Tusset/Klaffer. Karel Vacek ist ein Grenzgänger aus Leidenschaft – im übertragenen und tatsächlichen Sinne. Geboren im böhmischen Stožec (Tusset), verbrachte er seine Kindheit in Italien, ehe er in Klaffer (Oberösterreich) sesshaft geworden ist. Für den 26-Jährigen ist es also Alltag, geographische Grenzen zu überwinden.

Als Radsportler ist er es aber auch gewohnt, körperliche Hindernisse zu meistern. Der Böhmerwäldler ist ein wahrer Champion darin, den eigenen Schweinehund zu überwinden und über die eigenen Grenzen hinaus zu gehen. Nicht umsonst gehört er zum erlauchten Kreise derjeniger Sportler, die bereits an der weltweit bekannten Radsport-Rundfahrt „Giro d’Italia“ teilnehmen durften.
Inzwischen hat Vacek seine Karriere beendet. Warum, darüber spricht er im Interview mit dem Onlinemagazin da Hog’n. Er geht dabei auch auf den Radsport generell und seinen Profi-Bruder Mathias im Besonderen ein. Zudem berichtet er von seiner neuen Passion „Vacek Performance„, die eng mit seiner „alten“ Leidenschaft auf zwei Rädern verbunden ist…
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„Also ist es dann wie eine Droge“

Karel, die 21 Kehren hinauf nach Alpe d’Huez kennen nicht nur Insider. Dieses Teilstück der „Tour de France“ steht wohl wie keine andere Passage für die Qualen des Radsports. Erkläre uns doch bitte einmal aus eigener Erfahrung, warum sich Radfahrer derartige Extrembelastungen mit Freude antun. Seid ihr alle verrückt?
Ja, als Radfahrer ist man sicher ein bisschen verrückt – je mehr, desto besser die Leistung. Auf der anderen Seite aber dienen solche Anstiege auch als Herausforderung. Weil man heutzutage alles Mögliche messen kann und man sich immer verbessern möchte. Also ist es dann wie eine Droge: Jedes Training möchtest du einfach die Grenzen weiter verschieben. Bei Profis ist es ein bisschen anders, da man gezielt und sehr präzise gewisse Ziele ansteuert.
Böse Zungen würden aufgrund der jüngsten Vergangenheit deiner Sportart an dieser Stelle sofort einhaken und behaupten, dass Anstiege wie hinauf nach Alpe d’Huez nur mit unerlaubten Hilfsmitteln – Stichwort: Doping – zu bewerkstelligen sind. Was entgegnest du denjenigen?
Mittlerweile sind Radfahrer die meistgetesteten Sportler der Welt. Ich war zwar nie in der absoluten Weltspitze – und trotzdem wurde ich auch mehrmals pro Monat getestet. Tadej Pogacar muss fast jede Woche Proben abgeben – und auch nach jedem Rennen. Zudem ist die Wissenschaft inzwischen auf dem nächsten Level. Man kann mittlerweile vieles optimieren, ohne zu dopen. Natürlich gibt es ab und zu dennoch Dopingfälle – genauso wie in anderen Sportarten.
Sind Leistungen wie die von Über-Radfahrer Tadej Pogacar noch „normal“?
Ich sage immer: Es gibt tausende Leute mit dem Talent eines Tadej Pogacar – sie sitzen allerdings nicht auf dem Rad.
„Radsport ist zu 99 Prozent sauber“

Doping-Fälle rund um Lance Armstrong oder Jan Ullrich haben die Szene erschüttert. Ist der Radsport aus deiner Sicht nun „sauberer“ als noch vor zehn, fünfzehn Jahren?
Ich kann bestätigen, dass der Radsport heutzutage zu 99 Prozent sauber ist. Gerade in Sachen Proteinzufuhr hat sich enorm viel getan. Früher hat man nur Paninis und Bananen gegessen, heute gibt es viele Ergänzungsmittel auf natürlicher Basis. Auch deshalb ist der Radsport sauberer.
Als Aktiver warst du mittendrin: Wie schwierig ist es, an Dopingmittel zu kommen? Wurden dir selber mal unerlaubte Mittel angeboten?
Niemals. Anfangs habe ich geglaubt, dass mich jemand ansprechen wird. Aber es war nie der Fall. Inzwischen sind die Teams und Sportler in dieser Hinsicht auch deutlich aufmerksamer als noch vor einigen Jahren. Alle Fahrer haben nun beispielsweise einen für alle einsehbaren Blut-Pass, in dem alle Werte regelmäßig eingetragen werden müssen. Gibt es Auffälligkeiten, wird man sofort getestet.
Inzwischen hast du deine Karriere beendet. Wie blickst du auf deine Laufbahn – unter anderem hast du ja am Giro d’Italia teilgenommen – zurück?
Ich habe meine Karriere zum richtigen Zeitpunkt beendet. Ich konnte einfach nichts mehr geben. Ende 2024 – nach 33.000 Kilometern im Sattel und über 1.100 Trainingsstunden – habe ich mich einfach nicht mehr motivieren können, die Trainingsumfänge noch einmal zu steigern. Auf der anderen Seite wollte ich nicht weniger trainieren und weniger Rennen fahren. Mein Ziel war es immer, 100 Prozent zu geben. Als das nicht mehr möglich war, habe ich aufgehört. Ich bin mit mir selber absolut im Reinen. Es gab nie Comeback-Gedanken – und dennoch bin ich nach wie vor Radfahrer von ganzem Herzen. Nicht mehr als Profi, aber als Manager und Coach. Ich lebe meine Passion weiter…
„Unterstützung für die Beine – und den Kopf!“

Dein Bruder Mathias ist noch erfolgreicher und bekannter als du. Bist du deshalb irgendwie neidisch?
Auf gar keinen Fall. Ich war schon immer der Mentor meines Bruders und habe mich immer mit ihm gefreut, wenn er den nächsten Schritt geschafft hat. Ich bin bei den meisten Rennen dabei, um ihn zu unterstützen. Er hat meinen vollen Support!
Was ist für Mathias, der für das deutsche Team „Lidl Trek“ an den Start geht, drin? Demnächst startet er ja bei der „Tour de France“…
Mathias hat deutlich mehr Talent als ich. Lange Zeit war er jedoch nicht so professionell wie ich. In den vergangenen Jahren hat er in dieser Hinsicht enorm dazugelernt. Potenzial hat er noch in taktischer Hinsicht – und er muss mehr Höhentraining machen. Aber er ist erst 23. Da ist es gut, noch nicht am Limit zu sein.
Die vorherige Frage – ganz bewusst! Denn nach dem Ende deiner aktiven Karriere bist du nun auf die Trainerschiene aufgesprungen, hast den Blick von außen. Warum dieser Schritt?
Ich war immer der, der alles wissen wollte. Zudem habe ich nach und nach erkannt, dass mehr und mehr Leute Führung brauchen – nicht nur Trainingspläne. Deshalb helfe ich auch bei der Renntaktik. Die Radfahrer brauchen nicht nur Unterstützung für die Beine, sondern auch für den Kopf!
Betreust du nur Profis oder auch Hobbysportler?
Ich betreue vor allem Hobbysportler. Gerade in der Jugend ist es wichtig, nicht nur Trainingsinhalte zu lehren. Da geht es auch viel um mentales Coaching. Denn Amateure haben wenig Zeit und wollen ihre Zeit so effektiv wie möglich nutzen.
„Der Po muss auf den Sattel!“

Wie sieht es denn nun aus, das perfekte Training für Radsportler? Hast du da Tipps für die Hog’n-Leser?
Das perfekte Training für alle gibt es leider nicht. Entsprechende Pläne muss man individuell ausarbeiten. Aber eines gilt für alle: Der Po muss auf den Sattel! Natürlich nicht übertrieben viel, aber an einigen Stunden auf dem Rad kommt man nicht vorbei.
Was stellst du dir beruflich, aber auch privat vor? Wann sieht man Dich in einem Teamfahrzeug bei der „Tour de France“ als Chef sitzen?
Mein vorrangiges Ziel ist es, im Dreiländereck eine Sport-Basis aufzubauen, die ein Synonym für Performance darstellt. Natürlich ist es auch ein Traum, ein Team zu leiten. Aber der Weg dorthin ist noch weit.
Apropos: Dreiländereck. Du bist ein in Tusset geborener Tscheche, der nun in Klaffer (Oberösterreich) lebt und viel mit Deutschland bzw. Deutschen zu tun hast. Wie nimmst du das Miteinander dieser drei Nationen als Mensch, der im Dreiländereck aufgewachsen ist, wahr?
Ich kenne eigentlich keine Grenzen mehr. Ich fühle mich überall willkommen und adaptiere mich überall. In Österreich fühle ich mich sehr wohl, aber ich verbringe in allen drei Staaten viel Zeit. Ich liebe es, wenn ich mit Menschen aus allen drei Ländern zusammenarbeiten kann. Ich sehe keine Grenzen – und glaube an die Menschen!
Schönes Schlusswort. Danke für das Gespräch – und alles Gute für die Zukunft!
Interview: Helmut Weigerstorfer








