Grafenau. Wenn die älteste Stadt des Bayerischen Waldes ihren 650. Geburtstag feiert, dann wird nicht einfach nur ein gewöhnliches Jubiläum begangen – sondern dann erwacht auch ein Stück „Woid“-Geschichte zum Leben. Mit einem zweitägigen Feiermarathon, der von einem Festakt für geladene Gäste bis hin zu einem Bürgerfest für Jedermann reichte, hat die „Bärenstadt“ eindrucksvoll bewiesen, was sie auszeichnet: tiefe Heimatverbundenheit, gelebter Zusammenhalt und ein stolzer Blick in die Zukunft.

Der Blick in die Historie führt zurück in eine Zeit, in der das heutige Grafenauer Land vom strategisch wichtigen militärischen Stützpunkt Schloss Bärnstein aus verwaltet wurde. Nach dem Aussterben der Grafen von Hals fiel das Gebiet an Landgraf Johann I. von Leuchtenberg. Er war es, der gemeinsam mit Kaiser Karl IV. die Weichen für die Entwicklung des Ortes stellte: Dank seiner Fürsprache erhielt der damalige „Markt genannt Grafenau, gelegen in dem Asanng“ am 14. Mai 1376 wegen seiner enormen Bedeutung für den Handel mit Böhmen die Stadtrechte verliehen.
Dem kleinen Örtchen wurde damit als einzigem Standort im Bayerischen Wald das Privileg zuteil, seinen Hoheitsbereich mit schützenden Mauern abzugrenzen. Es war der Startschuss für eine Blütezeit, die vor allem auf dem Salzhandel basierte – dem „weißen Gold“, das damals als teures Würz- und Konservierungsmittel über die historischen Säumerrouten transportiert wurde.
Im Atrium: Festlicher Auftakt und ein Blick ins Archiv
Den feierlichen Auftakt bildete am Mittwochabend ein hochkarätiger Festakt für geladene Gäste im Atrium der Firma Knauf Ceiling Solutions in Elsenthal. Bürgermeister Jonas Höcker durfte dazu ein volles Haus und zahlreiche Ehrengäste aus Politik, Wirtschaft, Kirche und dem Vereinsleben begrüßen. Unter den Gratulanten befand sich u.a. Bayerns Staatsminister Christian Bernreiter, der in seiner Festrede die enorme Entwicklung der Region hevorhob. Von einem „Abgehängtsein“ des Bayerischen Waldes könne längst keine Rede mehr sein – vielmehr prägten Perspektive und neue Stärke das Bild.
Einen interessanten Sprung zurück in die Jahrhunderte bot Archivdirektor Thomas Paringer vom Staatsarchiv Landshut, der die wechselvolle Geschichte der Säumerstadt Revue passieren ließ. Dass Grafenau auch europäisch bestens vernetzt ist, zeigten die herzlichen Grußworte der Delegationen aus den Partnerstädten Schärding (Oberösterreich) und Bergreichenstein (Kašperské Hory, Tschechien). Schärdings Bürgermeister Günter Streicher betonte, dass es eine große Ehre sei, Partner der Stadt Grafenau zu sein. Musikalisch umrahmt wurde der Festabend von der Stadtkapelle Grafenau und den Eibnschläger Sängern, die auch nach dem offiziellen Teil für gesellschaftliche Unterhaltung sorgten.
Großes Bürgerfest mit Söder-Besuch
Am Donnerstag, den 14. Mai – also exakt 650 Jahre nach der historischen Stadterhebung – verwandelte sich schließlich die gesamte Grafenauer Innenstadt sowie der KurErlebnispark BÄREAL in eine große Festmeile. Nach einem feierlichen Festgottesdienst in der Stadtpfarrkirche, zelebriert von Stadtpfarrer Martin Dengler, folgte der optische Höhepunkt des Tages: Ein monumental-historischer Festzug mit 44 thematischen Gruppierungen und Wagen schlängelte sich vom Schulzentrum aus durch die Straßen. Vereine, Musiker und historische Gruppen ließen die Epochen Grafenaus – von den alten Salzsäumern über die Zeiten der Stadtbrände bis hin zur modernen Bärenstadt – eindrucksvoll wiederauferstehen.
In der Ehrenkutsche ganz vorne neben Bürgermeister Höcker mit dabei: Bayerns Ministerpräsident Markus Söder. Dieser ließ es sich nicht nehmen, das Bürgerfest um 12 Uhr offiziell zu eröffnen. Söder brach dabei eine Lanze für den ländlichen Raum mit den Worten: „Die Seele Bayerns liegt im ländlichen Raum. Es gibt ein Leben außerhalb Münchens – deshalb bin ich auch sehr gerne hier.“ Der Ministerpräsident würdigte in seiner Reder insbesondere das große ehrenamtliche Engagement, ohne das ein solches Großereignis niemals machbar wäre.
Jubiläumsjahr geht weiter…
Den restlichen Tag über herrschte auf den Straßen eine Art Festivalstimmung: Mehrere Bühnen boten ein abwechslungsreiches Musik- und Kulturprogramm, Straßenkünstler unterhielten die Passanten – und kulinarische Schmankerl ließen keine Wünsche offen. Auch für die kleinsten Festbesucher war im BÄREAL mit Hüpfburgen, historischen Spielen, Puppentheater und Zaubershows so einiges geboten.
Kurz nach der Eröffnung gab es zudem eine echte Premiere auf die Ohren: Die neue Grafenauer Stadthymne, komponiert von Petra Perle und Harald Kümpfel, wurde vom Schönberger Sänger Marco Schober erstmals offiziell präsentiert:
Übrigens: Wer die zweitägigen Feierlichkeiten verpasst hat, braucht jedoch nicht traurig sein: Das Bürgerfest war lediglich der Höhepunkt eines prall gefüllten Eventkalenders. Das gesamte Jahr 2026 steht im Zeichen des 650-jährigen Jubiläums. Mit weiteren Konzerten, Säumerfesten, historischen Ausstellungen, Kabarettabenden sowie gemeinsamen Veranstaltungen mit den Partnerstädten zeigt Grafenau das ganze Jahr über eindrucksvoll, wie lebendig Geschichte bleibt, wenn man sie gemeinsam feiert.
da Hog’n/ Fotos und Videos: prassers.blog
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