Eingebettet in die raue Landschaft des Böhmerwaldes, lagen einst die Dörfer Ober- und Unterlichtbuchet (Horní a Dolni Světlé Hory) – im Dialekt „Lebuachert“ genannt. Geprägt von dichten Wäldern, sanften Höhenzügen und zahlreichen Bächen entwickelte sich hier über lange Jahre hinweg eine weit verstreute Siedlung, deren Spuren heute nur noch teilweise sichtbar sind.

Das Gebiet von Lichtbuchet erstreckte sich im sogenannten Kuschwarder Kessel, in dem mehrere Bäche zusammenfließen. Umrahmt wurde die Landschaft von den Scheiblingbergen und dem Richtsteig, deren bewaldete Hänge das Landschaftsbild bestimmten. Moore, Filze und feuchte Wiesen prägten den Boden – Hinweise darauf liefern noch heute zahlreiche Flurnamen.
Die Ortsteile wie Haselberg, Hamsberg oder die Formhäuser lagen verstreut auf sonnigen Hängen oder kleinen Anhöhen. Verbunden durch einfache Wege, entstand ein typisches Straßendorf mit weit auseinanderliegenden Höfen. Mühlen entlang der Bäche sowie kleine Gemeinschaftsweiden gehörten zum Alltag der Bewohner.
Leben in einer abgelegenen Siedlung

Oberlichtbuchet wurde Ende des 18. Jahrhunderts als Holzhauerdorf gegründet. Bis zu 600 Menschen lebten hier in rund 95 Häusern. Das Dorf verfügte über Gasthäuser, Geschäfte, Handwerksbetriebe und sogar eine eigene Käserei, deren „Irgl-Kas“ über die Region hinaus bekannt war.
Unterlichtbuchet entstand bereits um 1760, nachdem Fürst Schwarzenberg die Besiedlung genehmigt hatte. Die Bewohner lebten vor allem von Landwirtschaft und Waldarbeit. Trotz der abgelegenen Lage bestand reger Kontakt zum benachbarten bayerischen Ort Mitterfirmiansreut, nur getrennt durch einen Grenzbach.
Der Name „Lichtbuchet“ verweist vermutlich auf lichte Buchenwälder, die einst die Hänge bedeckten. Viele Flurnamen erzählen bis heute von der Beschaffenheit des Geländes oder der Nutzung durch den Menschen – von sumpfigen Filzen über steinige Höhen bis hin zu ehemaligen Jagdgebieten.
Natur, Namen und Geschichte
Historische Quellen belegen, dass die Besiedlung zwischen 1700 und 1760 begann. In ihrer Blütezeit lebten bis zu 900 Menschen in der Gemeinde, die sich über mehrere Kilometer erstreckte.
Der Zweite Weltkrieg markierte einen tiefen Einschnitt: Nach 1945 wurden die Bewohner vertrieben und mussten ihre Heimat verlassen. Zurück blieben nur Grundmauern, Terrassen und vereinzelte Obstbäume. Auch das einstige Schulhaus steht heute als Ruine am Wegesrand.
Heute sind Ober- und Unterlichtbuchet vor allem Orte der Erinnerung. Die Landschaft mit ihren alten Wegen, Flurnamen und Relikten erzählt noch immer von einem einst lebendigen Dorfleben. Zwischen Wald und Wiesen lässt sich die Geschichte einer Siedlung nachspüren, die eng mit der Natur verbunden war – und schließlich im Strudel der Zeit verschwand.
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Zeitzeugenbericht von Anni Neubauer
1934 kam ich als Erstgeborene in Oberlichtbuchet zur Welt. Mein Heimatdorf lag im Böhmerwald nahe der Grenze zum Bayerischen Wald. Von unserm Hof aus konnte man nach Bayern schauen.
Meine Familie lebte seit Generationen auf dem landwirtschaftlichen Hof, den mein Vater Ludwig Neubauer weiterführte. In unserer Gegend war es üblich, dass jeder einen Hausnamen hatte. Der konnte vom Nachnamen stark abweichen. Ludwig Neubauer war bekannt unter dem Namen „Hansei Ludwig“.
Meine Mutter war Josefa Neubauer, geb. Heinzl. Sie kam aus dem Dorf Oberschlag aus der Gemeinde Sablat. Zu der Zeit hatte ich noch drei kleine Schwestern: Herta, Anni und Elfriede. Ida wurde erst 1945 geboren. Als Nachzügler folgte 1952 dann noch unsere Jüngste, Josefa. Da lebten wir aber bereits in Bayern.
Die ersten Skier mit sechs Jahren

Mein Vater war ein leidenschaftlicher Bauer. Wenn im Winter die Feldarbeit ruhen musste, schnitzte er für unsere Familie Holzschuhe. Er hat auch viele davon verkauft. Er konnte sehr gut mit Holz arbeiten. Als ich sechs Jahre alt war, bekam ich meine ersten Skier von ihm geschenkt.
Bei uns im Haus wohnten die Großmütter mütterlicher- und väterlicherseits. Für uns Kinder waren beide die „Nala“. Sie und meine Mutter haben in der kalten Jahreszeit in der Stube gearbeitet. Wenn die Tiere versorgt waren, wurde Schafwolle gesponnen und wurden Gänsefedern geschlissen.
Unsere Felder lagen alle nicht weit vom Hof entfernt, so dass man sie gut zu Fuß erreichen konnte. Es wurde alles angebaut, was dem rauen Klima im Böhmerwald Stand hielt: Roggen und Gerste, Hafer, Lein, Mohn – und auch Tabak wurde ausgesät.
Die Kirschbäume stehen noch heute
Meine Eltern haben auch Torf gestochen. Das war eine sehr mühsame Arbeit. Der Torf wurde zum Einstreuen verwendet oder als Brennstoff. Wenn wir Kinder dabei waren, haben wir dann Moosbeeren gesammelt. Die haben geschmeckt wie Stachelbeeren, nur süßer.
Im Gemüsegarten wuchsen Gurken, Karotten, Rote Beete, Kohlrabi, Bohnen, Erbsen, Kohl, Spinat und Salat. Zum Konservieren hat man die Früchte eingekocht. Auch das Beerenobst wurde so haltbar gemacht oder zu Marmelade verarbeitet. Wir hatten Johannisbeeren, Erdbeeren, Himbeeren, Brombeeren, Preiselbeeren – und meine Lieblinge: Heidelbeeren. Im Garten hatte mein Vater Kirschbäume gepflanzt. Obwohl das Sauerkirschen waren, schmeckten die unwiderstehlich gut. Die Kirschbäume stehen noch heute.
Im Spätsommer ging ich oft mit meinem Vater in den Wald Pilze sammeln. In unseren Wäldern gab es Unmengen davon. Er hat mir beigebracht, welche Pilze essbar sind und welche man besser stehen lässt.
„Blasl, wir gehen heim“

Wir hatten im Stall sechs Kühe stehen, die hatten alle Namen. Das waren die Mirzl, die Sterndl, die Liesl, die Weddi, die Lori und die Blasl. Die Blasl war die Leitkuh. Wenn ich allein auf der Weide die Kühe und die Schafe gehütet habe, musste ich abends nur sagen „Blasl, wir gehen heim“. Dann setzte sie sich in Bewegung nach Hause zum Melken – und alle Kühe trotteten ihr hinterher. Die Schafe schlossen sich dem Zug an. Unser Nachbar rief mir belustigt zu: „Die hast du aber gut dressiert!“
Einmal hat mein Vater mit mir geschimpft. Ich habe den Wagen gelenkt mit zwei Kühen. Da bin ich auf dem Bock gestanden und habe die Zugtiere angetrieben. Bei voller Fahrt ist mir der Wind um die Ohren geweht und die Euter der armen Tiere sind hin und her geschaukelt, dass die Milch rauspritzte.
Als ich zehn war, hat mir Vater eine kleine Sense gemacht. Damit durfte ich selbst mähen. Mit dem Gras hab ich die Ferkel und die Lämmer gefüttert. Das war dann meine Aufgabe.
Sonntags gab es Bier für den Vater
Ich habe meinem Vater immer gerne bei der Feldarbeit geholfen. Um mich bei Laune zu halten, hat er Geschichten erzählt und wir haben zusammen gesungen. Er hat auch mit mir Kopfrechnen bei der Arbeit geübt.
Meine Großmütter haben den Haushalt gemacht, die Kinder gehütet und für uns gekocht. Tagsüber gabs überwiegend Mehlspeisen zum Essen, abends dann eine Brotzeit mit Käse und Wurst. Wir haben auch gerne Sülze gegessen. Sonntags wurde ein Schweinsbraten oder Fleisch vom Schaf auf den Tisch gestellt. Dazu aßen wir Knödel und Kraut oder Salat.
Zum Trinken gabs Quellwasser, Milch oder Holundersaft. Buttermilch und Molke haben wir auch selbst hergestellt. Sonntags habe ich für meinen Vater in unserem Kaufladen frisches Bier geholt. Das wurde in eine Milchkanne gefüllt und ich trug es heim. Einmal habe ich davon probiert – und gleich alles wieder ausgespuckt. Von da an hat mir unser Vater leidgetan, dass er so etwas Scheußliches trinken muss…
Die Kühe waren so freundlich und gutmütig
Im Sommer bei der Heuernte, ich war elf Jahre alt, war die ganze Familie auf dem Feld. Mich hat der Vater heimgeschickt, ich soll die Kühe einspannen und den Wagen holen, damit wir das trockene Heu nach Hause bringen können. Wir haben die Kühe für die ganze Feldarbeit eingesetzt. Ochsen oder gar Pferde konnten wir uns nicht leisten.
Also nahm ich meine zwei kleinen Schwesterchen bei den Händen und bin losgelaufen. Das Aufschirren der Kühe und das Anspannen am Wagen haben mir keine Schwierigkeiten bereitet. Die Kühe waren so freundlich und gutmütig. Wenn man ihnen gut zuredete, haben die Tiere gefolgt.
Leider hat das bei der Elfriede nicht geklappt. Sie wollte einfach nicht still sitzen. Wir sind dann losgelaufen und Elfriede plärrte die ganze Strecke fürchterlich. Am Ende habe ich es trotzdem geschafft – und das Heu konnte aufgeladen werden.
Die Schule hatte sogar ein Biologiezimmer

Wir hatten in Oberlichtbuchet eine neu gebaute Dorfschule. Sie galt für uns als sehr modern eingerichtet, weil das Gebäude sogar mit einem Biologiezimmer ausgestattet war. Unterrichtet wurden die Grundschulklassen eins bis vier. Wir waren alle zusammen zirka 40 Kinder, alle gemeinsam in einem Raum.
Unser Lehrer war Emil Spitzenberger. Er unterrichtete alle Schüler und alle Fächer außer Religion. Für den Religionsunterricht kam ein Pfarrer aus Kuschwarda. Leider ist mir der Name entfallen, aber ich weiß noch, dass er ein ganz lieber Mann gewesen ist. Der Lehrer war auch ein Guter. Man hat gemerkt, dass er die Kinder mag und seinen Beruf gerne ausgeübt hat. Ich habe den Emil immer geduzt. Er war ein Schulfreund meines Vaters. Er hat uns regelmäßig daheim besucht.
Meine besten Schulfreundinnen waren Erika Bauer („Gams Erika„), Elfriede Neubauer („Buidl Elfriede„), Angela Neubauer und Gretl Petern. Wir sind uns auch nach der Vertreibung immer treu geblieben.
„Jeden Tag eine gute Tat“
Am schönsten war es, wenn der Emil mit uns in die Natur gegangen ist und dort vor Ort Biologie unterrichtet hat. Ich weiß noch, dass wir uns einen Hirschkäfer angesehen haben. Es gab so viele damals. Ich hatte den Eindruck, als wüsste Emil alles. Das war alles so interessant und spannend.
Fester Bestandteil unserer regelmäßigen Exkursionen war auch das Musizieren. Wenn das Wetter schön war, setzten wir uns alle an den Waldrand auf eine Wiese und sangen „Das Wandern ist des Müllers Lust“ oder „Ade, lieb Heimatland“. Der Emil hat uns dann mit der Gitarre oder mit der Ziehharmonika begleitet.
Das Motto von Emil Spitzenberger war: „Jeden Tag eine gute Tat“. Und so kam es, dass er uns nach dem Unterricht zu einem ganz besonderen Streich angestiftet hat.
Die Heinzelmännchen?
Bei der Heumahd hat man damals frühmorgens die Wiese mit der Sense gemäht. Wenn auf dem Gras der Morgentau lag, ist das Mähen leichter gewesen. Gegen Abend hat man das angetrocknete Gras dann aufgehäufelt. Wir haben „Heedern“ dazu gesagt. Am nächsten Tag hat man das halbdürre Heu dann wieder auf der Wiese zum Trocknen verteilt. Wenn das Wetter gut war, konnte man dann nachmittags das trockene Heu einfahren.
Unser Lehrer ist morgens mit uns auf die Felder und wir haben die ganzen Heedern auf der Wiese verteilt. Als dann die Bauern kamen, war die Arbeit schon getan. Das haben wir ein paar Mal so wiederholt. Doch bevor die Leute an Heinzelmännchen glaubten, ist die Sache aufgeflogen…
Anni Neubauer und Rudolf Hartauer
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Gemeinsam mit „Der Böhmerwald – Natur, Kultur, Geschichte„ begibt sich das Onlinemagazin da Hog’n in nächster Zeit auf Erkundungstour: Im Rahmen der Serie „Verschwundenes Behm“ werden die Dörfer thematisiert, die auf tschechischer Seite in Folge der Vertreibung der deutschen Bevölkerung nach Ende des Zweiten Weltkrieges erst verlassen und dann zerstört worden sind. Gegen das Vergessen, für ein bayerisch-böhmisches Miteinander…
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