Freyung/ Winterberg (Vimperk). Nach der Vertreibung der deutschen Bevölkerung nach dem Zweiten Weltkrieg blieb im Böhmerwald eine kulturell entleerte, ja traumatisierte Landschaft zurück. Während der tschechoslowakische Staat versuchte, die Region auf Linie zu bringen, formierte sich im Untergrund der 1970er und 1980er Jahre eine völlig unkonventionelle Subkultur. Zwischen Außergefild, Ferchenhaid und Winterberg wurde die scheinbare „Einöde am Ende der Welt“ zum Zufluchtsort für Freigeister, unangepasste Künstler und illegale Bands, die abseits der kommunistischen Zensur nach Freiheit strebten.

Genau dieses faszinierende, zutiefst persönliche Kapitel der Zeitgeschichte beleuchtet nun die tschechisch-deutsche Ausstellung „UNDERGROUND IM BÖHMERWALD“, die ihre Premiere am Dienstag, den 7. Juli, um 20 Uhr im Kurhaus in Freyung feiert – stimmungsvoll begleitet von der Musikgruppe „Teufelsimker“, die einst von der Böhmerwald-Legende Radan Běhoun aus Ferchenhaid ins Leben gerufen wurde.
Hinter dem grenzüberschreitenden Projekt steckt der Verein „Knihy über Grenze„, der die Ausstellung im Rahmen der Winterberger Woche in Freyung realisiert. Die Macher haben dafür tief in den Erinnerungen von Zeitzeugen gegraben. Wir haben uns im Vorfeld mit einem der Hauptinitiatoren unterhalten: Martin Sichinger. Er ist nicht nur Vorsitzender des Vereins und Programmdirektor des internationalen Literaturfestivals „Šumava Litera“ in Vimperk, sondern als Schriftsteller (in diesem Jahr erschienen seine Romane „Morgen kommt Olah“ und „Aktion Klapsmühle“ auf Deutsch) auch ein profunder Kenner der böhmerwäldlerischen Underground-Materie.
Reaktion auf die kommunistische Zensur
Martin, erklär uns bitte zunächst einmal den Hintergrund zur Ausstellung „Underground im Böhmerwald“?

In der Tschechoslowakischen Republik der 1980er Jahre war die Underground-Kultur eine nicht-öffentliche Szene von Künstlern, Musikern und Schriftstellern, die nicht staatlich kontrolliert wurde. Sie entstand als Reaktion auf die kommunistische Zensur und die Einschränkungen der Meinungsfreiheit. Viele dieser Menschen trafen sich heimlich, veranstalteten illegale Konzerte und veröffentlichten verbotene Texte. In Bayern kennt man in diesem Zusammenhang natürlich die Namen Václav Havel oder The Plastic People of the Universe.
Aber das Ziel eurer Ausstellung ist doch ziemlich regional, oder?
Ja, die Ausstellung deckt vor allem ein Gebiet ab, das sich von Außergefild über Ferchenhaid und Lada bis nach Winterberg und Wolin erstreckt. Es ist zugleich eine soziologische Beschreibung der Grenzzone und des Aufwachsens im Böhmerwald am Ende der Welt. Außerdem ist es eine sehr persönliche Ausstellung: Die beteiligten Autoren haben als Grundlage Erinnerungen von Zeitzeugen ausgewählt.
Habt ihr euch dabei auf die „goldenen Jahre“ des Undergrounds in der Tschechoslowakei konzentriert, also etwa die Zeit zwischen 1977 und 1989?
Ja, denn auch im Böhmerwald begann die Band Vrozená vada – was wörtlich übersetzt so viel wie „Geburtsfehler“ heißt – aus Nišovice bereits 1978 zu spielen. Gleichzeitig verstehen wir die Ausstellung auch als Geschichte der kulturellen Besiedlung des Böhmerwaldes nach dem Zweiten Weltkrieg und als Geschichte der Grenze selbst.
Indoktrination von der ersten Klasse an
Was ja im Grunde ein leeres Land war…
Mit der Vertreibung der ursprünglichen deutschen Bevölkerung verschwanden auch Märchen, Sagen, Legenden, Lieder, Tänze und Bräuche. Nach der Vertreibung war das Grenzgebiet wie ausgestorben. Auf die Zwangsumsiedlung folgte eine Zwangsbesiedlung. Tausende Menschen aus Rumänien, Ungarn und der Slowakei kamen in den Böhmerwald. Die kommunistische Propaganda lockte sie mit fruchtbarem Land und großen Höfen. Die meisten flohen jedoch schon nach dem ersten harten Winter ins Landesinnere, auf der Suche nach besseren Lebensbedingungen.

Diejenigen, die geblieben sind, verfielen oft der Desillusionierung oder dem Alkohol – oder beidem. Und diese Hoffnungslosigkeit prägt das Gebiet des Böhmerwaldes bis heute. Traditionelle Betriebe wie Glas-, Papier- und Streichholzfabriken sowie Sägewerke verschwanden. Die Arbeit im Wald und auf den Feldern blieb nur in geringem Umfang erhalten, nun aber unter der Verwaltung neu geschaffener staatlicher Forst- und Landwirtschaftsbetriebe. Gleichzeitig hielt ein völlig neues Phänomen Einzug in die Landschaft – die Grenzschutzpolizei.
Die „entleerte Landschaft“ musste mit einer neuen Kultur gefüllt werden…
Ohne Vereine, Musikensembles und Theater war das jedoch eine schwierige Aufgabe. In totalitären Regimen übernehmen diese Funktion meist die Repressionsorgane. Deshalb beschloss der Staat, diese Aufgabe der Grenzschutzpolizei zu übertragen. Das System der militärischen Hierarchie – vom Kommando in Prag bis zu den einzelnen Kompanien entlang der Grenze – garantierte eine konsequente Umgestaltung des kulturellen Lebens mit besonderem Schwerpunkt auf die Grundschulen:
Zu den Aufgaben der Grenzschutzpolizei gehörte es, künftige gehorsame Grenzschützer zu erziehen – und zwar bereits ab der ersten Klasse. Der Staat verbot die Pfadfinder und führte nach sowjetischem Vorbild die Pioniere ein; im Grenzgebiet trug jedoch jede Pioniergruppe den Namen Junge Grenzschützer…
Orange Luftballons und illegaler Eigenverlag
Einen großen Einfluss auf die Entwicklung des Undergrounds hatten auch das Bayerische Fernsehen und der Bayerische Rundfunk, richtig?

Selbst der scheinbar hermetisch abgeschottete Eiserne Vorhang war nicht völlig undurchdringlich. Neben Radio- und Fernsehwellen, die – wenn auch mit gelegentlichen Störungen – bis in die Empfänger der freiheitsliebenden Bewohnerinnen und Bewohner des Böhmerwaldes gelangten, gab es weitere Möglichkeiten, wie sich die Welt hinter dem Vorhang für kurze Zeit für sie öffnen konnte:
Eine davon waren kleine orangefarbene Luftballons mit einem daran befestigten Zettel und einer Absenderadresse, die Kinder auf der bayerischen Seite in Richtung Böhmen steigen ließen – in der Hoffnung, dass der Zettel per Post zurückkommt und sie damit angeben konnten, wie weit er geflogen war. Die tschechischen Kinder fanden die Luftballons zwar, aber als sie sie begeistert nach Hause brachten und antworten wollten, wurden sie von ihren verunsicherten Eltern daran gehindert, Post ins „kapitalistische Ausland“ zu schicken – aus Angst vor möglichen Strafen.
Ein Teil der Ausstellung umfasst auch die technologische Entwicklung des Eigenverlags.
Ja, wir hatten bereits im Jahr 1984 mit meinem Freund Radan Běhoun mit dem illegalen Verlag Velarium begonnen – und wir möchten den Bayern unbedingt zeigen, wie diese ganze Geschichte gelaufen ist. Der Verlag ist bis heute aktiv, wir machen dazu demnächst noch eine Ausstellung in Neuschönau mit dem Titel Verlassene Wunder. Die Vernisage findet am 16. Juli im Hans-Eisenmann-Haus statt.
Über das Böhmerwald-Kräuterelixier

Welche Besonderheiten haben den Underground im Böhmerwald ausgezeichnet?
Natürlich gab es lokale Eigenheiten, wie zum Beispiel typische alkoholische Getränke. Im Fall des Böhmerwald-Undergrounds handelte es sich jedoch um ein völlig einzigartiges Gebräu: das Böhmerwald-Kräuterelixier, das in Winterberg nach dem Originalrezept des Apothekers Budínský hergestellt wurde. Es kostete zu Zeiten des Sozialismus nur 14 Kronen – also etwa eine deutsche Mark.
Das Getränk, das aus 22 Kräutern zusammengemischt wurde, war in so gut wie allen tschechoslowakischen Drogerien erhältlich, da es das ätherische Beifuß-Öl Thujon enthielt und den Ruf hatte, das einzige legale, leicht halluzinogene Mittel auf dem tschechoslowakischen Markt zu sein. Dessen Konsum beschränkte sich dabei nicht nur auf die flüssige Form: Nach der Umwandlung in eine geleeartige Konsistenz wurde es auch zu Kuchen verarbeitet – und entwickelte sich zu einem Phänomen, das sogar in die Literatur, die Musik und den Film Einzug hielt. Zu den Konsumenten gehörten sowohl der kommunistische Präsident Gustav Husák als auch der demokratische Präsident Václav Havel.
Erinnerungen
- Winterberg, 80er Jahre
Geschäftstüchtige Karussellbetreiber auf den Jahrmärkten im Böhmerwald klebten Fotos aus dem Bravo-Magazin – manchmal auch nachgezeichnete Kopien – auf Holzspieße in den Schießbuden. Ein großes farbiges Foto von Pink Floyd wurde auf zehn Spieße geklebt, sodass jeder, der die Band bewunderte, bis zu zwanzig Versuche bezahlen musste, um es zu gewinnen.
- Winterberg, 80er Jahre

Tschechische Lkw-Fahrer, die dienstlich in der Bundesrepublik Deutschland unterwegs waren, bekamen in Bayern aus Sicherheitsgründen kostenlos eine hauchdünne, leuchtend rote „Papierjacke“ überreicht, die auf dem Rücken ein Lastwagenbild und die Aufschrift „Fahren mit Herz“ trug, damit sie im Nebel besser sichtbar waren. Im Böhmerwald wurde diese Jacke unter Jugendlichen zum letzten Schrei der Mode. Eine Schülerin der 8. Klasse einer Volksschule behauptete, ihre Jacke hätten ihr die Eltern in Prag für viel Geld gekauft.
- Außergefild, 70er Jahre
Die Eltern konnten ihren Augen kaum trauen: Die Kinder begannen plötzlich, sich auf den Weg in den Kindergarten zu freuen! Die Erklärung dafür war einfach: Nach Außergefild kam regelmäßig ein wunderschöner, grüner Lastwagen der Marke „MAN“ – mit der schneeweißen Aufschrift „KUSSER„, um Holz für das Sägewerk abzuholen. Der Fahrer hielt jedes Mal an, wenn er den Kindern begegnete – und warf ihnen mit einem breiten Lächeln eine Handvoll bunter Bonbons zu. Und wie die schmeckten! Solche Süßigkeiten konnte man in der Tschechoslowakei nicht kaufen. Als die Grenzschutzsoldaten davon erfuhren, begannen sie, die Kinder, die Lehrer und die Eltern zu warnen: Westdeutsche Agenten würden sie beim Einsammeln der Bonbons filmen – und im Bayerischen Fernsehen liefen Sendungen darüber, wie groß die Armut in der Tschechoslowakei sei… Doch die Kinder hörten nicht darauf – die Bonbons hatten immer Vorrang!
- Buchwald, 1965

Die Kommunisten in der Tschechoslowakei nutzten jede Gelegenheit, um an westdeutsche D-Mark zu gelangen. Eine davon war der Verkauf des Holzes aus dem Böhmerwald. Deshalb öffneten die Leitung der staatlichen Wälder in Winterberg sowie die Grenztruppen auf Fürstenhut und Buchwald häufig den Eisernen Vorhang.
Im Jahr 1965 ließen die bayerischen Waldarbeiter ihren tschechischen Kollegen ausrichten, dass sie ihnen zur Bewirtung etwas mitgebracht hätten, von dem in der Tschechoslowakei damals kaum jemand gehört hatte – Grillhähnchen. Die Tschechen bekamen den Auftrag, Bier mitzubringen. In Buchwald wurden daraufhin die Sperranlagen und auch das Tor im Eisernen Vorhang geöffnet – und das Holz von tschechischen Lastwagen auf deutsche umgeladen.
Danach saßen die bayerischen und tschechischen Waldarbeiter gemeinsam an der Grenze beisammen, aßen schweigend Grillhähnchen, tranken Bier und blickten auf die Alpen in der Ferne. Dann verabschiedeten sie sich, jeder fuhr in seine Richtung davon – und der Eiserne Vorhang ging wieder zu…
da Hog’n
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