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Viechtach. Wer an den Bayerischen Wald denkt, hat meistens Postkarten-Idyllen, tiefe Fichtenwälder, hügelige Mittelgebiergszüge, Bier und bayerische Gemütlichkeit vor Augen. Doch abseits touristischer Pfade und Klischees scheint es zu brodeln: Mit „Pathfinder“ schicken sich die vier Zwieseler Jungs von Steady Drops an, die vermeintliche Stille der Region mit einer ordentlichen Portion Melodic Punk zu durchbrechen. Ihr neues Album zeigt dabei auf, dass tiefgreifende, ehrliche Musik keine Großstadt-Postleitzahl braucht, um ihre massive Wucht zu entfalten.

DIY-Punk mit Herzblut: Für ihr neues Album „Pathfinder“ haben die vier Zwieseler von „Steady Drops“ alles in Eigenregie gestemmt – ohne Filter und ohne Beschönigung. Foto: Mark Glatki

Musikalisch bleiben sich die Steady Drops treu – und liefern einen Sound, der gleichermaßen zum kollektiven Mitsingen wie zum individuellen Loslassen einlädt. Die Songs auf „Pathfinder“ fungieren dabei als emotionale Wegweiser: Sie fangen den Moment ein, in dem man sich zwischen Suchen und Weitermachen befindet. Dass die Band dabei nicht nur an der Oberfläche kratzt, hat sie bereits mit ihrer EP „Silent Masses“ unter Beweis gestellt. Und auch das neue Material ist geprägt von einer kompromisslosen Haltung und der Fähigkeit, komplexe Gefühlswelten in treibende Gitarrenriffs zu übersetzen.

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Der Startschuss für das neue Kapitel fällt gebührend im Viechtacher Jugend- und Kulturzentrum Werkstød, wo am 29. Mai die große Release-Show über die Bühne gehen soll. Flankiert von den Prager Gästen Brighter Days und von Gang and the Lonely Wolves verspricht der Abend ein Statement für die lebendige Subkultur im Woid zu werden. Wir haben mit den Jungs vorab gesprochen, um herauszufinden, wie viel Heimatliebe und Reibung in ihrem neuen Werk stecken…

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„Waren ehrlich gesagt ziemlich planlos unterwegs“

Stichwort „Punk ausm Woid“: Wie viel Bayerischer Wald steckt musikalisch und textlich in eurem neuen Album „Pathfinder“? Prägt die Abgeschiedenheit der Region euren Sound eher als Inspirationsquelle oder als Reibungspunkt?

Martin Kreuzer ist für den Gesang und die Rhythmus-Gitarre verantwortlich. Foto: Mark Glatki

Punk ausm Woid steht in erster Linie einfach für unsere Herkunft: Wir kommen alle aus dem Woid, was viele erstmal erstaunt, da man Punk-Rock nicht sofort mit Bayern oder dem Bayrischen Wald in Verbindung bringt.

Pathfinder ist ein Album, das sich inhaltlich sehr viel um Selbstfindung und persönliche Entwicklung dreht. Die Songs greifen verschiedene Phasen in diesem Prozess auf: von Unsicherheit und Orientierungslosigkeit bis hin zu klaren Entscheidungen und neuen Perspektiven. Der Bayerische Wald ist dabei oft der Ausgangspunkt. Weniger durch die klassischen Klischees, die man oft damit verbindet, sondern mehr durch die Abgeschiedenheit, die Natur und die Ruhe – was sich inhaltlich häufig in den Songs widerspiegelt.

Der Albumtitel „Pathfinder“ steht laut euren Infos für das „Suchen, Verlaufen und Weitermachen“. Gab es während der Entstehung des Albums Momente, in denen ihr euch komplett verlaufen habt? Und falls ja: Wie habt ihr den Weg zurück zum fertigen Song gefunden?

Bevor wir das Ziel hatten, ein Album zu machen, waren wir ehrlich gesagt ziemlich planlos unterwegs. Wir haben Songs geschrieben, ohne zu wissen, wo das Ganze hinführt – einfach aus dem Moment heraus. Dieses Suchen und Verlaufen war die Phase, in der wir musikalisch viel ausprobiert und auch viel verworfen haben. Erst als klar wurde, dass wir ein Album als Gesamtwerk machen wollen, hat sich ein Weg abgezeichnet. Ab da ging es ums Weitermachen, aber mit einem klaren Fokus. Genau dieser Prozess steckt für uns hinter dem Titel.

„Wollen nicht, dass solche Themen wieder salonfähig werden“

Ihr habt das Album komplett in Eigenregie produziert. Was war die größte Herausforderung, eurem Anspruch „nichts zu beschönigen“, am Ende gerecht zu werden? Und warum war es euch wichtig, die volle Kontrolle über den Entstehungsprozess zu behalten?

Ben Kreuzer gibt am Schlagzeug alles. Foto: Jule_Smallstage-photography

Einerseits bringt eine professionelle Produktion natürlich sehr hohe Kosten mit sich, die als kleine, unbekannte Band nicht ganz so einfach zu stemmen sind. Da wir aber den Entschluss gefasst haben, dieses Album definitiv aufnehmen zu wollen, haben wir fast schon aus Trotz beschlossen, dass wir das selber hinbekommen. Im Nachhinein bin ich sehr froh über diese Entscheidung, auch wenn wir uns zwischenzeitlich deswegen oft verflucht haben.

Die größte Herausforderung war dabei definitiv, dass man über den gesamten Entstehungsprozess hinweg verschiedene Rollen einnehmen muss. Im ersten Moment möchte man einfach nur gute Songs schreiben, im nächsten muss man sich damit auseinandersetzen, wie man aufgenommene Drum-Tracks quantisiert. Man läuft dabei häufig Gefahr, die Musik an sich aus den Augen und sich in wenig relevanten Details zu verlieren. Drums wurden im Proberaum aufgenommen, Gesang, Gitarren und Bass quasi zuhause.

Schon bei eurer EP „Silent Masses“ habt ihr euch deutlich gegen Rassismus und Ignoranz positioniert. Wie wichtig ist es euch, gerade im ländlichen Raum als Punkband laut zu sein – und Haltung zu zeigen?

Sehr wichtig. Auch in unserer Region haben viel zu viele Menschen Rassismus und Ignoranz im eigenen Umfeld direkt oder indirekt erlebt. Wir wollen nicht, dass solche Themen wieder salonfähig werden. Gerade im ländlichen Raum ist es wichtig, Haltung zu zeigen und Themen offen anzusprechen, statt sie totzuschweigen. Unsere Musik ist für uns einerseits ein Ventil, um das rauszulassen, was uns wütend oder sprachlos macht. Andererseits wollen wir auch anderen zeigen, dass sie nicht allein sind mit der Einstellung – und dass Rassismus und Ignoranz falsch sind. Wenige Idioten können nur dann laut sein, wenn viele Vernünftige schweigen.

„… um das Regime zu stürzen und die Magie wiederherzustellen“

Einer eurer neuen Songs trägt den etwas kryptischen Titel „AFGNCAAP“. Was steckt hinter diesem Namen und welche Geschichte erzählt der Song?

Florian „Chuck“ Grad fühlt sich am Bass am wohlsten. Foto: Jule_Smallstage-photography

Anfang der 2000er Jahre hat unser Sänger von seinem Onkel ein Computerspiel aus dem Jahr 1997 geschenkt bekommen. Die Spielfigur ist dabei identitätslos und wird als AFGNCAAP bezeichnet: Ageless, Faceless, Gender-Neutral, Culturally Ambiguous Adventure Person. Diese Bezeichnung passt genau in den Kontext vom neuen Album – deswegen haben wir den Song geschrieben.

Inhaltlich dreht sich der Song darum, dass ein totalitäres Regime jegliche Magie aus der Welt verbannt hat. Ein unbekannter Held, AFGNCAAP, bricht auf, um das Regime zu stürzen und die Magie wiederherzustellen. Im ersten Moment klingt das einfach nur sehr nerdig, beim zweiten Nachdenken finden sich aber viele Parallelen zur heutigen Weltlage.

Wenn ihr Pathfinder mit eurer ersten EP vergleicht – wo hört man die größten Unterschiede? Haben die „vier Köpfe aus Zwiesel“, wie ihr euch auf eurer Homepage selbst bezeichnet, musikalisch neue Zutaten in den Punk-Topf geworfen?

Der größte Unterschied ist definitiv, dass wir Pathfinder – wie schon erwähnt – komplett selbst produziert haben. Bei unserer ersten EP Silent Masses haben wir die Songs ebenfalls selbst geschrieben und aufgenommen; für das Mixing und Mastering haben wir sie dann allerdings an ein Tonstudio weitergegeben. Dadurch gibt man ganz automatisch einen Teil des kreativen Prozesses ab. Pathfinder ist ohne jeden Einfluss von außen entstanden, was das Album nochmal deutlich ehrlicher macht. Im Vergleich zu Silent Masses lebt es auch davon, dass die Songs als Gesamtwerk gedacht sind und zusammen ein Bild ergeben.

„Punk als Therapie, um Druck, Wut und Frust loszuwerden

Die Release-Show findet im Werkstød in Viechtach statt. Was bedeutet euch diese Location und was dürfen die Fans von einem Abend mit euch sowie euren Supports erwarten?

Philipp „Phil“ Karmann bedient die Lead-Gitarre und macht die Back-Vocals. Foto: Jule_Smallstage-photography

Die Werkstød ist für uns die perfekte Location, weil wir dort schon spielen durften und uns von Anfang an sehr wohlgefühlt haben. Die Besucherinnen und Besucher dürfen sich auf einen Abend voller Emotionen freuen, der hoffentlich noch lange im Kopf bleibt. Die Lonely Wolves sind die Local Heroes – ihre Songs laden definitiv zum Tanzen ein. Brighter Days aus Prag sind für die melancholische, emotionale Seite des Abends verantwortlich – und wir versuchen zum Schluss, genau diese beiden Welten zusammenzubringen: Energie, Tanz und Gefühle!

Ihr sagt, eure Musik soll Druck abbauen und Gemeinschaft schaffen. Ist Punkrock im Jahr 2026 für euch eher eine persönliche Therapie oder ein politisches Werkzeug?

Ja – und ja. Punkrock ist für uns persönliche Therapie, um Druck, Wut und Frust loszuwerden. Gleichzeitig ist er ein politisches Werkzeug, weil Haltung zeigen und Gemeinschaft schaffen heute wichtiger denn je ist. Besonders mit Blick auf die aktuellen Geschehnisse auf unserer Erde ist genau das noch wichtiger geworden.

Viele behaupten, die Live-Kultur auf dem Land stirbt aus. Ihr beweist augenscheinlich das Gegenteil. Wie nehmt ihr die aktuelle Musikszene im Bayerwald wahr? Knistert’s noch?

Wir haben nicht das Gefühl, dass die Kultur auf dem Land ausstirbt. Gerade die Zwieseler Umgebung hat – gemessen an der Einwohnerzahl – extrem viel Musik und engagierte Leute zu bieten. Es knistert definitiv noch, man muss nur hinschauen und hingehen. Was sich verändert hat, ist eher die Sichtbarkeit: Vieles läuft heute digital über Social-Media und weniger über Zeitung oder klassische Kanäle. Dadurch bekommen manche Generationen das gar nicht mehr richtig mit, obwohl eigentlich ständig etwas passiert.

„Bild vom rein traditionellen, ländlichen Raum nervt“

Wenn die letzte Note der Release-Show in Viechtach verklungen ist – was sind die nächsten Projekte, die ihr umsetzen wollt?

Steady Drops bringen den „Woid“ auf die Bühne – und räumen mit verstaubten Heimat-Klischees auf. Foto: Mark-Glatki

Danach wollen wir vor allem eins: live spielen. Eindrücke sammeln, unterwegs sein, neue Menschen treffen und schauen, wie sich Pathfinder auf der Bühne entwickelt. Aus diesen Erfahrungen entstehen dann automatisch neue Ideen. Und wenn der Kopf wieder voll ist, setzen wir uns hin – und schreiben neue Songs.

Und zum Schluss: Was sind denn so eure liebsten „Woid-Klischees“, die ihr mit eurer Musik gerne mal ordentlich zertrümmern würdet?

Am liebsten würden wir das Klischee zertrümmern, dass im Bayerischen Wald kulturell nichts passiert und alles stehen geblieben ist. Der Woid lebt – mit engagierten Leuten, Bands, Veranstalterinnen und Veranstaltern und Orten, die viel auf die Beine stellen.

Uns nervt auch das Bild vom rein traditionellen, ländlichen Raum, weil das der Realität einfach nicht gerecht wird. Wenn unsere Musik dazu beiträgt aufzuzeigen, dass hier genauso viel Energie, Widerstand und Kreativität wie in jeder Großstadt steckt, dann sind wir happy.

Ein schönes Schlusswort – wir wünschen weiterhin eine gute Zeit mit eurem Bandprojekt.

Die Fragen stellte: Stephan Hörhammer


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