Hausleiten. Dem großen Ziel, alle Fußballplätze Österreichs zu besuchen, ordnet er alles unter. Freilich, seinen Job als Versicherungsmakler muss Alexander Matzka notgedrungen nachgehen, um Geld zu verdienen – und sein aufwendiges Hobby zu finanzieren. Auf ein Familienleben verzichtet er hingegen ganz bewusst. Denn er ist ohnehin mit seiner großen Leidenschaft liiert – dem Groundhopping. Heißt: Der 33-Jährige aus Hausleiten (Niederösterreich) versucht so viele Grounds – also Fußballplätze – leibhaftig zu besuchen, wie nur möglich…

2.152 entsprechende Punkte (sprich: Stadien/Fußballplätze; Stand: Montag, 22. Juni) konnte Alexander Matzka bisher sammeln Überwiegend in seinem Heimatland, aber auch in Bayern und Böhmen – mit Fokus auf den Amateurfußball. Auch eine Begegnung im Bayerischen Wald durfte zuletzt auf seiner Liste nicht fehlen: Das „Finalspiel“ um den Landesliga-Aufstieg des SV Grainet (gegen den FC Künzing). Unter den mehr als 1.500 Zuschauern im Stadion am Glasbach am Fuße des Haidels befand sich auch der Groundhopper mit dem markanten Bart.
All seine Reiseerlebnisse dokumentiert der Österreicher auf seinem Blog und seiner Facebook-Seite. Bei der Lektüre seiner Einträge kommt einem sogleich die Frage „Spinnt der?“ in den Sinn. Und: Ist dieser Mann, der jährlich über 60.000 Kilometer für sein Hobby zurücklegt, sogar süchtig? Antworten darauf gibt’s im Interview mit dem Onlinemagazin da Hog‘n…
„Das Groundhopping ist in mir verankert“

Alex, wann ist man aus Deiner Sicht süchtig? Wann wird aus einem Hobby eine Droge, die man immer wieder braucht, um überleben zu können?
Wenn man alles dem einzigen Hobby unterordnet – sei es Beziehungen, Arbeit oder sonstiges. Dies muss aber nicht zwanghaft negativ sein, weil man dadurch viel Disziplin, Ausdauer und Weitsicht zeigen kann.
Hand aufs Herz: Bist Du selbst süchtig nach Fußball? Könntest Du Dir ein Leben ohne das runde Leder vorstellen?
Ich bin seit 14 Jahren als Groundhopper aktiv und habe – abgesehen von der Corona-Pandemie – mindestens 150 Spiele pro Jahr besucht. Ich könnte gar nicht weniger machen, weil das Groundhopping in mir verankert ist. Also: Ja, es ist eine Sucht nach Fußball – und nach Reisen!
Du sammelst Spiele in möglichst vielen unterschiedlichen Stadien bzw. auf möglichst vielen Fußballplätzen. Wie ist es zu dieser Leidenschaft gekommen?
Ich habe mit einem ehemaligen Schulkollegen einfach losgelegt – zur Rückrunde 2012/2013. Aber bereits im Herbst davor haben wir dieses Thema mehr und mehr intensiviert. Mit dem Kennenlernen anderer Groundhopper war dann klar, dass ich in meinem Leben mindestens 1.000 Stadien besuchen möchte.
Im Gegensatz zu einigen Kollegen von Dir bist Du nicht auf der ganzen Welt unterwegs, sondern vorrangig in Deiner österreischen Heimat und den Nachbarländern Deutschland und Tschechien. Warum ausgerechnet dieses „Einsatzgebiet“?
Ich bin liebend gerne mit dem Auto unterwegs, wobei der Fokus mittlerweile darauf liegt, auf Länderpunkte zu verzichten und Österreich zu komplettieren. Mit 1.723 besuchten Stadien in meinem Heimatland und noch zirka 260 fehlenden Grounds bin ich aktuell ganz gut dabei.
Das Ziel bis zu seinem 70. Geburtstag
Gibt es für Dich Grundvoraussetzungen für ein Spiel, das Du besuchst?
Abgesehen von speziellen Nachwuchsplätzen sollte das Spiel schon auf Großfeld stattfinden – und natürlich Elf gegen Elf. Nur zu Jugendspielen zu fahren, wäre zu einfach – und ist nicht Sinn der persönlichen Sache.
Im Rahmen Deines Blogs dokumentierst Du Deine „Einsätze“. 2.152 Grounds hast Du Deiner Auflistung zufolge bisher besucht. Folgst Du einem konkreten Ziel? Oder schaust Du – ohnehin eine alte Fußball-Floskel – von Spiel zu Spiel?
Es kommt hauptsächlich auf die eigene Gesundheit an – bei 100 neuen Grounds pro Jahr könnten bis zum 70. Geburtstag noch weitere 3.700 Stadien dazukommen. Das wäre natürlich ein Ziel, das aber nicht in der eigenen Hand liegt.
Was entgegnest Du denjenigen, die behaupten, Euch Groundhoppern geht es nicht um das Spiel, nicht um den Fußball – sondern einfach nur um einen weiteren Ground?
Das ist nicht ganz korrekt. Der Fußball an sich ist Teil des Ganzen, es geht aber auch um das Drumherum und das Erlebnis, die Besichtigung der Infrastruktur, der persönliche Kontakt mit den Leuten vor Ort – alles gehört zusammen und macht dieses Hobby aus.
Wann zählst Du einen Ground als solchen? Zählt die pure Anwesenheit oder eine gewisse Spieldauer?
Offizielle Regeln gibt es nicht und jeder hat seine eigenen Maßstäbe. Bei einigen reicht sogar eine Halbzeit. Ich versuche immer, die vollen 90 Minuten zu sehen. Aber es ist auch kein Beinbruch, wenn ich mal in der 75. oder 80. Minute weg muss, um das nächste Spiel pünktlich zu erreichen.
Fokus liegt auf den Amateurbereich

Und was entgegnest Du denjenigen, die sagen, Du bist mit Deiner Dokumentation nur auf Aufmerksamkeit aus?
Ich versuche, mit meinem Blog ganz klar für Aufmerksamkeit zu sorgen – allerdings für den Amateurfußball, für die Präsentation der Vereine oder kuriose sowie witzige Erlebnisse.
Wenn Du auf Anhieb die TOP 3 Deiner besuchten Spiele bzw. Grounds nennen müsstest, welche sind das?
Top 3 ist sehr schwierig, weil jeder Ground seine eigene Faszination hat. Auf Platz eins liegt aber definitiv das Kantrida-Stadion von Rijeka direkt am Mittelmeer. Ich erinnere mich gerne an diese Stadt. Dorf fühlt man sich wohl.
Besonderes interessant sind auch die Randgeschichten Deiner Fußball-Ausflüge. Welche Kuriositäten fallen Dir spontan ein?
Im polnischen Kielche war es im Februar so kalt, dass die Zuschauer die Sitzplätze mit dem Eiskratzer freimachen mussten. Oder der alte Sportplatz beim ASKÖ Mauthausen – dort musste man während der Partie eine Längsseite aufgrund der Gefahr von Steinschlag wegen des angrenzenden Steinbruches verlassen.
Bist Du bewusst überwiegend im Amateurbereich unterwegs – und nicht auf der Profiebene?
Ja. Die Preise sind im Amateurbereich noch leistbarer, man kommt viel mehr mit den Menschen ins Gespräch und erlebt einfach viel mehr als bei einem klassischen Besuch im großen Stadion. Viel Erlebnis für weitaus weniger Aufwand!
„Der moderne Fußball ist nicht ganz schlecht““
Reizt Dich eine Großveranstaltung wie die derzeit laufende WM 2026?
Ich bin überhaupt kein Fan von Länderspielen im generellen Sinne – es werden maximal die Ergebnisse gelesen. Diese Großereignisse sind zu hinterfragen – alleine, wenn ich die Preise für Tickets, Unterkunft und alles, was dazu gehört, sehe.
Wie siehst Du als offensichtlicher Fußballromantiker grundsätzlich den modernen Fußball? Nur noch Kommerz – oder die verdiente Bühne für König Fußball?
Der moderne Fußball ist nicht ganz schlecht. Aber es wäre besser, zurück zu den Basics zu gehen und den Fußball wieder leistbarer zu machen. Dann haben alle die Möglichkeit, dieses Art von Erlebnis zu erfahren.
Gerade Österreich ist auf Amateurebene im Vergleich zu Deutschland und Tschechien verstärkt im monetären Bereich unterwegs. Verabschiedet sich die Alpenrepublik somit mehr und mehr von der Basis?
Teilweise ja – man merkt es an den extremen Kostenexplosionen und Vereinsauflösungen, weil es schlichtweg nicht mehr leistbar ist, eine Mannschaft zu haben. Verrückte Spielergehälter mit Bonuszahlungen sind eine Sache, die leider zu sehr im Amateurfußball verankert ist…
Welche Unterschiede stellst Du zwischen dem Amateurfußball in Österreich, Deutschland und Tschechien fest?
In Deutschland und Österreich sind die Preise für Eintritt, Speis und Trank schon hoch. Ansonsten ist der friedliche Besuch an sich und die Gastfreundschaft immer sehr groß. Das ist für Groundhopper nicht selbstverständlich!
In Tschechien scheint die Welt stehen geblieben zu sein…
Wo wird noch der ehrlichste Fußball gespielt?
Ganz klar in Tschechien – hier scheint oft die Zeit stehengeblieben zu sein. Günstige Preise, der alte ehrliche Fußball – Nostalgie pur für manche, die noch die anderen Zeiten erlebt haben.
Abschließend der obligatorische Blick in die Zukunft: Wohin geht die (Fußball-)Reise für „Amatzka“?
Ich möchte in den nächsten 17 Jahren – also bis zum meinem 50. Geburtstag – Österreich auf Verbandsebene komplettiert haben. Danach lege ich den Fokus auf Tschechien – oder ich sammle neue Länderpunkte, um auch in diesem Bereich voranzukommen.
Danke für das Interview. Für die Zukunft viel Erfolg, Spaß und vor allem Grounds!
Die Fragen stellte: Helmut Weigerstorfer
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