Regen. Ein besonderer Moment für den Landkreis Regen – und ein besonderer Moment für einen seiner Bürger. Staatsminister Christian Bernreiter reiste persönlich an, um einem Mann die Ehre zu erweisen, der als Inbegriff der Zuverlässigkeit gilt. Die Rede ist von Regens Kreisbrandrat Hermann Keilhofer, dem jüngst das Bundesverdienstkreuz in der Stadt Regen verliehen worden ist. Voller Demut blickte dieser dabei auf seine Feuerwehr-Laufbahn zurück und meinte bescheiden: „Diese Auszeichnung würden auch andere verdienen – etwa solche, die ihre Angehörigen pflegen.“

Staatsminister Bernreiter hob in seiner Laudatio besonders Keilhofers Rolle als Kontingentführer während der Hochwasserkatastrophe 2013 hervor, bei der er die Unterstützungseinheit (UG ÖEL) mit bis zu 130 Kräften aus dem Landkreis Regen leitete. Keilhofer selbst erinnert sich an den Einsatz als eine „unglaubliche Materialschlacht“, deren bürokratische Nachbereitung – von Entgeltfortzahlungen bis hin zum Materialverschleiß – doppelt so viel Zeit in Anspruch nahm wie der eigentliche Einsatz.
Davon überrascht wurde er jedoch nicht: Dank seiner Erfahrungen aus der Schneekatastrophe 2006, währenddessen er täglich 3.000 Einsatzkräfte, THW-, Wasserwacht-, BRK- und Bundeswehrmitglieder sowie Katastrophenkontingente aus dem gesamten Bundesgebiet dirigierte, wusste er genau, welcher Verwaltungsaufwand folgen würde. Dennoch blickt der Kreisbrandrat kritisch auf die Entwicklung der letzten Jahrzehnte zurück: Während 1998 die Schreibtischarbeit noch etwa die Hälfte seiner Tätigkeit ausmachte, liegt dieser Anteil heute bei belastenden 90 Prozent.
„Wir sind mit der ganzen Bande mitgerannt“
Im Alter von 15 Jahren wurde er von seinem Vater und Kommandanten mehr oder weniger zur Feuerwehr befohlen. Auch Keilhofers Großvater war dort bereits als Vorstand aktiv. „Ich kenne gar nichts anderes – so lange ich denken kann, ist unsere Familie bei der Feuerwehr engagiert“, berichtet der Geehrte und ergänzt: „Die Mama richtete sofort die Kleidung her, wenn die Sirene ertönte – und als mein Vater dann das Haus verlassen hat, rannten wir zum Fenster und schauten, wo sie hinfahren. Die Magie des Blaulichts hatte ihn sehr früh gefangen genommen. „Beim Frühstück und Abendessen gab es viele Gespräche über die Feuerwehr“, erinnert sich der gelernte Elektromeister.

Kinder und Jugendarbeit gab es damals noch nicht in der Brandschutz-Männerdomäne. „Eingekleidet wurden wir Jungen mit den ältesten Einsatzklamotten, die im Fundus der Feuerwehr vorhanden waren. Der lederne Hakengurt war mindestens doppelt so schwer wie ich“, blickt Hermann Keilhofer zurück, lacht und fügt hinzu: „Wir sind mit der ganzen Bande mitgerannt. Unsere erste verantwortungsvolle Aufgabe, die wir von den alten Haudegen bekommen haben, war das Schlauchwaschen im Keller.“
Heute amüsiert er sich, wenn er daran denkt, wie lang sie die Schläuche schruppen mussten und wie sie mit ihnen die Hühnerleiter hochkletterten, um sie zum Trocknen aufzuhängen. „Es war ein sehr strenges Regiment, alles hatte seine Ordnung und seinen Platz.“ Und auch das rote Fortbewegungsmittel war damals alles andere als modern: „Unser 118-PS-Turbo-Mercedes zuckelte die Marcher Höhe in einem Tempo hoch, dass jeder Traktor den Blinker setzte, um uns zu überholen.“ Die „Deluxe“-Sitze bestanden aus Holzbänken, „bei denen einem das Sitzfleisch wehtat“. Doch es handelte sich um das einzige Tanklöschfahrzeug im weiten Umkreis.
Und noch eine Anekdote bzw. ein Unterschied zur Jetzt-Zeit fällt ihm ein: Die jungen Feuerwehrmänner mussten damals bei Sirenengeheul zunächst zur Polizei rennen und mit dem „riesigen Schlüssel“ des Feuerwehrhauses von dort zurückkommen. Erst später habe es ein Zylinderschloss und einen anderen Aufbewahrungsort für den Schlüssel gegeben.
„Es schleuderte mich die Treppe rückwärts runter“
„Mich hatte das Feuer der Feuerwehr gepackt – hier war ich unter Gleichgesinnten“, bringt Keilhofer seine Leidenschaft auf den Punkt. Damals machten Brände noch 99 Prozent der Einsätze aus. Die technischen Hilfeleistungen bei Verkehrsunfällen unterschieden sich stark von heute, da fehlende Sicherheitsgurte, Airbags und Kopfstützen völlig andere Verletzungsbilder zur Folge hatten.

Im Rückblick auf gefährliche Momente zeigt sich der Vollblut-Feuerwehrmann demütig gegenüber seinen Schutzengeln: „Es gibt wirklich Situationen, da hatte ich sehr viel Glück.“ Ein besonders prägendes Erlebnis war der Brand einer Obdachlosenunterkunft. Als er dort eine schmale Holztreppe hinaufstieg, kam es beim Öffnen einer Tür zur Katastrophe: „Die Tür war noch warm. Ich machte sie einen Spalt auf, doch durch den Luftzug gab es einen Flashover. Ich hatte mich weggedreht, die Jacke war bis auf die letzte Schicht demoliert. Es schleuderte mich die Treppe rückwärts runter.“
Ein weiteres Mal fuhr er gerade zu einer Dienstversammlung, als der Alarm „Brand im Altenheim“ einging. Er traf als Erster mitsamt Uniform dort ein und versuchte sogleich, ein Menschenleben zu retten. Auf allen Vieren kroch er durch den verrauchten Flur zum Zimmer des Bewohners. Doch für den Mann kam jede Hilfe zu spät, die Flammen waren bereits zu heftig. Beim Rückzug atmete Keilhofer dann so viel Rauchgas ein, dass er bleibende Schäden davontrug: Die Uniform war reif für die Tonne und er verlor für drei Wochen seinen Geschmackssinn. Trotzdem bereut er den Einsatz nicht, denn für ihn steht fest: „Allein der Versuch, Menschenleben zu retten, ist es wert. Oft ist eine schmale Grenze zwischen helfen wollen und können.“
Besonders Stallbrände stellen für Keilhofer eine enorme Belastung dar. „Auch die Tiere leben und fühlen. Es geht furchtbar unter die Haut, sie schreien zu hören. Man muss sich anerziehen, diese Erlebnisse mental einzuordnen und abzulegen – das ist ein Prozess mit dir selbst“, erklärt er. Diesen Rat gibt er jedem weiter, um die belastenden Bilder zu verarbeiten, die das Ehrenamt mit sich bringt. Während man dabei früher oft auf sich allein gestellt war, habe sich die Situation heute verbessert: Im Landkreis Regen stehen mittlerweile sog. PSNV-E-Teams (Psychosoziale Notfallversorgung für Einsatzkräfte) bereit, um in Krisenmomenten zuzuhören. Privat verlässt sich Keilhofer vor allem auf seine Frau und seinen Sohn, die als engste Vertraute und wichtigste Ratgeber stets ein offenes Ohr für ihn haben.
„Mir war wichtig, alle Grenzen niederzureißen“
Seine Führungslaufbahn begann 1988 als Kassier der Freiwilligen Feuerwehr Regen. Bereits ein Jahr später sammelte er als zweiter Kommandant erste Erfahrungen in der Personalführung, bevor er ab 1992 das Amt des Kommandanten übernahm (zuvor bereits kommissarisch). Seine direkte Art, Probleme offen anzusprechen, sorgte nicht nur für Zuspruch, sondern bescherte ihm auch Kritiker.

Als er 1998 für das Amt des Kreisbrandrats vorgeschlagen wurde, war das Verhältnis zwischen den Altlandkreisen Regen und Viechtach noch von einer spürbaren Distanz geprägt. „Wir haben uns gegenseitig leben lassen, aber nichts geschenkt“, erinnert er sich schmunzelnd. Diese Rivalität führte einst zu einer absurden Rechtfertigung: Nach einem schweren Unfall bei Arnetsried befreite Keilhofer eine Person, obwohl er dafür die Grenze zum Bereich Viechtach überschritten hatte. Anstatt Lob gab es Kritik von Landrat und Kreisbrandrat wegen Kompetenzüberschreitung. Doch Keilhofer ließ sich nicht beirren: „Da stellte ich mich das erste Mal auf die Hinterfüße und fragte: Was ist wichtiger, dass der Schwerverletzte möglichst früh herausgeschnitten wird – oder wer ihn rausschneidet?“
Im Jahr 1998 wurde er mit einem knappen Ergebnis von 40 zu 35 Stimmen zum Kreisbrandrat gewählt. Von Beginn an verfolgte er dabei eine klare Vision: „Mir war wichtig, alle Grenzen niederzureißen. Es sollte kein Jung gegen Alt, Viechtach gegen Regen geben, sondern ich wollte Barrieren abbauen. Deswegen benannte ich die Inspektionsbereiche Viechtach und Regen in Ost und West um. Es ist das Schlimmste, wenn Feuerwehren gegeneinander arbeiten.“
Seine Karriere verlief dabei außergewöhnlich, da er die Positionen des Kreisbrandmeisters und Kreisbrandinspektors übersprang. Heute unterstehen dem Regener zwei Inspektoren, sechs Stabskreisbrandmeister und neun Kreisbrandmeister. Wirkliches Glück bedeutet für Keilhofer jedoch etwas anderes: Er empfindet es als Erfolg, wenn er bei Generalversammlungen sieht, dass die Feuerwehren funktionieren, der Nachwuchs gesichert ist, die Harmonie stimmt und sowohl Bürgermeister als auch Bürger die Arbeit wertschätzen.
Dabei betrachtet er eine aktuelle Entwicklung mit Sorge: Während die Feuerwehr früher Moderne und Tradition ideal miteinander verband, rücken diese Werte neben der Kameradschaft und dem Gemeinschaftssinn heute schleichend in den Hintergrund.
Kritik an Politik und neue Einsatzzentrale für Zwiesel
Keilhofer ist bekannt dafür, klare Positionen zu beziehen und offene Worte nicht zu scheuen. Diese Geradlinigkeit zeigte sich etwa auch in seiner Mitarbeit am Feuerwehrgesetz. Sein Plädoyer gilt der Verständlichkeit: „Ich bin für Klarstellung, die sich nicht in sich selbst verklausuliert. Der Mensch sollte im Vordergrund stehen. Das Gesetz sollte kurz, knapp und prägnant sein. Man muss das runterschrauben. Doch wir deutschen lieben Normen und Verordnungen.“ Konsequent setzt er sich daher für Vereinfachung und Entbürokratisierung ein und kritisiert den starren Regelungswahnsinn.

Kritisch äußert sich Keilhofer zur aktuellen Sicherheitspolitik; von der derzeitigen „Kriegshysterie“ und dem „Operationsplan Deutschland“ hält er wenig. „Die Fahrzeuge, diesen umzusetzen, sind da – aber die Hallen fehlen“, moniert er mit Blick auf die praktischen Defizite. Um die Infrastruktur zu verbessern, plant er aktuell in Zwiesel einen Anbau für zwei Fahrzeuge sowie eine neue Einsatzzentrale. Da dieses Vorhaben enorme Summen verschlingt, hat er sich aktiv auf Sponsorensuche begeben – und will sich um europäische Fördermittel für ein gemeinsames Zentrum mit der Region Pilsen bemühen.
Ein besonderes Anliegen ist ihm dabei die Funktionalität der Räumlichkeiten im Krisenfall. „Wir sind in Bayern einer der wenigen Landkreise, die platzbedingt keinen Sitzungssaal am Landratsamt zur Verfügung haben, den wir für eine Großschadenslage schnell belegen können“, bedauert er. Für ihn steht daher fest, dass eine effektive Krisenbewältigung nur möglich ist, wenn die Rahmenbedingungen stimmten: „Wir brauchen große und funktionelle Räume mit entsprechenden technischen Strukturen, damit eine zielführende und effektive Arbeit gewährleistet ist.“
Marika Hartl







