollten wir uns deshalb wieder öfter einmal fragen: Wenn wir für so vieles Zeit finden – warum nicht auch für den letzten Abschied eines Menschen, der unser Leben vielleicht ein Stück begleitet hat?

Ein halber Tag Urlaub kostet Geld oder Überwindung. Das stimmt. Aber eine verpasste Gelegenheit, sich persönlich zu verabschieden, lässt sich später nicht nachholen. Eine Beerdigung findet nur einmal statt. Sie ist der letzte Dienst, den wir einem Menschen erweisen können. Vielleicht sollten wir deshalb den Satz „Ich habe keine Zeit“ gelegentlich durch einen anderen ersetzen:

„Ich nehme mir Zeit“

Denn am Ende unseres Lebens wird sich wohl kaum jemand daran erinnern, wie viele Stunden wir im Büro verbracht haben. Aber viele werden sich daran erinnern, wer da war, als Abschied genommen werden musste…

Stefan Pradl


1 Gedanken zu „Letzter Abschied: Nur noch eine Frage von Zeit & Priorität?

  1. Zur Frage in der Überschrift: Sie zeigt eine Alternative, die es nicht gibt. Zeit und Priorität sind nicht zwei Dinge – Zeit ist die Währung, in der Prioritäten sichtbar werden. Wer keine hat, hat sie schon vergeben, nur eben woanders.
    Das „nur noch“ trifft aber etwas Richtiges, und ich glaube, es liegt weniger am Egoismus als an einem Verlust: Früher war der Gang zur Beerdigung keine Priorität, sondern eine Selbstverständlichkeit. Man musste nicht abwägen, es war verabredet – der Betrieb hielt an, die Nachbarschaft ging, der Verein rückte aus. Heute muss jeder für sich entscheiden und sich das auch noch begründen. Und Entscheidungen, die man allein trifft, verlieren fast immer gegen den Kalender. Nicht weil die Leute kälter geworden sind, sondern weil die gemeinsame Verabredung fehlt, die das früher getragen hat.
    Ein Punkt noch, der im Beitrag mitschwingt: Wer den Samstag verlangt, damit sich niemand einen halben Tag freinehmen muss, verschiebt die Zeit nur – auf Bestatter, Pfarrer, Musiker, Totengräber. Gespart wird da nichts.
    Deshalb ist „Ich nehme mir Zeit“ genau der richtige Satz. Er beschreibt keine Kapazität, sondern eine Haltung.

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