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Prackenbach. Für die Bewohner von Prackenbach ist es ein vertrauter Anblick, fast schon eine Selbstverständlichkeit: Wer den Ortskern in Richtung Fichtental verlässt, passiert am Dorfrand ein bescheidenes Anwesen, das seit Generationen fest im Ortsbild verankert ist. Dieses „seit Generationen“ hat im Falle der Wiedenmühle – im Volksmund liebevoll die „Weij-Meij“ genannt – eine beeindruckende Tiefe von fast 400 Jahren.

Korbinian Schedlbauer, der Enkel der ehemaligen Sägemühlen-Betreiber, hat das kleine Anwesen bei Prackenbach von seinen Großeltern geerbt.

Das weiß wohl niemand besser als Korbinian Schedlbauer. Als Enkel des einstigen Eigentümerpaares ist er der Erbe des alten Sägewerks und somit einer langen Historie, die ihn bereits als Kind faszinierte. In seinem Freundeskreis rund um Prackenbach ist er längst als „Da Weij-Meijna“ (hochdeutsch: „der Wieden-Müller“) bekannt.

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Nun macht er Ernst mit der Rückkehr zu seinen familiären Wurzeln: Schedlbauer plant, seinen Lebensmittelpunkt von Wiesent bei Regensburg zurück in die Heimat zu verlegen. Aktuell steckt er bereits mitten in den Vorbereitungen, um die historische Sägemühle wieder zum Leben zu erwecken – originalgetreu und mit viel Herzblut. Seine Motivation bringt er dabei wie folgt auf den Punkt: „Es wad einfach schod, wenn des koana weida dad!“

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Von der Ferien- zur Wahlheimat

Mit denselben Maschinen, die auch seine Vorfahren genutzt haben, sägt Korbinian Schedlbauer Baumstämme zu Brettern und Balken.

„I war eigentlich scha owei a weng do“, sagt der 27-Jährige. Mit verschränkten Armen sitzt er da, wie man ihn kennt – mit Sepperlhut und Arbeitsgewand – und lässt den Blick über seine ehemalige Ferien-Heimat, den derzeitigen Wochenend- und baldigen Wohnsitz schweifen. Die freundlichen Augen blitzen genauso verschmitzt wie sich die Lippen unter dem rötlichen Bart zu einem zurückhaltend-fröhlichen Schmunzeln formen. Was genau in dem schelmischen jungen Mann vorgeht, ist auf den ersten Blick nur schwerlich zu erkennen.

Sein Vater, ein Prackenbacher, und seine Mutter, eine Rattenbergerin, seien einst der Arbeit wegen nach Wiesent gegangen. Dort wächst Korbinian auf, ist im gesellschaftlichen Leben als Vorstand der Wiesenter Landjugend fest verankert. „Oba eigentlich hob i scho immer zwei Heimaten“, merkt er an. Die meisten seiner Ferien verbringt er bei seinen Großeltern, der „Weij-Meij-Rosa“ und dem „Weij-Meij-Lies“(Rosa und Alois Schedlbauer) und arbeitet im Sägewerk in der Wiedenmühle mit. „Was mir do so g’foin hod? Hm, alles! I arbeit einfach gern“, sagt er mit nachdenklichem Blick, rückt den Hut zurecht und grinst: „So wia andere Sport machen. Des is a weng a Hobby.“

Der hauptberufliche Elektriker im Kabel- und Freileitungsbau bringt sich auch im Prackenbacher Vereinsleben mehr und mehr ein, ist Mitglied der „Oldtimerfreunde Rubendorf“ wie auch der Feuerwehr. Die meiste freie Zeit verbringt er aber damit, die historischen Maschinen im Sägewerk zu warten, sie in Gang zu halten bzw. wieder in Gang zu bringen. Gesägt wird auch jetzt schon – größtenteils genau so, wie es die Großeltern damals taten. Nur das Wasserrad ist lädiert: „Gebrochen, des liegt am Boden auf“, stellt Korbinian Schedlbauer fest und fügt hinzu, dass es derzeit von einem Elektromotor ersetzt wird. Neue Wasserschaufeln sind aber bereits in Arbeit, sagt er, die „hab i scho ausgeschnitten“.

Seit 1600 Getreidemühle, seit 1800 Sägewerk

Mit alten Bildern erklärt Korbinian, wie sich die Sägemühle im Laufe der Jahrhunderte entwickelt hat. Hier wurde gerade das derzeitige Wohnhaus gebaut, das alte steht noch.

Wie der 27-Jährige aus Erzählungen seiner Großeltern weiß, war der Ursprung der Wiedenmühle kein Sägewerk, sondern eine Getreidemühle. Seit dem 17. Jahrhundert. Wo jetzt das Wohnhaus steht, sei früher die Mühle gewesen – „des hat der Opa no g’wusst.“ Um 1800 sei dann zusätzlich die Arbeit im Sägewerk der Familie aufgenommen worden. Auch ein zweites Wasserrad habe es damals gegeben, sowie einen zweiten „Godan“, also ein zweites Sägegatter. Das heute noch schneidende wird gegen 1910 eingebaut, „war aber damals scho gebraucht, soviel i woas.“ Es kommt laut einer Prägung aus der Landshuter Gegend.

Nach den Weltkriegen sei es an zwei Inhaber verkauft worden, erinnert sich der Enkel. Die Familie lebte und arbeitete jedoch weiterhin dort. Der Großvater war eine Zeit lang auswärts bei München tätig, die Großmutter half im Sägewerk, führte eine kleine Landwirtschaft mit zwei Kühen – und kümmerte sich um einen der beiden Eigentümer, als der es alleine nicht mehr kann. Sie pflegte ihn bis zum Tod und bekam wieder einen Teil des ehemaligen Familienbesitzes überschrieben. Der andere Teil wurde schließlich zurückgekauft.

Als der „Weij-Meij-Lies“ dann in Rente ging, arbeitete das Paar gemeinsam. Als herber Rückschlag erwiese sich ein heftiges Hochwasser im Jahr 1991, das ganz Prackenbach betraf. „Da war sogar d’Bundeswehr da zum Helfen“, weiß der Korbi von seinem Opa. Der Aufzug, mit dem die Baumstämme zum Sägewerk transportiert werden, sei seinerzeit zerstört, 500er Rohre einfach herausgerissen, gelagerte Bretter fortgeschwemmt worden – „und des waren g’scheid viele damals“. Auch ein Teil der Säge ging kaputt, „de is seitdem a bisserl schief“, berichtet der junge Mann und zuckt mit Schultern. Bis 2010 ist die Sägemühle in Betrieb gewesen. Beide Großeltern sind mittlerweile verstorben und haben ihrem Enkel den Familienbesitz vererbt.

Schon als Vierjähriger darf Korbinian mithelfen

Auch die Schleifmaschine, die die Sägeblätter schärft, haben schon seine Vorfahren benutzt.

Eine der ersten Aufgaben, die er als Vier- oder Fünfjähriger im Sägewerk übernehmen durfte, war ausschlaggebend: Den Hebel drücken, damit das Wasser des Baches über das Wasserrad geleitet wird – sozusagen der Startknopf. „Da ham’s mir a Schammerl vor’s Fenster g’stellt, sonst hätt i gar ned rausschauen können, so kloa war i“, blickt er zurück und grinst dabei.

Eine lustige G’schicht ist ihm dabei in Erinnerung geblieben, nämlich die über den längsten Baumstamm in Sägewerk: 16 Meter maß dieser. „Des war eine Schinderei! Alles von Hand und unbedingt ham’s des machen müssen“, kommentiert er lachend die einstigen verbissenen Anstrengungen der Großeltern, die versuchten, den Stamm bestmöglich zu rangieren. Als dann die Zimmerer kamen, machten sie kurzen Prozess („Mia schind ma uns ned mit dem Ries’nding„) – und schnitten ihn in der Mitte durch. Der junge Waidler schnaubt und grinst, steht auf und steuert die Planke an, über die die Stämme per Seilwinde hochgezogen werden. „Jetzt lass ma mal um“, sagt er. So, wie vor hundert Jahren. Ohne Bagger, Lader oder Kran.

Er greift dabei einen langen Stock mit Haken am Ende („da Wend-Hog’n“ alias Wendehaken) und kugelt den „Rundlen“ (alias Baumstamm) in eine Vorrichtung, die mit Rädern ausgestattet ist (der „Wog’n“, sprich: Wagen), ihn zum „Godan“ (Sägegatter) transportiert und sich synchron zur Arbeit der Sägeblätter bewegt. „Hinten aussa kommt, was eben eingehängt ist“, erklärt er und zeigt verschiedene „Leeren“ die als Abstandshalter in ein Register eingehängt werden und damit die Dicke der Bretter oder Balken bestimmen. Eingehängt werden immer zwei Millimeter mehr, denn die Zacken an den Sägeblättern weisen abwechselnd minimal nach rechts oder links, sind „geschränkt“ – „sonst zwickts!“ Normalerweise muss alles zweimal durch das Sägegatter: erst von einer Seite, dann wird gedreht – und die anderen Seiten kommen dran.

„So pressiert’s dann aa ned!“

Korbinian Schedlbauer zeigt einige der unterschiedlichen Leeren, mit denen er die Dicke der Balken und Bretter regeln kann.

Korbinian drückt einen Hebel, der ganze Apparat setzt sich augenblicklich in Bewegung, erst langsam, dann immer schneller – und lautes Ratschen ertönt. Die Zahnräder wirbeln, die Sägeblätter bewegen sich hoch und runter. Ganz langsam, Stück für Stück, bewegt sich der Baumstamm auf dem Wagen durch das Sägegatter. Die Sägezähne graben sich in das Holz, Späne fliegen. Rund 15 bis 20 Minuten dauert ein Durchgang. Am anderen Ende heraus kommen die fertigen Balken oder Bretter. Der junge Mann grinst, nickt zufrieden und geht geschäftig umher, drückt mal diesen Hebel, dreht an einem anderen.

„Eigentlich könnt i etz glei den nächsten Stamm hinrichten und parallel arbeiten“, erklärt er, als ein Durchgang beendet ist, und fügt hinzu: „Aber dann wird’s ziemlich stressig.“ Gleichzeitig müsste dann auf allen Seiten überprüft werden, ob die Maschinen richtig laufen, der Stamm immer richtig platziert ist und sich nichts verschiebt. Auch die Bretter vom vorherigen Durchang müssten verstaut werden, damit Platz für die nächsten ist. Korbinian schaut sich um und meint nüchtern: „Meistens is‘ des ned wert – so pressiert’s dann aa ned!“

Ziel: Familienvermächtnis und altes Handwerk erhalten

Im unteren Geschoss drehen sich große und kleine Zahnräder, die vom Motor und bald wieder von Wasserkraft angetrieben werden, und so selbst den „Godan“ antreiben. Ein riesiger Haufen Holzspäne sammelt sich an. In einem Nebenzimmer stehen weitere uralte Gerätschaften zum Instandhalten der Sägeblätter, zum Schleifen und Schränken. Der Prackenbacher prüft eingehend, ob die Biegung der einzelnen Zacken passt und spannt das Sägeblatt dann in die Schleifmaschine ein. Funken fliegen, als die Kanten wieder scharf werden. Er fährt leicht mit dem Finger darüber und nickt. Ja, damit kann gearbeitet werden.

„Hauptberuflich wird sich des Ganze aber leider ned rentieren“, zuckt der junge „Weij-Meijna“ mit den Schultern. Eher für den Eigengebrauch und in Zukunft vielleicht samstags mal gewerblich, damit sich’s zumindest „auf Null“ hinausläuft. Im Grunde gehe es ihm aber darum, das Familienvermächtnis weiterzutragen und das alte Handwerk zu erhalten – ohne Druck, dafür aber mit umso mehr Leidenschaft…

Text und Fotos: Lisa Brem


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