Viechtach/Prackenbach/Lehen. Nach einem schnellen Sprint um die Ecke heißt es: Kopf runter! „Ihr wartet hier, i geh hin und regle das!“ Leichtfüßig eilt Michael Fleischmann auf den Bewegungsmelder zu und wirft ein Tuch darüber. Sobald der Hof wieder in tiefe Finsternis getaucht ist, richten sich 15 schattige Gestalten auf. Leise bewegen sie sich auf das Objekt ihrer Begierde zu, das in einigen Metern Höhe unter dem Dachüberstand des Viechtacher Bauhofs baumelt: der Maibaum. „Hm, genau wie vor 13 Jahren. Dann wiss ma ja, was ma zu tun haben!“

Der Koordinator der Maibaumdiebe grinst. Mit einer Leiter steigt er nach oben, balanciert auf dem 28 Meter langen Stamm und bringt Flaschenzüge an. Alles hört auf sein Kommando: „Und zuing!“ Als das Diebesgut auf dem Boden ankommt, herrscht erste Erleichterung, Freude, Adrenalin.
„Hee, des is unser Baum!“, rufen sie in Richtung einer weiteren sich anschleichenden Diebesgruppe, die daraufhin eilig das Weite sucht. Schnell werden noch die Spuren beseitigt, dann wartet ein Kraftakt. Gemeinsam heben die Langfinger aus der Gemeinde Prackenbach den schätzungsweise 800 Kilo schweren Maibaum hoch – und machen sich auf den Weg zum Warteplatz eines kleinen Anhängers, der geschwind mit dem Bulldog außerhalb der Viechtacher Stadtgrenze gebracht wird. Ein weiteres Mal haben sie den Maibaum der Stadt erfolgreich gestohlen. Auch die beiden großen Reisebusse, die zur Sicherung vor dem Tor geparkt waren, konnten sie heuer nicht aufhalten. Jahrelange Übung und Erfahrung eben.
250 Liter Bier und ein 50 Kilo-Spanferkel als Auslöse

So – oder so ähnlich – hat die Nacht auf den 30. April für die „Dorfjugend“ (und die etwas Älteren) aus Krailing und Prackenbach ausgesehen. Kürzlich fand die Auslöse des Maibaums im Ruhmannsdorfer Feuerwehrhaus statt: 250 Liter Bier und ein Spanferkel mit 50 Kilo durfte die Stadtverwaltung spendieren.
Warum sie den alten Brauch praktizieren? „Eine riesen Schinderei, riesen Gaudi – und am Schluss, wennst sagen kannst, du host’n, is richtig cool“, erklärt Michael Fleischmanns 13 Jahre jüngerer Cousin Sebastian Fleischmann mit einem Grinsen im Gesicht. „Dass ma einfach aa mitreden können und ned nur die G’schichten und Prahlereien von den Alten hören“, fügt Quirin Vogl (22) schelmisch dazu. Und der „Alte“ in der Reihe ergänzt: „Eigentlich total sinnlos, aber einfach a richtig sauberne Sach!“
Lachend zuckt der Maibaumdiebe-Chef und nun Lehrer der nächsten Generation in seiner typischen Weise die Schultern und legt die Hände in den Schoß. Die drei sitzen auf der Eckbank im alten Troidkasten des Bauernhofs in Lehen am Rande der Gemeinde Prackenbach, der zur Stube umfunktioniert wurde. Ausgangspunkt für so manchen „Beutezug“.
„Und wenn doch, dann passiert aa nix“

Der 33-jährige Michael Fleischmann, stilecht in Arbeitsklamotten und „Schlappern“, klaute während seiner Laufbahn schon so manchen Maibaum, darunter den aus Viechtach, Tresdorf, Reichsdorf oder Wolfersdorf. Heuer erstmals auch den Prackenbacher. „Du derfst ned fürchten, dass‘ dich erwischen. Ruhig bleiben. Und wenn doch, dann passiert aa nix“, gibt er den Tipp, den er als am wichtigsten erachtet.
Oft sei die Gaudi, nachdem die „Aufpasser“ erfolgreich Maibaumdiebe schnappen, genauso groß wie eine Feier zur Auslöse. Das Thema Sicherheit sei eine schwierige Sach, „meist passt ma auf de anderen mehr auf, als auf sich selber“, sagt er – und zieht die Augenbrauen fast bis zum Haaransatz hoch. Mit den Jahren werde man durchaus risikofreudiger.

„Anrumpeln tut ma so auch überall mal“, zeigt er grinsend die Schwielen an den Händen. „Einen Sicherheitsplan und eine Gefährdungsbeurteilung brauch ma ned aufstell’n“, stimmen auch die beiden „Lehrburschen“ schmunzelnd ein. Es sei halt Brauchtum – und das solle auch hochgehalten werden, sind sie sich alle einig. In den meisten Fällen nähmen es die Beklauten gut auf und freuten sich mit ihnen, eine Auslösefeier zu organisieren. So auch heuer wieder die Viechtacher.
Bereits bevor jemand telefonisch erreicht worden war, sei der Bauhof-Chef schon beim Versteck in einer Halle eines Prackenbacher Landwirts aufgetaucht. Die Forderungen seien amüsiert sofort angenommen worden, erinnert sich der 22-jährige Quirin Vogl, der eine Jacke mit Feuerwehraufdruck trägt. Bei Übungen oder Zusammenkünften der Ruhmannsdorfer Kameraden sei die Idee geboren worden: Die „Jungen“ wollen nun ins Maibaumgeschäft einsteigen. Erster Ansprechpartner ist natürlich derjenige, der zur Hoch-Zeit der Vorgängergeneration vorwiegend das Sagen hatte. Michael Fleischman meint dazu: „Da rucken’s aus zum Spionieren, dann holen’s doch mich und wollen a Expertenmeinung ham, ob das machbar ist.“ Im vergangenen Jahr schnappten sich die Jungen erstmals den Viechtafeller Maibaum, heuer wurde es dann mit Viechtach und Prackenbach eine ganze Spur größer.
Expertentipp: Lösungen statt Probleme sehen

„Eigentlich müssen’s nur a Gefühl dafür kriegen, was machbar ist und was ned.“ Spontan sein, alles individuell bewerten. „Ned Probleme sehen, sondern Lösungen“, gibt er seine Lebensweisheit weiter und untermauert sie mit einem Klatschen in die Hände. „Und: Nur einer kann anschaffen!“ Wenn mehrere das Kommando wollen, werde es meistens nix. Sebastian Fleischmann fügt hinzu: „Aber gleich wieder voll dabei waren’s schon, die ganzen Alten – die Älteren halt.“ Damit meint er die Generation jenseits der 30.
Die Grundausstattung ist dieselbe geblieben. Die Drei steigen die schmale, steile Stiege vom Troidkasten hinab zum Hof. Der Bulldog fährt vor und präsentiert einen unscheinbaren Anhänger. So leicht wie möglich und damit einfach zu schieben, so die Erklärung. Außerdem mit dabei: Spanngurte zum Festzurren des Stamms, damit nix passiert. Weitere Utensilien sind Flaschenzüge und „Schlupf“ (Rundschlingen) sowie Tücher zum Abdecken der Bewegungsmelder.
Beim Ablauf der Diebesnächte hat sich durchaus etwas verändert: Früher trafen sich pauschal einige potenzielle Diebe, saßen zusammen am umgebauten Troidkasten und warteten auf Anweisungen von den Teams, die im Auto unterwegs waren und auskundschafteten. Mittlerweile seien die meisten daheim und auf Abruf per Handy erreichbar. Ein absoluter Experten-Tipp lautet: Gleich bei der Spionage lauter sein und austesten, was passiert. Dann wisse man im Ernstfall, wie man reagieren könne.
Unterwegs sind die Diebe zumeist in den beiden Nächten vor dem 1. Mai. Geklaut werden darf in der Regel eine Nacht vor Aufstelldatum. Im Viechtacher Fall in der Nacht vom 29. auf den 30. April. Außerdem darf nichts kaputt gemacht werden – und die Auslöse-Forderungen sollten nicht utopisch sein.
„Zuerst werden die Kühe gefüttert, damit sie ruhig sind“

Auf die Frage nach Anekdoten schauen sich alle an und beginnen zu lachen. „A paar so Dramen hat’s schon gegeben, aber i woas ned, ob wir das jetzt schreiben sollen“, kichert Michael Fleischmann. Einmal sei man zum Beispiel im Kofferraum eines Autos gesessen und habe den Hänger per Hand gezogen, weil der Bulldog zu viel Aufmerksamkeit erregt hätte. Gang und Gäbe sei es, erst mal die Tiere zu füttern, wenn der Maibaum in einem Stall gelagert werde. „Die schreien ja sonst, weil’s meinen, sie kriegen was zum Fressen“, erklärt der Experte. „Da stehen dann a paar Leute mitten in der Nach und gabeln den Kühen Heu hin, de anderen kümmern sich derweil um den Baum.“
Neben der Pflege alter Traditionen finden die Drei noch etwas besonders toll: nämlich in der heutiger Zeit Leute zusammen zu trommeln – und das mitten in der Nacht. Und bereit, trotz Arbeit am nächsten Tag schlaflos zu bleiben und mitzuhelfen. Die Gemeinschaft und den Zusammenhalt zu pflegen. „Die Jungen waren schon wieder ein Anreiz“, blickt Michael Fleischmann zurück auf einige Jahre „Pause“, vorwiegend aufgrund von vielen Familiengründungen, die das nächtliche Ausrücken durchaus erschweren.
Wofür alle kein Verständnis haben, ist eine negative Reaktion auf eine ihrer Diebestouren. Das gehöre doch genauso dazu wie das Maibaumaufstellen selbst. „Wenn’s ned wollen, dass er geklaut wird, müssen’s halt besser aufpassen!“ Und damit eine weitere Tradition pflegen: die Maibaumwache.
Lisa Brem








