Frauenau. Zwischen Feldern und blühenden Wiesen führt eine Landstraße in die Höhen des Bayerischen Waldes. Durch die Blätter und Sträucher blitzen die Umrisse der Selbstversorgerhöfe hervor. In blauen Jeans mit bunten Socken, einem Pullover und einem ruhigen Lächeln auf den Lippen – so öffnet Birte die Tür zum Wohnhaus des Biohofs Häng. „Hallo, kommt doch rein!“, begrüßt sie freudig.

Hier in Frauenau bewirtschaftet Birte zusammen mit ihrem Ehemann Martin einen Biohof seit 2019 selbstständig. Das junge Paar hat sich bewusst gegen den Einsatz von chemisch-synthetischen Pflanzenschutzmitteln und für eine ökologisch-nachhaltige Anbauweise entschieden. Auf ihrem Hof schaffen es die beiden sogar ausgefallenes Obst wie Feigen oder Pfirsiche wachsen zu lassen. Auch alte Sorten wie die Haferwurzel zählen dazu. Dies ist ein altes Wurzelgemüse, auch Gemüseauster genannt, da sie geschmacklich an Austern erinnert.
Birte hat den Studiengang „Molecular Lifescience“ mit einem Diplom in Biochemie abgeschlossen und wurde schnell von dem Wunsch nach mehr Nachhaltigkeit gepackt. Auch Martin, der im Bayerischen Wald auf dem Selbstversorgerhof aufgewachsen ist und sich zunächst für ein Gartenlandbau-Studium entschieden hat, legt Wert auf einen umweltfreundlichen Umgang mit der Natur.
Erstmal Wurzeln schlagen
„Nach meinem Auslandssemester in den Vereinigten Staaten war mir klar, dieser Rieseneinsatz von Spritzmitteln taugt mir nicht.“ Tipps aus dem Freundeskreis und das Interesse an einem verantwortungsvolleren Umgang mit der Umwelt führten schließlich dazu, dass sich beide für den Diplomstudiengang Ökologische Landwirtschaft in Witzenhausen entschieden haben.
Dort blühten sie gemeinsam auf und die Idee vom gemeinsamen Biohof war nicht mehr weit entfernt. Schon während des Studiums fuhren sie regelmäßig auf den Hof von Martins Eltern und pflanzten Obst und Gemüse an. 2019 gründeten sie schließlich ganz offiziell ihren eigenen Hof.
Mit einer heißen Tasse grünem Tee in den Händen und ein paar Wassermelonen-Stücken als Snack sitzen sie im rustikalen Esszimmer. Eine Packung Zimtkekse liegt offen auf dem hellen Holztisch. Während sich Martin durch die langen blonden Haare streicht, erklärt Birte wie sie ihren Traum finanzieren. „Der Start war schon etwas stressig und chaotisch. Wir hätten uns nach dem Studium vielleicht etwas mehr Zeit nehmen und nicht direkt in diesem Umfang starten sollen.“
Immer wieder sehen sich die beiden liebevoll an und lehnen sich etwas müde auf den Stühlen zurück. Schon im ersten Jahr war die Nachfrage nach den monatlichen Abokisten gefüllt mit saisonalem Obst und Gemüse hoch. Im Rahmen ihrer Selbstständigkeit ist der Verkauf der Abokisten von Mai bis Ende November die Haupteinnahmequelle des Hofes. Mit rund 35 Kisten ist das Maximum der Belastung erreicht. Dazu kommt der Direktverkauf von frischem Gemüse wie Bio-Salaten an Restaurants.
Geld wächst nicht an Bäumen – oder doch?

„Wir bekommen eine Nachricht aufs Handy und liefern die benötigten Produkte dem Restaurant“, erklärt Birte und zeigt auf ihr Smartphone. Über den gesamten Hof sind kleine Setzlinge und saftig grüne Pflanzen verteilt. Gegenüber des Hofes führt ein kleiner Trampelpfad zum Gemüsegarten. Birte ist in ihrer Selbstständigkeit täglich von früh bis spät auf dem Biohof tätig.
Martin arbeitet seit 2022 Vollzeit im Landratsamt als Kreisfachberater für Gartenkultur und Landschaftspflege. Abends und am Wochenende hantiert er auf dem Hof. Der gemeinsame Sohn erblickte 2021 das Licht der Welt. Dass gerade in den warmen Monaten der Stresspegel hoch ist – kein Wunder. Die beiden freuen sich darauf, im Winter wieder ein paar ruhigere Monate zu genießen.
Bio klingt romantisch, ist aber harte Arbeit. Martin und Birte orientieren sich an dem Konzept Market Gardening von Jean-Marc Foutier, auch bekannt als Market Garden System. Hierbei handelt es sich um ein klein strukturiertes und hocheffizientes Produktionssystem zur regionalen Versorgung, in dessen Fokus Handarbeit, kleine Flächen und bio-regenerative Bewirtschaftung stehen. Gemüse und Obst werden nach einem bestimmten Muster ressourcenschonend angebaut.
Schräglage, Abhang, im Gebirge

„Allerdings sind die Bedingungen, unter denen wir arbeiten, sehr experimentell: Schräglage, Abhang, im Gebirge. Das ist nochmal eine Schwierigkeitsstufe höher. Auf dem flachen Gelände ist das alles vielleicht etwas leichter“, erklärt Birte. Das Konzept bei Frauenau anzuwenden ist besonders, da die Lage des Hofes einige Hürden mit sich bringt. Belustigt erzählt sie von ihrem erschwerten Arbeitsalltag: „Es ist wirklich ätzend, wenn du den Mist oder Kompost nach oben schieben musst oder das Hühnermobil einfach total schief steht.“
Normalerweise bauen große landwirtschaftliche Betriebe Monokulturen auf mehreren Hektar Fläche an. Die beiden achten hingegen darauf, den Anbau vielfältig zu gestalten. Martin läuft zwischen Pflanzen durch den Garten und greift immer wieder mit der Hand durch die Blätter, um die kleinen Früchte zu pflücken.
Er erklärt die Vorteile der Reihenanbauweise: „Man ist auf die Fläche gesehen effektiver als eine große Landwirtschaft. Weniger Fahrspuren, dichter gepflanzte Pflanzen und durch die Vielfalt weniger Schädlingsdruck.“ Birte nennt dazu ein konkretes Beispiel: „Die Möhrenfliege mag den Zwiebelgeruch nicht und andersherum mag die Lauchminierfliege Möhrengeruch nicht. Wenn man das, ganz klassisch, in Streifen anbaut, ist das vor allem auf kleiner Fläche vorteilhaft.“
„Wir bauen alles an, was irgendwie geht“

Dass zwischen den Reihen Sträucher gepflanzt werden, ahmt auf natürliche Weise ein Ökosystem mit halb-offener Landschaft nach. Dies kommt auch den Tieren und dem Leben in unmittelbarer Nähe zugute, wie zum Beispiel den Insekten. Diese sind nicht nur wichtige Bestäuber, sondern auch eine essenzielle Nahrungsquelle für andere Lebewesen. „Wenn man im Sommer abends draußen sitzt und den Sonnenuntergang anschaut, fliegt wirklich ganz, ganz viel durch die Luft“, schwärmt Martin und genießt die Aussicht.
Auf Biohöfen wird die Apfelsorte Gravensteiner (aus ca. 1669) immer beliebter. Zwischen dunklen Wäldern und goldenen Feldern wachsen auf dem Biohof Häng moderne und alte Sorte, die Birte und Martin anbieten. „Wir fokussieren uns darauf, anzubauen, was man essen kann und was gemocht wird“, erklärt Birte und lacht. Martin stimmt ihr nickend zu: „Wir bauen tatsächlich alles an, was irgendwie geht.“ Die Haferwurzel und Mispel sind die besten Beispiele für alte Kulturpflanzen.
Zu den exotischsten Früchten, die Birte und Martin jemals angebaut haben oder ernten konnten, zählen Granatäpfel. Auch Erdbeerspinat, italienischer Knospenkohl oder Mandeln sind im Bayerischen Wald eher Raritäten, auf welche die beiden stolz sind.
Alt vs. neu

Unterschiede zwischen alten und modernen Sorten im Anbau oder in der Pflege gebe es nicht. Birte erklärt amüsiert: „Ich behandle die Haferwurzel wie die Möhre.“ Tendenziell seien alte Sorten robuster, aber nicht alle. Wichtig sei, nichts zu pauschalisieren. „Es gibt moderne Rebsorten, die können keinen Mehltau bekommen und die musst du nicht spritzen, aber die kaufen weniger Menschen“, erklärt Martin. Was der Mensch kennt, bevorzugt er wohl.
Andererseits seien ältere Birnen- und Apfelsorten, wie die Birne Williams Christ (circa 1770) in Schnaps oder Jonagold-Äpfel Spitzenreiter im Sortiment. Alte Sorten sind häufig für ihren ausgefallenen Geschmack und ihre Widerstandsfähigkeit bekannt. Doch im Supermarkt finden sich vor allem die modernen, gespritzten Sorten im Überfluss.
Mit dem Wandel in der Landwirtschaft könnte man meinen, dass die alten Sorten aus dem Gedächtnis verschwinden, doch Martin ist sich sicher: „Nein, sie geraten nicht in Vergessenheit. Auch bei Neuzüchtungen spielen die alten Sorten eine Rolle, wenn bestimmte Eigenschaften erhalten bleiben sollen.“
Gemeinsam wachsen
Was treibt sie an? „Etwas Sinnvolles zu tun für Natur und Menschen. Gesundes Essen zu produzieren und zu konsumieren. Und einen Lebensraum für alles Mögliche zu schaffen“, erklärt Birte langsam und ehrlich. Martin ergänzt lächelnd: „Man möchte auch eine gewisse Vorbildfunktion einnehmen. Wir wollen zeigen, dass es anders geht, landwirtschaftlich Lebensmittel herzustellen.“
Auch wenn alte Sorten kaum den Sprung in die Supermarktregale schaffen, bleibt für Martin und Birte klar: Die Arbeit – vom Tagesgeschäft über ehrenamtliches Engagement bis hin zur Kinderbetreuung – ist herausfordernd, aber erfüllend.
Cheyenne Christmann und Nele Gregor
(Erstveröffentlicht bei: Pablish – Creating Media, Uni Passau)
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