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Hohenau. Noch vor wenigen Jahren hieß es vielerorts: „Darüber spricht man nicht!“ Die Rede ist von Humanen Papillomviren, kurz HPV, die im kollektiven Bewusstsein meist als unsichtbar galten – und im schlimmsten Falle schambehaftet auf eine reine Randnotiz des Intimlebens reduziert wurden. Dabei ist die Realität eine ganz andere: Fast jeder Mensch infiziert sich im Laufe seines Lebens mindestens einmal mit den Viren. Die allermeisten Infektionen verlaufen harmlos, doch in manchen Fällen schlummern die Erreger unauffällig im Körper, verursachen jahrelang unbemerkt Zellveränderungen – und können Krebs verursachen.

Birgit Weinert (links) sucht immer wieder die Öffentlichkeit, um Aufmerksamkeit für das Thema HPV zu erzeugen und es ins ins gesellschaftliche Bewusstsein zu rücken. Foto: privat
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Birgit Weinert weiß dies aus eigener, leidvoller Erfahrung. Im Alter von 22 Jahren erhielt sie zum ersten Mal die Diagnose, eine Routineuntersuchung während ihrer Schwangerschaft brachte das Virus damals ans Licht. Es folgten Jahre der Ungewissheit, Kontrolltermine, Operationen und die ständige Auseinandersetzung mit der Frage, was eine „persistierende High-Risk-Infektion“ für das eigene Leben bedeutet. Doch anstatt sich zurückzuziehen, machte die heute in Saulorn bei Hohenau beheimatete Justizfachwirtin ihre Geschichte öffentlich. Aus dem tiefen Bedürfnis heraus, sich nicht mehr alleine mit ihren Ängsten zu fühlen, entstand ein bis heute unermüdlicher Aufklärungs- und Herzensauftrag.

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Und was vor einiger Zeit als ehrlicher Austausch auf ihrem Instagram-Kanal begann, hat längst eine beachtliche Eigendynamik entwickelt: Inzwischen zieht Birgit Weinert als offizielle „HPV-Botschafterin“ gemeinsam mit verschiedenen Insititutionen an einem Strang. Sie gibt dabei einer vermeintlichen Tabu-Diagnose ein Gesicht, kämpft gegen Mythen an und bricht das Schweigen – auch und vor allem darüber, dass HPV längst kein reines Frauenthema (mehr) ist.

„Mut und Offenheit können tatsächlich etwas bewirken“

Im folgenden Interview mit dem Onlinemagazin da Hog’n spricht Birgit Weinert u.a. über den Wandel von der HPV-Tabuzone in Richtung Mitte der Gesellschaft, über die geplante Social-Media-Kampagne mit dem Gesundheitsministerium und über die Frage, warum das Thema im Bayerischen Wald dann doch noch häufig mit großer Scham besetzt ist…

Die in der Gemeinde Hohenau beheimatete Justizfachwirtin Birgit Weinert ist als „HPV-Botschafterin“ aktiv. Foto: privat

Frau Weinert: Im Februar dieses Jahres hatten wir zuletzt über Ihr Engagement in Sachen HPV berichtet. Wenn Sie auf die vergangenen Monate zurückblicken: Hätten Sie damals gedacht, dass Ihre Initiative in der Folge eine solche Eigendynamik entwickelt?

Ehrlich gesagt: Nein. Ich hatte damals vor allem den Wunsch, das Thema HPV ein Stück weit aus der Tabuzone zu holen und mehr Menschen zu erreichen. Dass sich in so kurzer Zeit so viel entwickeln würde, hätte ich mir nicht vorstellen können.

Besonders beeindruckend ist, dass mittlerweile ganz unterschiedliche Akteure an einem Strang ziehen: Das Bayerische Gesundheitsministerium macht das Thema in der aktuelle Impfwoche zum Schwerpunkt, das Bayerische Zentrum für Krebsforschung bietet Infos für Eltern sowie Fortbildungen an – und auch die Medien berichten deutlich häufiger darüber. Ich sehe das nicht als meinen persönlichen Erfolg, sondern als Beleg für einen gesellschaftlichen Wandel. Ein Satz von Professor Dr. Claus Belka – „Da haben Sie ganz schön etwas losgetreten“ – bringt es für mich auf den Punkt: Ich durfte dazu beitragen, dass sich immer mehr Menschen und Institutionen gemeinsam für die Aufklärung starkmachen.

Galt HPV vor wenigen Jahren oft noch als Tabuthema, spüre ich heute eine deutliche Veränderung. Immer mehr Menschen sind bereit, offen über Vorsorge, Prävention und Infektionen zu sprechen. Für mich zeigt das, dass Mut und Offenheit tatsächlich etwas bewirken können. Wenn es mir gelingt, dass andere Betroffene dadurch ebenfalls den Mut finden, sich Hilfe zu holen oder offen mit ihrer Situation umzugehen, hat sich mein Engagement mehr als gelohnt.

„Das erfüllt mich vor allem mit großer Dankbarkeit“

Wie Sie sagen, ist aus persönlichem Engagement mittlerweile eine echte „Bewegung“ geworden. Woran merken Sie am meisten, dass sich das Thema HPV endlich aus der Tabuzone bewegt?

Ich merke das inzwischen fast täglich. Früher wurde HPV oft totgeschwiegen oder nur auf eine sexuell übertragbare Infektion reduziert. Doch heute trauen sich immer mehr Betroffene, offen über ihre Ängste und Erfahrungen zu sprechen.

Als HPV-Betroffene ist es Birgit Weinert besonders wichtig, auf die Möglichkeit zur Krebsfrüherkennung hinzuweisen. Foto: privat

Besonders in den sozialen Medien berührt mich diese Entwicklung: Frauen tauschen sich über Pap-Befunde und den Umgang mit einer Diagnose aus. Mich selbst erreichen regelmäßig Nachrichten von Menschen, die Rat suchen oder dankbar sind, dass sie sich mit ihren Sorgen nicht allein fühlen. Dazu kommt ein spürbar gestiegenes Informationsbedürfnis rund um Vorsorge und Prävention.

Ein entscheidender Punkt ist für mich auch, dass mittlerweile Männer öffentlich über HPV-bedingte Krebserkrankungen sprechen – das zeigt eindrücklich, dass es kein reines Frauenthema ist. Wenn man dann noch sieht, wie intensiv Politik, Wissenschaft und Medien das Thema aufgreifen, wird klar: HPV wird so behandelt, worum es geht – um Gesundheit, Prävention und die Chance, Krebs zu verhindern.

Aktuell läuft – wie erwähnt – die Bayerische Impfwoche des Gesundheitsministeriums, bei der HPV im Mittelpunkt steht – und Sie sind als offizielle Botschafterin mittendrin. Wie stolz macht es Sie, dieser wichtigen Aufklärungskampagne ein Gesicht zu geben? Was ist Ihre besondere Aufgabe dabei?

Das erfüllt mich vor allem mit großer Dankbarkeit. Wenn mir vor wenigen Jahren jemand gesagt hätte, dass ich einmal Botschafterin für eine Kampagne des Bayerischen Gesundheitsministeriums sein werde, hätte ich das nicht geglaubt – mein Masterplan dahinter war das nie. Als ich anfing, öffentlich über meine Infektion zu sprechen, wollte ich primär Mitstreiter finden, da ich mich mit meinen Sorgen und Wissenslücken damals oft allein fühlte.

Aus diesem Wunsch nach Austausch ist schrittweise eine echte Aufgabe geworden: Betroffenen Mut machen, Ängste ernst nehmen und über Früherkennung sowie die HPV-Impfung aufklären.

Besonders bei einer Veranstaltung von „Entschieden gegen Krebs“ und MSD wurde mir wieder bewusst, dass medizinische Fakten die Stimme von Betroffenen brauchen, um echte Nähe zu erzeugen. Genau das sehe ich als meine Rolle: Wenn meine Geschichte dazu beiträgt, dass Menschen Vorsorge ernster nehmen oder offener sprechen, hat mein Engagement seinen Sinn erfüllt – damit andere besser informiert sind als ich damals.

„Das verleiht dem Anliegen das nötige Gewicht“

Bald soll ein gemeinsamer Beitrag von Ihnen und dem Bayerischen Gesundheitsministerium auf deren Social-Media-Kanälen veröffentlicht werden. Wie kam es zu diesem direkten Draht in die Landespolitik? Was erhoffen Sie sich von dieser Reichweite?

Die digitalen Medien betrachtet Birgit Weinert als wichtigen Multiplikator im Rahmen ihrer HPV-Aufklärungsarbeit. Foto: privat

Der Kontakt ist ganz organisch entstanden. Bei einem Staatsempfang der Bayerischen Krebsgesellschaft im vergangenen Jahr konnte ich Gesundheitsministerin Judith Gerlach persönlich kennenlernen. Sie ist dem Thema offen begegnet – und wir waren uns sofort einig, dass die Impfquoten steigen und HPV stärker in den Fokus rücken muss. Dass daraus nun eine gemeinsame Aktion für die Impfwoche geworden ist, freut mich riesig und zeigt, dass die Stimme von Betroffenen in der Gesundheitspolitik gehört wird.

Medizinische Fakten sind unverzichtbar, aber HPV braucht Gesichter, um wirklich greifbar zu werden. Ich hoffe, dass wir über die Social-Media-Kanäle des Ministeriums genau die Menschen erreichen, die sich mit dem Thema bisher kaum beschäftigt haben – von jungen Leuten bis zu Familien. Mir geht es nicht um Reichweite um jeden Preis, sondern darum, für Vorsorge und die Impfung zu sensibilisieren. Wenn ein Ministerium und eine Betroffene hier gemeinsam auftreten, verleiht das dem Anliegen das nötige Gewicht.

Neben der Politik arbeiten Sie auch mit dem Bayerischen Zentrum für Krebsforschung (BZKF) zusammen, das gezielt Online-Infos für Eltern und Fortbildungen für Ärzte anbietet. Warum ist dieses Zusammenspiel aus Wissenschaft, Politik und Medien so entscheidend, um gewisse Mythen zu bekämpfen?

HPV zeigt wie kaum ein anderes Thema, dass Aufklärung nur im Zusammenspiel von Wissenschaft, Politik, Medien und Organisationen gelingt. Während die Wissenschaft Fakten liefert, setzt die Politik Impulse und die Medien tragen das Wissen in die Öffentlichkeit, damit aus Daten alltagstaugliche Aufklärung wird.

Das große Interesse an den Angeboten des Bayerischen Zentrums für Krebsforschung – von Arztfortbildungen bis zu Elternabenden – zeigt, wie stark der Bedarf nach fundierten Informationen ist. Gerade weil sich Mythen wie das vermeintliche „reine Frauenthema“ hartnäckig halten, ist ein gemeinsames Vorgehen unverzichtbar. Unser gemeinsames Ziel bleibt es, Unsicherheiten abzubauen, Vertrauen zu schaffen und durch die Impfung als wirksamstem Schutz vor HPV-bedingtem Krebs noch mehr Menschen zu erreichen.

„Meine Aufgabe ist das Zuhören und Mutmachen“

Beim Roundtable „HPV muss weg – WHAT THE FACTS?!“ in München durfte Birgit Weinert (Mitte) ihre persönliche Geschichte als Betroffene einbringen und gemeinsam mit und gemeinsam mit Fachleuten diskutieren.

Sie haben festgestellt, dass es im Bayerischen Wald kaum größere öffentliche Veranstaltungen zur Impfwoche gibt. Warum ist es Ihnen ein persönliches Anliegen, den Fokus auch ganz gezielt auf unsere Region zu lenken?

Als Bewohnerin des Bayerischen Waldes liegt mir die Region natürlich besonders am Herzen. Ich wünsche mir, dass die Menschen hier genauso von aktuellen Aufklärungswegen profitieren wie in den Großstädten – auch wenn es bei uns in diesem Bereich noch spürbares Entwicklungspotenzial gibt.

Besonders nachdenklich macht mich, dass sich zwar viele Betroffene aus der Heimat an mich wenden, aber ausdrücklich anonym bleiben möchten – ein Zeichen dafür, dass das Thema hier oft noch mit Scham besetzt ist. Genau deshalb braucht es mehr niedrigschwellige Angebote vor Ort. Gesundheitsaufklärung darf schließlich keine Frage des Wohnorts sein, denn die Sorgen und Bedürfnisse der Menschen im Bayerischen Wald unterscheiden sich in keiner Weise von denen anderswo.

Im Februar sprachen Sie über die oft weiten Wege zu Fachärzten im ländlichen Raum und die Hemmschwelle, sensible Fragen zu stellen. Kommen die Menschen aus der Region denn nun vermehrt – vor allem digital – auf Sie zu, frei nach dem Motto: „Du, Birgit, erklär mir das mal…“?

Ja, das passiert inzwischen sehr häufig. Ich bekomme regelmäßig Nachrichten aus der Heimat und ganz Deutschland von verunsicherten Menschen vor anstehenden Eingriffen oder mit auffälligen Befunden. Meistens geht es gar nicht um reine Medizin, sondern um das Bedürfnis nach echtem Verständnis – wie sich ein Eingriff anfühlt oder man mit der ständigen Unsicherheit lebt.

Oft schreiben mir auch Menschen, die sich bei Ärzten nicht ernst genommen fühlen. Ich bestärke sie dann darin, sich eine zweite Meinung einzuholen und sich nicht abwimmeln zu lassen, betone aber stets, dass ich keine Ärztin bin und medizinische Entscheidungen in ärztliche Hände gehören. Meine Aufgabe ist das Zuhören und Mutmachen, damit Betroffene wieder mit mehr Zuversicht ihren Weg gehen.

„Genau daraus ist die Idee für dieses Buch entstanden“

Birgit Weinert (Mitte) eim Staatsempfang in der Münchner Residenz anlässlich des Jubliäums „100 Jahre Bayerische Krebsgesellschaft“ mit ihrem Mann Dr. Frederik Weinert und Staatsministerin Judith Gerlach. Foto: privat

Gemeinsam mit Ihrem Mann, Dr. Frederik Weinert, schreiben Sie derzeit an einem Buch, das im Verlag „Springer Medizin“ erscheinen wird. Was dürfen die Leserinnen und Leser davon erwarten? Und: Wie schafft man dabei den Spagat zwischen sachlich-nüchterner Medizin und persönlichen Erfahrungen, was ja Ihr Anspruch für das Buch sein soll?

Ich glaube, die Leserinnen und Leser erwartet ein Buch, das HPV bewusst aus unterschiedlichen Blickwinkeln beleuchtet. Natürlich spielen medizinische Fakten eine zentrale Rolle. Gleichzeitig geht es aber auch um die Fragen, Ängste und Unsicherheiten, die viele Betroffene beschäftigen. In den vergangenen Jahren habe ich immer wieder erlebt, wie groß der Bedarf an verlässlicher und gut verständlicher Aufklärung ist.

Genau daraus ist die Idee für dieses Buch entstanden. Gemeinsam mit meinem Mann verbinden wir medizinisches Wissen, Erkenntnisse aus der Gesundheitskommunikation und meine langjährigen Erfahrungen aus der Aufklärungsarbeit. Ergänzt wird das Buch durch Gastbeiträge und Interviews mit hoch angesehenen Expertinnen und Experten aus Medizin, Wissenschaft und Praxis.

Mit dem Buch möchten wir einen Beitrag zu einer modernen Gesundheitskommunikation leisten. Es richtet sich sowohl an Fachleute als auch an interessierte Leserinnen und Leser. Wir sind überzeugt: Gute Gesundheitskommunikation bedeutet nicht nur, Wissen zu vermitteln, sondern Menschen zu erreichen, Vertrauen zu schaffen und sie dabei zu unterstützen, informierte Entscheidungen für ihre Gesundheit zu treffen.

Wenn wir in einem Jahr wieder miteinander sprechen: Was ist Ihr großer Wunsch bis dahin? Welche Meilensteine in Sachen HPV-Aufklärung, Vorsorge und Impfung von Jungen und Mädchen möchten Sie bis dahin erreichen?

Mein erster Wunsch ist ein ganz persönlicher, denn meine Geschichte ist noch nicht abgeschlossen: Ich bin weiterhin HPV-positiv – und nach jüngsten Gewebeentnahmen hoffe ich von Herzen, dass mein Körper das Virus eines Tages besiegt und sich mein Gesundheitszustand endlich stabilisiert.

„… für den ich mich weiter von ganzem Herzen einsetze“

Gesellschaftlich wünsche ich mir, dass HPV in einem Jahr noch selbstverständlicher ist – dass Eltern die Impfung als klugen Schutz sehen, Vorsorge als Chance begriffen wird und sich noch mehr Menschen ohne Scham austauschen. Mein größter Wunsch ist jedoch, dass möglichst viele schwere Schicksale verhindert werden, wie ich sie bei HPV-Krebserkrankten erleben musste. Wenn wir durch Aufklärung und höhere Impfquoten auch nur einen Teil davon abwenden können, lohnt sich jeder Schritt, für den ich mich weiter von ganzem Herzen einsetze.

Herzlichen Dank für ihre Antworten – und weiterhin alles Gute für Sie!

die Fragen stellte: Stephan Hörhammer

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