Werbung

Reichenberg/Innsbruck. Sie hat immer schon gewusst, was sie will. Aus diesem Grund hat es Aliah-Delia Eichinger auch vom kleinen Örtchen Reichenberg (Gemeinde St. Oswald-Riedlhütte) in die große Sportwelt geschafft. Als Freestylerin gehörte die 24-Jährige zu den besten Athletinnen weltweit. Sie startete im Weltcup, hat an einer Weltmeisterschaft und an den Olympischen Spielen 2022 teilgenommen.

Ihr Leben 2.0: Den ein oder anderen Schatten ihrer Sportler-Vergangenheit konnte Aliah-Delia Eichinger zuletzt hinter sich lassen. Fotos: Eichinger

Inzwischen weiß die Waidlerin aber auch, was sie nicht (mehr) will. Deshalb hat sie ihre aktive Karriere auf zwei Brettern ganz bewusst aus freien Stücken beendet. Das junge Mädchen, das aus einer (Winter-)Sport-Familie stammt, wollte raus aus dem Hamsterrad. Nicht mehr, wie sie es betont, für Ergebnisse und Ranglisten Sport machen, sondern für sich selbst.

Werbung

Die Bayerwald-Botschafterin in einem sehr ehrlichen Gespräch über ihren Weg, der nun komplett anders verläuft als gedacht, aber dennoch in die für sie richtige Richtung geht. Außerdem blickt die Reichenbergerin im Interview mit dem Onlinemagazin da Hog’n auf ihre Karriere zurück, völlig mit sich im Reinen – und erzählt von ihrer läuferischen (Hobby)-Laufbahn, die sie nun eingeschlagen hat.

Werbung

„Es fühlt sich nicht so an, als wäre ich komplett raus“

Aliah-Delia Eichinger – so wie man sie kannte. Foto: Hog’n-Archiv

Aliah, wie und wo hast Du die Olympischen Winterspiele 2026 verfolgt?

Ich habe die Olympischen Winterspiele 2026 tatsächlich von zu Hause aus in Innsbruck verfolgt, meist nach der Arbeit. Das hat sich gut ergeben, weil viele Wettbewerbe in meinen Disziplinen ohnehin am Abend stattgefunden haben. Besonders gefreut hat mich, meine Freundinnen anfeuern zu können – vor allem, weil eine enge Freundin von mir (Megan Oldham/Big Air; Anm. d. Red.) die Goldmedaille gewonnen hat und insgesamt alle wirklich starke Leistungen gezeigt haben.

2022 in Peking warst Du noch selber am Start. War deshalb, als Du die Athleten in Mailand und Cortina gesehen hast, Wehmut, vielleicht sogar Enttäuschung und etwas Trauer, mit dabei?

Ja, das ist ja erst vier Jahre her… Und deshalb fühlt es sich für mich teilweise noch ein bisschen surreal an, wie sehr sich mein Leben seitdem verändert hat. Mit Trauer oder Enttäuschung blicke ich aber überhaupt nicht zurück – im Gegenteil: Ich bin einfach super dankbar für die Zeit und die Erfahrungen, die ich machen durfte. Ich habe während meiner Karriere extrem viel gelernt und nehme aus dieser Zeit bis heute immer wieder Dinge mit – auch auf meinem Weg in den vergangenen vier Jahren, der ja doch ein ganz anderer geworden ist.

Außerdem bin ich dem Ganzen nach wie vor sehr nah, weil auch mein Freund noch aktiv in der Snowboard-Halfpipe unterwegs ist. Dadurch bekomme ich vieles mit und bin irgendwie immer noch Teil der Szene. Es fühlt sich nicht so an, als wäre ich komplett raus – sondern eher so, als wäre ich jetzt einfach aus einer anderen Perspektive mit dabei.

„Für mich ist Sport mehr als Wettkampf“

Aliah-Delia Eichinger – so wie man sie jetzt kennen sollte.

Was ist zwischen 2022 und 2026 passiert?

Viel, sehr viel sogar. Ich habe meine Leistungssportkarriere bei der Bundespolizei und im Deutschen Skiverband beendet und mich beruflich neu orientiert. Nach vier Jahren bei der Bundespolizei bin ich direkt in einen Vollzeitjob im Marketing in Innsbruck gewechselt, war dort knapp zwei Jahre und bin inzwischen in einer neuen Rolle im Bereich ‚Marketing und Partnerships‘ in einem ‚Holistic Health Resort‘ tätig. Parallel dazu studiere ich seit 2024 Business Administration am MCI Innsbruck.

Der Schritt raus aus diesen Strukturen hatte mehrere Gründe. Einerseits natürlich auch finanzielle – Leistungssport ist Anfang 20 oft weniger glamourös, als es von außen wirkt. Andererseits waren es auch persönliche Überzeugungen: Mir war es wichtig, meinen eigenen Weg zu gehen und mich nicht mehr in einem System zu bewegen, mit dem ich mich nicht identifizieren konnte – und in dem ich so, wie es lief, auch bewusst kein Teil mehr sein wollte.

Ich habe den Sport eigentlich immer für mich gemacht – aus Leidenschaft und nicht für Verbände oder Strukturen. Mir ist aber wichtig zu sagen: Nur weil ich nicht mehr im Weltcup fahre, bin ich keine ‚ehemalige‘ Sportlerin. Für mich ist Sport viel mehr als Wettkampf, Kader oder Logos auf der Jacke. Ich fahre nach wie vor Ski – das ist ein riesiger Teil von mir geblieben.

Klar, mit Vollzeitjob und Studium ist es nicht mehr so einfach, wochenlang am Berg zu sein – das kennt wahrscheinlich jeder. Aber weg bin ich definitiv nicht. Zusätzlich habe ich mit dem Laufen eine neue Leidenschaft gefunden und gehe das genauso ernst an wie früher das Skifahren – nur mit einem anderen Mindset: weniger Druck, weniger für Ergebnisse, sondern mehr aus echter Freude am Sport. Ich bin also immer noch voll drin – einfach auf meine eigene Art.

„Kein Karriereende im klassischen Sinn“

Auf 103 Kilometern muss man leiden: Die Waidlerin ist Sportlerin durch und durch – auch wenn’s mal weh tut.

Ist Dein Karriereende gleichbedeutend mit einem geplatzten Traum? Oder bist Du mit Dir und Deiner Laufbahn im Reinen?

Für mich ist es ehrlich gesagt kein Karriereende im klassischen Sinn – und schon gar kein geplatzter Traum. Es war einfach ein Weg, der sich verändert hat. Mein Traum war nie, nur in einem System zu funktionieren oder meinen Wert als Sportlerin an Kaderplätzen oder Ergebnissen festzumachen. Für mich ging es immer darum, Sport aus Leidenschaft zu machen – für mich selbst und für die Menschen um mich herum.

Ich blicke auch überhaupt nicht negativ zurück. Im Gegenteil: Ich war bei Olympia, bin auf dem Weltcup-Podium gestanden, war bei Weltmeisterschaften und bei den X-Games vertreten – das sind Dinge, von denen ich als Kind nicht mal zu träumen gewagt hätte. Ich habe diesen Traum also definitiv gelebt. Und heute hat sich dieser Traum einfach weiterentwickelt. Ich möchte Sport jetzt auf eine Art leben, die sich für mich richtig und auch realistisch anfühlt.

Welche Highlights hast Du – fernab der Olympia-Teilnahme – erleben dürfen?

Ich habe im Skisport eigentlich alles erlebt, was ich mir vorgenommen hatte – von großen Wettkämpfen bis hin zu internationalen Events. Abseits davon waren für mich aber gerade in den vergangenen Jahren auch die kleineren, persönlicheren Momente echte Highlights. Zum Beispiel Community-Sessions am Berg, bei denen man einfach aus purer Leidenschaft gemeinsam fährt, filmt und daraus kleine Projekte entstehen. Da geht es viel mehr um den Spaß und die gemeinsame Zeit als um Ergebnisse.

„Das normale Leben ist für mich ein Highlight“

Obwohl sie ihre aktive Karriere beendet hat, bleibt die 24-Jährige Sportlerin – aus Leidenschaft.

Ein ganz großes Highlight ist für mich aber auch, wie ich meinen eigenen Weg nach dem Ausstieg aus dem klassischen Leistungssport gemeistert habe. Dieser Umbruch kam relativ abrupt – und ich weiß, dass genau damit viele Athletinnen und Athleten zu kämpfen haben. Umso mehr bin ich stolz darauf, wie ich diesen Switch für mich geschafft habe – mental und auch im Alltag. Dabei hat mir vor allem das Laufen extrem geholfen.

Ich habe mir relativ schnell neue Ziele gesetzt und bin drangeblieben. Inzwischen bin ich mehrere Marathons und Ultramarathons gelaufen, darunter auch 100 Kilometer in den Vereinigten Staaten – und das, obwohl ich erst seit kurzer Zeit wirklich intensiv laufe. Das sind für mich persönlich riesige Meilensteine. Und vielleicht klingt es simpel, aber auch das ’normale‘ Leben ist für mich zu einem Highlight geworden: ein stabiler Job, mein Studium, ein gutes Zuhause. Diese Dinge weiß ich heute ganz anders zu schätzen.

Zu Deinem USA-Aufenthalt. Bist Du komplett übergesiedelt?

Nein, ich bin nicht in die USA übergesiedelt – ich lebe weiterhin in Innsbruck und genieße es auch total, wieder öfter im Bayerischen Wald bei meiner Familie zu sein, was während meiner Vollzeit-Ski-Karriere oft zu kurz gekommen ist. Die Verbindung in die USA kommt vor allem durch meinen Freund Lucas Foster, der aus Colorado stammt. Wir verbringen deshalb immer wieder Zeit dort, um seine Familie zu besuchen.

Mein letzter Aufenthalt war dabei etwas ganz Besonderes, weil ich auch meine eigene Familie aus dem Bayerischen Wald mit rübergenommen habe. So konnten sich beide Seiten wieder einmal sehen, was mir persönlich extrem viel bedeutet hat. Ein echtes Highlight war außerdem, dass ich dort gemeinsam mit meinem Papa meinen ersten 100-Kilometer-Lauf gemacht habe. Das war für mich etwas sehr Spezielles, weil ich durch den Skisport diese gemeinsame Zeit ein Stück weit verloren hatte. Umso schöner ist es jetzt, Sport wieder so leben zu können, dass ich ihn mit meiner Familie teilen kann – sowohl hier als auch in den USA.

„Warum eigentlich nicht einfach probieren?“

Wie der Vater Henry (links), so die Tochter.

103 Kilometer – eine verrückte Zahl. Muss man ein bisschen irre sein, um so etwas zu schaffen?

Also ja – ein bisschen irre muss man wahrscheinlich schon sein. Vor allem, wenn man nach nicht mal zwei Jahren im Laufsport auf die Idee kommt, 100 Kilometer laufen zu wollen. Aber ich glaube, diesen Zugang habe ich definitiv aus dem Skisport mitgenommen – dieses ‚Warum eigentlich nicht einfach probieren?‘

Die 103 Kilometer waren für meinen Papa und mich definitiv eine Challenge. Wir sind davor schon Trail-Marathons und auch zwei Ultras gelaufen, aber diese magische 100 hat mich einfach nicht mehr losgelassen. Ich habe mich dann irgendwann einfach angemeldet – eigentlich mit dem Plan, das alleine durchzuziehen. Umso cooler war es, dass mein Papa spontan gesagt hat, er macht das auch und kommt mit in die USA.

Unser Training war ehrlich gesagt alles andere als perfekt – eher Learning by doing. Zu wenig Kilometer, immer wieder kleinere Verletzungen, aber dafür eine richtig coole Community um uns herum, die uns supportet hat. Das Rennen selbst… die letzten Stunden waren einfach brutal. Wir haben gelacht, geweint, hatten Schmerzen, die man schwer beschreiben kann – und gleichzeitig Momente, die man nie vergisst.

Mental kommst du da an einen Punkt, den man schwer erklären kann, wenn man es nicht selbst erlebt hat. Unser Ziel war einfach nur, ins Ziel zu kommen und unter dem Cutoff zu bleiben – das haben wir geschafft. Sogar in einer Zeit, mit der wir echt happy sind. Für mich fühlt sich das Ganze fast wie ein zweites Olympia an. Es ist immer noch surreal, dass wir das gemeinsam durchgezogen haben. Und ich bin unglaublich stolz auf uns. Und vielleicht ist genau das der Punkt: Ich habe für mich rausgefunden, wie ich an solche Dinge rangehen will. Wenn ich etwas wirklich will, dann ziehe ich es durch – auf meine Art.

„Ich bin heute mental viel stärker“

„Mir sagt niemand mehr, was ich angeblich nicht kann oder wofür mein Körper nicht gemacht ist.“

Ist aufgrund dieser Leistung nun vielleicht sogar „mehr“ Sportlerin in Dir als während Deiner Zeit als Freestylerin?

Ja, ich würde tatsächlich sagen: auf eine Art schon. Während meiner Zeit im Verband war ich oft nicht die Sportlerin, die ich eigentlich sein wollte. Vieles kam von außen – Vorgaben, Meinungen – auch Zweifel, die einem eingeredet werden. Heute ist das komplett anders. Alles, was ich mache, kommt aus mir selbst heraus. Ich entscheide, wie ich trainiere, wann ich trainiere und wo meine Grenzen sind…

Mir sagt niemand mehr, was ich angeblich nicht kann oder wofür mein Körper nicht gemacht ist. Dadurch hat sich auch mein Mindset extrem verändert. Ich bin heute mental viel stärker und viel mehr bei mir selbst. Und genau deshalb fühle ich mich jetzt mehr als Sportlerin denn je – einfach, weil ich es auf meine eigene Art lebe.

Abschließend der Blick in die Zukunft. Dabei zentral: Wie geht es weiter in Deinem Leben nach den vielen Veränderungen zuletzt?

Für mich geht es eigentlich ziemlich klar weiter: Ich werde weiterhin Vollzeit arbeiten und studieren, aktuell meinen Bachelor in Business Administration und danach auch den Master machen. Das ist für mich ein wichtiger Teil meines Weges – auch, weil sich die finanziellen Lücken aus dem Leistungssport natürlich nicht von alleine schließen. Gleichzeitig ist mir aber extrem wichtig: Ich bleibe aktive Sportlerin. Sowohl im Skifahren als auch im Laufen. Ich habe mir in beiden Bereichen Ziele gesetzt – und möchte das genauso konsequent weiterverfolgen.

Dabei wünschen wir viel Erfolg! Danke für das Gespräch.

Interview: Helmut Weigerstorfer


Dir hat dieser Artikel gefallen und du möchtest gerne Deine Wertschätzung für unsere journalistische Arbeit in Form einer kleinen Spende ausdrücken? Du möchtest generell unser journalistisches Schaffen sowie die journalistische Unabhängigkeit und Vielfalt unterstützen? Dann dürft ihr das gerne hier machen (einfach auf den Paypal-Button klicken).


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert