Da haben wir’s wieder. Ein islamistischer Terror-Anschlag – und schon beginnt in den Sozialen Medien das nächste Drama. Kaum sind die Opfer geborgen, kaum kennen die Angehörigen das ganze Ausmaß ihres Leids, marschieren die immer gleichen Kommentatoren auf und brüllen ihr einziges politisches Vokabelheft in die Welt: „Remigration!“

Wenn ich diese Kommentarspalten lese, bekomme ich Beklemmung – nicht nur wegen des furchtbaren Anschlags, sondern weil sichtbar wird, wie bereitwillig Menschen jede Tragödie nützen, um ihren eigenen Hass zu pflegen.
Wie verteidigen wir eine freie Gesesellschaft gegen ihre Feinde?
Ja, der Täter war ein Islamist – und das muss auch ganz klar benannt werden. Islamismus ist eine tödliche Ideologie, die Freiheit, Demokratie und die Existenz von z.B. homosexueller Menschen verachtet. Darüber darf niemand schweigen. Aber wer aus dieser grauenhaften Tat reflexartig den Ruf nach Remigration ableitet, zeigt vor allem eins: Es geht ihm gar nicht um die Opfer, sondern um die poltische Ausschlachtung ihres Todes.

Was mich erschreckt, ist diese Lust an der Spaltung. Die einen hetzen gegen Muslime, die anderen relativieren den Islamismus. Wieder andere benutzen die Toten, um ihre jeweilige Ideologie zu vermarkten. Und am Ende stehen sich alle schreiend gegenüber und niemand spricht mehr über das Eigentliche: Wie verteidigen wir eine freie Gesellschaft gegen ihre Feinde?
Der Islamismus hasst den Christopher Street Day. Und der Rechtsextremismus benutzt den Anschlag, um den Hass auf ganze Bevölkerungsgruppen zu schüren. Beide leben davon, dass wir uns gegenseitig zerfleischen. Und genau das dürfen wir ihnen nicht schenken!
Eine Demokratie muss hart gegen Islamisten vorgehen. Sie muss Gefährder stoppen, Extremisten verfolgen und diejenigen abschieben, die kein Aufenthaltsrecht haben und unsere Freiheit bekämpfen. Aber eine Demokratie verliert ihre moralische Glaubwürdigkeit in dem Moment, in dem sie beginnt, Millionen Menschen kollektiv verantwortlich zu machen.
… wie die lautesten Parolen unter den Kommentarspalten
Wer aus jeder Bluttat politisches Kapital schlagen will, unterscheidet sich vielleicht in seiner Ideologie vom Attentäter. Aber nicht in der Bereitschaft, menschliches Leid für die eigene Agenda zu instrumentalisieren – und das ist eine Entwicklung, die mir mindestens ebenso große Sorgen macht wie die lautesten Parolen unter den Kommentarspalten…
Kommentar: Karl Sibelius
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Danke für diesen Kommentar – er trifft den Punkt, den die lauten Spalten übertönen: Man kann den Islamismus schonungslos benennen und sich trotzdem weigern, Millionen in Kollektivhaftung zu nehmen. Das ist kein Widerspruch, das ist Präzision.
Wie hohl der Remigrations-Reflex ist, zeigt ausgerechnet dieser Fall: Der Täter war in Berlin geboren, deutscher Staatsbürger. Es gibt nichts zu „remigrieren“. Wer es trotzdem brüllt, sucht keine Lösung, sondern eine Bühne.
Ihr stärkster Satz ist der über die Instrumentalisierung: Wer jede Bluttat zu politischem Kapital macht, unterscheidet sich vom Attentäter in der Ideologie – aber nicht in der Bereitschaft, fremdes Leid zu benutzen. Von genau diesem gegenseitigen Zerfleischen leben Islamisten wie Rechtsextreme gleichermaßen. Und das Eigentliche geht dabei unter: wie man Gefährdete wirklich schützt und wie die Aufsicht über bekannte Gefährder funktioniert. Da läge die Arbeit. Danke, dass Sie das aussprechen.