Werbung

Lange Zeit war die Armut zu Hause im Bayerischen Wald. Mühsam gestaltete sich das tägliche Leben auf steinigen Ackerböden unter rauen Wetterbedingungen. Die Webersleut‘, die entlang der Mühlviertler Grenze zu Österreich beheimatet waren, besaßen kleine Anwesen mit ein paar Kühen, Schweinen und Hühnern. In der Wegscheider Gegend, der „Neuen Welt“, fand man im Leinenanbau und im Weberhandwerk ein gutes Zubrot.

Spulrad, Grobgarnspule und Schweifbrett (Schwoafbrettl). Fotos: Dr. Fritz Haselbeck

Genügsam lebten die Weber in ihren einfachen Hütten. Die Heimatzeitschrift „Der Bayerwald“ charakterisiert den Menschenschlag im Jahr 1910 so:

„Die Waldlersleut´ sind zähe, widerstandsfähige Menschen, die Tag und Nacht arbeiten. Die Männer geben sich, meist mit dunkelbraunen Augen und männlich schönem Gesichtsausdruck, ernst und melancholisch, wie die Bergheimat selbst. Die Weiberleut´ vereinigen in Körperbau Wohlgestaltung mit gesunder Kraft und Derbheit. Beide, Männer und Frauen, sind in der mühsamen Arbeit flink und ausdauernd.“

Flachsweiberl treiben ihr Unwesen

Werbung

Riffeln, Brecheln, Hacheln – die verschiedenen Arbeitsschritte bei der Flachsverarbeitung erforderten stetigen Arbeitswillen und Behändigkeit. Damit im Spätfrühjahr die Leinsaat gut aufging, musste der Samen schön hellbraun, glänzend und schwer sein. Dazu wurden einige Körner auf glühende Holzscheite geworfen – sie sollten schnell Feuer fangen und laut knistern.

Werbung

Zur Faschingszeit gab der Waidler an drei Tagen der närrischen Zeit Saatgut in verschiedene Töpfe. Je nachdem, ob der Samen des ersten, zweiten oder dritten Tages Triebe setzte, bevorzugte er die Früh-, Mittel- oder Spätaussaat. Beim Tanz am Faschingssonntag hob der Ehemann mit starkem Schwung seine Frau in die Höhe und drehte sich mit ihr in raschem Wechselschritt. So hoch der Sprung, erzählt man, so hoch sollte der Flachs in diesem Jahr in die Höhe wachsen. In der Fastnacht, am Faschingsdienstag, hachelten die Frauen dann den Flachs, also kämmten ihn sauber durch, und kochten Garn. Dies sollte eine gute Ernte begünstigen.

Früher sah man bei den Leinhäuslern streng darauf, dass der Flachs bis zum Zwölfuhrläuten ausgezogen war. Man ließ dabei ein Halmbündel, das sogenannte Hoohr, für das „Holzwei“ (Holzweib) auf dem Acker liegen. Damit sollten die höheren Mächte freundlich gestimmt werden und das Wachstum der Flachspflanzen befördern.

Vom Riffelbrei zum Rüffel

Handgewebte Flachshandtücher und Leinwandballen.

Laut Überlieferung wurde aus dem Hoohr symbolisch auch die Lebensdauer der Menschen gesponnen und gewoben. Wenn der Knecht beim beliebten „Riffelbrei“ – Milch, gekochte Hirse, Schmalz – über Gebühr zulangte, wurde er vom Bauern gemaßregelt. Daraus leitet sich die Bedeutung des Wortes Rüffel oder rüffeln ab – einer wird „geriffelt“.

Damit übernahm man das Bild aus der Flachsarbeit, bei der man die Samenbollen in einem ersten Arbeitsgang in vollem Schwung von den Stängeln kämmte. Sagenumwoben waren die schauderhaften Geschichten um das „Hoohrhaus-Weiberl“:

„In der Nacht saß ein altes verhextes Weibchen da, mager und voller Runzeln im Gesicht. Es hat geächzt, gestöhnt und gejammert, dass man es rundherum gehört hat. Es trug ein zottiges, goldenes Flachsgewand wie eine Hummel. Böse Buben oder unartige Mädchen wickelte es in sein wallendes flachsenes Haar ein und drückte sie umgarnend in erbärmlicher Weise!“

Das Spinnrad surrt im Saus

Himmelbett in alter Weberstube des Webereimusums Gegenbach.

Früher saßen die Frauen oft nächtelang in den Stuben und verspannen den frisch gewonnenen Flachs. Man erzählte sich während des Spinnens Erlebnisse und alte Geschichten. Das Erzählen von fantastischen Begebenheiten wurde dann auch in übertragener Bedeutung verwendet und findet sich noch heute in der Redewendung „spinnst du?“ wieder. Wer besonders absonderliches Zeug „zusammensponn“, dem wurde gesagt: „Du spinnst ja heute mit zwei Fäden!“

Alles, was die Leute bewegte, füllte die Gespräche in der Spinnstube. Bei Sagen aus der Heimat, bei uralten Erinnerungen horchten die Gemüter auf, und in die Düsternis mancher Geschichte mischte sich die liebevolle Weise bekannter Heimat- und Volkslieder, Lieder von Gott und Vaterland, von Freiheit und Liebe, von froher Kindheit, von Winter und Lenz.

An dunklen Winterabenden traf man sich in den Häuslerstuben zum Tanzen bei der „Rockaroas“. Alte Bauerntänze und -reigen forderten die jungen Leute auf: „Eja, eja, tanzen lernen!“ Strümpfe und Socken wurden ausgezogen, und es wurden eifrig Polka, Landler oder „Boarische“ geübt. Hatte einer die Strümpfe anbehalten, so schimpfte zu Hause die besorgte Mutter nicht nur über die geringe Spinnleistung, sondern vielmehr über die „zerfransten“ Überzieher.

„Da haben sie richtig gefranst!“

In diesem Sinn gibt es heute noch den Ausspruch: „Da haben sie richtig gefranst!“ Und fehlte es an gesponnenem Garn, wusste man sich wohl zu helfen: „Man muss halt schauen, dass man der Bäuerin still und heimlich einen Strang von der Ofenstange zieht und entfaltet vor Augen legt, als sei dieser selbst gesponnen worden!“

Die Arbeit am Spinnrad war ein wertvoller Vorgang, den vor allem die ältere Generation mit viel Freude und Fleiß betrieb. So holte manch alter Bayerwäldler noch in den 1950er und 1960er Jahren morgens nach der kräftigen Mehlsuppenmahlzeit das „Tabakstöckl“ hervor, schnitt sich für die lange Pfeife Blättertabak für einen Tag und nahm dann schmauchend das Spinnrad und den Flachsrocken zur Hand. Hin und wieder tunkte er seinen Finger in ein kleines Wasserglas ein, sodass ein feiner, seidener Faden gedreht werden konnte. Er verspann den übriggebliebenen strohtrockenen Flachs – vielleicht sollte es der letzte sein im Bayerischen Wald…

Dr. Fritz Haselbeck

(Erstveröffentlichung in: Schöner Bayerischer Wald)


Dir hat dieser Artikel gefallen und du möchtest gerne Deine Wertschätzung für unsere journalistische Arbeit in Form einer kleinen Spende ausdrücken? Du möchtest generell unser journalistisches Schaffen sowie die journalistische Unabhängigkeit und Vielfalt unterstützen? Dann dürft ihr das gerne hier machen (einfach auf den Paypal-Button klicken).


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert