Werbung

Landkreis Regen. Ein bayerisches Pilotprojekt sollte Einigkeit bringen, doch die Gräben im Landkreis Regen scheinen tiefer denn je. Während ein Bürgerdialog und ein teures Strukturgutachten den Neubau eines Zentralklinikums an der B85 als „zukunftsfähigste Lösung“ anpreisen, brodelt es im Netz. Zwischen politischem Gestaltungswillen und dem Zorn über „verschleuderte Millionen“ steht der Kreistag in den kommenden Monaten vor einer historischen Entscheidung.

Gemeinsam mit Arberlandkliniken-Vorstand Christian Schmitz (links) Landrat Dr. Ronny Raith (2.v.l.) und Mike Angelkorte vom Gutachterbüro hcb (rechts) stellten die Sprecher des Bürgerdialogs (v.l.) Herbert Polke, Kristina Fischer-Tschöpp, Franz Obermeier, Karin Brunnbauer und Johannes Kronschnabel die Ergebnisse des Dialogs vor. Foto: Heiko Langer/ Landratsamt Regen

Von der „Gesundheitsstrategie Arberlandkliniken 2035“ verspricht sich Landrat Dr. Ronny Raith nicht weniger als die Rettung der stationären Versorgung im Landkreis. Die Fakten, die das renommierte Gutachterbüro hcb (Institute for Health Care Business) unter Prof. Dr. Boris Augurzky jüngst vorlegte, wiegen dabei schwer: Ein Verharren im gegenwärtigen Zustand – also der Erhalt beider Klinik-Standorte in Viechtach und Zwiesel – würde das Defizit bis 2040 auf über zehn Millionen Euro jährlich treiben. Zudem müssten bis 2050 rund 371 Millionen Euro investiert werden, wovon kaum etwas förderfähig wäre.

„Der Status quo (…) wird als nicht zukunftsfähig eingestuft, begründet durch Personalengpässe, Investitionsbedarfe und bauliche Einschränkungen. Die Schwerpunktbildung in Viechtach wurde ebenfalls kritisch gesehen, da sie begrenzte Entwicklungsperspektiven, große personelle Herausforderungen und eine ungünstige Erreichbarkeit für den Landkreis aufweist.“ (Quelle: Homepage des Landkreis Regen)

Werbung

Die Lösung der Experten: Ein Neubau (mit 280 bis 300 Betten) für rund 418 Millionen Euro auf der „grünen Wiese“ an der B85. Ein Kraftakt, der zwar astronomisch wirkt, aber durch hohe staatliche Förderquoten (bis zu 250 Millionen Euro) und Synergieeffekte bei Personal und Sachkosten langfristig die einzige Chance auf eine „schwarze Null“ und moderne Arbeitsbedingungen darstelle.

Werbung

Bürgerdialog vs. Facebook-Gewitter

Das hcb-Strukturgutachten liefert einen Entwurf für die künftige Kliniklandschaft: Vorgeschlagen werden ein zentrales Großklinikum, ein sektorenübergreifendes Versorgungszentrum (SüV) in Viechtach sowie ein MVZ in Zwiesel. Grafikquelle: hcb-Gutachten/ Screenshot: da Hogn

Um die Bevölkerung mitzunehmen, setzte der Landkreis auf ein Pilotprojekt: Ein Bürgerdialog mit rund 60 zufällig ausgewählten Teilnehmern begleitete den Prozess. Das Ergebnis, das vor Kurzem in der Realschule Regen präsentiert wurde, klang durchaus harmonisch: Die Sprecher des Dialogs sprachen sich mehrheitlich für die Zentrallösung aus – unter der Prämisse, dass Erreichbarkeit und Versorgungsqualität gesichert bleiben. Landrat Raith zeigte sich bestätigt: „Dieses positive Feedback bestätigt mich darin, dass wir den richtigen Weg eingeschlagen haben.“

Wirft man jedoch einen Blick in die Sozialen Netzwerke, bröckelt das Bild der geschlossenen Front gewaltig. Auf der Facebook-Seite des Landkreises entlädt sich ein Sturm der Entrüstung. Rund 70 Kommentare (Stand: 18.03.2026) spiegeln eine Mischung aus Unverständnis, Wut und tiefem Misstrauen gegenüber der Politik wider.

Der Vorwurf vieler Bürger: Planlosigkeit und Verschwendung von Steuergeldern. „Da werden zwei Krankenhäuser saniert und modernisiert, um sie dann zu schließen? Absoluter Schwachsinn!“, kommentiert ein User unter Verweis auf die Millionen, die in den vergangenen Jahren in den Standort Viechtach geflossen sind. Und ein anderer schlägt in die selbe Kerbe: „Jahrelang wurde demnach in beide Häuser sinnlos Geld versenkt und das nicht wenig, mit dem Ergebnis diese jetzt zuzusperren. Hier sind doch wieder Papiertäter am Werk.“

In einer Zeit, in der der Landkreis ohnehin mit massiven Finanzproblemen kämpft, wirkt die Vision eines 400-Millionen-Euro-Neubaus für viele wie ein Luftschloss. „Um zu sparen neue Schulden machen, ist das die neueste Masche?“, meint etwa ein Kommentator sarkastisch. Auch die Nachnutzung der bestehenden Kliniken bereitet Sorgen: „Was passiert mit den beiden riesigen Gebäudekomplexen, die dann wohl leer stehen?“

Wirtschaftlichkeit vs. Daseinsvorsorge

Das hcb-Szenario sieht keine vollständige Schließung der Standorte Viechtach und Zwiesel vor. Stattdessen könnte die Arberlandklinik in Viechtach (im Bild) künftig als sektorenübergreifende Versorgungseinrichtung (SüV) weitergeführt werden… Foto: arberlandkliniken.de

Andere wiederum hinterfragen die Legitimität und die Zusammensetzung des Bürgerdialogs. Viele empfinden die 60 Teilnehmer nicht als repräsentativ für den gesamten Landkreis. Dass eine „Handvoll Leute“ über die Zukunft der gesamten Region entscheide, stößt vermehrt auf Unverständnis: „Welche ausgewählten Bürger? Die am besten für euch passen?“ Die Rufe nach direkter Demokratie und Mitbestimmung werden laut: „Fragt mal die Bürger, traut euch!“ ist in der Kommentarspalte zu lesen. Und. „Wir brauchen einen Volksentscheid nach Schweizer Vorbild! Nur eine Abstimmung aller Bürger schafft echte Legitimation.“

Besonders kritisch wird der Fokus auf die Rentabilität gesehen. In den Kommentaren spiegelt sich die Angst wider, dass die Gesundheit der Bürger einer betriebswirtschaftlichen Kalkulation geopfert wird. „Ein Krankenhaus dient in erster Linie der Versorgung der Bürger – und nicht der Rentabilität“, so der Tenor einiger Kritiker, die in dem geplanten „Klotz an der B85“ eher ein politisches Denkmal als eine medizinische Notwendigkeit sehen.

Die Antwort der Kreisverwaltung via Facebook-Kommentar, dass die Empfehlungen der Bürger im genannten Bürgerdialog zwar berücksichtigt werden, aber „nicht die alleinige Entscheidungsgrundlage“ seien, dürfte das Vertrauen der Userinnen und User wohl kaum gestärkt haben.

Wie geht es nun weiter?

… während das hcb-Konzept für die Zwieseler Klinik lediglich eine Stärkung des Medizinischen Versorgungszentrums (MVZ) empfiehlt, was wiederum eine Schwächung des Standorts zur Folge hätte. Foto: arberlandkliniken.de

Die Fronten scheinen jedenfalls verhärtet. Während die Verwaltung betont, dass man „gestalten muss, um nicht gestaltet zu werden“ (Raith) und auf die harten Fakten des 70-seitigen Gutachtens verweist, fühlen sich viele Bürger bereits übergangen.

Die endgültige Weichenstellung für die Klinikstruktur im Landkreis liegt beim neu gewählten Kreistag. Nach einer Sondersitzung im Juni, die noch einmal der umfassenden Information aller Gremiumsmitglieder dienen soll, folgt im November die finale Abstimmung. Dieses Votum wird maßgeblich über die künftige Ausrichtung der Krankenhauslandschaft entscheiden.

Ob der Kreistag dann den Mut aufbringt, gegen den lautstarken Widerstand aus Teilen der Bürgerschaft für den Neubau eines zentralen Krankenhauses zu stimmen, oder ob der Ruf nach einem echten Bürgerentscheid das Projekt doch noch ins Wanken bringt, bleibt abzuwarten. Eines scheint sicher: Der Weg zum „Zentralklinikum 2035“ wird für die Verantwortlichen kein Spaziergang, sondern ein politischer Spagat zwischen wirtschaftlicher Notwendigkeit und dem lautstarken Protest einer verunsicherten Bevölkerung.

Stephan Hörhammer

–> zum hcb-Strukturgutachten (einfach klicken)


Dir hat dieser Artikel gefallen und du möchtest gerne Deine Wertschätzung für unsere journalistische Arbeit in Form einer kleinen Spende ausdrücken? Du möchtest generell unser journalistisches Schaffen sowie die journalistische Unabhängigkeit und Vielfalt unterstützen? Dann dürft ihr das gerne hier machen (einfach auf den Paypal-Button klicken).


1 Gedanken zu „Arberland: Wird das „Zentralklinikum 2035“ zur Zerreißprobe?

  1. Alles schon mal dagewesen, vor über 20 Jahren, im Landkreis Dingolfing-Landau. Auch dort sollte ein neues Zentralkrankenhaus in Nähe Autobahn die Krankenhausversorgung retten. Aber da hätte jeder etwas abgeben müssen, eine Geburtshilfe oder den schönen Titel an der Bürotür. Die Frage, wer ein Haupt- und wer ein Nebenhaus hat, war plötzlich das Entscheidende, nicht die Versorgung der Bürger. Das Ende kann sich jeder denken, der Populismus hat gewonnen. Die beiden Krankenhäuser gibt es immer noch. Aber man hat nichts zu melden, weil alles zentral und nichtöffentlich von Deggendorf aus regiert wird. Und ja, die Riesendefizite sind auch noch da. Dazu noch Klinikmanager, gegen die die Staatsanwaltschaft ermittelt. Viel Spaß Euch im Landkreis Regen!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert