Mitterdorf-Alpe. Die letzten Gedanken gelten meinen Liebsten. Meinen Großeltern, Eltern, meinen Kindern und der Frau. Schöne Erinnerungen mit ihnen ziehen im Zeitraffer an meinem inneren Auge vorbei. Letztlich war es ein erfülltes Leben, wenn auch etwas kurz! Das obligatorische Kreuzzeichen zum Abschluss meines Abschiedsrituals ist dann schon nicht mehr möglich, weil mich Kathi mit einem beherzten Schubser ins „Jenseits“ befördert, nachdem ich den Absprung selber irgendwie verpasst habe. Und dann ist da nur noch Licht. Strahlende Helligkeit in Verbindung mit Schwerelosigkeit. Ich fliege! Die Sorgen sind wie weggeblasen. Es geht mir gut. Das ist also das Paradies?
Nein, diese Zeilen sind nicht die Verschriftlichung meiner persönlichen Nahtoderfahrung. Es ist auch kein KI-generierter Text über mein tatsächliches Ableben. Hallo, ich lebe noch! Und wie! Das Adrenalin schießt bis in die Fingerspitzen (und gefühlt noch weiter), was dazu führt, dass ich so wach bin wie nach einem Hektoliter Kaffee. Der Grund dafür ist durch und durch irdisch. Wissenschaftlich erklärbar, keine Glaubensfrage. Denn gerade eben teste ich die neue Flyline am Almberg. Die mit 2.000 Metern weltweit längste ihrer Art. Bis zu unglaubliche acht Meter hoch und irrwitzige zwölf Stundenkilometer schnell.
A Waidler ghead ned ins Wossa – und easchd recht ned in d’Luft. Hierbei handelt es sich nicht um ein selbstauferlegtes Lebensmotto, sondern um einen offensichtlich angeborenen Charakterzug. Und dementsprechend groß ist mein Respekt vor dem, was mich auf der Alpe im Skizentrum Mitterfirmiansreut erwartet. Während die übrigen Journalisten, die im Rahmen eines Medientages die neue Bayerwald-Attraktion in der Gemeinde Philippsreut vor der offiziellen Eröffnung am 14. Mai ausprobieren dürfen, scheinbar total locker und zu Späßchen aufgelegt sind, werde ich im Starthäuschen immer wortkarger…
Ist das nicht doch das Paradies?

Soll ich vielleicht einen familiären Notfall vortäuschen und mich aus dem Staub machen? Hoffentlich muss ich nach dem so gut wie sicheren Absturz nicht lange leiden! Bei einem Genickbruch geht es doch schnell, oder? Ganz bewusst verlasse ich jedoch dieses das eigene Gemüt malträtierende Gedankenkarussell und nehme das (noch deutlich schlagende) Herz in die Hand. Nach zwei Kollegen melde ich mich freiwillig. Ich bin dran! Wenn, dann jetzt! Wenn, dann gleich! Dann ist es vorbei…
Flyline-„Mutter“ Kathi, die maßgeblich an Planung und Bau beteiligt war, kleidet mich ein. Ich bekomme einen Anzug umgeschnallt, der an eine Mischung aus Zwangsjacke und Schaukel erinnert – und werde mit dieser Konstruktion mittels Karabiner (windige Dinger??!!) in die „Line“ eingehakt. Die damit einhergehenden Instruktionen, was ich denn nun machen muss, wenn ich an den beiden Zwischenstationen ankomme, dringen zu meinen Hirnsynapsen durch – irgendwie aber auch doch nicht. Grünes Licht an den Schranken. Ich muss los. Oma, Opa, Mama, Papa! Gott, Jesus, Allah, Buddha, Engel Aloisius!
… es ist schön. Sehr schön! Traumhaft! Nachdem innerhalb von nur wenigen Sekunden dann doch wieder Blut in meinen Adern fließt – und nicht mehr nur Adrenalin -, kann ich wirklich im positiven Sinne abschalten. Ja, tatsächlich! Die Wünsche („Viel Spaß! Genieß es!“) im Starthäuschen, die ich wie unter einer Käseglocke wahrgenommen habe, werden unglaublicherweise zur Realität. Ich schwebe durch den Wald vom Almberg aus in Richtung Annathal. Nur die Vögel zwitschern, die Sonne scheint, eine frische Brise umweht meine Nase. Ist das nicht doch das Paradies?
Aus der Traum!
Die gut zwölf Minuten Fahrzeit vergehen wie im Fluge. Eine Wandererin mit Hund marschiert weit, weit unten vorbei. Ein Handwerker, der letzte Arbeiten an der Flyline durchführt, macht auf einem Stein sitzend Brotzeit. Die beiden Zwischenstationen meistere ich gekonnt, die Richtungswechsel und andere Sonderstellen sowieso. Ha! Ich bin stark! Ich bin ein Teufelskerl! Bin ich Gott? Ok, gut – wollen wir mal nicht übertreiben! Dafür, dass ich die Bodenhaftung nicht verliere und zum Ikarus werde, sorgt die Flyline höchstpersönlich – in Form einer butterweichen Landung an der Sesselbahn-Talstation, mit der es im Anschluss wieder hinauf auf die Alpe geht.
Aus der Traum! Ich bin wieder auf dem Boden der Tatsachen gelandet. Also dort, wo ich zu Beginn meines schwerelosen Abenteuers immer sein wollte – jetzt aber nicht mehr! Ja, absolut! Diese Flyline, die für mich eindeutig das Zeug zu einem Woid-Wahrzeichen hat, muss getestet werden. Selbst von Menschen, die vielleicht nicht so wagemutig und tollkühn sind wie ich. Das ist selbst für welche was, die nicht so verdammt harte und coole Socken sind – wie ich… A Waidler ghead ned ins Wossa – und easchd recht ned in d’Luft. Owa af’d Flyline auf da Uim!
Helmut Weigerstorfer







