Bayerischer Wald. Die Kliniklandschaft in ländlichen Regionen Bayerns befindet sich im Umbruch. Der Bayerische Wald ist in besonderem Maße von dieser Entwicklung betroffen. Bedarfsnotwendige Allgemeinkrankenhäuser einschließlich lebensrettender Notfallversorgung, die eine Entfernung binnen 30 Fahrzeitminuten sicher stellen sollen, wurden geschlossen (Roding), teilgeschlossen (Wegscheid), sollen geschlossen werden (Grafenau) oder stehen ggf. zur Disposition (Bogen, Zwiesel, Viechtach).

Aufgrund dieses Szenarios forderte die Aktionsgruppe Schluss mit Kliniksterben in Bayern vor wenigen Wochen per Offenem Brief die sechs Landräte der Landkreise Regen, Freyung-Grafenau, Straubing-Bogen, Passau, Cham und Deggendorf dazu auf, ihre Zukunftsperspektiven zur klinischen Versorgung im Bayerischen Wald darzustellen und offenzulegen (da Hog’n berichtete).
Das Onlinemagazin da Hog’n hat bei Klaus Emmerich, Klinikvorstand i. R. und medial oft als „Klinik-Retter“ bezeichneter Sprecher der Aktionsgruppe (AG) Schluss mit Kliniksterben in Bayern, nachgehakt, was denn aus dieser Erhebung geworden ist – und dabei u. a. erfahren, dass trotz schwieriger Informationsbeschaffung die Projektstudie der AG in Kürze veröffentlicht werden soll und weshalb im Bayerischen Wald bald unterschiedliche Maßstäbe darüber entscheiden könnten, wie schnell ein Patient im Notfall Hilfe erreicht.
Ein Landkreis schweigt, ein Landkreis lehnt ab
Herr Emmerich, Sie erstellen aus den Antworten der sechs Landräte derzeit eine Projektstudie. Was bezwecken Sie mit diesem Vorhaben?

Das Sicherstellungskrankenhaus in Roding wurde geschlossen. Im Krankenhaus Wegscheid wurde die bedarfsnotwendige stationäre Chirurgie geschlossen. Das Krankenhaus in Bogen ist bedroht. Zwiesel und Viechtach sollen zu einem Zentralkrankenhaus vereint werden. Alles scheint im Wandel. Da wird es Zeit, die klinischen Perspektiven im Bayerischen Wald detailliert zu beurteilen. Die zentrale Frage lautet: Ist die klinische Versorgung im Bayerischen Wald heute und zukünftig gesichert?
Wann wird Ihre Projektstudie veröffentlicht?
Sie ist nahezu fertig. Basis sollten ja die Stellungnahmen aller sechs Landkreise mit Regionen im Bayerischen Wald sein. Wir hatten sie in einem Offenen Brief dazu aufgefordert. Aber uns fehlt noch die Stellungnahme, die uns bis Ende April zugesagt ist.
Ansonsten haben also fünf Landkreise geantwortet?
Leider nein. Ein Landkreis hat nach zwei Mahnungen nie geantwortet. Ein weiterer Landkreis lehnt die Stellungnahme explizit ab.
Lassen sich denn dann fundierte Aussagen zur klinischen Versorgung im Bayerischen Wald ableiten?
Klar doch, es gibt auch andere fundierte Quellen: Der Bayerische Krankenhausplan 2025 des bayerischen Gesundheitsministeriums, der abgeleitete Investitionsplan 2025, der GKV-Kliniksimulator zur Ermittlung zumutbarer Entfernungen zum Krankenhaus, unser eigener Klinikatlas „Kliniken in Gefahr“ und Presseberichte fügen ebenfalls ein zulässiges Gesamtbild zusammen. Informationen über Planungen aus erster Hand wären natürlich wünschenswert. Aber kein Landkreis ist uns gegenüber zu Aussagen verpflichtet.
„Rahmenbedingungen bei 30.000 Einwohnern nicht erfüllt“
Wie interpretieren Sie das unterschiedliche Antwortverhalten der Landkreise?
Das hat etwas mit Transparenz zu tun. Bei der Bewertung der klinischen Versorgung im Bayerischen Wald geht es immerhin um Gesundheit. Im Zweifelsfall, wenn Anfahrzeiten zum Krankenhaus zu groß sind – beispielsweise bei lebensbedrohlichen Erkrankungen oder Verletzungen -, geht es gar um das Überleben. Wir dagegen haben nichts zu verbergen. Wir werden die Projektstudie mit allen verfügbaren Daten auf unserer Homepage veröffentlichen und die Presse informieren.

Gibt es denn messbare Kriterien für Ihre Projektstudie?
Wir halten uns an Richtlinien für Sicherstellungszuschläge des Gemeinsamen Bundesausschusses, beauftragt vom Bundesgesundheitsministerium. Danach benötigen wir bundesweit – also auch im Bayerischen Wald, -flächendeckend die Erreichbarkeit eines Allgemeinkrankenhauses mit den Fachrichtungen Allgemeine Innere Medizin, Allgemeine Chirurgie, Intensivmedizin und Basisnotfallversorgung binnen 30 Fahrzeitminuten. Im Großen und Ganzen sind diese Rahmenbedingungen im Bayerischen Wald erfüllt, bei 30.000 Einwohnerinnen und Einwohnern jedoch nicht.
Gibt es außer fehlenden Rückmeldungen der zwei Landkreise weitere Hindernisse für Ihre Projektstudie?
Ja, die gibt es in der Tat. Das bayerische Gesundheitsministerium hat im Zusammenhang mit der Krankenhausreform sogenannte Leitplanken veröffentlicht und als zumutbare Entfernung zum nächstgelegenen Allgemeinkrankenhaus 45 Minuten festgelegt. Das steht im Widerspruch zu den Richtlinien des Gemeinsamen Bundesausschusses.
Das bedeutet auch, dass sich mit der zusätzlichen An- und Abfahrt des Rettungsdienstes bei lebensbedrohlichen Erkrankungen oder Verletzungen Wartezeiten von mehr als einer Stunde ergeben könne. Das kann bei lebensbedrohlichen Erkrankungen oder Verletzungen lebensentscheidend sein. Unsere Aktionsgruppe Schluss mit Kliniksterben in Bayern und das bayerische Gesundheitsministerium werden also unterschiedliche Maßstäbe setzen und zu unterschiedlichen Einschätzungen kommen, wenn es um die klinische Versorgung im Bayerischen Wald geht.
„Konnten Schließungen leider nicht verhindern“
Können Sie Beispiele benennen?
Ja. Nach den Richtlinien des Gemeinsamen Bundesausschusses waren die Sicherstellungskrankenhäuser in Roding und Wegscheid mit ihren Fachabteilungen Allgemeine Innere Medizin und Allgemeine Chirurgie unverzichtbar. Das bayerische Gesundheitsministerium hat die Komplettschließung von Roding und die Teilschließung der Chirurgie in Wegscheid trotzdem akzeptiert. Von unserer Aktionsgruppe kam ein klares Nein. Trotz unserer Petitionen für beide Klinikstandorte konnten wir die Schließungen leider nicht verhindern.
Wir bedanken uns für Ihre Zeit und die genannten Einblicke – und sind gespannt auf Ihre Ergebnisse.
da Hog’n
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