Passau. Tiefer, schneller Bass vibriert aus der Musikbox. Aaron sitzt leicht vorgebeugt vor seinem Laptop. Das kalte Licht des Bildschirms spiegelt sich in seinem Gesicht wider. Seine Finger gleiten schnell über das Trackpad. Neben ihm leuchtet ein zweiter Bildschirm. Mit jedem Beat entsteht darauf ein neues Muster. Linien und Kreise bewegen sich im Takt. Es wirkt wie ein digitales Mandala, das im Rhythmus der Musik atmet.

Und immer wieder bleibt der Curser stehen. Ein Track wird angeklickt, ein anderer verworfen. Zwischendurch tippt er mit dem Fuß auf den Boden. „Der Track ist perfekt“, meint Aaron. Er schiebt einen der 46 Tracks in seine Playlist mit dem Titel „AfterExams“.
Der 21-jährige Wirtschaftsinformatikstudent hat seine Klausuren für dieses Semester geschrieben. Nun macht er sich an sein neues Projekt: Die Vorbereitung eines DJ-Sets für einen Auftritt im Passauer Club „Cubana“. Nach etwa 30 Minuten schaut er zufrieden auf seine Auswahl und urteilt: „Die verträumte Richtung passt gut zu meinem Auftritt.“ Er zieht die Tracks auf einen USB-Stick. Dann steht er auf und geht zu seinem Mischpult.
Schnell verspürt er den Drang selbst aufzulegen

Aaron ist seit seinem Studienbeginn 2024 Teil des Passau Bass Collective (PBC). Ein DJ-Kollektiv, dass mit über zehn Mitgliedern mehrmals im Jahr Events in Passau veranstaltet. Zusammen mit einem Freund schickt er ein aufgenommenes Set an den Leiter des Kollektivs. „Es kam für mich wie gerufen“, erzählt er. Sein Talent wird sofort erkannt. Kurze Zeit später steht er als DJ vor einer Menge tanzender Menschen.
Techno lässt sich schwer eindeutig definieren. Der Begriff umfasst viele verschieden Stilrichtungen elektronischer Musik. Diese unterschiedlichen Facetten faszinieren Aaron schon seit langem. Schnell verspürt er den Drang selbst aufzulegen. Obwohl er selbst entscheiden darf, was er an einem Clubabend spielt, lässt ihn der Gedanke an die möglichen Erwartungen des Publikums nicht los.
Anfangs spielt er vor allem Trance – ein Stil, der aktuell in der Club-Szene und in seinem Kollektiv stark im Trend liegt. Die schnellen Beats zwischen 150 und 160 BPM, oft mit Offbeat-Bass und energiegeladenen Drops, funktionieren auf der Tanzfläche gut. Zunehmend hat er jedoch das Gefühl, sich dabei an die Masse anzupassen. Er spielt viel, identifiziert sich aber immer weniger mit dem Sound. Jetzt will er wieder mehr auf sein Bauchgefühl hören. „Ich möchte einen Cut setzen und musikalisch neue Wege einschlagen“, sagt Aaron. Momentan begeistert sich der Hobby-DJ vor allem für eine ruhigere, verträumtere Atmosphäre. Sein Stil bezeichnet er als „hypnotic groove“. Mit diesem sieht er sich selbst als Groove-DJ. „Wenn ich in den Spiegel schaue, sehe ich genau das“, erzählt er und lächelt.
Die Gründe sind vielfältig
Der Stilwechsel kommt für Aaron in einer Zeit, in der sich auch die Club-Szene verändert. Diskotheken und Bars geht es immer schlechter. In den Medien ist vom sogenannten Club-Sterben die Rede. Bekannte Lokale wie das „Watergate“ in Berlin oder das „Harry Klein“ in München mussten in den vergangenen Jahren schließen. Kein Einzelfall. Binnen der letzten zehn Jahre ist die Zahl der Clubs in Deutschland stark zurückgegangen. Fast jede zweite Location ist verschwunden. Die Gründe sind vielfältig. Für viele Menschen ist das Ausgehen zu teuer geworden. Gleichzeitig verändert sich das Feierverhalten der Kernzielgruppe Gen Z. Statt Clubs werden häufiger private Partys bevorzugt. Hinzu kommen steigende Mieten für Betreiber, Lärmbeschwerden und fehlende staatliche Unterstützung.
Doch wie erleben DJs diese Entwicklung? DJ Aleta steht regelmäßig in Wiener Clubs hinter den Decks. In Städten wie München hat sie bereits Schließungen mitbekommen. In Österreichs Hauptstadt dagegen spürt sie die Auswirkungen bislang kaum. Die Clublandschaft wirkt stabiler. Viele Kollektive organisieren Veranstaltungen und halten die Szene zusammen. Ein mögliches Clubsterben wäre für Aleta ein großer Verlust.

Auf der Bühne zu stehen und die Energie des Publikums zu spüren ist für sie der zentrale Teil des Auflegens. „Die Menschen machen das Erlebnis“, sagt sie. Mit ihrer Musik erzählt sie eine Story. Wenn der Raum tanzt, entsteht Verbindung. Für Aleta entsteht diese Magie im Austausch mit dem Publikum und der Energie des gefüllten Clubraums. Aaron erlebt das anders. Er findet die Ruhe eher in sich selbst, wenn er sich ganz in die Musik vertieft. Sie ist für ihn etwas Persönliches. Eine Art Therapie. „Ich könnte damit leben, nicht mehr auf der Bühne zu stehen“, erzählt er. In erster Linie macht er das für sich selbst. Trotzdem spielt auch er gerne vor Publikum.
Sein Auftritt im Cubana rückt näher. Aaron steckt den USB-Stick an den Bildschirm neben dem Mischpult. Für ein paar Sekunden bleibt es dunkel. Dann erscheinen nach und nach die Track-Dateien. Blaue und orange Wellenformen ziehen sich über die Anzeige. Er fängt an, Audiospuren übereinander zu legen. Mit einem Kopfhörer auf dem Ohr hört er kurz in den Track von Fabio Florido rein. Aaron wartet auf den richtigen Moment. Mit einem Klick setzt er eine Markierung. Hier soll ein Übergang stattfinden. „Mittlerweile dauert die gesamte Vorbereitung nur noch wenige Stunden“, sagt er.
Der Eindruck täuscht
Die Musik dröhnt aus den Lautsprechern. Aaron drückt Knöpfe, schiebt Fader, dreht an Reglern. Es wirkt routiniert. Er ist in seinem Element. Nebenbei spricht er über die Szene. Er dreht den Bass runter. „In Passau gibt es kaum noch Clubs“, merkt Aaron an. Das Nachtleben konzentriert sich auf wenige Orte wie den Zauberberg, das Cubana oder das Institut. Wenn er selbst feiern geht, dann nur im letztgenannten Techno-Club. Wirklich voll wird es meist nur bei PBC-Events.

Es erweckt den Anschein, das Nachtleben würde Stück für Stück von der Bildfläche verschwinden. Der Eindruck täuscht. Die jungen Menschen haben einen neuen Party-Lifestyle. In einigen Clubs wird es leiser. Doch ein paar Straßen weiter drängen sich Menschen vor den Bars. Sie drängen sich dicht an den Tresen. Gruppen stehen draußen und unterhalten sich. Statt lange Nächte auf der Tanzfläche zu verbringen, zieht es viele in kleinere Locations oder nach draußen auf die Straße.
Für DJs bedeutet das aber nicht das Ende. In einigen Bars stehen inzwischen kleine Mischpulte hinter dem Tresen. Aaron hat bereits einige Male in der Passauer Bar „Studio 12“ gespielt. Auch auf privaten Hauspartys wird es immer häufiger zum Trend, dass jemand auflegt. Die Orte verändern sich. Die Musik bleibt. Das, was für Aaron am meisten zählt.
Zurück am Mischpult geht er ein letztes Mal seine Tracks durch. „Anfangs habe ich mein ganzes Set auswendig gelernt. Damit alles perfekt ist“, erinnert er sich. Mit der Zeit hat sich das verändert. Statt jedes Detail vorher festzulegen, passiert jetzt vieles spontan. „Wenn ich einmal im Flow bin, passiert alles aus dem Bauch heraus“. Er setzt seine Kopfhörer ab. Zufrieden blickt er auf sein fertiges Set. Er zieht den USB-Stick mit dem Schriftzug „AfterExams“ heraus.
Der Abend ist gelungen
Zwei Tage später ist es so weit. Leicht erhöht über der Tanzfläche beginnt er als Opener den Abend. Noch ist der Club wenig besucht. Auf der Tanzfläche stehen nur vereinzelt Menschen. Ein paar nicken im Takt. Andere stehen mit ihren Getränken am Rand. Gedimmtes Licht erfüllt den Raum. Die große Diskokugel spiegelt sich in seiner Brille. Aarons Kopf bewegt sich im Rhythmus der Musik. Er dreht an den Reglern.
Die schwere Tür am Eingang öffnet sich immer wieder. Kalte Luft zieht durch den Raum. Neue Gäste kommen dazu. Mit jedem Track werden es mehr. Die Lücken zwischen den Menschen schließen sich langsam. Wo eben noch Platz war, steht man nun dicht aneinander. Die Bässe werden schwerer, die Lichter schneller. Hinter dem Mischpult hebt er kurz den Blick. Aaron schaut in die Gesichter der tanzenden Leute. Zufrieden lächelt er. Der Abend ist gelungen.
Luisa Paulick
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