Hinterschmiding. Die Tür des Amtszimmers bleibt offen – und jeder, der will, darf am großen Tisch Platz nehmen. So ist es für Gunther Kerschbaum während des Interviews mit dem Onlinemagazin da Hog’n selbstverständlich, dass Geschäftsleiter Marco Denk neben ihm sitzt. Genauso, dass der dienstälteste Gemeinderat Sepp Stadler („Sebbe, mogsd aa ebbs song?„), der einen Tag nach der konstiuierenden Sitzung Dokumente vorbeibringt, zum Gespräch eingeladen wird.

Gunther Kerschbaum lebt die Kultur des Miteinanders vor, die er als neuer Bürgermeister in der Gemeinde Hinterschmiding etablieren will. Der 56-Jährige, der Anfang März zum neuen Gemeindeoberhaupt gewählt worden ist, hat sich bereits nach wenigen Wochen innerhalb der Bevölkerung als ruhige, ausgeglichene und omnipräsente Persönlichkeit einen Namen gemacht. Der technische Betriebswirt drängt sich nicht in den Vordergrund – ist aber da, wenn er gebraucht wird. Er redet nicht viel – doch das, was er sagt, sitzt.
Dieses Bild wird im Gespräch mit den Redakteuren Helmut Weigerstorfer und Stephan Hörhammer in der Hog’n-Heimatgemeinde bestätigt. Kerschbaum gibt offen zu, dass er sich noch in der Einarbeitungsphase befindet und deshalb nicht bei allen Themen bis ins letzte Detail Bescheid weiß. Und überhaupt: „Ich brauche und habe gute Experten an meiner Seite“. Unter anderem deshalb bleibt die Tür offen – und jeder darf am großen Tisch Platz nehmen…
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„Neutrale Berichterstattung eher fördern als unterdrücken“

Herr Kerschbaum: Es ist uns – und das möchten wir ganz besonders betonen – eine große Freude, hier im Hinterschmidinger Rathaus ein Interview mit dem amtierenden Bürgermeister führen zu dürfen…
Es ist mir eine Ehre (schmunzelt). Uns – und da spreche ich auch für Geschäftsleiter Marco Denk – ist es wichtig, dass wir eine neutrale Berichterstattung eher fördern als unterdrücken.
Ihrem Vorgänger war der Umgang mit dem Hog’n „zuwider, weil die dortigen Redakteure einerseits sehr schlecht recherchieren und andererseits keine guten Berichte ins Netz stellen.“ Ohne näher darauf eingehen zu wollen, wissen Sie als ehemaliger Gemeinderat und interessierter Gemeindebürger wohl über die Hintergründe Bescheid. Wie bewerten Sie das Verhalten ihres Vorgängers in dieser Angelegenheit – sowie generell während seiner Amtszeit?
Es steht mir nicht zu, meinen Vorgänger zu bewerten. Nur soviel: Unser Slogan lautet „sa derfa„ – also: „sein dürfen„. Ich glaube, das ist Antwort genug. Grundsätzlich muss jeder für sich selber wissen, wie er jeweils vorgeht. Ich persönlich verfolge den Hog’n seit Jahren. Auch wenn ich aus zeitlichen Gründen nicht jeden Bericht lesen kann, aber alles in allem ist das dort Veröffentlichte sehr interessant! Und ich bin der Meinung, dass auch mal kritische Dinge angesprochen werden dürfen, ohne dass man das gleich persönlich nimmt.
Dem lässt sich zustimmen. Wie verlief denn der Übergang bzw. die Übergabe in den vergangenen Wochen?
Gut! Geschäftsleiter Marco Denk und mir wurde die Aktenlage bekannt gegeben. Es gibt ja immer einige Vorgänge, die noch nicht fertig bearbeitet worden sind. Hier wurden wir auf den aktuellen Stand der Dinge gebracht. Ich spreche hier bewusst in der Mehrzahl. Denn die Verwaltung – allen voran Marco Denk – ist für mich sehr wichtig.
„Der erste Tag war etwas komisch“
Marco Denk (nickt zustimmend): Die Übergabe war sehr fair und informativ. Mir ist es wichtig, Gunther vor allem in seiner Anfangsphase als Bürgermeister zur Seite zu stehen, da gewisse Vorgänge doch recht komplex sind.

Ist das Bürgermeister-Feeling nach nur wenigen Wochen im Amt denn schon bei Ihnen angekommen, Herr Kerschbaum?
Der erste Tag war zugegebenermaßen etwas komisch – da braucht man einfach ein bisschen… vor allem, wenn man dann gleich mit „Herr Bürgermeister“ angesprochen wird. Die konstituierende Sitzung des Gemeinderats war dann das letzte Symbol in dieser Hinsicht. Und jetzt geht’s los!
Es ist die Rede davon, dass die Gräben zwischen der Altgemeinde Herzogsreut und dem Rest der Kommune nach den vergangenen zwölf Jahren so tief wie noch nie sind. Sehen Sie das ähnlich? Ist da unwiderruflich Erde verbrannt worden? Und: Wie kann das Gemeinschafts- und Zusammengehörigkeits-Gefühl nachhaltig wieder gestärkt werden?
(überlegt) Ich sage es mal so: Unser großes Ziel ist es, Gräben eher zuzuschütten als weiter aufzureißen. Bei der jungen Generation stelle ich ohnehin gar keine Gräben mehr fest. Ein großes Anliegen der Bürger, das an mich herangetragen worden ist während des Wahlkampfes, war: Wir wollen mehr Frieden. Da haben wir schon einiges geschafft.
Wie wurde das erreicht?
Das beste Instrument ist ein Gespräch – bevor man etwas öffentlich kommuniziert. Wichtig ist auch eine fundierte Beratung bei aufkommenden Problemen.
„Das Abschneiden stärkt mir den Rücken“

70 Prozent der Wählerstimmen beim Kommunalentscheid im März zeigen, dass nahezug die gesamte Gemeinde hinter Ihnen steht. Sie haben sich deutlicher gegen Konkurrent Marco Stadler durchgesetzt, als erwartet worden ist. Ihre Wahlanalyse?
Im ersten Moment war ich überrascht. Und das, obwohl ich mich von den Stimmungen vor der Wahl nicht habe beeinflussen lassen. Wir als CSU haben immer gesagt: Wir arbeiten bis zum letzten Moment an diesem Projekt – egal, was kommt. Aber: Mit 70 Prozent habe ich keinesfalls gerechnet. Das sehr gute Abschneiden stärkt mir enorm den Rücken. Offensichtlich haben die Bürgerinnen und Bürger ein großes Vertrauen in meine Person.
Warum diese Deutlichkeit?
Warum? (überlegt) Die CSU hatte ein starkes Team! Der Erfolg bin nicht ich alleine, das sind viele! Und genau das war unser Erfolgsgeheimnis.
Warum ist es aus ihrer Sicht kein Nachteil, dass Sie über keine Erfahrung innerhalb einer Gemeinde-Verwaltung verfügen?
Bisher ist es ein Nachteil, weil ich mich erst einarbeiten muss. Insgesamt ist es aber auch eine Chance, weil ich eine andere Sichtweise mitbringe. Die Sicht von außen ist hier wohl besser – was meinst du, Marco?
Marco Denk: Ein Nachteil ist sicher, dass Gunther die Abläufe noch nicht kennt. In einer Verwaltung gibt es schlichtweg andere Prozesse als in der freien Wirtschaft. (Spricht Kerschbaum direkt an:) Dein Vorteil ist, dass Du mit einer gewissen Unbekümmertheit und Unbefangenheit die Sache angehen kannst. Und ein Blick von außen tut immer wieder mal gut – neue Ideen sind nie schlecht.
Herr Kerschbaum: Es ist kein Geheimnis, dass die FWG Herzogsreut und „ihre“ CSU eng zusammenarbeiten – die ÜWG Hinterschmiding ist mehr oder weniger als Einzelkämpfer in Hinterschmidings Politikgeschäft unterwegs. Gehen in der Folge die unruhigen Gemeinderatssitzungen weiter?
„Prozess des gegenseitigen Vertrauens dauert etwas länger…“

Wir versuchen, die ÜWG mit einzubinden. Einbindung und Zusammenarbeit gehört zu meinem Kulturverständnis. Ich denke aber nicht, dass man eine derartige Kultur innerhalb von wenigen Wochen etablieren kann. Dieser Prozess des Miteinanders und des gegenseitigen Vertrauens dauert gewiss etwas länger… – (betont:) es ist mir aber ein großes Anliegen, alle drei Fraktionen in einem Boot zu haben.
Vergangene Sitzungen haben häufig zu negativen Schlagzeilen, was die Zusammenarbeit betrifft, geführt…
So etwas liest man natürlich nicht gerne – und es ist nicht mein Ziel, das so weiter zu führen…
Ihr Vorgänger hatte – wiederum eine eigene, hinlänglich bekannte Geschichte – den Vorsitz der Verwaltungsgemeinschaft an die Gemeinde Philippsreut abgegeben. Bleibt es dabei, dass ihr Amtskollege Helmut Knaus diesen Posten auch künftig inne hat?
Beim VG-Sitz wurde mir nahegelegt, ihn zurück nach Hinterschmiding zu holen. Darum werde ich mich bemühen! Das hat damit zu tun, dass der Großteil der Verwaltung hier bei mir im Rathaus sitzt – Stichwort: kurze Wege. Aber warten wir einfach mal ab, wie die demokratische Entscheidung in dieser Angelegenheit ausfallen wird…
Ihr Philippsreuter Kollege ist seit den März-Wahlen eine kleine Berühmtheit – und derzeit einer der wohl bekanntesten Bürgermeister Deutschlands. Wie nehmen Sie ihn wahr – nach dem Medien-Hype rund um seine unerwartete Wiederwahl?
„Es war schon besonders, als ich ihn getroffen habe…“

(lacht) Es war schon besonders, als ich ihn das erste Mal getroffen habe (lacht herzlich). Dabei gab’s bereits ein erstes Gespräch über gut eineinhalb Stunden, das sehr gut verlaufen ist. Helmut hat mir viele Tipps gegeben…
…wie man mit Medien umgeht…
… (lacht wieder herzlich) Genau! Er ist der Medien-Bürgermeister! In diesem Bereich hat er viel Erfahrung (lacht). Es gibt aber auch im menschlichen und sachlichen Bereich einige Dinge, die vorbildlich sind. Ich freue mich auf die Zusammenarbeit!
Während auf zwischenmenschlicher Basis in den vergangenen zwölf Jahren in der Gemeinde offensichtlich einiges nicht so richtig funktioniert hat, ist in baulicher Hinsicht vieles in die richtige Richtung gelaufen. Im Gegensatz zu beispielsweise Haidmühle ist der Kläranlagen-Neubau erfolgreich abgeschlossen, die Schmidinger Mitte wurde umgesetzt – auch der Schuldenstand ist einigermaßen erträglich geblieben. Wurden also alle Hausaufgaben gemacht?
Darüber, dass die Kläranlage bereits gebaut worden ist, bin ich sehr froh. Auch die Schmidinger Mitte konnte dank guter Fördermittel umgesetzt werden, was sehr wichtig war. Weitere Projekte wie die Kindergarten-Erweiterung oder der Umbau der Entsäuerungsanlage sind vom Vorgänger noch angestoßen worden – und müssen nun finalisiert werden.
„Es bleibt wenig Spielraum für weitere Groß-Investitionen“
Ja, alles in allem sind die Hausaufgaben gemacht worden. Ich bin aber auch hier wieder der Realist: Wenn zwei große Projekte – Kindergarten und Entsäuerungsanlage – laufen, bleibt nur wenig Spielraum für weitere Groß-Investitionen.
Die wohl größte Baustelle in nächster Zeit ist die Wasserversorgung im Allgemeinen und das in die Jahre gekommene Rohrleitungsnetz im Besonderen. Wie geht es hier weiter?
Wir haben zuletzt Quellsammelschächte bestellt, die eingebaut werden müssen. Gerade bei der Wasserversorgung werden demnächst viele Dinge umgesetzt, die beispielsweise für die Hygiene, Quantität und Qualität wichtig sind, aber eben unter der Erde geschehen. Heißt: Der Bürger nimmt das vielleicht nicht unmittelbar wahr, dass etwas passiert – aber es passiert was!

Apropos Kindergarten. Ein Thema, das zuletzt kontrovers diskutiert worden ist. Sind Sie mit den Umbauplänen einverstanden?
Ehrlich gesagt, hatte ich eine andere Vorstellung davon. Die Spielfläche im Außenbereich hätte erhalten bleiben sollen. Aber es ist, wie es ist. Wir werden die Pläne nicht umwerfen, zumal es dafür eine Förderung gegeben hat. Langfristig ist es angedacht, die Spielfläche wieder zu vergrößern.
Bleibt angesichts solcher großen Pflicht-Investitionen noch Geld übrig für die gewissen i-Tüpfelchen – wie beispielsweise die Dorferneuerung Herzogsreut?
Die Wasserversorgung hat oberste Priorität. Das ändert aber nichts daran, dass wir ein Konzept für die Dorferneuerung Herzogsreut ausarbeiten werden. Das ist jedoch nichts von heute auf morgen.
Abschließend: Was wünschen Sie sich für ihre Zeit auf dem Schmidinger Rathaussessel?
Dass wir gut zusammenarbeiten können, etwas erreichen und die Gemeinde weiterhin von Wachstum geprägt ist.
Interview: Helmut Weigerstorfer & Stephan Hörhammer
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