Kollnburg/Viechtach. Der Bayerische Wald wird bunt: Mit Vincent Göhlich, in der Szene besser bekannt als „Erwa.One“, macht demnächst ein hochkarätiger Vertreter der Urban Art Station in der Region. Im Rahmen des Projekts „Demokratie unplugged: Kunst für alle“ schlägt der mehrfach ausgezeichnete Streetart-Künstler seine Zelte in Kollnburg (bei den „Open Studios“ im Schiesslhaus) und in Viechtach (Mittelschule) auf. Göhlich bringt dabei aber nicht nur Sprühdosen, sondern vor allem eine klare Botschaft für eine soziale und inklusive Kulturszene mit in den „Woid“.

Dabei versteht sich der Autodidakt weit mehr als nur als Fassadengestalter. Als Mitglied renommierter Künstlerverbände von Kempten bis Paris hat er die „Urbane Kunst Methodik“ entwickelt – ein pädagogisches Konzept, das in über 33 Modulen die Beziehung zwischen Mensch und öffentlichem Raum beleuchtet. Sein Fokus liegt dabei auf der Partizipation: In Workshops und Gemeinschaftsaktionen möchte er Menschen zusammenbringen und Kunst als demokratisches Werkzeug erlebbar machen.
Bevor er jedoch die Halfpipe am Skatepark final gestaltet oder die Garagentore in der Kollnburger Markthallerstraße in Kunstwerke verwandelt, haben wir dem sympathischen Urban-Artist ein paar Fragen gestellt. Im Hog’n-Interview verrät „Erwa.One“, warum ihn gerade die unmittelbare Resonanz im ländlichen Raum reizt, wie er Schülern via Sprühdose den Wert der Demokratie vermittelt – und weshalb man im Bayerischen Wald keine Angst davor haben muss, sich seine eigene Zukunft einfach selbst „anzueignen“…
„Hoffentlich eine gute Zeit und soziales Miteinander!“
Vincent, du bist viel in Oberbayern und Schwaben unterwegs. Was verschlägt dich nun ins Schiesslhaus nach Kollnburg und die „Werkstød“ nach Viechtach?

Im Rahmen des Allerland.Programmes und dem Projekt Demokratie unplugged: Kunst für alle wurde ich zu einer Artist Residency nach Kollnburg ins Schiesslhaus eingeladen. Ursprünglich beinhaltete dies nur Kunstprojekte an Schulen, aber durch die tollen Begegnungen hat sich inzwischen noch viel mehr ergeben.
Streetart wird oft mit sog. Betonwüsten und Großstädten assoziiert. Was glaubst Du: Wie wirkt deine Kunst in der eher ländlichen Kulisse des Bayerischen Waldes? Wird es hier eine andere Resonanz als etwa in Augsburg oder Paris geben?
Ja, ganz bestimmt. Was mich am ländlichen Raum reizt, ist die Sichtbarkeit und die unmittelbare Resonanz. Durch die Dauer der Residency und der Anzahl an Interventionen hoffe ich durch diese hohe Dichte an unterschiedlichen Formaten eine echte Gemeinschaftserfahrung zu schaffen, nachhaltige Impulse zu setzen und mit vielen Menschen in Kontakt zu treten.
Diesen Sonntag gestaltest du die Garagentore in der Markthallerstraße in Kollnburg. Was dürfen die Zuschauer dort erwarten?
Hoffentlich eine gute Zeit und soziales Miteinander! Im Rahmen der Open Studios gestalte ich zwei Garagentore – und habe deswegen die letzten Wochen mit einigen Kollnburgern gesprochen. Von den Grundschul-Kindern kamen ebenfalls tolle Ideen. Wie das Werk aussehen wird, bleibt aber eine Überraschung. Dafür gibt es zusätzlich viele, weitere spannende Künstler zu entdecken. Neben Ghaku Okazaki, welcher zurzeit ebenfalls im Schiesslhaus ist, kommen Judith Bauernfeind und Hans Lankes aus dem Bild-Werk Frauenau und präsentieren den Zwischenstand ihrer Arbeiten.
„Sie erzeugt Emotionen und erweitert Horizonte“

Das Projekt an der Mittelschule Viechtach heißt „Words 4 Democracy“. Frage: Wie vermittelt man Schülern den Wert der Demokratie durch eine Sprühdose?
In erster Linie durch Zusammenarbeit und ein gutes Miteinander in der Gruppe. Im ersten Teil des Kunstprojektes haben wir mit Schablonen Kunstwerke für eine Mini-Ausstellung auf Schallplatten gesprüht und konnten uns kennenlernen. Im zweiten Teil des Kunstprojektes werden wir eine Schulwand mit einer Wortwolke passend zum Thema besprühen. Davor unterhalten wir uns über Demokratie als Erfahrungsraum und erarbeiten gemeinsam, für welche Werte wir auch in Zukunft stehen wollen.
Du stehst für eine soziale und inklusive Kulturszene. Warum ist Streetart deiner Meinung nach besonders gut geeignet, um gesellschaftliche Barrieren abzubauen?
Weil Streetart sich im öffentlichen Raum abspielt und man mit einer Vielzahl an verschiedenen Menschen interagiert. Die professionelle Gestaltung von bunten Wandbildern ermöglicht es einer breiten Öffentlichkeit, mit Kunst in Kontakt zu kommen – sie erzeugt Emotionen und erweitert Horizonte.
„Nur dranbleiben und an sich Glauben muss man“
Du hast über 33 Module für deine „Urbane Kunst Methodik“ entwickelt. Was ist der wichtigste Lerneffekt für jemanden, der zum ersten Mal einen Workshop bei dir besucht?

Zu lernen, sich seine eigene Zukunft anzueignen. Sprühen wirkt oft einfacher, als es ist. Um darin besser zu werden, muss man viel üben und kontinuierlich dranbleiben. Den Geschmack für die eigene persönliche Entwicklung zu vermitteln, ist mir besonders wichtig. Und wenn den Teilnehmern die vermittelten Techniken und Herangehensweisen auch privat etwas nützen, dann ist es perfekt.
Im Bayerischen Wald ist die Beziehung zum Raum eher „Natur-Mensch“. Wie passt du deine Methodik auf den ländlichen Raum an?
Gar nicht (lacht). Der Bayerische Wald ist ein toller Ort für mich, um Neues zu lernen und mich künstlerisch weiterzuentwickeln. In diesem Sinne freue ich mich auf den Austausch – und wer weiß, vielleicht sind es bald ein paar Module mehr…
Du hast dir alles selbst beigebracht und bist heute in renommierten Verbänden (sogar in Paris!) Mitglied. Was ist deine Botschaft an junge Talente aus der Region, die vielleicht keinen Zugang zu großen Kunstakademien haben?
Eignet euch eure eigene Zukunft bewusst an und vermeidet abgetretene Wege. Mit offenem Geist, Empathie und Solidarität geschehen Dinge von ganz allein. Nur dranbleiben und an sich Glauben muss man.
„Die Werke leben und altern mit der Zeit“
Streetart im öffentlichen Raum ist oft der Witterung oder auch Veränderung ausgesetzt. Wie gehst du damit um, dass deine Werke in Viechtach und Kollnburg vielleicht in ein paar Jahren anders aussehen als heute?
Das ist normal und gehört dazu. Die Werke leben und altern mit der Zeit und den Umwelteinflüssen, wobei ich dies bei meiner Farbwahl berücksichtige und z.B. Neon-Farben nur in Innenräumen nutze – sowie darauf achte, wenn möglich die Flächen vor Beginn der Arbeiten zu grundieren.
Dann hoffen wir das Beste – und wünschen viele gute Momente mit netten Begegnungen.
die Fragen stellte: Stephan Hörhammer







