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Der Zugriff auf Wissen, ohne selbst etwas erfahren oder in der realen Welt verantwortet zu haben, ist ein grundlegender Irrtum – weil Wissen nicht allein aus Information besteht. Information ist abrufbar, speicherbar und wiederholbar – Wissen hingegen entsteht erst durch die unmittelbare Erfahrung, Handlung und Verantwortung.

Autor Huey Colbinger erhebt in der Hog’n-Rubrik „Colbingers Kaleidoskop“ seine Stimme insbesondere gegen Missstände, Schieflagen und Ungerechtigkeiten in der Gesellschaft – und fordert darin mehr Mut zur Wirklichkeit.
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Wer etwas nur gelesen, gesehen oder gehört hat, besitzt bestenfalls eine abstrakte Vorstellung, aber kein wirkliches Verständnis von Ereigniszusammenhängen und deren Bedingungen.

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Erst durch eigenes Tun zeigen sich die Grenzen, Widerstände und Konsequenzen, die einer Sache erst ihre Tiefe geben. Ohne die Unmittelbarkeit der Wirklichkeit bleibt Wissen oberflächlich und oft trügerisch sicher.

„Der Gebildete ohne Weisheit ist ein Eingebildeter.“

Dieser Irrtum wird besonders dort sichtbar, wo Menschen glauben, über komplexe Zusammenhänge urteilen zu können, ohne je mit ihren realen Auswirkungen konfrontiert gewesen zu sein. Verantwortung ist dabei der entscheidende Faktor: Wer für die Folgen seines Handelns einstehen muss, lernt anders, tiefer und nachhaltiger. Fehler hinterlassen Spuren, Entscheidungen haben Konsequenzen – und genau darin liegt der Erkenntnisgewinn. Wird Wissen von Verantwortung entkoppelt, verwandelt es sich leicht in Meinung, Populismus, Ideologie oder bloße Reproduktion fremder Gedanken.

In digitalen Räumen kommt eine weitere Verzerrung hinzu: Menschen beginnen, sich gegenseitig Kompetenz zu verkaufen, ohne diese tatsächlich zu besitzen. Durch geschickte Sprache, Selbstinszenierung und das Zitieren fremder Inhalte entsteht der Eindruck von Expertise, der selten überprüft wird. Inszenierte Kompetenz wird zur Ware, zur Fassade, hinter der oft (in den meisten Fällen) keine eigene Erfahrung steht. Wer überzeugend auftritt, gilt als kundig – unabhängig davon, ob er jemals selbst gehandelt, entschieden oder Verantwortung getragen hat.

Soziale Medien und das Internet sind das perfekte Medium für diese Illusion. Sie ermöglichen einen ständigen Zugriff auf Informationen und die vermeintliche Expertise, ohne dass eigenes Handeln notwendig ist. Inhalte erscheinen gleichwertig nebeneinander – unabhängig davon, ob sie aus jahrelanger Erfahrung oder aus bloßer Spekulation stammen. Likes, Shares und Follower ersetzen die reale Nachprüfbarkeit und erzeugen Sichtbarkeit, die fälschlich mit Kompetenz verwechselt wird. Die Distanz zur realen Welt schützt vor den Konsequenzen falscher Annahmen und verstärkt die Überzeugung, bereits „zu wissen“, was man in Wahrheit nie selbst erlebt hat.

„Inhaltliche Leere erfährt immer mehr Reichweite, wenn sie auf keinen geistigen Widerstand mehr trifft.“

Gleichzeitig entsteht durch die endlose Wiederholung von Informationen keine echte Innovation. Was ständig zirkuliert, wird nur neu verpackt, nicht neu gedacht. Algorithmen begünstigen Bekanntes, Bewährtes und Wiederholbares, während echtes Neuland riskant und unsicher ist. Innovation erfordert jedoch Brüche, Experimente und das Scheitern an der Realität. Wo Wissen lediglich reproduziert wird, ohne in Handlung überzugehen, bleibt Entwicklung aus. Es entsteht ein Kreislauf aus Zitaten, Phrasen und Trends, der Bewegung simuliert, aber Stillstand erzeugt.

„Es ist ein Irrtum zu glauben, dass die Qualität von Informationen mit der Quantität ihrer Empfänger korreliert.“

In dieser Umgebung wird das Gefühl von Informiertheit mit Verständnis verwechselt – und Wiederholung mit Wahrheit. Das Internet belohnt Schnelligkeit, Vereinfachung und Zuspitzung – nicht Geduld, Zweifel oder das langsame Lernen aus Erfahrung. Dadurch wächst eine Kultur, in der Menschen über alles sprechen können, ohne je etwas getragen, riskiert oder verantwortet zu haben. Der Zugriff auf Wissen (anderer) wird grenzenlos, während die Bindung an die Wirklichkeit zunehmend verloren geht.

Echtes Wissen bleibt jedoch immer an Erfahrung gebunden. Es ist unvollständig, vorläufig und oft unbequem, weil es aus Begegnungen mit der Realität entsteht, die sich nicht wegklicken lassen. Wer diese Dimension ausblendet, erliegt der Illusion, die soziale Medien und das Internet so wirkungsvoll nähren: der Illusion, dass Verstehen, Kompetenz und Fortschritt ohne eigenes Erleben, Handeln und Verantwortung möglich seien.

Geh raus und erlebe und glaube auch nicht immer gleich, dass du selbst denkst, was du vermeintlich denkst.

Ich hoffe dich zum Nachdenken, Vordenken und zum Perspektivwechsel angeregt zu haben.

Huey Colbinger

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Der Autor dieser Zeilen ist Songwriter, Lyriker, Gitarrist, Denker und Philosoph. Lebend und freischaffend in der Nähe von Passau. Er veröffentlichte bisher mehrere Musikalben, deren Lieder von unabhängigen Radiostationen gespielt werden, ebenso ein Hörbuch sowie vier Gedicht-Bände. Huey Colbinger ist mit seinem Live-Programm regelmäßig im deutschsprachigen Raum unterwegs. Sein persönliches Motto lautet: „Machen wir uns auf – und bleiben wird dran!“

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