Neukirchen vorm Wald. Bereits 1926 hat die Familie Dick den heutigen Kirchenwirt in Neukirchen v. Wald übernommen – und zunächst auf drei Standbeine gesetzt: Landwirtschaft, Gastwirtschaft und einen Kramerladen. Die Großeltern von Albert Dick kamen ursprünglich aus der Gegend um Vilshofen, aus einer Wirtsfamilie mit Tradition. Sie haben das Gasthaus in Neukirchen damals erworben.

In den 1970er-Jahren wurde das Haus ausgebaut: ein Nebenzimmer für Veranstaltungen und drei Fremdenzimmer kamen hinzu. Als der Vater 1984 starb, führte Albert Dick den Betrieb zunächst gemeinsam mit seiner Mutter fort. Er war gelernter Großhandelskaufmann – und hatte nicht unbedingt geplant, Wirt zu werden. Nur ein paar Jahre später lernte er in einer Disco in Tittling dann seine heutige Frau Maria kennen, ohne zu wissen, dass sie Köchin war. „Das war Glück“, sagt er.
Die Bauernwirtschaft, die Albert übernahm, lebte davon, dass tagsüber immer jemand da war: Handwerker, Bauern, die Stammgäste morgens und mittags. Gegessen wurde wenig, getrunken umso mehr. Das hat funktioniert, war aber kein Konzept für die Zukunft. Albert Dick überlegte, in welche Richtung der Betrieb sich entwickeln könnte – und erkannte, dass in der Region ein Saal fehlte. 1989 bauten sie ihn, 1998 wurden die Nebenzimmer zu einem Restaurant umgewandelt. Aus der Bauernwirtschaft wurde ein Wirtshaus mit Küche.
Saal, Hotel und Salettl

Wer das möglich machte, war Maria Dick. Sie kochte ab 1993 im Kirchenwirt – auf einem anderen Niveau als es bis dahin in einem Dorfwirtshaus erwartet wurde. Das Angebot weitete sich aus, das Einzugsgebiet wuchs. Heute kommen Gäste aus einem Umkreis von rund 30 Kilometern regelmäßig zum Essen. Die Zielgruppe war nicht mehr nur die Ortschaft, sondern die Region.
Nach den ersten Umbaumaßnahmen folgten weitere Schritte. 2006 und 2007 baute die Familie ein kleines Hotel mit acht Zimmern an. Und zuletzt, vor zwei Jahren, kam das Salettl, ein Pavillon hinzu: ein überdachter, wettergeschützter Bereich angrenzend an den Biergarten, der für kleinere Feiern gedacht ist. Große Gesellschaften, Weihnachtsfeiern und Versammlungen finden im Saal statt; kleinere Gruppen gehen ins Salettl.
Der Motorradclub-Stammtisch trifft sich freitags im Wirtshaus, der Sonntagvormittags-Stammtisch ist seit Jahren ein fixer Termin, und der Rentnerstammtisch kommt montags. An den übrigen Öffnungstagen – Donnerstag bis Montag – gibt es einen offenen Stammtisch, an den sich jeder dazusetzen kann. Bereits seit 1984 gibt es das von Albert initiierte, nach Startschwierigkeiten mittlerweile legendäre Starkbierfest in der Fastenzeit. Die örtliche Theatergruppe führt jedes Jahr an drei Wochenenden vor Ostern im Saal eines ihrer Stücke auf.
Sieben Lehr- und Wanderjahre
Albert Dick junior hat das Kochen nicht im elterlichen Wirtshaus gelernt, sondern auf Reisen. Inklusive seiner Kochausbildung im Heilig-Geist-Stift in Passau war er sieben Jahre lang unterwegs: Vom Tegernsee nach Bad Birnbach über Stationen in Salzburg bis ins Restaurant Obauer in Werfen – eine der besten kulinarischen Adressen Österreichs, das Ende Oktober nach 47 Jahren schließen wird. Im Jahr 2017 ist er zurückgekehrt und steht seitdem gemeinsam mit seiner Mutter Maria in der Küche des Kirchenwirts.
Was er mitgebracht hat, merkt man der Speisekarte an. Vorspeisen wurden aufgewertet: gratinierter Ziegenkäse auf Rote-Bete-Carpaccio oder Garnelen-Tatar auf Gurkenscheiben. Bei den Hauptgängen stehen neben Schweinsbraten und Schnitzel, die nach wie vor viele Gäste bestellen, inzwischen auch Ochsenbackerl und Chateaubriand (Rinderfilet) auf der Karte. Beim Dessert sind Parfait, Mousse, Crème und Tarte sowie saisonale Kompositionen dazugekommen – im Sommer etwa ein Zitronen- oder Kirschparfait, je nachdem, was der Garten hergibt. Sonntags gehen rund 80 Essen aus der Küche, bei einer Veranstaltung im Saal können es gut und gerne 200 sein.
Ein Ochs vom Metzger aus Rinchnach

Was die Küche auszeichnet, ist der direkte Bezug zu den Lieferanten. Fleisch kauft die Familie gelegentlich als halben Ochsen, als halbes Kalb oder Schwein beim Metzger in Rinchnach – und zerlegt es selbst. Das bringt Vorteile, die in einer normalen Wirtsküche selten sind: Knochen für Saucen und Brühen, alle Fleischteile von der Oberschale für Rindsrouladen bis zum Gulaschfleisch und der Leber – alles vom Tier wird verwertet, nichts geht verloren.
Forellen kommen aus einem Teich in Haselbach, nur drei Kilometer entfernt; im Sommer, wenn die Nachfrage groß ist, sind es bis zu 15 Fische am Tag. Wild liefern die Jäger aus der Umgebung – ausschließlich saisonal, ausschließlich regional.
Die Speisenkarte wechselt regelmäßig. Das hält die Gäste neugierig und gibt Albert Dick junior die Möglichkeit, Dinge auszuprobieren, die sich dann etablieren oder auch wieder verschwinden. „Wir schauen, dass wir das Moderne und das Klassische mischen“, sagt er. Die klassischen Gerichte gehen am Sonntag am besten. Die neueren Kreationen vor allem unter der Woche.
Eigener Holundersirup, eigene Äpfel, eigener Wein
Neben der Küche hat die Familie zuletzt auch bei den Getränken eigenständige Wege eingeschlagen: Holunderblüten aus dem eigenen Garten werden zu Sirup verarbeitet; Äpfel vom eigenen Baum werden eingekocht. Und seit vergangenem Jahr gibt es einen eigenen Wein: Weintrauben vom Schankkellner, vergoren zu einem trockenen Rotwein. Der erste Jahrgang ergab rund 15 Liter. Was für eine Traube es genau ist, weiß die Familie selbst nicht sicher. Hauptsache, der Wein schmeckt. Und solange er da ist, wird er ausgeschenkt.
Was als Bauernwirtschaft mit Kramerladen und Landwirtschaft begann, ist heute ein Gasthaus mit Hotel – und einer Küche, die bayerische Klassiker so selbstverständlich beherrscht wie die Klassiker der Haute Cuisine.
Stephen Hahn
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