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Drei Monate lang war Inge Hawranek als Fahrerin für die Caritas im Einsatz, um ältere Menschen zur Tagespflege zu begleiten. Doch ihre Arbeit begann meist schon vor der eigentlichen Fahrt: in jenen flüchtigen Momenten des Wartens vor den Haustüren ihrer Fahrgäste. In diesen kurzen Augenblicken des Verweilens offenbarte sich ihr eine Welt, in der die Dekoration an den Eingängen und das langsame Verblassen der Farben tiefe Einblicke in das Wesen der Bewohner gewährten – ein Anblick, den sie als gleichermaßen traurig wie wunderschön empfand.

Auf der Fensterbank eine schlichte Kugel aus Ton, in die nur ein einziges Wort eingraviert war: Hoffnung. Symbolfoto: KI-generiert
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Die Haustür wurde so zum Spiegelbild unbekannter Biografien. Was für Außenstehende oft wie eine zufällige Anordnung oberflächlicher Gegenstände wirkte, setzte sich für die Autorin im Laufe der Zeit zu einem tieferen Bild zusammen. Die Bruchstücke der Erzählungen, die während der gemeinsamen Fahrten geteilt wurden, verbanden sich mit den visuellen Eindrücken an der Schwelle. So entstand eine Brücke zum Leben der Gäste, die weit über den bloßen Transportdienst hinausging – und den Blick für das Verborgene im Alltäglichen schärfte.

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Ein besonders prägender Moment dieser ersten Begegnungen ereignete sich vor der Tür eines Wintergartens. Während sie auf ihren Fahrgast wartete, entdeckte sie auf der Fensterbank eine schlichte Kugel aus Ton, in die nur ein einziges Wort eingraviert war: Hoffnung. Dieses eine Wort löste in ihr eine ungeahnte Resonanz aus – würdevoll, erhebend und voller Kraft. Es wurde zum Symbol für jene unscheinbaren Augenblicke, in denen das Leben der anderen einen im Kern berührt und daran erinnert, was das Menschsein in seiner Essenz ausmacht.

 

Karl

Karl lebt allein in einem Einfamilienhaus. Er überwindet die fünf Treppenstufen nach unten mit einem Treppenlift, auf dem ein knallrotes Kissen liegt. Aber nicht das Kissen ist das Auffallende. Vor seinem Haus stehen zwei geschnitzte Figuren. Manderl und Weiberl. Einfache Umrisse aus zwei Brettern gesägt und bunt bemalt. Naive, fröhliche Gesichter. Er mit Bienen verziert, ihr pausbäckiges Gesicht ist von Blumen umrandet.

Wer hat diese Figuren gemacht? Sind sie ein Geschenk gewesen? Hat Karl sie geschnitzt und gemalt zu einem der vielen Hochzeitstage? Du und ich.

Aber warum stehen die beiden so weit auseinander? Ich bin verwundert darüber, denn eigentlich sollten dergleichen Figuren nicht vier Meter Abstand haben. Bei jedem Mal Abholen unterdrücke ich den Impuls, die beiden zusammenzuschieben. Es fühlt sich richtiger an, vor dem heimeligen Zuhause. Es passt besser zu Karl, der so charmant und fröhlich ist. Der mit den anderen Fahrgästen lustige Witze macht.

Ich bin verwundert darüber, denn eigentlich sollten dergleichen Figuren nicht vier Meter Abstand haben. Symbolfoto: KI-generiert

Er erzählt mir, dass seine Frau dement ist. Und seit drei Jahren in einem Heim lebt. Dass er sie nach Hause holen möchte. Er möchte sie gerne bei sich haben, mit ihr sein, aber sein Gesundheitszustand und auch seine besorgten Kinder erlauben es nicht. Er weiß, dass es anstrengend sein würde. Aber er meint auch, dass seine Frau viel schläft. Um sie zu sich holen zu können, informiert er sich über 24- Stunden Pflegekräfte. Vielleicht ist das eine Möglichkeit?

Karl hat Schuldgefühle. Weil er noch daheim lebt, bei Bienen und Blumen. Aber genießen kann er den Lebensabend ohne seine Frau nicht. Es ist eine schreckliche Distanz zwischen den beiden, die die wöchentlichen Besuche nicht wett machen. Für alle Seiten nicht einfach. Würde ich meinem 85-jährigen Vater die Pflege meiner dementen Mutter zumuten wollen? Äußerlich betrachtet ist es besser so. Aber für Karl ist es das nicht.

Für mich fühlt es sich grausam an, dass eine Lebensliebe so endet. Auseinander. Distanziert. Kein Zusammensitzen auf der Hausbank, kein gemeinsamer Blick in den Garten. Getrennt durch Demenz und Gebrechlichkeit. Vielleicht sogar ohne Abschied. In meinen Gedanken wenigstens schiebe ich die beiden zusammen, den Bienenmann und die Blumenfrau – und hoffe, dass es das unsichtbare, untrennbare Seelenband wirklich gibt, an das ich glaube.

 

Anna

Ein Herz in der Stalltür. Das fällt mir auf, als ich Anna das erste Mal in ihrem Bauernhof abhole. Der ist imposant. Ein niederbayrischer Dreikanthof, in der Mitte das uralte Haus, davor – und somit wird’s Vierkant – dasjenige Haus, in dem Anna gelebt hat.

Irgendwie gruselt es mich gleich zu Beginn. Das uralte Haus ist völlig heruntergekommen. Das Fundament zerlöchert. Bäume wachsen aus den Fenstern. Anders als sonst möchte ich da nicht herumstöbern. Es sieht gefährlich aus und gehört abgerissen. Irgendwie sagt mein Gefühl, dass es dann heller wäre. Warum steht es noch da? Warum wurde nicht schon vor Jahren ein heller, quadratischer Innenhof geschaffen – ohne Bruchbude?

Warum schaut Anna jeden Morgen auf dieses Haus, wenn sie ihre Katze Liesi hereinlässt?

In der Stalltür ein Herz ins Holz gebohrt. Ein Symbol für die Liebe. In mir auch ein Symbol für Licht, denn ich stelle mir vor, wie schön es aussieht, wenn das Licht durch die Bohrlöcher in den dunklen Stall fällt. Lichtstrahlen, die voll Staubpartikeln glitzern und Punkte auf den Stallboden zaubern.

Lichtstrahlen, die voll Staubpartikeln glitzern und Punkte auf den Stallboden zaubern. Symbolfoto: KI-generiert

Anna, ein stiller, dankbarer Fahrgast. Manchmal sagt sie: „Du machst es gut“ – oder: „Du tust so viel für mich.“ Ich spüre, Anna ist kein Mensch, der sich in den Vordergrund drängt.

Sie erzählt mir eines Tages, dass sie in den Bauernhof eingeheiratet hat und eine böse Stiefschwiegermutter hatte. Eine seelisch kranke Person, die das Leben der Anna sehr schwer gemacht hat. Neidisch war sie auf die Schwiegertochter, die ein Mädchen nach dem anderen auf die Welt gebracht – hat im Gegensatz zu ihr. Und wenn man dem Dunklen kein Paroli bietet, dann verbreitet es sich.

Aus Neid wurde Hass – und der ging so weit, dass Anna eines Tages ihre jüngste Tochter mit einem Kissen auf dem kleinen Kopf vorfand, obwohl sie nur kurz das Zimmer verlassen hatte. Die Stiefschwiegermutter legte sogar ein Buch auf das Kissen, um es zu beschweren. Das Mädchen hat überlebt. Auf meine Frage, was denn dann mit der kranken Frau passiert sei, zuckte Anna nur die Schulten und sagte: „Nix is g’schehn. Ich hab meine Kinder ständig einsperren müssen, wenn ich fort bin.“

So viel Dunkelheit und Angst. Schweigen innerhalb der Mauern. Kein frischer, neuer Wind der Veränderung. Das alte Haus steht bis heute. Nur in der Stalltür ist ein Herz, das Licht ins Dunkel lässt und den alten, staubigen Fußboden erleuchtet.

 

Greta

Ein Schild an ein weißes Fensterbankerl gelehnt. Ein großes Wort darauf: Frieden.

Greta war früher Biologin. Nein, nicht ganz, denn sie hat das Studium abgebrochen, als es ihr zu schwer wurde. Sie hat sich der Sache inmitten von den männlichen Studienkollegen nicht mehr gewachsen gefühlt.

Frieden steht auf dem Schild vor ihrem Fenster. Symbolfoto: KI-generiert

Ihr Vater war streng. Sie war nur ein Mädchen. Er hat es gleich gewusst, dass es so kommt. Nach dem Studium hat sie dann nur noch in verschiedenen Jobs gearbeitet. Sie hat geheiratet, zwei Söhne bekommen und sich wieder scheiden lassen. Ihr Mann wollte eine Jüngere, sagt sie und lacht.

Nach einem Schlaganfall ist sie halbseitig gelähmt. Blitzgescheit ist sie. Sie erzählt mir, dass die Ostsee aufgetaut sein muss, damit es auch bei uns Frühling werden kann. Sie plaudert über Politik mit mir, nimmt rege an meinem Leben teil, schaut mich oft aus klugen Augen an. Und sie wohnt in einem engen Raum im Untergeschoss neben dem Heizöltank. Das Haus hat sie ihrem Sohn überschrieben. Aus finanziellen Gründen hat sie ihre Wohnung aufgegeben und ist in den Kellerraum gezogen. So ist es einfacher für alle, sagt sie. Ich rieche Öl.

Greta riecht auch Öl, wenn sie einschläft und wenn sie aufwacht. Die Schwiegertochter versorgt sie täglich mit Essen. Stellt es runter. Wenn Greta mit mir von der Tagespflege kommt, dann stehen die schmutzigen Teller noch da. Am Wochenende wird sie manchmal auf die Terrasse geschoben. Wenn es schön ist.

Ich bin traurig, wenn ich wegfahre. Greta sagt nichts, aber ich spüre sie ist es auch.

Frieden steht auf dem Schild vor ihrem Fenster.

Inge Hawranek


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1 Gedanken zu „Stille Sichtbarkeiten, oder: Was das Menschsein ausmacht…

  1. „Stille Sichtbarkeiten…“ von Inge Hawranek hat mich tief beeindruckt. Ich hab mir nie viel Gedanken über Eingänge gemacht, das werde ich jetzt ändern. Ihre Erzählung lässt einen direkt dabei sein und die Geschichten hinter der Tür sind herzerwärmend.

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