Neuburg am Inn. Schwalben sind Boten des Frühlings. Sie gelten als Glücksbringer, als Symbol für Liebe, Treue und Freiheit. In katholischen Gegenden weiß man, sie kommen mit Mariä Verkündigung Ende März und fliegen im September mit Mariä Geburt wieder fort. An ihrem Flug lesen die Bauern das Wetter ab – und seit jeher symbolisieren Tattoos von Schwalben bei Seeleuten die Hoffnung auf eine glückliche Heimkehr. Aber auch den Glauben, dass es eine Schwalbe sein wird, die ihre Seele in den Himmel trägt.

Auch für Brigitte Friedrich – Bildhauerin und Kunsterzieherin – sind Schwalben Seelenvögel. Sie wuchs auf einem Bauernhof in Höch bei Neuburg am Inn auf, wo sie heute wieder lebt. Am Hoftor erzählt sie mit Blick in die Ferne, wie sie als Kind nahe beim Misthaufen auf einem kleinen Pfahl saß, dem Sonnenuntergang über den Alpen zusah und dachte: „Das zusammen mit dem Himmel ist die Welt.“
In diese Welt gehörten auch die jährlich wiederkehrenden Schwalben, die im Kuhstall nisteten und ihre stets hungrigen Jungen versorgten. Und schon als Kind staunte Brigitte Friedrich darüber, dass diese zarten Wesen den Flug über die Alpen nach Afrika meistern. „Der Schwalbenmythos ist etwas, das mir zu jeder Lebensphase etwas gegeben hat“, sagt sie. „Auf der einen Seite der Blick auf die Mühsal des Lebens, auf der anderen Seite meine Sehnsucht nach Leichtigkeit.“
In der Miniatur die Welt begreifen

In ihrem bildhauerischen Werk – das sich in erster Linie mit Tieren auseinandersetzt – kehren Schwalben in den unterschiedlichsten Formen immer wieder: Zart, winzig klein auf einem Stab balancierend zeigen sie sich ganz naturgetreu. Sie werden aber auch zu Mischwesen irgendwo zwischen Schwalbe und Frau. Dann stehen sie aufrecht oder knien. Die weibliche Brust und der Vogelkörper verschmelzen. Eine Metamorphose, die dem Betrachter auf faszinierende Weise Verletzlichkeit und Stärke, Innehalten und Aufbruch vermittelt.
Fast alle Werke der Künstlerin sind kaum größer als eine Hand. Diese Liebe zur Miniatur rührt schon aus Kinderzeiten. „Seit jeher habe ich eine Faszination an Dingen, die klein sind, und habe mich zum Mikrokosmos hingezogen gefühlt. Ein Tautropfen, eine Blüte von Innen – darin findet eine Welt statt.“ Als sie in der Schule Plastilin kennenlernt, beginnt sie eine ganze Menagerie an Tierminiaturen zu schaffen, die sie sorgsam in einer Tabakdose des Vaters aufbewahrt.
Tatsächlich ähnelt es dem kindlichen Arbeiten mit Knete, wenn sie heute sorgfältig aus Bildhauerwachs kleine Wale, Eisbären, Raben, Hasen, Elefanten, Waldrappe, Wüstenfüchse oder Falter für den späteren Bronzeguss formt. „Der Wunsch, nochmal nachzuvollziehen, was draußen in der Natur ist, und mich selbst darin zu entdecken, steckt bis heute in mir drin. Es geht darum, die Natur zu begreifen und bei mir zu behalten.“
Adalbert Stauber und Ludwig Gosewitz als Lehrmeister

Selbst wenn die Figuren von Brigitte Friedrich keine Bewegung zeigen, ist ihnen doch eine gespannte Aufmerksamkeit eingeschrieben, die schon vom nächsten Augenblick erzählt. Der Wüstenfuchs scheint bereit zu sein, seine Ohren zu bewegen. Der Puma kann in der nächsten Sekunde zur Flucht ansetzen.
Bei Ausstellungen von Brigitte Friedrich kann man beobachten, dass die Besucherinnen und Besucher immer wieder zu einzelnen Objekten zurückkehren. Als könnten sie sich nur schwer lösen oder müssten sich noch verabschieden. Ganz offensichtlich führt die Nähe, die notwendig ist, um die Figuren zu erfassen, zu einem besonderen Dialog zwischen Kunstwerk und Mensch, der auch den Wunsch einschließt, diese Wesen in der Hand zu halten, um den Gegensatz von Zartheit und Schwere haptisch zu spüren.
Die Idee von Brigitte Friedrich, nach dem Abitur Restauratorin zu werden, hat sich zerschlagen. Stattdessen machte sie eine Lehre zur Glasschleiferin bei Adalbert Stauber, der auch ihr zeichnerisches Talent förderte. Nach einigen Semestern Kunstgeschichte und Kunstpädagogik wurde sie an der Akademie der Bildenden Künste in München in die Glasklasse von Professor Ludwig Gosewitz aufgenommen. So sehr die Studentin das freie Leben an der Akademie schätzte, so wenig Zugang fand sie zum Material Glas. Trotzdem machte sie dort ihr Diplom. Sie beendete zusätzlich ihr Kunstgeschichtsstudium. Gleichzeitig wendete sich von der Idee ab, als freischaffende Künstlerin zu arbeiten.
Abschied, Werden, Weiblichkeit

Friedrichs Vater, der selbst gerne zeichnete und seinen beiden Töchtern für alles Künstlerische viel Anerkennung zollte, starb früh. Die Mutter stand wie ein Fels in der Brandung hinter ihren Kindern. „Ich habe mich verwurzeln dürfen“, sagt die Künstlerin heute über ihre Kindheit – und die Geborgenheit von Kuhstall und Sternenhimmel trägt sie bis heute.
Drei Kinder, die erfüllende Arbeit als Kunsterzieherin am Gymnasium, Scheidung, die Rückkehr auf den elterlichen Hof: Viele Jahre lang ist wenig Raum für die eigene künstlerische Entwicklung. 2017 – Brigitte Friedrich ist 52 Jahre alt – machte sie in ihrem Sabbatjahr einen Bronzebildhauerkurs in Umbrien und erlebte einen entscheidenden Moment:
„Ich hatte schon so lange in mir die Sehnsucht, dreidimensional zu arbeiten. Diese eine Woche hat dann alles in mir freigesetzt, was mich bis heute nicht mehr loslässt.“ Ihre erste Bronzearbeit war ein kleines Pferd, als Symbol für Neubeginn und Lebenskraft.
Brigitte Friedrich schaut sehr genau hin und setzt sich mit ihren Themen auch wissenschaftlich fundiert auseinander. Sie ist belesen in den Naturwissenschaften, hat eine große Liebe zur Antike und eine tiefe Leidenschaft für die Geschichte der Kunst. Dabei sind Weiblichkeit und die Rolle der Frau immer wichtige Aspekte. Intensiv befasste sie sich beispielsweise mit dem Mythos der Medusa, die von männlicher Seite als grausam verunglimpft wurde. Ihre Gestaltung des Medusenhaupts erinnert dagegen an eine sanft schlafende Muse, und das berühmte Schlangenhaar steht für Weisheit und Ewigkeit.
„Das Nichts macht etwas mit dir“

Sehr berührend ist auch das Werk „Die Tödin“. Ein als weiblich zu erkennendes Miniaturskelett, das ganz in der Tradition der „Tödlein“-Figuren in der Barockzeit steht: „Sie ist meine persönliche Auseinandersetzung mit dem Tod. Ich wollte ein konkretes, aber tröstliches Bild haben. Der Kopf ist leicht geneigt, die Hand ist zum Streicheln ausgestreckt. Ich wollte die Verletzlichkeit des Todes zeigen – aber auch seine weibliche Seite. Das war mit sehr wichtig, weil wir Frauen näher an diesem Werden, Entstehen und Sterben dran sind als die Männer.“
Um Abschied und Werden geht es für Brigitte Friedich auch beim Bronzeguss. „In dem Moment, wo das Wachs aus der Negativform ausgeschmolzen wird, hast du nur das Nichts. Dieses Nichts, und dass du dich zuerst noch einmal verabschieden musst, das macht etwas mit dir. Wenn dann die flüssige Bronze hineingegossen wird und die sogenannte verlorene Form ausfüllt, ist das wie eine Geburt, bei der du nicht weißt, was genau herauskommt. Es sind immer Unwägbarkeit und Fragilität dabei – das bildet das Leben sehr stark ab.“
Bronzeguss-Meister Bernhard Fink – der schon den Bronzebildhauerkurs in Umbrien mitgestaltet hat – ist für die Künstlerin ein kongenialer Partner, der ihre Visionen nicht nur umsetzt, sondern auch beflügelt. Für ihn ist es eine besondere Herausforderung, dass die Plastiken an der Grenze zur Goldschmiedearbeit sind.
Trotz der Liebe zur Arbeit mit Bronze möchte sich Brigitte Friedrich zukünftig auch in Holz oder Stein ausprobieren – vielleicht auch wieder mehr malen oder zeichnen: „Mein Luxus ist, dass ich spielerisch arbeiten kann – wie ein Kind. Dass ich ganz ich selbst sein kann und niemand anderen bedienen muss“, sagt sie lächelnd. Das muss die Schwalbenfreiheit sein, die sie in sich spürt.
Regina Kremsreiter
(Erstveröffentlichung in: Schöner Bayerischer Wald)
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