Zwiesel. Wie viel Kraft kostet es, ein Leben lang jemand anderes zu sein? Mia Stiegler versuchte sich in einem „normalen“ Leben zurechtzufinden, während sie ihr wahres Ich zu ignorieren versuchte. Erst spät wagte sie den endgültigen Schritt zur Frau. Mit Unterstützung ihrer Partnerin und ihrer Kinder hat sie schließlich das Schweigen gebrochen, um für das Thema Transgender zu sensibilisieren und jungen Menschen den Weg zu ebnen.

„Es war einmal in einer kalten Winternacht im Bayerischen Wald, als die kleine Mia das Licht der Welt erblickte – so schön hätte es beginnen können, doch irgendetwas passte nicht zusammen“, beginnt Mia Stiegler aus Zwiesel von ihrem Leben zu erzählen. Mit etwa neun Jahren zog sie erstmals Sachen aus Mamas Kleiderschrank an.
In einem männlichen Körper geboren, zum Leistungssport im Radsport und Biathlon vom Vater gedrängt, war ihre Kindheit geprägt von einer Zerrissenheit, die sie noch nicht näher bezeichnen konnte. Sie spürte, dass sie irgendwie anders war und fühlte sich nirgendwo richtig zugehörig – weder in ihrem vom Vater geprägten Elternhaus noch bei Freunden, weder bei den Jungs noch bei den Mädchen. Sie konnte sich niemandem anvertrauen.
„Das Problem sind die anderen – nicht wir!“

Erst in München, weit weg von der Beengtheit des Bayerischen Waldes und der Familie, stieß Mia im Internet auf Begriffe wie „Trans“, „Transgender„, „Geschlechtsidentität“ und „Transition“. „Leider kann ich mit meiner Herkunftsfamilie immer noch nicht über diese Dinge reden. Sie verstehen nicht, was mit mir los ist und haben den Kontakt abgebrochen“, bedauert Mia.
Ihre Partnerin Martina Wagner, ebenfalls gebürtige Zwieselerin, in München lebend, schaffte es jedoch, dass Mia wieder mit Herzklopfen in die Glasstadt fährt. „Ich habe mit dem Outing mein Leben auf die Füße gestellt“, blickt sie zurück. „Stabilität haben mir dabei meine Freunde und Kinder gegeben.“
Mit den Blicken oder Sprüchen der anderen lernten sie umzugehen. „Mit Mia fällt man auf, schon wegen ihrer Größe und oft auch wegen ihres Outfits – und ich liebe es“, gibt Martina augenzwinkernd zu und ergänzt: „Aber im Ernst, was soll das Ganze? Wir nehmen niemandem etwas weg und müssen uns für nichts rechtfertigen. Das Problem sind die anderen – nicht wir! Wir möchten respektvollen Umgang und für Transgender sensibilisieren, denn das Leben ist so schön, wenn man so leben darf, wie es einem bestimmt ist.“ Der Weg dorthin sei jedoch schmerzhaft – für Leib und Seele…
„Es geht um Identität und Persönlichkeit“

Nach einem Jahr Bedenkzeit einigte sich Mia Stiegler mit ihrem Bekannten, dem Produzenten der BR Lebenslinien, eine Sendung zu drehen. „Ich möchte Mut machen und den jungen Menschen sagen: Geht euren Weg! Jugendliche haben noch keine Lebenserfahrung, aber ihr Körper macht den Prozess leichter mit. Bei mir ist es umgekehrt.“ So bietet die Zwieselerin an, mit den jeweiligen Eltern auf Augenhöhe zu sprechen, wie man*frau empfindet, wenn man*frau trans ist, denn die körperlichen Schmerzen der OP sind nicht das Ausschlaggebende. Schlimmer sind die seelischen Wunden.
Die Geschlechtsangleichung beginnt mit einem psychologischen Termin, dem weitere bei Transgender-Spezialisten folgen. Im Anschluss kommt das Gutachten, als nächstes der Besuch beim Endokrinologen zur Hormontherapie, die mindestens zwei Jahre läuft. Erst dann kann die Anfrage der Kostenübernahme beim medizinischen Dienst gestellt werden. Danach wartet man*frau wieder ein halbes Jahr auf die Antwort. Nach dem OP-Termin erfolgen diverse Behördengänge, um etwa den Personenstand in der Geburtsurkunde zu ändern, Versicherungen umzuschreiben etc.
Mia wartet derzeit auf ihre Brust-Aufbau-OP. „Bisher trage ich am liebsten Miniröcke. Was ich obenrum am liebsten anziehe, stellt sich danach heraus“, sagt sie und lächelt. „Die Unterschiede zwischen Männern und Frauen sind kleiner als die zwischen den jeweiligen Personen. Es geht um Identität und Persönlichkeit – alle wollen doch so gesehen werden, wie sie sind“, meint Martina. Und ihre Partnerin bestätigt: „Einzig der Mensch zählt!“ Ganz nach dem ersten Artikel des Grundgesetzes.
Doch „Mia“ wollte ans Licht der Welt

Das erste Mal alleine in München ging Mia Stiegler Frauenkleidung kaufen. „Ich war aber innerlich so zerrissen, dass ich alles wieder in den Müll warf“, bedauert die 1,90 Meter große Transfrau rückblickend. „Das zieht sich wie ein roter Faden durch mein Leben: Ich stand mir selbst im Weg.“ Sie versuchte sich in einem konventionellen Leben – mit Studium, dann Beruf und Selbstständigkeit, schließlich auch mit Frau und Kindern – zurechtzufinden. Mia ertränkte dabei jeden Gedanken über ihr wahres Ich in Arbeit, in der Familie samt Haus und Garten – auch in Hobbys wie Motorrad fahren, die sie exzessiv betrieb.
Der gesundheitliche und emotionale Zusammenbruch war demnach vorprogrammiert. Die Folge: Herzmuskelentzündung und Gesichtslähmung. „Mia“ ließ sich nicht mehr länger verstecken, wollte raus. Zunächst nur zu besonderen Gelegenheiten, etwa zur Sylvester-Party im Kleid. Oder nach Feierabend und im Urlaub. Doch „Mia“ wollte ans Licht der Welt – und sich nie mehr hinter einer männlichen Fassade verstecken müssen.
Im Alter von 46 Jahren outete sie sich schließlich im Freundeskreis – und fast alle standen weiterhin zu ihr. „Beruflich hatte ich Angst um meine Existenz, wenn ich mich oute, aber ich habe nur noch funktioniert.“ Der innere Konflikt wurde immer stärker, sie nahm stark zu, führte ein Doppelleben und war schließlich so verzweifelt, dass sie im November 2022 einen Suizidversuch unternahm. Es blieb allein der Kinder wegen beim Versuch. Aber endlich gestand sie sich ein: „Wenn ich jetzt den Schritt des Outings nicht mache, mache ich nie wieder einen Schritt! Ich bin eine Frau – und kann es nicht verdrängen.“
Mia räumte den Kleiderschrank aus und outete sich bei der Weihnachtsfeier ihrer Band, bei der sie E-Gitarre spielt. Es wurde ganz leise, jeder hörte zu, bis ein Freund die Stille mit den Worten durchbrach: „Ich bin so froh, dass du dich nicht umgebracht hast, Mia.“ Und so begann der Erdrutsch. Sie stellte ihr Leben vom Kopf auf die Füße.
„Wenn’s dir nicht passt, wie sie ist, dann schleichst dich!“
Doch das Outing war erst der Anfang eines langen Weges, bei dem Mia immer sichtbarer wird. „Meine zwei Kinder kennen mich schon immer so und gehen gechillt damit um“, berichtet sie. „Wenn’s dir nicht passt, wie sie ist, dann schleichst dich!“ sei nur eine Reaktion auf abwertende Äußerungen über ihren Vater gewesen. Als sie sich schließlich ihrem beruflichen Hauptauftraggeber gegenüber offenbarte, bekam sie eine der schönsten WhatsApp-Nachrichten von ihm gesandt: „Hallo Frau Stiegler, ich bin froh, Sie kennen zu dürfen.“
Heute muss Mia keine Fassaden mehr aufrechterhalten. Auch wenn der Weg schmerzhaft war, hat sie das „Licht der Welt“ nun endlich unter ihren eigenen Bedingungen betreten. In Zwiesel und darüber hinaus ist sie heute genau das, was sie immer sein wollte: ganz sie selbst.
Marika Hartl
–> Sendetermin der BR-Lebenslinien-Folge mit dem Titel „Endlich darf ich Mia sein“ ist Montag, der 13. April (22 Uhr). In der ARD-Mediathek steht der Beitrag ab 9. April zur Verfügung.








