Schönbrunn am Lusen. In Zeiten, in denen das Brot auch im Supermarkt oder in der Tankstelle über den Tresen geht und Bäckereien über die Konkurrenz von Billigprodukten klagen, wird in Schönbrunn am Lusen die Wertigkeit der Wecken mit einem Brotbackofen in der Dorfmitte hochgehalten. Auch wenn die Dorfleute nicht den Anspruch „Unser tägliches Brot gib uns heute“ an ihren Ofen haben, bringt er immer wieder die Menschen zusammen. Er ruft in Erinnerung, dass Brot zu backen Handwerk, Wissenschaft und Kreativität in einem ist.

Eine feste Aussage zum Baujahr des Backofens kann nicht gemacht werden. Es wird vermutet, dass er um 1890 gebaut wurde und somit seit über 130 Jahren besteht. Unterhalb des Ofens habe sich auch einmal eine Glashütte befunden. Schönbrunn wurde als Glasmacherort 1599 gegründet – und die letzte Glashütte erst 1876 stillgelegt.
Aus der Dorfchronik geht hervor, dass der Backofen im Laufe seines Bestehens öfters umgebaut und erneuert wurde, um Schwierigkeiten mit der Wärmehaltung und -verteilung zu beheben. Doch zwischen 1970 und 1980 kam das Brotmachen im Steinbackofen praktisch zum Erliegen. Es wurde nur hin und wieder zu Demonstrationszwecken angeheizt.
Das Gemeinschaftsgefühl geriet ins Hintertreffen

Denn Fakt ist: Mit Beginn des Wirtschaftswunders nach dem Zweiten Weltkrieg, mit der Züchtung von ertragsreichen neuen Getreidesorten und dem Einzug industrieller und günstiger Backprodukte in Supermärkten kam das Brotbacken in eigenen oder auch gemeinschaftlich betriebenen Öfen aus der Mode. Immerhin: Noch jahrzehntelang lieferten Bäcker frische Brote und Semmeln fast jeden Morgen an die Haustür.
Im Verlauf des Flurbereinigungsverfahrens zwischen 1972 und 1996 wurde den Dorfleuten immer klarer, dass das Feuer im Ofen nicht gänzlich ausgehen dürfe. Denn durch Eingemeindung nach Hohenau und die sogenannte Dorferneuerung wurden zwar Gebäude und Straßen ertüchtigt. Das Gemeinschaftsgefühl geriet jedoch ins Hintertreffen. Der Backofen wurde deshalb wieder auf Vordermann gebracht. Und nach dem Ausbessern des Mauerwerks und des Innenbereichs sowie der Dachsanierung nutzten einzelne Personen und Gruppierungen den Ofen sporadisch.
Eine umfassende Renovierung nahm man dann vor gut zehn Jahren in Angriff. Der Backofeninnenraum wurde neu aufgebaut und die alten Schamottesteine für Isolierungszwecke auf das neue Gewölbe gelegt. Ebenso kümmerte sich die Dorfgemeinschaft um die Außenanlage. Ein schönes, ansprechendes Umfeld wurde geschaffen.
„Mit einem großen Backofenfest haben wir den Abschluss der Renovierungsarbeiten damals groß gefeiert. Da ist sogar im Ofen ein knuspriger Schweinebraten zubereitet worden. In letzter Zeit wurde mit den Kommunionkindern immer Brot gebacken. Und der Bayerische Waldverein, Sektion Hohenau-Schönbrunn, hat Aktionen am Ofen aufgezogen – etwa auch schon Pizza oder Sengzelten gebacken“, blickt Fritz Denk, Landwirtschaftsmeister aus Schönbrunnerhäuser, zurück. Es sei für ihn immer wieder ein großes Erlebnis, wenn der Backofen mit gut ausgetrocknetem Fichtenholz angeheizt und die Teiglinge „eingeschossen“ werden.
„Vorhaben steht und fällt mit Engagment der Bürger“

Dank einer Fördermaßnahme der Europäischen Union zur Erhaltung der Lebensqualität im ländlichen Raum und zur Zukunftsicherstellung des dörflichen Lebens im Sinne der Unterstützung des Bürgerengagements floss Geld in das Projekt. So konnten bei all der Nostalgie auch moderne Akzente gesetzt werden, die den Backbetrieb merklich erleichtern. Der Dorfbackofen verfügt heute etwa über ein Laser-Temperaturmessgerät, denn die perfekte gleichmäßige Hitze spielt beim Brotbacken eine entscheidende Rolle.
„Neben der finanziellen Förderung öffentlicher Stellen hat es eine große Unterstützung einzelner Dorfleute gegeben. So ein Vorhaben steht und fällt einfach mit dem Engagement der Bürger vor Ort“, erzählt Stefan Seidl aus Schönbrunn am Lusen. Dem alten Ofen sei neues Leben eingehaucht worden – und damit ein lang gehegter Wunsch in Erfüllung gegangen. Weil der Ofen auch die Leute in der Dorfmitte zusammenbringe und einen gesellschaftlichen Beitrag leiste.
Dass das Brotbacken keinesfalls trivial ist, sondern eher eine Wissenschaft für sich, weiß Alexander Denk. Er hat schon öfters den Ofen angeworfen und den Brotschieber in die Hand genommen. Die Glut muss vor dem Einschießen ausgeräumt und der Ofen ausgekehrt werden. Dazu verwendet man gerne frische nasse Tannenzweige, die zusätzlich für das spezielle Aroma sorgen. Bei 260 bis 280 Grad muss die Temperatur liegen, wenn die Teiglinge eingeschossen werden. Nach einer halben Stunde muss man umschießen – also dafür sorgen, dass wirklich alle Brotlaibe gleichmäßig Hitze bekommen.
Die fällt nämlich an der Ofenwand anders aus als in der Mitte, vorne anders als hinten. Anis, Koriander, Fenchel, Kümmel – auf die richtige Gewürzmischung kommt es ebenfalls an. Und dann gibt es noch die Sache mit dem Roggen-Sauerteig, dem uralten Milchsäurebakterien- und Hefezellenstamm. Über 100 Jahre alt sei der älteste Sauerteig Deutschlands, er müsse täglich „gefüttert“, mit Mehl und Wasser am Leben erhalten werden. Quasi ein Sauerteig, der fast so alt ist wie der Schönbrunner Brotbackofen selbst.
Brot und Salz, Gott erhalt’s!
Um die 32 Brotlaibe mit einem Gewicht von je einem Kilo passen pro Backvorgang in den Ofen. Sie werden an engagierte Helfer, Unterstützer oder auch die Kommunionkinder kostenlos weitergegeben. Vor allem aber genießen die circa 1.100 Mitglieder der Pfarrei Schönbrunn am Lusen das gesellige Beisammensein und den gemeinsamen Verzehr von frischgebackenem Brot und anderen Leckereien, die zu diesen Gelegenheiten mitgebracht werden: Brot und Salz, Gott erhalt’s!
Andreas Windpassinger
(Erstveröffentlichung in: Schöner Bayerischer Wald)
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