March. Eigentlich war der Plan so perfekt wie eine frisch markierte Wanderkarte im Nationalpark Bayerischer Wald: Seit seinem Erstgespräch mit Extrem-Wanderer Kevin Kronschnabl im November 2025 wollte sich Hog’n-Redakteur Stephan Hörhammer stählen, Kilometer fressen und zur menschlichen Marschmaschine mutieren. Doch wie das Leben nun mal so spielt, kamen zwischen die guten Vorsätze und die Wanderschuhe ein paar lebensverändernde Ereignisse: von der Geburt seiner Tochter bis hin zu traurigen Abschieden in der Familie blieb die Pulsuhr häufiger liegen, als ihm lieb war. Kurz gesagt: Seine bisherige Vorbereitung gestaltete sich eher „olympisch“ nach dem Motto „Dabei sein ist alles“ – und das Training bestand primär aus dem Stemmen von Windeltaschen…

Doch: Kneifen gilt nicht! Der „Bayerwald-Marsch 100“ rückt unaufhaltsam näher – und auch wenn Hörhammers Waden beim Gedanken an den 100-Kilometer-Selbstversuch bereits jetzt leise um Gnade winseln, wird die Startlinie am 30. Mai mehr und mehr zur Realität. Da der Hog’n-Schreiberling aber ungern völlig planlos in die dunkle Waldnacht stolpern möchte, hat er sich Initiator Kevin Kronschnabl noch einmal für ein kurzes, knackiges „Last-Minute-Briefing“ geschnappt. Schließlich benötigt er jetzt keine komplizierten Trainingspläne mehr, sondern echtes Überlebenswissen für die Zielgerade!
Vom berüchtigten „Tapering“ über die perfekte „Henkersmahlzeit“ bis hin zur Frage, wie man den inneren Schweinehund fachgerecht im Unterholz aussetzt, wenn um drei Uhr morgens gar nichts mehr geht: Der „Bayerwaldcoach“ und Extremsportler hat ihm und allen Teilnehmern noch einmal Rede und Antwort gestanden, bevor es ernst wird – inklusive Tipps, wie man dem „Muskelkater des Todes“ vielleicht doch noch ein Schnippchen schlägt. Jedenfalls: Der Countdown läuft!
„Trockene Füße sind das A und O!“
Kevin, wir stehen kurz vor dem Startschuss. Viele Teilnehmer neigen dazu, jetzt aus Nervosität noch schnell ein paar Gewaltmärsche zu machen. Wie sieht die perfekte letzte Woche aus? Wie viel Bewegung ist nötig, um nicht „einzurosten“ – und wie viel Ruhe braucht der Körper, um mit 100 Prozent Energie an der Startlinie zu stehen?

Man sagt gerne Tapering dazu, sprich: Man reduziert sein Trainingsvolumen kurz vor einem Event deutlich. Bei einem 100-Kilometer-Marsch wären zwischen 40 und 50 Kilometer die letzten beiden Wochen ratsam. Also so mache ich es – und es funktioniert!
Das Thema „Carb-Loading“ ist ja in aller Munde. Was empfiehlst du als „Henkersmahlzeit“ am Abend davor? Und was sollte man sich am Morgen des 30. Mai noch einverleiben, damit der Magen nicht rebelliert, aber der Tank voll ist?
Wie der Name schon sagt, sind Carbs Kohlenhydrate – also sowas wie Nudeln, Reis oder Kartoffeln. Das darf aber gerne schon eine Woche vorher kultiviert werden, sodass man sich das gönnt, was man auch während dem Marsch zu sich nimmt. Mein Morgenritual besteht bei so einem Event aus Sojajoghurt, Haferflocken, Beerenobst sowie einer Banane. Vielleicht noch ein Ei hinterher.
Im Bayerischen Wald kann das Wetter Ende Mai alles – von strahlendem Sonnenschein bis zum plötzlichen Kälteeinbruch in der Nacht. Was sind die drei Dinge, die ich je nach Wettervorhersage kurzfristig noch in den Rucksack packen oder (schweren Herzens) rauswerfen sollte?
Natürlich gilt es, am Vorabend das Wetter nochmals zu prüfen. Lieber einen Poncho einpacken und schnell drüber werfen bei einem Regenschauer; auch einen leichten Fleece-Pullover oder eine Jacke mit dabeihaben für etwas mehr Wärme, falls es kalt werden sollte. Und als dritter Tipp: Wechselsocken! Egal, ob es regnet oder man wie Hölle schwitzt – trockene Füße sind das A und O!
„Du bist dein eigener Widerstand!“
Wenn es losgeht, ist das Adrenalin hoch. Man läuft leichtfüßig los und ist oft zu schnell unterwegs. Welches Mindset und welches Tempo empfiehlst du für das erste Viertel, damit man nicht schon vor der ersten Verpflegungsstation sein Pulver verschießt?

Wenn möglich, sollte man einen Gesprächspartner finden. Denn wenn man sich locker unterhalten kann, ist’s meiner Meinung nach genau das richtige Tempo. Am Anfang ist das Starterfeld jedenfalls noch relativ kompakt beisammen. Es gibt gemütlichere und schnellere Läufer. Und das immer und zu jeder Zeit. Deshalb: Ordne dich in der Mitte ein – und du bist genau richtig für die 100 Kilometer.
Die Erfahrung zeigt: Irgendwann zwischen Mitternacht und dem Morgengrauen kommt der Punkt, an dem der Körper „Nein“ sagt. Wenn die Motivation im Keller ist und jeder Schritt schmerzt – hast du nochmal einen konkreten „Notfall-Gedanken“ oder einen mentalen Anker, der einen durch diese Phase trägt?
Hör ganz genau hin: Sind es richtige Schmerzen oder ist es nur der innere Schweinehund, der aus einer Fliege einen Elefanten machen will? Wenn es richtige Schmerzen sind, dann hör bitte auf. Das ist deine körperliche Grenze! Du hast nur einen Körper! Wenn du aber dir eingestehst, dass es der innere Schweinehund ist, dann erinnere dich genau daran, dass du ihn ja besiegen wolltest – also zieh durch! Du bist dein eigener Widerstand!
Zähneputzen, Sockenwechsel, das Gesicht mit kaltem Wasser waschen – kleine Routinen können ja oft Wunder wirken. Was ist dein persönlicher Geheimtipp an den Verpflegungsstationen, um sich für die nächste Etappe „frisch“ zu machen, wenn man sich eigentlich nur noch hinlegen möchte?
Auf die Toilette gehen, durchatmen und gedanklich ein Viertel der Strecke abhaken. Zudem: das Essen genießen, Schuhe und Klamotten auf Sitz überprüfen. Dann: Reinfühlen, ob Blasen entstanden sind und diese gegebenenfalls behandeln. Und nicht zu lange pausieren, sondern einfach weitermachen.
„Lass dich feiern – bzw. feiere dich selbst!“
Nehmen wir an, wir kommen nach 24 Stunden über die Ziellinie. Der Stolz ist riesig, der Körper am Ende. Was ist dein Profi-Tipp für die ersten Stunden nach dem Marsch? Direkt ins Bett? Oder gibt es etwas, das wir tun können, um den Muskelkater des Todes und geschwollene Beine am nächsten Tag abzumildern?
Als allererstes, wenn du ins Ziel kommst: Lass dich feiern – bzw. feiere dich selbst! Du hast es für Dich gemacht. Genieße diesen Moment und sei stolz auf dich! Leg dich dazu gerne auf den Boden und lege deine Füße auf den Rucksack und entspann dich kurz. Dann genieße das Essen und ein alkoholfreies isotonisches Getränk, was auf dich wartet. Abends kannst du dann mit leicht erhöhten Beinen schlafen.
Okay, klingt gut. Schon mal vielen Dank für deine „letzten Worte“ – wir sehen uns an der Startlinie!
Ich freu mich auf dich. Nimm schönes Wetter mit!
die Fragen stellte: Stephan Hörhammer/ Fotos: Michael Rackl
Wissenswertes zum „Bayerwald-Marsch 100“: Der Bayerwald-Marsch 100, initiiert von „Bayerwald-Coach“ Kevin Kronschnabl, ist ein mittlerweile durchaus bekannter Extrem-Wandermarsch im Bayerischen Wald. Dabei gilt es, einhundert Kilometer innerhalb von 24 Stunden zu bewältigen. Die Strecke umfasst ca. 2.400 Höhenmeter, was die Herausforderung deutlich erhöht – und die Teilnehmer an ihre körperlichen und mentalen Grenzen bringt, da er auch durch die Nacht führt.
Der Marsch, der auf vier Rundstrecken zu je 25 Kilometern aufgeteilt wird, findet um die Ortschaft March (bei Regen) statt. Start und Ziel ist der Fußballplatz des SV March, dessen Mitglieder für die Organisation der Veranstaltung mitverantwortlich zeichnen und an den Verpflegungsstationen entlang der Strecke bereitstehen. Die Route führt durch die idyllische Umgebung des Arberlandes und beinhaltet Highlights wie den Geißkopf, den Teufelstisch, „Bayerisch Kanada“ und den Flusswanderweg am Schwarzen Regen.
Wer die 100 Kilometer in 24 Stunden schafft, erhält auf seiner Urkunde den Zusatzstempel „FINISHER“. Diejenigen, die die Distanzen 25, 50, 75 und 100 Kilometer (zeitunabhängig) schaffen, bekommen ebenfalls Medaillen und Urkunden überreicht.







