Immer dasselbe Muster – und die, die es kannten, ducken sich weg. Wer die Posts der AfD nebeneinanderlegt, erkennt kein Zufallsrauschen, sondern ein System. Immer dasselbe Desinformationsschema: eine Empörung anfüttern, einen Feind bauen, einen Halbwahrheitssplitter zur Gewissheit aufblasen, jede Nachfrage als „Systempropaganda“ abräumen. Angst rein, Fakten raus, Klick kassiert.

Es ist eine Maschine – und sie läuft jeden Tag, in jeder Gruppe, unter jedem Beitrag. Diese Maschine ist nicht vom Himmel gefallen. Sie wurde gebaut – von Ökonomen, Professoren, Publizisten und Managern, die dem Ganzen einst die bürgerliche Fassade liehen, hinter der sich der Rest sammeln konnte. Und genau die ducken sich heute weg!
Genau hier stockt man und fragt sich: Was treibt eigentlich Menschen mit Titeln – Professoren, Doktoren, studierte Köpfe, ausgestattet mit einem analytischen Verstand, geschult im Prüfen von Quellen, im Zweifeln, im Auseinandernehmen von Behauptungen – ausgerechnet in die Arme einer Partei, die vom Gegenteil lebt? Menschen, die im Hörsaal jede unbelegte These zerpflücken würden, teilen abends Kettenbriefe, die ein Erstsemester durchschaut.
Und diese Entscheidung wiegt schwerer, nicht leichter
Was ist das nur? Ist es gekränkte Eitelkeit? Das Gefühl, vom „Mainstream“ übergangen worden zu sein? Ist es die Lust am Tabubruch, die sich für Mut hält? Der Reiz, in einer kleinen Gegenöffentlichkeit endlich wieder der Klügste im Raum zu sein? Oder schlichtes Kalkül – Aufmerksamkeit, Posten, Bedeutung, die der seriöse Betrieb ihnen nicht mehr gab? Der Verstand schützt eben nicht vor dem Willen, verführt zu werden. Wer klug ist und trotzdem mitmacht, hat sich nicht geirrt – er hat sich entschieden. Und diese Entscheidung wiegt schwerer, nicht leichter.
Umso dringender ist, was folgt. Es ist Zeit, dass die alten Gründer und Ehemaligen endlich aufstehen. Nicht murmeln. Aufstehen. Reue zeigen, sich distanzieren, warnen – mit allen Mitteln, die ihnen zur Verfügung stehen: Namen, Reichweite, Glaubwürdigkeit bei genau den Leuten, die heute noch zweifeln.
Einer hat es ausgesprochen, und der Satz sitzt: Hans-Olaf Henkel, einst Vizechef der Partei, sagte über sein eigenes Werk: „Ich habe geholfen, ein Monster zu schaffen.“ Es mache ihm Kummer, „ein richtiges Monster“ miterschaffen zu haben. Er nannte die AfD „NPD light“. Das ist die Selbstauskunft eines Mitgründers – kein Angriff von außen. Aber ein Satz in einem Interview ist keine Buße. Wer ein Monster mitbaut, schuldet dem Land mehr als ein reumütiges Wochenende. Er schuldet ihm Lautstärke, Dauer, den unbequemen Auftritt – wieder und wieder, bis die letzte Ausrede verstummt.
Nicht zu spät, um heute mit voller Kraft zu warnen

Und der Rest der Baumeister? Bernd Lucke, der Gründer, der Zauberlehrling, der die Geister rief und sie nicht mehr loswurde – er schrieb später einen Brandbrief an „die nicht rechtsextremen Mitglieder der AfD“ und forderte sie auf, mit den Rechtsextremen zu brechen. Gut gebrüllt. Aber wer den Besen selbst geschnitzt hat, kommt mit einem offenen Brief nicht davon.
Jörg Meuthen, der jahrelang das seriöse Gesicht gab und die Radikalisierung verwaltete, bis er 2022 hinwarf und erklärte, er sehe „in dem Projekt AfD als gesamtdeutsche Partei keine Zukunft mehr“ – und zwar erst, als er einen Vorstandskollegen, der den Nationalsozialismus verharmloste, nicht mehr loswurde. Spät. Beschämend spät. Aber nicht zu spät, um heute mit voller Kraft zu warnen…
Frauke Petry, die die Partei zu ihren ersten Erfolgen führte und dann ging, weil ihr die Distanz zum Extremismus fehlte. Joachim Starbatty, Konrad Adam, Marcus Pretzell, Bernd Kölmel, Ulrike Trebesius – die ganze Riege, die dem Ding Respektabilität verlieh und sich dann leise verabschiedete, als würde Wegtauchen ungeschehen machen, was Aufbauen angerichtet hat.
An Sie alle, meine Damen und Herren: Ihr stiller Rückzug ist keine Absolution, sondern eine offene Rechnung. Ihr habt die Tür aufgestoßen und seid gegangen, als hereinkam, was ihr nicht mehr steuern konntet. Das entlastet euch nicht – es verpflichtet euch. Jeder Tag Schweigen ist ein weiterer Tag, an dem eure Fassade die Maschine deckt.
Henkel hat den Anfang gemacht…
Also: raus aus der Deckung! Auf jede Bühne, in jede Talkshow, unter jeden Post. Sagt den Menschen, die euch einst geglaubt haben, ins Gesicht: Wir haben uns geirrt. Wir warnen euch vor dem, was wir mitgebaut haben. Henkel hat den Anfang gemacht. Der Rest von euch schuldet dem Land denselben Mut – und diesmal nicht als einmaliges Geständnis, sondern als Haltung, laut, öffentlich und mit allem, was ihr habt…
Kommentar: Horst Triebstein
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