Rinchnach. Das 15 Jahre lange Warten hatte am vergangenen Samstag endlich ein Ende: Mit der Premiere der Gunther-Festspiele startete die Zeitreise zurück ins Jahr 1.000, das Gründungsjahr von Rinchnach. Bereits seit März wurde für diesen Moment geprobt. Auf dem Weg zur Doppelbühne, die der Vorstand des Guntherbundes Kurt König, der zweite Vorsitzende Roland Trum sowie zahlreiche Helfer in weit über 1.000 ehrenamtlichen Stunden errichtet hatten, wurden die zahlreichen Zuschauerinnen und Zuschauer von Buben und Mädchen in Empfang genommen, die das Programmheft verteilten.

Julian Niedermeier hatte im Vorfeld einiges zu stemmen, wie da Hog’n bereits berichtete. Der 34-jährige Landshuter, der bei den Luisenfestspielen in Wunsiedel selbst als Schauspieler auf der Bühne steht, ist auch als Regisseur gefragt. Auf die Stellenausschreibung in Rinchnach wurde er über eine WhatsApp-Gruppe von Schauspielern aufmerksam. Er sah die Aufnahme von 2011 und lernte viel über die Hauptfigur Gunther (gespielt von Tobias Bayerl, Jürgen Hamperl, Josef Schmid), über die es historisch jedoch nicht allzu viele Fakten gibt.
„So haben wir eine Geschichte geschrieben, die auch Fiktion beinhaltet. Sie knüpft an eine Idee der vorigen Autorin Regina Wenig an, die Gunther eine Frau vergewaltigen lässt“, erklärt Niedermeier dazu und ergänzt: „So wollte ich es aber nicht stehen lassen und fragte: Kann man jemandem vergeben? Ich wollte ihn nicht einseitig zeigen, sondern als vom Krieg geprägt, mit posttraumatischen Belastungsstörungen.“
„Für die Zuschauer bleibt die Frage offen“
Das Vergewaltigungsopfer Swidmuth (gespielt von Magdalena Raith) symbolisiert als Rachegeist seine Traumata und Schuldgefühle. „Kann man einem Mann, der viel Gutes geleistet hat, vergeben?“ Jene Frage stellt sich am Schluss. „Ich glaube: Nein, doch für die Zuschauer bleibt sie offen“, verrät der Regisseur und fügt hinzu: „Gunther geht in das Kloster, um zu büßen. Wir nahmen als Motivation den Krieg, die vielen Menschen, die er getötet hat.“

Unterstützt wurde Niedermeier von Isabella König und Regieassistentin Karin Köppl, die auch den jährlichen Osterritt in Regen organisiert. Die Maske mit Michaela Tanzer, Corinna Brunnbauer, Melanie Stockbauer leistete Grandioses, denn sie ließen alle Schauspieler während des Stückes um Jahrzehnte altern. Nur die Hauptfigur Gunther wurde in den drei Lebenslagen von drei Schauspielern dargestellt, während Barbara Bielmeier mit den Kostümen überzeugte.
Insgesamt stehen 63 Schauspielerinnen und Schauspieler auf der Bühne, während das gesamte Team hinter den Kulissen stolze einhundert Personen zählt. „Der Krieg mit den Leuten, die im Kreis in die Knochenmühle gehen – immer mehr brechen weg, immer schwerer fällt es ihnen“, beschreibt der Jung-Regisseuer seine Lieblingsszenen.
Auch Kurt König favorisiert die Sequenzen mit großer Besetzung. „Vereinszweck des Guntherbundes ist, die Geschichte des Ortes lebendig zu erhalten“, betont er. Er könne sich eine Aufführung der Gunther-Festspiele im Vier-Jahres-Rhythmus sehr gut vorstellen und hegt die Hoffnung, in den Zwischenjahren weitere Stücke aufzuführen. Der starke Zusammenhalt des Ensembles berührt ihn so tief, dass er beim Erzählen glänzende Augen bekommt.
„Man hört über den neuen Regisseur nur Gutes!“

Angetan zeigt sich auch Bürgermeisterin Simone Hilz: „Ich bin beeindruckt. Alle Besucher sind begeistert. Man spürt die Freude. Wir Rinchnacher identifizieren uns sehr mit unserer Geschichte. Ich finde es sehr wichtig, dies immer wieder auf die Bühne zu bringen. Es ist ein megagroßer Aufwand, der dahintersteckt, ich ziehe meinen Hut“, lobt sie die Schauspielfamilie. Und Altbürgermeister Michael Schaller, der dem Stück vorab sehr gespannt entgegenblickte, betont: „Man hört über den neuen Regisseur nur Gutes!“
Die Gaukler, Krieger, Mönche, Kinder, Siedler und Pferde strömen jedenfalls aus allen erdenklichen Richtungen herbei – von links, von rechts, von der Wiese, aus dem Wald – und sogar von der Burg. Auf dem weitläufigen Areal der Bühne gibt es für die Zuschauer im Grunde ständig etwas Neues zu entdecken. Dank der stimmungsvollen Lichteffekte von Wolfgang Förster, Fabian Mühlbauer und Johnathan Zejewski sowie der untermalenden Musik von Dr. Johannes Molz wird die ohnehin packende Atmosphäre noch intensiver wahrgenommen. Das Publikum kommt dabei voll auf seine Kosten: Es wird gelacht, wenn die Gaukler ihre Späße machen, aber es gibt auch sehr nachdenkliche Momente über das Thema Leibeigenschaft, verdeutlicht durch Zitate wie „Du warst mein Eigentum, sonst nix“, gerichtet an die vergewaltigte Swidmuth.
Gunther, der anfangs als gewissenlos, kampfesmutig, maßlos und stolz gezeichnet wird, findet nach 20 Jahren des Krieges keine innere Ruhe mehr. Ihn quält die Frage, was aus den hungernden Bauern geworden ist, denen die Armee das Vieh weggenommen hat. Er erzählt voller Reue davon, dass im feindlichen Heer zuletzt nur noch Kinder statt Männer kämpften, die er töten musste. „Der Krieg ist nicht ritterlich“, fasst er zusammen. Von seiner Jugendliebe Roswitha wird er als „still, verbittert, verzweifelt und enttäuscht“ beschrieben. Da er keinen Halt mehr findet, beschließt er, sein Leben als Reichsgraf hinter sich zu lassen und mittellos ins Kloster einzutreten: „Ich habe lange befohlen. Nun will ich gehorchen.“
„Versöhnung soll immer das letzte Wort sein!“
Doch auch als niederster Laienbruder, der in Niederalteich sein Gelübde ablegt, stellt sich das Glück bei Gunther nicht ein. Er beneidet Jesus, der bereits mit 33 Jahren ins Paradies einzog, während er selbst älter geworden ist, als es damals üblich war. „Ich kann nicht mehr. Ich will nicht mehr“, klagt er wahlweise seinem personifizierten Gewissen, Gott oder Swidmuth. Als wiederkehrendes Motiv wird dabei thematisiert, dass Gunther weder lesen noch schreiben kann.
Die düstere Stimmung lockert sich, wenn Bruder Tammo (Simon Bauer) erfolglos versucht, Blinde sehend zu machen – und er mit Ausrufen wie „Du hast nicht genug daran geglaubt!“ oder „Streng dich besser an!“ seine Fassade zu retten versucht. Zum Finale des Stücks betont Gunther schließlich: „Versöhnung soll immer das letzte Wort sein!“ – eine Botschaft, mit der er die begeisterten Zuschauerinnen und Zuschauer entlässt, die viele Parallelen zwischen dem historischen Krieg und der Gegenwart ziehen können…
Marika Hartl
- Die weiteren Aufführungstermine: 3., 5., 6., 11., 12., 13., 19. und 20. Juni jeweils um 20. 30 Uhr








