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München. Der 30. April markiert jährlich den Tag der gewaltfreien Erziehung – ein Datum, das uns schmerzlich daran erinnert, dass der Schutz der Jüngsten in unserer Gesellschaft noch immer keine Selbstverständlichkeit ist. Für den Kinderschutzbund Bayern ist dabei eines unmissverständlich: Gewalt gegen Kinder erschöpft sich nicht in körperlichen Übergriffen. Sie beginnt oft viel subtiler, mitten im Alltag von Familien, Kitas und Schulen, und tarnt sich nicht selten als vermeintlich notwendige Erziehungsmaßnahme.

„Gerade in Bayern sehen wir, dass Kinderperspektiven in politischen Debatten häufig zu kurz kommen – ebenso wie in der Bildungspolitik, bei Fragen der Mediennutzung oder im Familienalltag“, sagt Alexandra Schreiner-Hirsch vom Kinderschutzbund. Symbolfoto: pixabay/ pexels

Ein zentrales, in der öffentlichen Debatte jedoch noch wenig präsentes Stichwort ist in diesem Zusammenhang der Adultismus. Dieser Begriff beschreibt die strukturelle Benachteiligung und Herabwürdigung von Kindern allein aufgrund ihres Alters. Es geht um ein tief verankertes Machtgefälle, in dem die Bedürfnisse und Stimmen von Kindern systematisch übergangen werden. Wenn Kinder sich als „wertlos“ oder „entbehrlich“ erleben, hinterlässt dies seelische Narben, die oft ein Leben lang anhalten.

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Im Kurzinterview spricht Alexandra Schreiner-Hirsch, pädagogische Leiterin beim Kinderschutzbund Landesverband Bayern, über diese unsichtbaren Formen seelischer Gewalt. Sie erklärt, warum herabwürdigendes Verhalten im Alltag so häufig übersehen wird, welche fatalen Folgen dies für die Entwicklung des kindlichen Selbstbildes hat und warum Kinderrechte endlich auch auf politischer Ebene konsequent gelebt werden müssen. Ein Plädoyer für mehr Respekt auf Augenhöhe – denn Erziehung, so Schreiner-Hirsch, darf niemals eine Einbahnstraße sein.

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„Genau das ist eine Form von seelischer Gewalt“

Frau Schreiner-Hirsch, wenn wir über Gewalt in der Erziehung sprechen, denken viele zuerst an körperliche Übergriffe. Sie sagen: Gewalt beginnt viel früher. Was meinen Sie damit?

Gewalt beginnt oft viel früher – nämlich dort, wo Kinder systematisch übergangen, nicht ernst genommen oder klein gemacht werden. Ein genervtes ‚Jetzt sei endlich ruhig‘, ein wütendes ‚Wie alt bist du eigentlich?‘ oder Entscheidungen, die konsequent über die Köpfe von Kindern hinweg getroffen werden im Sinne von ‚Das geht Dich nichts an!‘ – das sind alltägliche Situationen, die wir häufig gar nicht als problematisch wahrnehmen. Für Kinder sind sie aber prägend. Sie erleben: Meine Stimme zählt nicht. Ich bin unwichtig, wertlos und entbehrlich. Und genau das ist eine Form von seelischer Gewalt.

Alexandra Schreiner-Hirsch, pädagogische Leiterin des Kinderschutzbundes Bayern. Foto: privat

Sie sprechen in diesem Zusammenhang von Adultismus. Warum ist dieses Konzept nach wie vor so relevant?

Adultismus beschreibt ein tief verankertes Machtgefälle zwischen Erwachsenen und Kindern. Und dieses Machtgefälle wird im Alltag ständig reproduziert – oft unbewusst. Gerade in Zeiten, in denen in Bayern wieder intensiv über Erziehung, Leistungsdruck oder auch Verbote diskutiert wird, müssen wir genauer hinschauen: Geht es wirklich um das Wohl der Kinder – oder darum, dass Erwachsene Kontrolle behalten und ‚gewinnen‘ wollen? Adultismus macht sichtbar, dass Kinderrechte nicht nur ein politisches Thema sind, sondern jeden Tag im Kleinen entschieden werden.

Können Sie konkrete Beispiele nennen, wie sich das im Familienalltag zeigt?

 Ja, viele Beispiele sind ganz banal: wenn Kinder nie ausreden dürfen; wenn ihre Gefühle heruntergespielt werden nach dem Motto: ‚Ist doch nicht so schlimm‘; wenn immer über ihren Kopf hinweg entschieden wird – etwa bei Freizeit, Kleidung oder Freundschaften; oder auch: wenn Kinder regelmäßig für Bedürfnisse bestraft werden, die völlig altersgerecht sind – etwa für Lautstärke, Bewegungsdrang oder Emotionen.

Das Problem ist nicht, dass Eltern Grenzen setzen – das müssen sie. Das Problem ist, wie wir das tun. Ob wir Kinder dabei respektieren und wertschätzen – oder sie beschämen und ihnen seelische Narben zufügen.

„Trotzdem erleben wir im Alltag oft das Gegenteil“

Welche Folgen hat dieses Verhalten für Kinder?

Kinder entwickeln ihr Selbstbild aus dem, was sie täglich erleben. Wenn sie ihre Kindheit über stets erfahren, dass ihre Perspektive nicht interessiert, unwichtig oder falsch ist, verinnerlichen sie genau das. Sie werden unsicher, ziehen sich zurück, passen sich übermäßig an oder werden wütend und aggressiv. Gleichzeitig lernen sie: ‚Der Stärkere gewinnt‘, ‚Beschämen ist erlaubt‘. Das ist eine gefährliche Botschaft – auch für unsere Gesellschaft. Gewaltfreie Erziehung bedeutet deshalb immer auch, Macht kritisch zu reflektieren.

Was hat das mit Kinderrechten zu tun – und wo sehen Sie hier Handlungsbedarf in Bayern?

Kinder haben ein Recht auf Schutz, Förderung und Beteiligung sowie auf gewaltfreie Erziehung  gemäß § 1631 BGB. Das ist kein ‚Nice-to-have‘, sondern völkerrechtlich verbindlich und gesetzlich geregelt. Trotzdem erleben wir im Alltag oft das Gegenteil. Gerade in Bayern sehen wir, dass Kinderperspektiven in politischen Debatten häufig zu kurz kommen – ebenso wie in der Bildungspolitik, bei Fragen der Mediennutzung oder im Familienalltag.

Deshalb fordern wir: Kinderrechte müssen konsequent mitgedacht und wirklich gelebt werden – in Gesetzen, in Institutionen und im täglichen Umgang. Und sie müssen endlich auch auf Landesebene stärker verankert werden.

„Respekt und Wertschätzung sind keine Einbahnstraße“

Was können Eltern konkret tun, um gewaltfreier und auf Augenhöhe zu erziehen?

Es geht nicht um Perfektion, sondern um Haltung. Vier Dinge sind zentral:

  • Zuhören statt übergehen: Kinder ernst nehmen – auch wenn es im Alltag schnell gehen muss.
  • Erklären statt bestimmen: Entscheidungen nachvollziehbar machen.
  • Reflektieren statt reagieren: Sich fragen ‚Was will ich, das mein Kind jetzt lernt?‘
  • Unterstützung suchen statt allein durchwurschteln: Sprechen Sie mit anderen Eltern über ihre Erfahrungen. Auch Angebote wie Elternkurse  – z.B. Starke Eltern – Starke Kinder® vom Kinderschutzbund – oder kostenlose Erziehungsberatungsstellen können helfen, einen gewaltfreien Erziehungsstil zu finden. Sie sind nicht allein – Adultismus abzulegen ist ein Lernprozess für uns alle.

Und ganz wichtig: Auch Eltern dürfen Fehler machen. Entscheidend ist, dass wir bereit sind, unser Verhalten zu hinterfragen.

Wie lautet ihr Fazit zum Tag der gewaltfreien Erziehung?

Gewaltfreie Erziehung ist kein Ideal, sondern verpflichtend für uns alle. Siehe §1631 Abs 2. – da steht: ‚Das Kind hat ein Recht auf Pflege und Erziehung unter Ausschluss von Gewalt, körperlichen Bestrafungen, seelischen Verletzungen und anderen entwürdigenden Maßnahmen.‘ Wenn wir wollen, dass Kinder wertschätzend, respektvoll und demokratisch handeln, müssen wir ihnen genau das auch vorleben, denn Respekt und Wertschätzung sind keine Einbahnstraße. Das beginnt nicht in großen politischen Debatten, sondern jeden Tag – im Kinderzimmer, im Klassenzimmer und in der Kita.

Vielen Dank für die wertvollen Informationen – und weiterhin alles Gute!

da Hog’n


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