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Philippsreut. Seit 1935 ist das Wirtshaus „Zum Pfenniggeiger“ in Philippsreut im Familienbesitz. Heute führen Jürgen und Simone Fenzl das Haus – mit viel Eigenleistung, einem offenen Ohr für ihre Gäste und ihrer siebjährigen Tochter Emma, die die Steirische spielt. Ein Wirtshaus, das zeigt, wie Tradition und Wandel zusammengehen können.

Jürgen Fenzl gehört als Dorfwirt zu den wichtigsten Personen im Grenzort Philippsreut. Fotos: Stephen Hahn, Familie Fenzl

Philippsreut, ganz nah an der tschechischen Grenze: Wer hier aufgewachsen ist, kennt den Pfenniggeiger. Und wer mit dem Namen nichts anfangen kann, dem erzählt Jürgen Fenzl die Geschichte gerne selbst.

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In den Jahren vor dem Zweiten Weltkrieg kamen aus Böhmen Wandermusikanten über die Grenze, spielten auf Hochzeiten und Festen – für ein paar Pfennige. Im alten Wirtshaus im Ort machten sie Rast, spielten auf, strichen ihren kleinen Lohn ein und zogen weiter. Im Volksmund hieß die Ortschaft Philippsreut daher bald Pfenniggeiger-Häuser. „Das Wirtshaus hat den Namen übernommen und damit auch die Geschichte“, sagt Jürgen Fenzl. „Das gefällt mir daran.“

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Seit 1935 in Familienbesitz – eine Geschichte in vier Generationen

Das Haus ist seit 1935 in Familienbesitz. Davor war es das Gasthaus Lidl, das irgendwann an die Brauerei Lang in Freyung verkauft wurde. Jürgens Großeltern kauften es damals über die Brauerei zurück. Unter dem Namen Gasthaus Weichselsdorfer lief es jahrzehntelang weiter – mit kleiner Bäckerei, Gastwirtschaft und Landwirtschaft. Ein echter Allroundbetrieb, wie es ihn früher im ländlichen Raum überall gab.

In den 1970er-Jahren übernahm Jürgens Mutter den Betrieb von der Großmutter. Anfang der 1980er-Jahre musste das alte Wirtshaus einem Neubau weichen. Seit 1984 steht das heutige Gebäude an derselben Stelle, seitdem läuft es unter dem Namen „Zum Pfenniggeiger“. Jürgen Fenzl hat das Haus von seiner Mutter übernommen und führt es gemeinsam mit seiner Frau Simone. „Und mit unserer Tochter Emma.“

Mehrere Standbeine – damals wie heute

Das Wirtshaus ist ortsprägend – wort- und sprichwörtlich.

Früher brauchte man Bäckerei, Landwirtschaft und Gastwirtschaft gleichzeitig, um über die Runden zu kommen. Heute ist das ähnlich, nur mit anderen Zweigen. „Vom Bierausschank allein wär’s heute auch nicht mehr zu machen“, sagt Jürgen Fenzl. Also hat er das Haus erweitert: fünf Gästezimmer für Wanderer und Radfahrer, die auf dem Goldenen Steig oder der Trans-Bayerwald unterwegs sind. Wer ankommt, wird verpflegt, kann übernachten und am nächsten Morgen weiterwandern bzw. -fahren.

2015 kamen zwei Blockhäuser als Ferienwohnungen hinzu. Auch diese sind gut gebucht und werden laufend modernisiert. Jedes Blockhaus besitzt eine eigne Sauna, bald kommen Whirlpools dazu. Die Kombination aus Dorfwirtshaus, Beherbergung und Veranstaltungsstätte ist heute das, was den Betrieb trägt.

Hinzu kommen Catering und Partyservice für Feiern, die längst häufiger Zuhause stattfinden als im Wirtshaus. Partyzelt, Geschirr, Besteck, Speisen – das liefert Familie Fenzl auf Wunsch komplett an. „Das wird immer mehr“, sagt Jürgen Fenzl. „Da musst du dich den Umständen anpassen und flexibel sein.“

Stammtische, Schützen und der ewige Wahlabend

Die Chalets der Familie Fenzl sind inzwischen ein unverzichtbares Standbein.

Was ein Dorfwirtshaus vom Rest unterscheidet, ist das, was zwischen den Gästen passiert. Am Sonntagvormittag sitzt ein Stammtisch zusammen, abends die Kartler. Freitags kommen die Schützen – der Schützenverein hat eine eigene Schießanlage im Haus, Luftgewehr. Montags trainieren die Jungschützen. Am Donnerstag ist der Stammtisch „Gut Schluck“ zu Gast – seit über 30 Jahren. Am Montag trifft sich der 1860er-Fanklub „Grenzlandlöwen“. Das Wirtshaus ist Vereinsheim, Trainingslokal und Nachrichtenbörse in einem.

Der Stammtisch „Gut Schluck“ verdient eine nähere Betrachtung. Gegründet wurde er 1990 von jungen Burschen, die sich donnerstags nach der Arbeit trafen. „Die sind zum Teil die ganze Woche weg gewesen und dann am Donnerstag heimgekommen“, erinnert sich Jürgen Fenzl. Mit der Zeit hat der Stammtisch eigene Brauchtumsformen übernommen: Er organisiert den Faschingszug, hält überlieferte Bräuche wie das Maibaumaufstellen am Leben. Heute sind sie 16 Männer eine eingeschworene Runde, die sich seit Jahren kaum verändert hat. „Einmal haben die sogar einen Stopp eingeführt, bei 20 Mitgliedern ist Schluss. Das ist bis heute geblieben.“

Und dann ist da noch der Wahlabend, von dem Jürgen Fenzl mit einem Grinsen erzählt. Es war in den 1990-ern, ein kommunaler Wahlabend. Ein paar Gäste blieben hängen, die Diskussion kam in Fahrt – verschiedene Meinungen, verschiedene Parteien, bestes Wirtshaus-Ambiente. Am nächsten Morgen saßen sie immer noch. Die Frau eines Gastes kam herbeigeeilt – und brachte Brotzeit für alle. „Das ist so eine Geschichte, die einfach passiert. Die kann man sich nicht ausdenken.“

Jürgen Fenzl: Koch, Vermieter, Seelentröster

Eine historische Aufnahme, die wirkt…

Jürgen Fenzl hat Koch gelernt. Er ist der Mann fürs Kochen, für die Organisation, für alles, was im Haus anfällt. Sonntags gibt es den ofenfrischen Schweinsbraten aus dem Holzofen – jede Woche, seit Jahren, der Klassiker.

Gerne genommen werden auch Spinatnockerl, Kaspressknödel und andere regionale Gerichte, die inzwischen auch immer öfter vegetarisch nachgefragt werden. „Aber der Schweinsbraten geht immer.“

Kochen ist jedoch nur ein Teil der Arbeit. Ein Wirt, der sein Handwerk kennt, hört zu. Wenn niemand sonst da ist, ist er die Ansprechperson. Gäste kommen mit privaten Sorgen, mit Anliegen, die sie sonst niemandem erzählen. „Da musst du verschwiegen sein. Das ist das Allerwichtigste. Sonst vertraut dir das keiner mehr an.“ Der Wirt als Schweiger, als Ratgeber, als jemand, der dasitzt, wenn jemand reden muss.

Emma und die Steirische

Ein Blick in das Herzstück.

Im Gastzimmer liegt immer eine Steirische Harmonika griffbereit. Die gehört Emma, sieben Jahre alt, Tochter von Jürgen und Simone. Wenn Urlauber da sind, wenn der Stammtisch sitzt – Emma spielt. Was sie spielt? Alles tief aus dem Bayer- und Böhmerwald, die Klassiker. Nach einem Jahr Üben musiziert sie schon richtig gut. „Ich muss laufend Videos an Feriengäste schicken, wenn sie wieder was Neues kann“, sagt der Vater.

Ob Emma das Wirtshaus irgendwann übernimmt, lässt Jürgen Fenzl offen. „Da ist noch Zeit.“ Aber er sagt es so, dass man hört, wie sehr er es sich wünscht. Ein Wirtshaus, das seit 1935 in der Familie ist, braucht jemanden, der es weiterdenkt. Bisher hat das jede Generation geschafft. Warum nicht auch die nächste?

Was 1935 als Gasthaus mit Bäckerei und Landwirtschaft begann, ist heute ein Betrieb mit Wirtshaus, Zimmern, Ferienwohnungen und Catering – und immer noch das Herz eines kleinen Ortes an der Grenze zum Böhmerwald.

Stephen Hahn


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