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Freyung/Waldkirchen. Die Zahlen des aktuellen BKA-Bundeslagebilds Cybercrime lassen aufhorchen: Rund 334.000 erfasste Fälle bundesweit, ein geschätzter Schaden von 202 Milliarden Euro für die deutsche Wirtschaft – und eine rasant steigende Gefahr durch KI-gestützte Angriffe oder Erpressungen mittels Ransomware. Kurzum: Die Kriminalität im digitalen Raum schläft nicht – und sie macht auch vor den Grenzen des ländlichen Raums keineswegs Halt.

„Cyberkriminalität umfasst Straftaten, die sich gegen das World Wide Web, Datennetze, IT-Systeme oder deren Daten richten, aber auch Straftaten, die mittels dieser Systeme begangen werden“, informiert Polizeihauptkommissar Christian Kurz im Hog’n-Interview. Symbolfoto: pexels_Julio-Lopez
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Doch was bedeuten diese astronomischen Summen und abstrakten Statistiken eigentlich konkret für uns vor Ort? Wie gut sind die Bürgerinnen und Bürger, die lokalen Unternehmen und die Kommunen gegen die Gefahren aus dem Netz geschützt?

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Dazu haben wir Polizeihauptkommissar Christian Kurz von der Polizeiinspektion Freyung befragt. Er und seine Kollegen wissen aus der täglichen Praxis, mit welchen Maschen die Täter auch im Woid immer wieder Erfolg haben – und wie man sich effektiv gegen Phishing, Schadsoftware und Co. wappnen kann. Er bietet dazu einen Überblick im Zuständigkeitsbereich der PI Freyung und der Polizeistation Waldkirchen (Grafenau hat eigenes Zahlenmaterial):

Lage im Bereich der Polizei Freyung und der Polizei Waldkirchen

Herr Kurz: Bundesweit wurden 2025 rund 334.000 Cybercrime-Fälle erfasst. Wie viele davon entfallen auf den Zuständigkeitsbereich der PI Freyung und der Polizeistation Waldkirchen – und ist diese Zahl in den vergangenen Jahren gestiegen?

Hier ist zunächst anzumerken, dass polizeilich zwischen den Begriffen Computerkriminalität im engeren Sinne (Cybercrime) und im weiteren Sinne (Internetkriminalität) unterschieden wird. „Cyberkriminalität“ umfasst Straftaten, die sich gegen das World Wide Web, Datennetze, IT-Systeme oder deren Daten richten, aber auch Straftaten, die mittels dieser Systeme begangen werden. Der Begriff „Internetkriminalität“ fasst sämtliche strafrechtlich relevanten Handlungen zusammen, bei deren Verwirklichung im Einzelfall Informations- und/oder Kommunikationstechnik eingesetzt wird.

Die Delikte sind insgesamt sowohl niederbayerweit als auch regional leicht rückläufig. Nachdem für die Erfassung in der polizeilichen Kriminalstatistik der Tatort ausschlaggebend ist, wird hier nur auf Delikte eingegangen, die bei unseren Dienststellen angezeigt worden
sind. Der Tatort ist dort, wo der Täter sitzt, somit in den wenigsten Fällen in unserem Dienstbereich. Überwiegend liegt der Tatort im Ausland oder ist gänzlich unbekannt. Dazu gibt’s folgende Zahlen:

Phänomenbereich „Cybercrime“:

  • 2025: 191 Vorgänge
  • 2024: 197 Vorgänge
  • 2023: 203 Vorgänge

Phänomenbereich „Internetkriminalität“:

  • 2025: 151 Vorgänge
  • 2024: 149 Vorgänge
  • 2023: 201 Vorgänge

Welche Deliktarten sind in Ihrem Zuständigkeitsbereich am häufigsten: Phishing, Ransomware, Betrugsmaschen – oder etwas ganz anderes?

Überwiegend handelt es sich um Warenbetrug im Internet, wenngleich alle Deliktsarten vertreten sind.

Das BKA spricht von einem erheblichen Dunkelfeld – viele Fälle werden gar nicht erst angezeigt. Wie groß schätzen Sie dieses Dunkelfeld für die Region ein? Und warum erstatten Betroffene so selten Anzeige?

Das Dunkelfeld kann nur geschätzt werden, unserer Ansicht nach liegt es bei rund 50 Prozent. Die Gründe für Nichtanzeige können sein:

  • Aufwand für die Betroffenen zu hoch bei oft geringen Schäden
  • Trotz Anzeige i.d.R. keine Erfolgsaussicht, Geld zurück zu erhalten
  • Chancen auf Ermittlungserfolg wird ohnehin als gering eingeschätzt
  • Peinlich, selbst auf Betrüger hereingefallen zu sein
  • Oftmals kommt es zu keinem Schadenseintritt (Geldrückholung durch Kreditkarte /Paypal etc. noch möglich)

Hat die Grenznähe zu Tschechien und Österreich irgendeinen Einfluss auf die Cybercrime-Lage in Ihrem Zuständigkeitsbereich – oder spielt das bei digitalen Delikten keine Rolle mehr?

Die Grenznähe spielt keinerlei Rolle, da sich der Phänomenbereich international erstreckt.

Die größten Bedrohungen – von Phishing bis Deepfake

Welche Angriffsmethode bereitet Ihnen aktuell die größten Sorgen – und warum?

„Auch Angriffe durch Ransomware auf Firmen und Erpressungsversuche sind in der Region aufgetreten.“ Symbolfoto: pexels_Rafael-Minguet-Delgado

Wie bereits erwähnt, ist in der Region der Warenbetrug am weitesten verbreitet. Dieser wird begünstigt durch zunehmend professionell gefälschte Webseiten und Emails, welche ein Erkennen schwer macht. Auch Angriffe durch Ransomware auf Firmen und Erpressungsversuche sind in der Region aufgetreten. Für eine globale Beantwortung dieser Frage befinden sich die richtigen Ansprechpartner bei der KPI Passau beziehungsweise beim Bayerischen Landeskriminalamt, wie die Spezialisten für Cybercrime sitzen.

Deepfake-Anrufe für CEO-Betrug – also gefälschte Stimmen oder Videoanrufe, die Chefs oder Behördenmitarbeiter imitieren – sind laut BKA auf dem Vormarsch. Gibt es solche Fälle aus Ihrem Zuständigkeitsbereich?

Bislang wurden hier keine derartigen Fälle bearbeitet.

Ransomware-Angriffe mit doppelter Erpressung: erst Daten verschlüsseln, dann mit Veröffentlichung drohen. Trifft das lokale Unternehmen oder Kommunen? Was können Sie über solche Fälle berichten?

Ja, es waren auch bereits regionale Unternehmen von dieser Masche betroffen. Allerdings wurde nicht mit der Veröffentlichung gedroht, sondern ein „Lösegeld“ für die Entschlüsselung verlangt. Spezialisten der Polizei konnten den Unternehmen teilweise helfen.

Zielgruppen: Unternehmen, Kommunen, Privatpersonen

80 Prozent aller Ransomware-Angriffe treffen kleine und mittlere Unternehmen. Der Bayerische Wald ist mittelständisch geprägt – Handwerksbetriebe, Holzverarbeitung, Tourismus, Landwirtschaft, aber auch so manche Hidden Champions. Welche Branchen sind Ihrer Erfahrung nach besonders verwundbar?

Aufgrund der geringen Fallzahlen im Bereich der PI Freyung kann bei uns kein Schwerpunkt festgestellt werden. Hier waren z.B. Tourismusbetriebe- und Automobilverkäufer betroffen. Es ist jedoch jede Brache angreifbar, die IT verwendet.

„Schockanrufe sind ein Phänomen, das regional in Wellen auftritt.“ Symbolfoto: Hogn-Archiv

Kommunen und öffentliche Einrichtungen wie Gemeindeverwaltungen, Schulen, Krankenhäuser gelten als attraktive Ziele. Wie gut ist die Region dort aufgestellt?

Diese Frage wäre an die genannten Stellen zu richten. Von polizeilicher Seite wurde festgestellt, dass IT-Sicherheit im öffentlichen Bereich durchaus einen hohen Stellenwert einnimmt.

Welche Betrügereien treffen Privatpersonen in Ihrem Zuständigkeitsbereich besonders häufig: Schockanrufe, falsche Polizisten, Love-Scamming, Fakeshops oder anderes?

Wie bereits erwähnt, geht es in der Region überwiegend um Warenbetrug, oftmals in Verbindung mit Fakeshops. Schockanrufe sind ein Phänomen, das regional in Wellen auftritt. Sprich: An einem Tag wird ein bestimmter örtlicher Bereich mit Anrufen überzogen, vermutlich anhand regionaler Telefonbücher – in diesem Bereich halten sich dann auch entsprechende Abholer bereit. Dies war natürlich auch im Bereich Freyung bereits der Fall.

Gibt es Altersgruppen oder Personenkreise, die Sie in Ihrem Zuständigkeitsbereich als besonders gefährdet einstufen?

Je nach Deliktsbereich. Für Love-Scamming natürlich eher ältere Personen, im Bereich Warenbetrug sind alle Altersklassen vertreten. Insgesamt sind natürlich ältere Personen mit weniger Internet-Erfahrung tendenziell eher unvorsichtiger. Allerdings sind besonders im Deliktsbereich der Beleidigung sowie Sexualdelikte über das Internet eher Jüngere involviert.

Ermittlung und Strafverfolgung: Wie läuft das ab?

Wenn jemand Opfer eines Cyberangriffs wird – wie läuft das konkret ab? Wo wird Anzeige erstattet? Und wer ermittelt dann?

Die Geschädigten rufen entweder über den Notruf an oder erscheinen auf der Polizeidienststelle, wo die Anzeige entgegengenommen wird.
Über die weiteren Maßnahmen wird situativ entschieden – je nachdem, ob es sich um einen sog. heißen oder kalter Fall handelt. Unaufschiebbare Maßnahmen werden sofort eingeleitet, für die weitere Ermittlungszuständigkeit gibt es je nach Delikt einen Katalog, der dann die Schutz- oder Kriminalpolizei miteinschaltet. Wenn der Tatort bekannt ist, wird der Fall gegebenenfalls an die zuständige Tatort-Dienststelle abgegeben.

Zudem gibt es seit 2021 bei jeder Kriminalpolizei-Dienststelle in Bayern sogenannte Quick-Reaction-Teams. Diese speziell geschulten Einheiten bestehen aus IT-Ermittlern und Experten für die forensische Sicherung digitaler Spuren. Sie werden nach schwerwiegenden Cyberangriffen direkt vor Ort eingesetzt, um Beweise zu sichern und betroffene Unternehmen zu unterstützen

„Die Auswirkungen kann man lokal nicht feststellen.“ Symbolfoto: pexels_anete lusina

Die Zentrale Ansprechstelle Cybercrime Bayern (ZAC) beim BLKA ist zuständig für Unternehmen. Was bedeutet das für einen Handwerksbetrieb oder ein Gasthaus – wendet der sich ans BLKA in München oder an die lokale Dienststelle?

Die ZAC ist relativ unbekannt bei den Unternehmen, so dass die lokale Dienststelle in der Regel erster Ansprechpartner ist

Cybercrime ist fast immer international: Täter in Russland, Infrastruktur in Rumänien, Geld in Kryptowährungen irgendwo auf der Welt. Wie oft führen Ermittlungen in Ihrem Zuständigkeitsbereich überhaupt zu einem Ergebnis?

Was ist mit Ergebnis gemeint? Täterermittlung, Festnahme, Schadensbegrenzug? Manchmal kann der Täter oder die Gruppierung identifiziert, aber nicht festgenommen werden, insbesondere bei Massenbetrugsdelikten mit Tatort im Ausland. Eine Rückholung des Geldes gelingt in den meisten Fällen nicht. Bei internationalen Täterstrukturen ist kein Fall bekannt, der rein durch Ermittlungen unserer Dienststelle soweit geklärt werden konnte, dass es zu einer Verurteilung geführt hätte.

Anders sieht es bei Beleidigungen, Bedrohungen oder auch Sexualdelikten mit Tatmittel Internet und regionalem Bezug aus. Die Polizei hat bspw. Ansprechpartner bei sämtlichen Social-Media-Unternehmen, hier kann durchaus ein Täter auch bei anonymer Vorgehensweise identifiziert werden.

Das BKA setzt auf einen Vier-Ebenen-Ansatz: Täter identifizieren, Infrastruktur zerstören, Finanzmittel entziehen, Reputation in der Szene beschädigen. Wie wirkt sich das auf die Arbeit einer lokalen Dienststelle aus – oder ist das reine Bundessache?

Die Auswirkungen kann man lokal nicht feststellen. Ohne diesen Ansatz gäbe es womöglich insgesamt mehr Geschädigte bzw. Taten.

Prävention: Was können Bürger und Betriebe konkret tun?

Die drei wichtigsten Sofortmaßnahmen, die jeder Privathaushalt heute noch umsetzen sollte – was lauten diese?

  • Sichere Passwörter, regelmäßig ändern
  • Software aktuell halten
  • Gute Virenscanner nutzen
  • Vorsicht beim Versenden von Ausweis-Scans etc
  • Misstrauisch bei sehr günstigen Angeboten sein
  • Keine Apps oder Software auf Aufforderung anderer installieren
  • Online Shops verifizieren
  • Ausländische IBANs erkennen
  • Sichere Bezahlvarianten wählen (kein Paypal-Freunde)
  • Keine Vorabüberweisung

Für Unternehmen: Was ist der häufigste Fehler, den Sie bei mittelständischen Betrieben in der Region sehen – und der im Ernstfall existenzbedrohend werden kann?

„Falls ein Schaden eingetreten ist, sollte man umgehend die Bank oder das Kreditkartenunternehmen darüber informieren und entsprechende Sperrungen einleiten.“ Symbolfoto: pixabay_Alexas_Fotos

Keine regelmäßigen Backups! Die Polizei rät Unternehmen, ihre IT-Sicherheitsmaßnahmen regelmäßig überprüfen und aktualisieren zu lassen. Hierbei sollte hohe Priorität auf Datenbackup-Strategien gelegt werden, welche die gesicherten Daten zuverlässig vom Produktivsystem trennen. Solche Backups können im Ernstfall entscheidend sein, um die Folgen eines Cyberangriffs zu begrenzen.

Was soll ich tun, wenn ich gerade gemerkt habe, dass ich auf einen Phishing-Link geklickt oder überwiesen habe? 

Ein Klick auf den Link ist in der Regel noch kein Problem. Sollte man das Phishing hier noch erkennen, gilt es sofort abzubrechen und die Seite zu verlassen. Ansonsten gilt: keinesfalls Daten, Kennwörter, TANs etc. eingeben. Kennwörter sollten sofort geändert werden, Online-Banking ggf. gesperrt werden. 

Falls ein Schaden eingetreten ist, sollte man umgehend die Bank oder das Kreditkartenunternehmen darüber informieren und entsprechende Sperrungen einleiten. Ebenso sollte sogleich Anzeige erstattet werden. 

Gibt es lokale Präventionsangebote, wie etwa Vorträge, Infotage, Beratungsangebote der Polizei für Schulen, Vereine, Seniorengruppen in Ihrem Zuständigkeitsbereich?

Ja, die Kriminalpolizeiinspektion Passau bietet hierzu Präventionsvorträge in den Landkreisen Freyung-Grafenau, Passau und Rottal-Inn an.

„Mehr Härte, mehr Befugnisse, mehr Schlagkraft“?

Cybercrime wächst, aber wie steht es um die personellen und technischen Ressourcen bei der Polizeiinspektion Freyung für diesen Bereich Hanelt es sich hierbei um ein Wachstumssegment oder einen Engpass?

Vor allem die Ermittlungen in diesem Bereich werden immer umfangreicher. Aus diesem Grund werden solche Delikte künftig zentral für Niederbayern bei einer Spezialdienststelle für Internetkriminalität bearbeitet, welche die regionalen Dienststellen deutlich entlasten wird.

„In Bezug auf die Ermittlungen bei der Internetkriminalität ist der größte Hemmschuh der Datenschutz.“ Symbolfoto: pixabay_madartzgraphics

Bundesinnenminister Dobrindt fordert: mehr Härte, mehr Befugnisse, mehr Schlagkraft. Was bedeutet das für die Alltagsarbeit einer Polizeiinspekiton im ländlichen Raum – ändert sich da konkret etwas?

In Bezug auf die Ermittlungen bei der Internetkriminalität ist der größte Hemmschuh der Datenschutz, hier insbesondere die kurzen gesetzlichen Speicherfristen. Eine Änderung ist dabei aktuell nicht erkennbar.

Die angesprochenen Quick-Reaction-Teams (QRT) der Bayerischen Polizei waren 2024 bayernweit in 172 Fällen im Einsatz. Wurde ein solches Team auch für Fälle aus Ihrem Zuständigkeitsbereich angefordert?

Ja, nähre Auskünfte hierzu dürfen wir aber leider nicht erteilen.

Was ist Ihre persönliche Einschätzung: Wird es in fünf Jahren mehr oder weniger Cybercrime geben – und warum?

Trotz eines aktuell leichten Rückganges ist Cybercrime ein Wachstumsmarkt. Zunehmend mehr Lebensbereiche werden ins Internet verlagert, somit steigt auch die dortige Kriminalität. Zudem spielen dort Ländergrenzen, wie erwähnt, keinerlei Rolle mehr. Die Ermittlungen werden definitiv schwieriger.

„Stets skeptisch und wachsam bleiben!“

Ein abschließender Satz für die Leserinnen und Leser des Onlinemagazins da Hogn: Was möchten Sie den Menschen aus dem Bayerischen Wald unbedingt mit auf den Weg geben?

Ich möchte sie daran erinnern, im Internet stets skeptisch und wachsam zu bleiben und die obigen Sicherheitsempfehlungen zu beachten.
Es ist wichtig, sich auch in den Medien über aktuelle Phänomene w ie den Enkeltrick oder den Schockanruf zu informieren und ältere Mitmenschen diesbezüglich zu sensibilisieren. Es gilt, im Falle eines Falles nicht zu zögern – und die Polizei zu rufen.

Vielen Dank  für die Informationen – Ihnen und Ihren Kollegen weiterhin alle Gute!

Die Fragen stellte: Stephen Hahn


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