Maurenzen (tschechisch: Mouřenec) lag hoch oben im westlichen Böhmerwald, abgeschieden und rau. Das Dorf schmiegte sich an den Hang unterhalb der markanten Kirche St. Mauritius, die wie ein stiller Wächter über die verstreuten Höfe und Häuser blickte. Hoch über dem Dorf gelegen, war das Gotteshaus weithin sichtbar und prägte nicht nur das Landschaftsbild, sondern auch das Selbstverständnis der Bewohner.

St. Mauritius ist eine der ältesten Kirchen im Böhmerwald. Sie wurde im zweiten Viertel des 13. Jahrhunderts errichtet und gehört neben den Kirchen von Albrechtsried/Albrechtice, Bergreichenstein/Kašperské Hory und Petrowitz/Petrovice zu den ersten Kapellen in dieser Region.
Dabei hatte Maurenzen eine besondere strategische Stellung innerhalb dieser Kirchenbauten. Die Kirche wurde, hoch über dem in Windungen verlaufenden Fluss Wottawa, auf einem langen Bergrücken gebaut, der nach Nordosten steil in dieses Flusstal abfällt. Im Gegensatz zu den anderen genannten Kirchen hat St. Mauritius keine örtliche Einbindung in eine dörfliche oder städtische Ortsstruktur.
Kirchliches Leben tief im Alltag verwurzelt
Sie steht frei in der Landschaft in Sichtweite zur keltischen Fluchtburg, dem Hefenstein, und der von Kaiser Karl IV. im Jahre 1356 errichteten Karlsburg/Hrad Kašperk. Der Heilige Gunther (ca. 955 bis 1045), der auch das Kloster im bayerischen Rinchnach gründete, lebte lange Jahre in seiner Klause auf dem Gunthersberg/Březník bei Gutwasser/Dobrá Voda. Ob ihm auch die Gründung der Kirche St. Mauritius zugerechnet werden kann, ist nicht eindeutig nachgewiesen, aber nicht unwahrscheinlich.
Maurenzen zählte bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts zu dem flächenmäßig größten Pfarrsprengel dieses Waldgebietes. Es reichte von Haidl am Ahornberg/Zhůří bei Eisenstein und bei Stubenbach/Prášily bis nahe an die bayerische Grenze.

Kirche und Friedhof wurden nach dem Fall des Eisernen Vorhanges 1993 vom Budweiser Bischof Antonín Liška neu geweiht, es finden mehrmals jährlich zweisprachige Messen, Konzerte und kulturelle Veranstaltungen statt. Die Zusammenarbeit zwischen den Fördervereinen in Deutschland und Tschechien ist vorbildlich und sichert das Weiterbestehen der grenzüberschreitenden Pionierarbeiten nach der Wende 1989.
Vor 1945 war Maurenzen ein kleines, überwiegend deutschsprachiges Dorf, nur wenige Häuser standen in der Umgebung der romanischen Kirche, darunter auch eine Schule. Der Rhythmus des Jahres wurde von Saat und Ernte, Kirchfesten und dem Wetter bestimmt. Der Winter brachte oft wochenlange Abgeschiedenheit.
Auch in Kundratitz war das kirchliche Leben tief im Alltag verwurzelt. Kundratitz, tschechisch Kundratice, war vor 1945 ein Dorf im böhmischen Grenzraum und gehörte zur Pfarrei St. Mauritius. Abseits größerer Verkehrswege gelegen, wirkte der Ort ruhig und abgeschieden. Dichte Wälder, feuchte Wiesen und karge Ackerflächen prägten die Umgebung, während schmale Wege das Dorf mit den Nachbarorten verbanden.
Gemeinsame Prägung vor 1945

Das soziale Leben spielte sich in engem Rahmen ab. Kirche, Wirtshaus und Hofgemeinschaften bildeten die Zentren des Dorflebens. Kirchliche Feiertage, Taufen, Hochzeiten und Beerdigungen waren wichtige Ereignisse, bei denen das ganze Dorf zusammenkam. So zeigte sich Kundratitz vor 1945 als typisches Böhmerwalddorf – ein Ort, dessen ruhige, gewachsene Struktur nach dem Krieg unwiederbringlich verloren ging
Das kirchliche Leben bildete in Kundratitz/Kundratice und Maurenzen/Mouřenec bis 1945 das geistige und soziale Fundament der Dorfgemeinschaft. In der abgelegenen Landschaft des Böhmerwaldes war die Kirche weit mehr als ein Ort des Gebets – sie war Mittelpunkt einer überwiegend deutschsprachigen, katholisch geprägten Bevölkerung.
Bis 1945 bildete das kirchliche Leben in Kundratitz und Maurenzen einen selbstverständlichen Teil der dörflichen Identität. Mit den politischen Umbrüchen, dem Krieg und den Ereignissen der Nachkriegszeit brach diese gewachsene religiöse und soziale Ordnung abrupt zusammen. Was blieb, sind die Kirche St. Mauritius und Erinnerungen an eine Zeit, in der Glaube und Alltag untrennbar miteinander verbunden waren.
_______________
Zeitzeugenbericht von Sepp Aussprung

Ich, Sepp Aussprung, wurde vor 90 Jahren, im Jahr 1936, in Kundratitz (tschechisch Kundratice) geboren. Kundratitz war ein kleiner Ort, eingebettet zwischen den Ortschaften Hartmanitz (Hartmanice), Stepanitz (Štěpanice) und Gutwasser (Dobrá Voda). Mitte der 1930er-Jahre lebten dort rund 330 Einwohner.
Mein Vater Alois Aussprung, im Ort bekannt als „Kolbinger Loisl“, führte gemeinsam mit meiner Mutter Theresia, der „Kolbinger Theres“, das Gasthaus „Zum weißen Lamm“. Dazu kamen eine kleine Schneiderei und eine bescheidene Landwirtschaft. Der Ort erstreckte sich vom Gasthaus bis zum Gut mit dem Schloss der Familie Haschek. Dazwischen lagen ein Löschteich und die Häuser, die sich entlang der Straße reihten. Die großen Bauernhöfe – so auch der Bonpfeiferhof meiner Großeltern – lagen etwas abseits.
Schon als Kinder mussten wir kräftig mithelfen. Meine beiden Schwestern arbeiteten im Gasthaus, während meine zwei Brüder und ich für das Vieh im Stall zuständig waren. Besonders im Spätsommer war die Arbeit intensiv: Das Heu musste eingebracht werden, um den Winter zu überstehen.
Der jüdische Nachbar wurde ermordet

Die Volksschule besuchten wir im Nachbarort Hartmanitz. Der Schulweg dauerte etwa 20 Minuten zu Fuß und führte an unseren Feldern mit dem Flurnamen „Laisau“ vorbei. Mein Vater hatte diese Felder entwässern lassen, um bessere Erträge zu erzielen. Im Schulgebäude in Hartmanitz war mein Klassenzimmer im ersten Stock. Ich erinnere mich noch gut daran, wie wir Buben zu den Fenstern liefen, um die amerikanischen Bomber zu beobachten, die Richtung Pilsen flogen, um dort ihre todbringende Fracht über den Škoda-Werken abzuwerfen.
Im Winter, wenn der Schnee hoch lag, fuhren wir sogar mit den Skiern zur Schule. Diese hatte mein Großonkel Mani Lang im Seitental von Kundratitz, in Mirkau, selbst angefertigt. Sie bestanden aus Eschenholz und waren besonders robust.
Unser Nachbar war der Jude Hermann Meister, eine bekannte Persönlichkeit im Ort. Oft saß er auf einer Bank und erzählte uns Kindern Geschichten. Seine Tochter war zum katholischen Glauben konvertiert, hatte einen Beamten geheiratet und war nach Wien gezogen – eine große Enttäuschung für ihn. So blieb er allein zurück. Die Nachbarn, darunter Marie Schneider und auch meine Mutter, kümmerten sich um seine Verpflegung. Im Jahr 1942 kam ein LKW in den Ort und holte ihn ab. Uns Kindern sagte man, er komme in ein Altersheim. Erst viele Jahre später erfuhr ich, dass Hermann Meister 1943 im Konzentrationslager Theresienstadt ermordet wurde.
„Loisl, jetzt reicht’s!“

Die zuständige Pfarrkirche von Kundratitz war St. Maurenzen. Dort wurde ich von Pfarrer Franz Andraschko getauft. Der Geistliche mit seinem markanten Bart erhielt bei jeder Taufe ein Stofftaschentuch von meinen Eltern. Nach der Taufe meines Bruders Helmut, dem fünften Kind, meinte er schmunzelnd zu meinem Vater: „Loisl, jetzt reicht’s aber mit den Schnupftüchln.“
Der Weg zur Kirche dauerte rund eine Stunde zu Fuß. Wir kamen dabei am Gut der Familie Müller in Pawinow vorbei, wo uns die freundliche Verwalterin oft einen Butterstriezel als Wegzehrung schenkte. Besonders beschwerlich waren die Totengänge: An jedem Wegkreuz wurde der Sarg abgestellt und gebetet. So konnte der Weg über zwei Stunden dauern. Da die Kirche von Maurenzen sehr abgelegen war, besuchten wir meist den Gottesdienst in Hartmanitz, in der der heiligen Katharina geweihten Kirche. Dort war ich unter Pfarrer Franz Pfleger auch Ministrant.
Nach der Grenzöffnung im Jahr 1990 kehrte ich erstmals wieder nach Kundratitz zurück. Mein Elternhaus und der Bauernhof meiner Großeltern existierten nicht mehr – sie waren bereits in den 1950er- und 1960er-Jahren abgerissen worden. Eine ältere Frau im Ort erinnerte sich jedoch noch an meine Eltern. Es tat gut, nicht völlig vergessen zu sein.
Ein trauriger Anblick

Wir besuchten auch die Kirche von Maurenzen. Sie war kaum zu finden, überwuchert von Bäumen und Sträuchern. Der Friedhof glich einem Dschungel, Wege waren nicht mehr erkennbar. Wir mussten uns mühsam einen Pfad freischlagen. Die spätromanische Kirche war äußerlich noch unverändert, doch das Dach war vermorscht, Fenster und Eingangstor zerstört, die Altäre beschädigt, Grabplatten mutwillig zerbrochen. Ein trauriger Anblick. Umso größer war unsere Erleichterung, als wir im Turm die gotische Glocke aus dem Jahr 1329 noch vorfanden.
Zum Glück gründete sich bald darauf ein Förderkreis zur Erhaltung von St. Mauritius. In den folgenden Jahren erstrahlte die Kirche wieder in neuem Glanz. Mein letzter Besuch in Kundratitz war 2019, kurz vor der Corona-Pandemie. Beim Spaziergang durch den Ort lud uns ein tschechisches Ehepaar, die Familie Holub, spontan zu Kaffee und Kuchen ein. In diesem Moment wusste ich: Auch wenn ich hier nicht mehr lebe – im Herzen bin ich wieder in Kundratitz angekommen.
Jetzt ist es schon 80 Jahre her, dass ich mit meinen Eltern und Geschwistern den Böhmerwald verlassen musste. Und doch kehren die Erinnerungen an meine Kindheit in der kleinen Gemeinde Kundratitz (Kundratice) bei Hartmanitz (Hartmanice) immer wieder zurück – manchmal ganz plötzlich, wie ein vertrauter Duft oder ein ferner Klang.
„Wir wuchsen mit der Arbeit auf“

Meine frühe Kindheit war unbeschwert. Vom Krieg war in unserem abgelegenen Dorf kaum etwas zu spüren. Erst 1942 änderte sich alles, als mein Vater zum Militärdienst eingezogen wurde und am Frankreichfeldzug teilnehmen musste. Plötzlich war meine Mutter allein mit uns fünf Kindern, dem kleinen Gasthaus im Ort und der Landwirtschaft. Von da an mussten wir alle mithelfen, so gut wir konnten.
Besonders in der Heuernte war unsere Unterstützung gefragt. Noch vor Sonnenaufgang standen wir auf, und abends fielen wir müde und zufrieden in unsere Betten. Das war damals selbstverständlich – wir wuchsen mit der Arbeit auf und kannten es nicht anders.
Am 5. Mai 1945 zogen amerikanische Truppen über Gutwasser (Dobrá Voda) in unser Dorf ein, sie kamen von Markt Eisenstein (Železná Ruda). Zum ersten Mal in meinem Leben sah ich dunkelhäutige Soldaten – ein ganz neuer Anblick für mich. Die Soldaten requirierten unser Gasthaus, im Speisesaal wurden Feldbetten aufgestellt. Die Einheit unter dem Kommando von Captain Larry A. Blakely war uns Kindern gegenüber freundlich und zugewandt. Wir bekamen Schokolade und Kaugummi – in jener entbehrungsreichen Zeit ein wahres Fest.
Geschenk eines amerikanischen Soldatens
Die Fahrzeuge wurden im großen Stadl des Gutes untergebracht, der 1936 erbaut wurde und noch heute vis-à-vis des Schlosses Kundratitz steht. Ich erinnere mich besonders gern an die kleine Werkstatt, die dort eingerichtet war. Technik faszinierte mich schon als Kind, und so war ich oft dort zu finden. Ein amerikanischer Soldat schenkte mir eine Zange – ein Geschenk, auf das ich mächtig stolz war.
Sepp und Christian Aussprung
_______________
Gemeinsam mit „Der Böhmerwald – Natur, Kultur, Geschichte“ begibt sich das Onlinemagazin da Hog’n in nächster Zeit auf Erkundungstour: Im Rahmen der Serie „Verschwundenes Behm“ werden die Dörfer thematisiert, die auf tschechischer Seite in Folge der Vertreibung der deutschen Bevölkerung nach Ende des 2. Weltkrieges erst verlassen und dann zerstört worden sind. Gegen das Vergessen, für ein bayerisch-böhmisches Miteinander…








Lieber Sepp, lieber Christan,
eine ganz besondere Darstellung unserer „kleinen Welt“, so wie wir unser schönes Heimatdorf erlebt und empfunden haben. Es sind all jene Erfahrungen in schöner Form zusammengetragen, eine meisterliche Schilderung, die uns das Gestern auf den heutigen Tag rückt. Einfach: wunderbar gelungen!
Ich könnte mir vorstellen, dass dieser Beitrag einmal in die zweite Auflage der Kundratitzer Chronik (Unter dem Joch der Haberfürsten ) aufgenommen wird.
Danke, und nochmals danke für diese Arbeit!
Euer Freund aus der Kindheit
Karl Suchy