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Der Weiler Ruben (Lověšické Rovné) liegt im nordöstlichsten Teil des Ottauer Pfarrgebietes auf dem rechten Moldauhang und wurde mit allen anderen Weilern der Umgebung bei der ersten Siedlungswelle ab ca. 1250 gegründet. Der Ort taucht zum ersten Mal 1379 im Urbar der Rosenberger unter dem Namen Rowne auf. Der Ort liegt zirka zwei Kilometer östlich von Lobiesching (Lověšice) auf 750 Metern Meereshöhe und ist damit der höchstgelegene Ort des Pfarrgebietes.

Das Luftbild (aufgenommen zwischen 1947 und 1950) zeigt die mächtigen Drei- und Vierseithöfe. Foto: Der Böhmerwald

Aus Rowne wurde 1445 Rowny, 1600 Rowna und 1686 Ruben. Die Schreibweisen in den Pfarrmatrikeln waren Rum, Rhum, Rhumb, Rumb, Ruhm und Ruben. In der Steuerrolle von 1653 bestand der Weiler Ruben aus sechs Gehöften („Haussässigen“ in der damaligen Amtssprache). Seit 1918 wurde der Ort als Lobieschinger Ruben/Lověšice Rovné zur Unterscheidung vom Ruben bei Kladen bezeichnet.

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Über die Bedeutung des Ortsnamens gibt es keine klare Aussage. Bei Rupert Essl taucht die Übersetzung mit „grubenreiche Gegend“ auf, was eigentlich auf Bodenschätze und Bergwerksarbeiten hinweisen würde, was aber bisher nicht belegt ist. Durch die Höhenlage hatten die Rubener unter langen Wintern, dem „Behmwind“ und häufigen Gewittern zu leiden.

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Ein einsamer Fleck mit einem traumhaften Ausblick

Sechs größere Bauernhöfe mit vier Austragshäuserln drängten sich um den Dorfweiher und der Marter. Eine Kegelbahn in der Ortsmitte, das Maschinenhaus und drei Kleingütler (Schuster, Weber und Waldmann) auf dem Weg nach Straßhäusl vervollständigten die Ortschaft.

1930 lebten in Ruben 69 Einwohner, die sich ausschließlich von der Landwirtschaft und der Forstwirtschaft ernährten. Angebaut wurden in der klassischen Dreifelderwirtschaft für den Eigenbedarf von Mensch und Tier sowie zum bescheidenen Weiterverkauf. Die Hauptfeldfrüchte waren Roggen, Hafer, Kartoffeln und Flachs. Daneben wurde der Obst- und der Gemüsegarten intensiv genutzt.

Im Sommer 1995 hatte der uralte Jakobi-Apfelbaum im Handlosn-Garten noch reiche Frucht. Einige Jahre später machten ihm der Schneebruch und das Alter den Garaus. Eine Stunde Fußmarsch zum Pfarr- und Schulort Ottau war Sommer wie Winter der tägliche Schulweg der Kinder. Und am Sonntag ging fast das ganze Dorf zur Ottauer Kirche. Heute ist Ruben ein einsamer Fleck mit einem traumhaften Blick auf die Höhen von Malsching, Hochdorf, Tweras und Kirchschlag auf der gegenüberliegenden linken Moldautalseite.

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Zeitzeugenbericht

(Edmund Koch nach den Aufzeichnungen und Erzählungen seines Großonkels Johann Puritscher (1929-2016) und seines Vaters Alois Koch (1933–2017)

Auf dieser Skizze zu sehen: Der Wuidlhof (Nr. 5.), der Handlosnhof (Nr. 4), davor der Altschinka (Nr. 6), der Guwa- und der Tuschlhof (Nr. 2. und 1), die noch eng beieinanderstehen, das Schuster- und Weberhaus (ganz rechts; Nr. 12 und 13), der Schinkahof (Nr. 7), das Binderhaus (Nr. 9) und der Baurn-Hof (Nr. 10). (Klicken zum Vergrößern)

Als im Mai 1945 der schreckliche und schwere Zweite Weltkrieg zu Ende ging, zog sich die Front quer durch den Böhmerwald. Die Amerikaner drangen über Hessen und Bayern gen Osten bis hinein ins Egerland und den Böhmerwald, dessen Gebiete 1945 in amerikanischer Besetzung waren und später an die russische Besatzungsmacht übergeben wurden.

Die Böhmerwäldler hatten den Krieg bis zur Kapitulation im Mai 1945 relativ gut überstanden. Von Verwüstungen blieb die Heimat bis dahin verschont. Aber ein großes Opfer musste der Ort Ruben in jenem schrecklichen Krieg bringen: Thomas Biebl, aus dem Wuidlhaus Nr.5, fand bei den schweren Kämpfen an der Ostfront am 26. Februar 1944 im 21. Lebensjahr den Tod. Er war der einzige Gefallene der Ortschaft. Mehrere Bauernsöhne, schwer verwundet an Leib und Seele, kamen in den Nachkriegsmonaten zurück in ihr Heimatdorf.

Die zurückweichende und in Auflösung befindliche Wehrmacht strebte an, über den Böhmerwald so schnell wie möglich nach Bayern zu gelangen. Dabei blieb sehr viel Kriegsmaterial liegen. Der Böhmerwald war voll von diesen mörderischen Geräten, die später von den Amerikanern und den Tschechen eingesammelt wurden.

Die Bauern von Ruben halfen den flüchtenden Soldaten und auch Zivilpersonen, wo es nur ging. Sie gaben Brot und holten viele Pferde in ihre Ställe, um den Soldaten bei der Flucht zu helfen. Auch der Handlosnhof stellte zu seinem eigenen Wallach noch zwei ehemalige abgemagerte Soldatenpferde.

Als sich 1945 die Siegermächte einig waren und das ehemalige Königreich Böhmen, Mähren, Mährisch-Schlesien und die Slowakei wieder zur Tschechoslowakei zusammengefasst wurden, bekamen die Tschechen alle Regierungsgewalt zurück. Im selben Jahr noch wurden junge Burschen und Mädchen deutscher Abstammung auf Lastwagen geladen und ins Innere der Tschechoslowakei in Arbeitslager gebracht. In welchen Ort sie kamen, wussten die Angehörigen nicht.

Viele Qualen, Misshandlungen und Ängste mussten diese Burschen und vor allem die Mädchen aushalten. Diejenigen, die sich weigerten auf die Lastwagen zu steigen, kamen ins Gefängnis. Viele junge Leute flüchteten nach Österreich und Bayern. Als die jungen Leute abtransportiert waren, kamen die Haus- und Bauernleute dran. Auch alte Menschen wurden nicht verschont.

Vertriebene in der eigenen Heimat

Priethal wurde im September 1945 von tschechischem Militär umstellt und die Leute auf dem Marktplatz zusammengetrieben. Danach wurden die Häuser auf Befehl ausgeplündert und das ganze Hab und Gut auf den Marktplatz geworfen. Nach dieser Aktion durfte jeder ehemalige Eigentümer von seinen Sachen 30 Kilogramm Kleider an sich nehmen und ins Haus zurücktragen. Die anderen Sachen wurden auf Lastwagen verladen und abtransportiert.

Die Häuser, egal ob kleinere oder größere Bauernhäuser, wurden von Tschechen oder Slowaken, später auch von Sinti und Roma, die durch die Russen aus der Karparto-Ukraine vertrieben wurden, übernommen. Auch deutsche Spitzel, die nun mit den Tschechen kooperierten, rissen sich unter den Nagel, was möglich war. Die ehemaligen Besitzer mussten als Knechte oder Mägde arbeiten oder ausziehen. Letzteres war meistens der Fall. Sie wurden zu Vertriebenen in der eigenen Ortschaft und Heimat.

Gehorchten sie nicht, kam überraschend ein Lastwagen und lud die ehemaligen Bewohner auf. Die Verschleppung ging ins Bergwerk, in ein Arbeitslager oder ins Gefängnis. Wiederum flüchteten viele Böhmerwäldler nach Österreich oder Bayern, was zunehmend gefährlicher wurde.

Der gutmütige Kommissar „Pan Ferdo“

Reise ins Ungewisse: Auf Leiterwagen ging es zunächst ins Lager nach Krummau. Und dann?

Diejenigen, welche diesen Maßnahmen, meist durch die Güte des Kommissars, entgingen, mussten für den tschechischen Staat arbeiten und wurden auch vom Staat bezahlt. Auch in der Landwirtschaft war es so. Das Vieh und die Erzeugnisse wurden abgeliefert, das Geld bekam der Kommissar. Am Monatsende wurde jede Person mit 600 Kronen ausbezahlt.

Aus Ruben wurden im Oktober 1945 Ludwig Biebl (geb. am 14. April 1922), Mathias Puritscher (geb. am 16. Oktober 1897) und dessen Sohn Mathias (geb. am 24. Januar 1928) abgeführt. Ludwig Ludwig und der junge Mathias Puritscher kamen bald wieder zurück, während Vater Puritscher bis zur Vertreibung am 24. September 1946 im Gefängnis in Budweis bleiben musste. Im Krummauer Lager konnte er seine lieben Angehörigen wieder in die Arme schließen, da die Amerikaner nur ganze Familien in den westlichen Zonen übernahmen.

Der für Ottau zuständige Kommissar „Pan Ferdo“, so wurde er genannt, war sehr gutmütig. Er konnte seine Tätigkeit nur mit sehr viel Alkohol ausüben. Die Ausweisungen hielten an und immer wieder hörte man, dass Leute innerhalb weniger Stunden ihr Haus verlassen mussten. Sie wurden auf Leiterwagen geladen und nach Krummau ins Lager gebracht, wo sie eine hellgrüne Karte mit dem Aufdruck: „Transportzettel für Evakuanten“ erhielten. Wir nannten diesen Zettel: „Laufzettel“. Er war in tschechischer, englischer und deutscher Sprache beschriftet.

„Bald komme ich wieder nach Hause!“

Voll Bitterkeit und Traurigkeit waren die Herzen, als die Böhmerwälder schmerzerfüllt ihre stolzen Bauernhöfe zurücklassen mussten. Häuser von hundertjähriger Standhaftigkeit mit allem lebenden und toten Inventar, alles Vieh, alle Geräte blieben zurück. So mancher dachte beim Abtransport: „Bald komme ich wieder nach Hause!“, und konnte diese Ungerechtigkeit nicht begreifen.

Die damaligen Bürger verbargen manch kostbares Stück im Boden, so manchen Schatz im Wald. Viele Goldstücke aus alter Zeit blieben bis heute in ihrem ewigen Versteck. Sie weinten und reckten die Hände zum Himmel beim letzten Blick ins stille Dorf. Auf der kleinen Anhöhe vor dem Wuidla-Kreuz am Weg nach Lobiesching machten sie Halt, durften aber nicht mehr zurück. Aus Lobiesching stießen ebenfalls die letzten dieses Ortes dazu. So wurde eine Ortschaft nach der anderen geräumt.

In Ottau mussten die Hausschlüssel abgeben werden. Wir gaben andere Schlüssel ab, da wir es noch immer nicht fassen konnten. Alle wollten zurück ins Elternhaus. Wir mussten uns in Ottau auf die Leiterwagen zu unseren Habseligkeiten setzen, mit denen wir ins Lager nach Krummau gebracht wurden.

1.200 Personen pro Transport

Menschentransport in Akkord: 30 Personen mit Sack und Pack pro Wagen, 40 Waggons hintereinander. Symbolbild: pixabay.com

Dank des gutmütigen Kommissars Pan Ferdo, der diese Vertreibung nicht mit gutem Herzen verfolgte, konnten wir mehr an Bekleidung mitnehmen als andere Dörfler. Im Lager Krummau wurden wir von den Tschechen kontrolliert, und so manchem wurden sehr viele Sachen weggenommen.

Das Lager waren die Baracken neben dem Krummauer Bahnhof. Diese dienten zur Zeit der deutschen Besatzer als Gefangenenlager und als Nachschublager. Nach acht Tagen, teilweise auch längerem Lagerleben, wurden die Familien in Viehwagen der Eisenbahn (gedeckte Güterwagen) verladen – zirka 30 Personen mit Sack und Pack pro Wagen – und über Pilsen und Furth im Wald nach Bayern transportiert.

Ein Zug bestand aus 40 Waggons, sodass pro Transport 1.200 Personen die Heimat verloren. Die Böhmerwäldler wussten nicht, wohin die Reise ging. In Furth im Wald wurden die Ankömmlinge untersucht sowie registriert und nach wenigen Stunden zu ihrem Zielbahnhof weitergeschickt. Viele Transporte aus Krummau gingen nach Schwabach und München-Allach, wo die Züge aufgeteilt und zu einzelnen kleineren Bahnhöfen geschickt wurden.

Martern als Wahrzeichen der Ortschaft

Als unsere Vorfahren in Bayern ankamen, waren sie in einem zerbombten Land, wo Elend, Hunger und Not herrschten. Von Bayern aus wurden die Dörfler in ganz Deutschland zerstreut. Als der Ort Ruben schließlich menschenleer war, kamen Tschechen und holten die Tiere aus den Ställen. Manche Tiere fürchteten sich und flüchteten in die Wälder, wo sie verwilderten und im Winter verhungerten.

Die jahrhundertealten Häuser mit einer Fundamentstärke von 60 bis 70 Zentimetern wurden einige Jahre später gesprengt und eingeebnet. Heute kann man nur noch wage erkennen, dass hier der Ort Ruben einst war. Am früheren Dorfplatz stand noch lange eine stattliche Linde. Sie breitete schützend ihre Äste über die Martern, der dieser Zerstörungswut entgangen ist. Diese Martern, wo einst gläubige Dorfbewohner um den Segen Gottes für die Felder und eine gute Ernte beteten, wurde restauriert. Sie mögen erhalten bleiben als Wahrzeichen der Ortschaft Ruben.

Edmund Koch

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Gemeinsam mit Der Böhmerwald – Natur, Kultur, Geschichte begibt sich das Onlinemagazin da Hog’n in nächster Zeit auf Erkundungstour: Im Rahmen der Serie „Verschwundenes Behm“ werden die Dörfer thematisiert, die auf tschechischer Seite in Folge der Vertreibung der deutschen Bevölkerung nach Ende des Zweiten Weltkrieges erst verlassen und dann zerstört worden sind. Gegen das Vergessen, für ein bayerisch-böhmisches Miteinander…


1 Gedanken zu „Verschwundenes Behm (7): Die „Laufzettel“ aus Ruben

  1. Wieder ein gut geschildertes Thema. Jedoch leider immer mit gleichem Ergebnis, viele verloren ihr gesamtes Hab und Gut. Nur einzelne mit besonderer Begabung durften als erniedrigende Büger in ihrer Heimat verbleiben, jedoch auch ohne jegliche Ansprüche.
    Deshalb ist es so interessant immer wieder die gute Nachforchungen nachlesen zu können.

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