Bayerischer Wald/Böhmerwald. Nicht in den biblischen Garten Eden, sondern direkt ins Herz des „Böhmischen Paradieses“ zog es vor Kurzem den Verein Pro-Nationalpark Freyung-Grafenau. Ziel des diesjährigen Dreitagesausflugs war die Stadt Jičín, Tor zur beeindruckenden Region an der Grenze zwischen Nord- und Ostböhmen. Reiseleiter Heinrich Vierlinger stellte ein Programm zusammen, das Naturerlebnisse perfekt mit historischen und kulturellen Highlights kombinierte, sodass alle Teilnehmer voll auf ihre Kosten kamen.

Rund 80 Kilometer nordostwärts von Prag befindet sich die im 12. Jahrhundert gegründete Stadt Jičin. Ein geschichtsträchtiger Ort, denn Albrecht Wenzel Eusebius von Waldstein (im Bayerischen als „Wallenstein“ bekannt) wählte Jičin zu seiner Residenz. Da er seine Macht gern zur Schau stellte, hinterließ er hier viele historische Baudenkmäler – von der Gotik bis ins 20. Jahrhundert.
Ein Naturdenkmal ist eine zwei Kilometer lange Allee, die mit rund 1.200 Linden bepflanzt ist. Für die tschechischen Kinder ist der Ort durch den Räuber Rumcajs („Fürchtenix“), der hier lebte, ein Begriff. Durch eine Zeichentrickserie im Fernsehen ist er in Böhmen genauso bekannt wie hierzulande etwa der Räuber Hotzenplotz.
Eine Mühe, die sich angesichts der Eindrücke wirklich lohnt
Bei herrlichem Wetter führte der örtliche Reiseleiter namens Jiři die Gruppe am zweiten Tag durch den UNESCO-Geopark „Böhmisches Paradies„. „Das ist wahrlich ein Eldorado für Naturliebhaber“, so der Tenor der Wanderinnen und Wanderer. Zum Auftakt wurde die Ruine der Burg Trosky, ein Wahrzeichen der Region, erklommen. Sie ist zum Ende des 14. Jahrhunderts von den Freiherren von Wartenberg auf zwei steilen Basaltfelsen erbaut worden. Aufgrund der Lage war sie uneinnehmbar, selbst die Hussiten konnten sie nicht erobern. Von den zwei restaurierten Türmen Baba (altes Weib) sowie Panna (Jungfrau) blickt man bis ins Iser- und Riesengebirge – und auch die Ausläufer von Prag sind zu erkennen.

Unweit der Ruine dehnt sich ein durch Sandsteinformationen geprägtes, einzigartiges Naturjuwel aus, die Prachauer Felsenstadt (Prachovské skaly). Die Erosion durch Wind, Wasser und Frost schuf dabei eine spektakuläre Felsenlandschaft mit zahlreichen Spalten, Schluchten und Tälern mit bis zu 40 Meter hoch ragenden, schroffen Felsformationen. Ein Erlebnis für Wanderer und Kletterer, aber auch für die Wissenschaft. Archäologische Funde belegen, dass hier bereits im 10. Jahrhundert Menschen lebten. Auf drei Rundwegen mit verschiedenen Schwierigkeitsgraden kann man die Felsenstadt durchwandern. Die attraktivste und interessanteste Route führt über zahlreiche Steintreppen, anspruchsvolle Anstiege, Labyrinthe und fantastische Aussichtspunkte in drei anstrengenden Stunden durch das bizarre Naturschauspiel. Eine Mühe, die sich angesichts der Eindrücke wirklich lohnt.
Auf der Rückreise durfte natürlich ein Abstecher nach Prag nicht fehlen. Heinrich Vierlinger, der zum 17. Mal den Jahresausflug von Pro-Nationalpark Freyung-Grafenau organisierte, hatte für eine Kurzführung seinen Freund, den tschechischen Schriftsteller, Lehrer und Übersetzer Martin Sichinger gewinnen können. Er führte die Reisegruppe auf den Vyšehrad, der Prager Hochburg, die 40 Meter über der Moldau im 10. Jahrhundert auf einem Felsenareal erbaut wurde. Dank der exponierten Lage hat man von dort einen einzigartigen Blick auf die „Goldene Stadt“. In die Parkanlage eingebettet ist der Friedhof. Über 600 bekannte tschechische Persönlichkeiten, Schriftsteller, Wissenschaftler, Dichter, bildende Künstler und Komponisten wie Antonín Dvořák oder Bedřich Smetana fanden hier ihre letzte Ruhestätte.
„Das war wohl eine der schönsten Reisen“

Eine Tradition bei den von Heinrich Vierlinger ausgearbeiteten Reisen ist bereits, dass er seine Mitreisenden ohne eine „historische Schlacht“ nicht gehen lässt. So nutzte er auch dieses Mal die Gelegenheit und machte auf der Heimfahrt einen Abstecher nach Bilá Hora, dem Weißen Berg am Stadtrand von Prag.
Hier unterlagen in einem kurzen Gemetzel die böhmischen Stände und Aufständischen im Jahr 1620 den kaiserlich-katholischen Truppen. Die Niederlage führte zum Ende der Selbstständigkeit Böhmens und zunächst zu einem tiefen Niedergang des böhmischen Nationalbewusstseins. Für die Tschechen ist der Weiße Berg bis heute ein Synonym für die größte Katastrophe ihrer Geschichte. Ein schlichtes Denkmal erinnert an dieses Ereignis.
Von Beginn an führten die dreitägigen Ausflüge des Vereins in National- und Naturparke ins In- oder benachbarte Ausland. „Wir haben schon viel gesehen und erlebt – doch das war wohl eine der schönsten Reisen“, so das Resümee des ersten Vorstandes Max Greiner.
Jens Schörnich








