Bodenmais. Michael Adam ist zurück an seinem Schreibtisch. Nach 80-tägiger Abstinenz. Am vergangenen Mittwoch trat der erste Bürgermeister von Bodenmais seinen Dienst wieder an, nachdem er sich mehrere Wochen lang in stationärer Behandlung befand. Mit einem emotionalen Post unter dem Hashtag „Aufbruch“ hatte er zuvor sein Schweigen gebrochen: Die Koffer seien gepackt, das Auto betankt – die Zeit in den Fachkliniken, in denen er wegen schwerer Depressionen und Angstzuständen behandelt wurde, sei nun abgeschlossen.

Der Kliniken-Rückzug war der vorläufige Endpunkt einer höchst turbulenten Phase, die – einmal mehr – weit über die Grenzen des Landkreises Regen hinaus für Schlagzeilen gesorgt hatte. Noch im Januar dominierten Berichte über eine private Fehde mit seinem Ex-Partner die Medienlandschaft. Die psychische Belastung dieser Wochen hinterließ deutliche Spuren bei dem 41-Jährigen – und mündete schließlich in die mehrmonatige Auszeit, die er nun hinter sich gelassen hat.
Im Hog’n-Exklusiv-Interview spricht Adam nun über die Erleichterung, seine Aufgabe im Rathaus wieder selbst wahrnehmen zu können, und erklärt, warum die Offenheit über seine Diagnose schlicht notwendig war. Er blickt dabei selbstkritisch auf die öffentlichen Auseinandersetzungen im Januar zurück, die er heute als „unpassend“ bereut – und stellt klar, dass seine Erkrankung rein private Ursachen hatte. Ein Gespräch über Krankheit, Verantwortung und den mutigen Versuch eines Neuanfangs…
„Dann erzeugt dies natürlich auch innerlichen Druck“
Herr Adam, Sie haben am Dienstag via Facebook das Signal „Abfahrt!“ gegeben. Wie hat sich der Moment angefühlt, als Sie am Mittwoch – nach 80 Tagen Abstinenz – zum ersten Mal wieder die Rathaustreppe hochgegangen sind?

Die 80-tägige Abwesenheit aus Bodenmais und dem Rathaus hat mich stark belastet – vor allem anfangs. Ich habe ja bei früheren Gelegenheiten oft schon gesagt: ‚Manche haben einen Job, ich habe eine Aufgabe.‘ Der Unterschied ist: In einem Job macht man, was einem gesagt wird, was zu tun ist. Für eine Aufgabe hingegen fühlt man sich selbst auch zutiefst verantwortlich. Und wenn man ihr nicht nachkommen kann, dann erzeugt dies natürlich – neben einem schlechten Gewissen – auch innerlichen Druck.
Meine beiden Stellvertreter haben, wie ich sehen konnte, wirklich klasse an den laufenden Projekten weitergearbeitet – wofür ich ihnen nur herzlich danken kann. Dennoch war ich am Mittwoch einfach nur froh, endlich auch wieder selbst arbeiten zu können.
Wie sind die ersten Reaktionen der Bodenmaiser Bürger ausgefallen, die Ihnen am Tag ihres Comebacks begegnet sind?
Ich habe ‚live‘ tatsächlich noch nicht so viele Bürger gesehen, weil ich am Mittwoch den ganzen Tag im Büro erstmal alles am PC nachgearbeitet habe. Sehr gefreut haben mich aber die vielen herzlichen Kommentare unter meinem Abfahrt-Posting.
Warum haben Sie Ihrer Meinung nach nicht das Vertrauen der Bodenmaiser Bürger verloren?
Wie gesagt: Ich konnte leider noch nicht wirklich mit Bürgern sprechen. Mir fehlt, wegen der drei Monate in den Kliniken, gerade etwas, was normalerweise essentiell ist für meine Arbeit: Ein Gefühl dafür, wie die Menschen im Ort denken. Entsprechend hoffe ich auf Begegnungen und Gespräche in den nächsten Tagen.
„Tut mir heute sehr leid, dass ich mich öffentlich geäußert habe“
Depressionen und Angstzustände werden in der Politik oft noch als Schwäche ausgelegt. Warum war es Ihnen wichtig, die Diagnose so klar beim Namen zu nennen?
Dass Sie mit Ihrer Aussage richtig liegen könnten – auch jenseits der Politik -, zeigten mir in den letzten Tagen rund zwei Dutzend Nachrichten von ebenfalls betroffenen Menschen, die ich teilweise gar nicht persönlich kenne. Sätze wie ‚Danke, dass dieses Tabuthema mal jemand offen ausspricht!‘ oder ‚Das macht Menschen Mut, die im Stillen darunter leiden‘ waren Teil dieser Nachrichten. Das bewegt mich natürlich. Allerdings möchte ich ehrlich sein: Es war gar nicht meine Absicht, eine Art bewusstes Statement zu setzen. In Wahrheit möchte ich eigentlich einfach nur wieder ‚in Ruhe‘ meine Arbeit machen – und eben nicht Gegenstand von entsprechenden Presse-Berichterstattungen sein.

Allerdings ist es in der Politik so, dass man sich hinsichtlich seines Gesundheitszustands tunlichst erklären sollte. Tut man es nicht, kann und wird das nämlich zwangsläufig zu Spekulationen führen. Ich denke, das ist ein ganzes Stück weit normal. Es gehört einfach zum Politiker-Sein dazu.
In der Vergangenheit hatten Sie schon einmal ein privates Thema öffentlich ausgetragen. Viele haben sich nach der jüngsten Eskapade gefragt: Warum hat der Adam daraus nicht gelernt?
Um ehrlich zu sein, achte ich schon seit geraumer Zeit sehr bewusst darauf, private Dinge nicht öffentlich zu thematisieren. Wenn Sie so wollen, habe ich diese Lektion also durchaus bereits vor Jahren gelernt. Problematisch wird es aber leider, wenn man gegen seinen Willen trotzdem in rein privaten Angelegenheiten mit der Öffentlichkeit konfrontiert wird – und zwar in Wahrheit ohne zugrundeliegendes eigenes Fehlverhalten. Das heißt, wenn einem aus der eigenen privaten Sphäre heraus – zur Befriedigung emotionaler Bedürfnisse – die Öffentlichkeit de facto im Hintergrund bereits aufgezwungen wurde. Dies unterscheidet den Fall klar von dem in der Vergangenheit.
Und in der Situation wusste ich mir dann leider nicht mehr anders zu helfen, als meine Sichtweise auch öffentlich darzustellen. Heute, mit kühlem Kopf, ist mir klar: Dies war – objektiv betrachtet – sehr unpassend. Erstens, weil man sich als Politiker einfach auch private innerliche Schmerzen ‚verbeißen‘ können muss – selbst starke. Und zweitens, weil die Öffentlichkeit natürlich auch nichts über die maßgeblichen privaten Hintergründe wissen kann. Daher tut es mir heute auch sehr leid, dass ich mich im Januar öffentlich geäußert habe.
„Alles andere ist mein privates Thema“
Sie meinten bei ihrem Facebook-Post, die Wochen in den Kliniken seien notwendig gewesen. Was nehmen Sie aus dieser Zeit mit, das Ihnen nicht nur als Privatmensch, sondern auch in Ihrem Amt als Bürgermeister helfen wird?
Die Wochen in den beiden Kliniken waren für den Privatmann Michael Adam medizinisch unumgänglich. Meine Erkrankung rührte rein von meinem privaten Lebensbereich her, d.h. explizit nicht von meinem Dienst als Bürgermeister. Von daher brauchte der berufliche Kontext in den Kliniken auch gar nicht ‚behandelt‘ werden.
Würden Sie zum aktuellen Zeitpunkt von sich behaupten wollen, dass Sie vollkommen geheilt sind? Oder sind weitere Therapieschritte nötig?
Ich bin nach Ansicht der Ärzte wieder voll dienstfähig. Das heißt, ich bin bereit und in der Lage, wieder so zu arbeiten, wie vor der Erkrankung. Und ich freue mich darauf, wieder zu arbeiten. Alles andere ist mein privates Thema.
Ein Bürgermeisteramt ist bekanntermaßen nicht gerade stressfrei und oft mit einer hohen Erwartungshaltung verbunden. Wie wollen Sie künftig die Balance zwischen der großen Verantwortung und Ihrer eigenen Gesundheit halten?
Mit den Belastungen eines politischen Amts kann ich gut umgehen – konnte ich auch immer. Und privat habe ich für die Zukunft eine klare Strategie zur Aufrechterhaltung meiner Gesundheit.
„Die gilt es für mich persönlich konsequent zu vermeiden“
Einerseits ist die Politik ihr Leben. Aber macht sie Sie andererseits nicht auch kaputt? Ganz offen gefragt: Hatten Sie – wie nach Ihrem Abgang als Landrat – schon einmal wieder den Gedanken, dass es vielleicht nicht doch besser sei, ganz die Finger von der Politik zu lassen?
Hier lautet meine Analyse – bei aller ehrlichen Bereitschaft zur Selbstkritik: Probleme bereitet haben mir weder die Anforderungen an das Amt des Landrats, noch die an das Amt des Bürgermeisters. Beide Ämter machten bzw. machen mir Freude. Sehr problematisch waren für mich aber leider zu beiden Zeitpunkten jeweils identische Konstellationen im Privaten. Und die gilt es für mich persönlich in den nächsten Jahren konsequent zu vermeiden – auch schon im Grundsatz.
Was wünschen Sie sich persönlich für den Privatmenschen Michael Adam, was für den Bürgermeister Michael Adam?
Ich wünsche mir, dass ich in den nächsten Jahren noch mit voller Kraft das machen kann, für das ich gewählt wurde: Bürgermeister sein.
Vielen Dank für die Beantwortung unserer Fragen – und alles Gute für den Neustart.
die Fragen stellten: Stephan Hörhammer und Helmut Weigerstorfer
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