Sonndorf. Wenn man so will, bedient Lotta Petzi nur ein weit verbreitetes Klischee. Denn genauso wie man heranwachsenden Buben nachsagt, nur den Fußball im Kopf zu haben, soll den Vorurteilen entsprechend bei Mädls das Herz in jungen Jahren einzig und allein für Pferde schlagen. Auch der beste Freund der 14-Jährigen ist ein Vierbeiner, genauer gesagt: ein „American Quarter Horse“. Bei der Gymnasiastin aus Sonndorf (Gmd. Hinterschmiding) bleibt es aber nicht dabei, dass sie „Spooky“ striegelt, streichelt und manchmal reitet. Das Duo ist erfolgreich, sogar sehr erfolgreich – und darf sich unter anderem seit Kurzem als „Vize-Europameister“ bezeichnen.

Es war irgendwie vorgezeichnet: Mehr oder weniger mit den ersten klaren Gedanken hatte die kleine Lotta einen Narren an Pferden gefressen. Auch, weil ihr Mama Inara ihr das im übertragenenen Sinne in die Wiege gelegt hat. Aber vor allem aus eigenem Antrieb. „Setzt sie sich was in den Kopf, wird es durchgezogen. Selbst von Rückschlägen lässt sie sich nicht aus der Bahn werfen. Sie zieht etwas durch, bis es klappt“, charakterisiert die Mutter ihre Tochter. Aber dazu später mehr…
Zunächst war da – Stichwort: klassisch – ein Pony, in das sich das junge Mädchen, wie so viele Gleichaltrige, verliebt hatte. Doch die Sonndorferin beließ es nicht nur beim Schwärmen. Wie es der Zufall so wollte, fand sie in ihrer Trainerin Lisa Pichler von „LP Reining Horses“ in Schönbrunn am Lusen eine Gleichgesinnte, sogar eine Mentorin. „Mit neun Jahren war sie das erste Mal bei Lisa, mit elf hat sie bereits ihr erstes Turnier geritten“, blickt Inara Petzi zurück.
„Ich will Weltmeister werden!“

Nicht nur die Aufzählung der einzelnen Meilensteine kommt schnell daher, auch die Entwicklung der Reiterin Lotta Petzi verlief wie im Galopp – wobei wir dann wieder bei der mütterlichen Charakterisierung des Teenies angelangt wären. Angesichts des enormen Tempos ist es selbst für ihre Eltern schwierig, mit der Gymnasiastin Schritt zu halten. Jetzt, nach der Krönung zur Vize-Europameisterin, ist jedoch einer der Momente gekommen, in denen die Petzis innehalten – und einfach mal genießen wollen. „Das ist schon eine überragende Leistung“, sagt Inara Petzi nicht ohne Stolz. Sie berichtet, dass selbst ihr „Pubertier“ derzeit einfach nur glücklich ist.
Aber – und dann wären wir abermals bei den ihr nachgesagten Eigenschaften: Lotta Petzi will mehr! Sie will auch später, im Erwachsenenalter, zu den besten Europas zählen. „Ich will Weltmeister werden!“, betont sie mit Nachdruck. Und sie möchte sich in ihrer Sportart stetig weiterentwickeln – im besten Falle mit „Spooky“, die allerdings bereits 17 Jahre alt ist.
Die Schülerin kann – man höre und staune – dann aber doch auch mal ganz „unklassisch“ unterwegs sein, denn: Mit den olympischen Disziplinen Springreiten, Dressur und Vielseitigkeit hat ihre Art Reitsport nichts zu tun. Lotta Petzi ist im sog. Reining aktiv, das im Bereich des Westernreitens angesiedelt ist. In Zusammenarbeit mit Spooky muss die 14-Jährige dabei beispielsweise aus höchster Galopp-Geschwindigkeit abbremsen, auf den Hinterhufen rutschen oder von jetzt auf gleich eine 180-Grad-Drehung vollziehen.
Im Fokus des Bundestrainers
„Eine sehr schwierige Disziplin“, weiß Inara Petzi, die in jungen Jahren ebenfalls viel Zeit auf dem Rücken der Pferde verbrachte, aus eigener Erfahrung. „Aber: Lotta hat das drauf. Sie hat Talent – und naja: ihren Charakter.“ Bis vier Mal pro Woche Training – in schulfreien Zeiten sogar zwei Einheiten mehr – sind deshalb für sie kein Problem. Sie will besagtes Ziel erreichen. Und auch einige Fehlstunden am Freyunger Gymnasium aufgrund weiter Turnierreisen schüttelt sie einfach ab. Weil sie auch im schulischen Bereich den Erfolg in Form des Abiturs anstrebt.
Irgendwie logisch, dass die Sonndorferin zahlreiche Qualifikationsturniere erfolgreich absolvierte, sich so auch in den Fokus der Nationalmannschaft ritt und bei den Europameisterschaften (29. Juni bis 4. Juli) auf der „Bo Ranch„ im Norden Frankreichs starten durfte. Dort war es – wie auch in hiesiegen Breitengraden – extrem heiß. Kein Problem für Lotta Petzi, die dies alles erfolgreich ausgeblendet hat – und nur sich, Spooky und den Wettbewerb im Fokus hatte.
Fakt ist: Lotta Petzi reitet konsequent ihren eigenen Weg. Und spätestens mit der EM-Medaille im Gepäck steht fest: Hinter diesem angeblichen Klischee-Dasein einer 14-Jährigen steckt verdammt viel Biss, Talent und Bereitschaft für den Leistungssport…
Helmut Weigerstorfer
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