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Ramersdorf/Kollnburg. Versunken in seinem schwarzen, gepolsterten Drehsessel lässt Mathias Lieb den Blick über sein Lebenswerk schweifen. Sein ganzer Stolz steht in einer „Werkstatt“, die durch den Glastisch, die Teppich- und Laminatböden sowie die mit Postern des hellgrünen 2er Golf dekorierten Wände eher an ein gemütliches Wohnzimmer erinnert…

„Wenn ich hier drin sitze, ist alles gut!“ Mathias Lieb an seinem Rückzugsort, seiner Werkstatt alias „Wohnzimmer“, neben dem Wohnhaus in Ramersdorf.

Überall im Raum finden sich Zeugnisse seiner Leidenschaft: Unzählige Modellautos säumen die Deckenleisten, während eine Vitrine weitere VW-Exponate und jene Trophäen beherbergt, die der 45-Jährige auf Tuning-Treffen in ganz Europa gewonnen hat. Mit einem zufriedenen Lächeln sieht er sich um und stellt fest: „Wenn ich hier drin sitze, ist alles gut. Ich freue mich jedes Mal, wenn ich mein Auto einfach nur anschauen kann!“

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Seit seiner Jugend hatte ihn die Leidenschaft fürs Tunen gepackt, er schraubte an mehreren, einzigartigen Projekten, gewann Auszeichnungen, war über Jahre hinweg präsent in Fachzeitschriften und auch im Fernsehen. 1998 initiierte er mit Freunden die Gründung des Vereins „VW-Audi-Szene Viechtach“, dessen Vorsitzender er noch heute ist, und organisierte selbst mehrmals erfolgreich Tuner-Treffen in Viechtach.

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„Schalensitze, Käfig – alles, was man halt so braucht…“

Vollleder-Innenausstattung trifft auf glänzenden Lack und matt-schwarze Rennsportzelle.

„Damals, 1993, mit 13 Jahren, da sind wir in Viechtach unterwegs gewesen und haben die aufgemotzten Autos angeschaut, da war ich total fasziniert.“ Tiefer gelegt, glänzende Felgen, total umgebaut – „voll geil einfach!“ Mathias Lieb rückt seine Kappe zurecht, lehnt sich lässig im Stuhl zurück und überkreuzt die Sneaker: „Da war klar: Des möcht i auch mal!“

Nach einem ersten Treffen 1995 fängt er richtig Feuer, der 2er Golf als erstes Auto ist gesetzt. Mit 17 beginnen erste eigene Schraubversuche – „mit einem ‚Wie helfe ich mir selbst-Buch‚, ich hab das ja ned gelernt.“ Lange hält der erste Wagen nicht, nur ein halbes Jahr. 1998 tut sich der damals 18-Jährige mit Gleichgesinnten zusammen, gründet die „VW-Audi-Szene Viechtach“ und übernimmt einige Jahre später den Vorsitz.

1999 folgt der erste GTI – „mit allen Schikanen der Tuning-Grundausstattung“, erinnert er sich, schmunzelt und fügt hinzu: „Schalensitze, Käfig – alles, was man halt so braucht…“ Noch im selben Jahr kommt der erste „Richtige“ dran – hochwertig, teures Fahrwerk und Felgen, Vollausstattung in Leder. „2001, im Winter, ist es dann voll eskaliert…“ Mathias Lieb grinst bis zu den Augen: „Den hab i komplett zerlegt, bis auf das letzte Schrauberl.“ Die Älteren der Tuning-Szene hängen mit ihm ab, geben Ratschläge, Internet gibt’s zu der Zeit noch nicht. Teile werden im Teilemarkt in Zeitungen oder auf Treffen gesucht.

Mehrmals Auszeichnung für „Best of Show“

Unzählige Auszeichnungen hat der Tuner seit seiner Jugend mit seinen hergerichteten Autos schon gewonnen.

Schon bald ist klar: Mathias Lieb will es in eine Fachzeitschrift schaffen und Pokale gewinnen. „Wenn man so ein Hobby hat, will man das Auto bekannt machen!“ 2002 erhält er seinen ersten Pokal auf einem Treffen, macht den dritten Platz in seiner Kategorie. 2003 ist sein cremefarbener 2er Golf zum ersten Mal in einer Ausgabe der deutschsprachigen „VW Wob“ zu bewundern. „Das war dann schon cool“ – ein Grinsen zwischen Bescheidenheit und enormem Stolz folgt: „Da hab i gemerkt, dass i schon dazugehör‘ und ganz oben mitschwimme.“

Weitere Auszeichnungen und Veröffentlichungen folgen für den cremefarbenen Wagen mit dem Spitznamen „Taxi“. „Da war’s dann langsam schon normal, dass Redakteure angefragt haben.“ Die beste Adresse für ihn in dieser Zeit: das große Treffen am Wörthersee, eine Pflichtveranstaltung, auch für die Gemeinschaft der VW-Audi-Szene. In den besten Zeiten sind sie auf verschiedenen Treffen mit 30 bis 40 Fahrzeugen vertreten, machen oft den Preis des „größten Clubs“. Sechs Mal wird von 2012 bis 2018 ein eigenes Treffen in Viechtach auf dem Volksfestplatz organisiert.

Regelmäßige Auszeichnungen gehören dazu, auch in die international verkaufte, englischsprachige Zeitschrift „Performance VW“ schafft er es. Ein weiterer „Ritterschlag“ ist der erste „Best of Show“ für das beste Fahrzeug auf dem kompletten Platz, erzählt Mathias Lieb mit hochgezogenen Augenbrauen und streicht über seinen getrimmten Drei-Tage-Bart. Und bei einem bleibt es nicht. Er steht auf und geht zur Vitrine, sucht mit den Augen die verschieden großen Pokale ab. Dann lächelt er etwas zurückhaltend und erzählt vom „Tuning World Cup“ auf der international bekannten Messe Bodensee mit rund 2000 Autos. „Da war der Grüne unter den Top 50. Des war schon brutal, Königsklasse.“

Turbo? „Ich steh auf old school!“

Der Motorraum des grünen 2er Golfs ist „clean“: Nur das, was wirklich drin sein muss, ist zu sehen.

„Der Grüne“ ist nach dem cremefarbenen das nächste Projekt, das aufwändigste – und noch heute aktuelle. 2007 musste eine neue Herausforderung her. Eigentlich als Zeitvertreib – nach acht Jahren schrauben an und fahren mit dem selben Wagen. Der Tuner grinst: „Aber die Basis war so gut und die Ideen waren so viele. Naja, dann ist’s losgegangen…“ Er blickt auf sein Schmuckstück, für das er seine Werkstatt in ein Wohnzimmer umgebaut hat – zur richtigen Präsentation, versteht sich.

Bergrennmotor. 190 PS. 1,9 Liter Hubraum. Weber-Vergaser. Viele Chromdetails, spezielle Felgen, Edelstahlauspuffanlage und Rennsportfahrwerk. Ein Motorraum, der nicht wie einer aussieht, mattes Schwarz und glänzender Lack in dem gedeckten, hellen Grün, in dem auch der 2er Golf erstrahlt. „Komplett clean – nur das, was man wirklich braucht, ist vorne drin.“

Auch im Innenraum ist alles lackiert, die beige-farbene Volllederausstattung schmiegt sich unter die matt-schwarzen Stangen der Rennsportzelle. Viele seltene Teile sind verbaut, „teils aus Amerika, schwer zu bekommen, die kosten ein Vermögen.“ Aber genau das macht das Auto aus – „der ist anders als alle anderen.“ Ein zeitlos schönes Fahrzeug, harmonierendes Gesamtbild, Tuningkunst der alten Schule, darauf legt Mathias Lieb großen Wert. „Ohne Turbo, ich steh auf old school. Das ist ein altes Auto, dann nehm ich auch die Technik von damals her.“

„Die Zeiten sind jetzt halt vorbei“

Mit dem grünen 2er Golf namens „Herr Weber“ ist Mathias Lieb auch heute noch auf Treffen unterwegs. Das Auto ist in Europas Tuning-Szene bekannt.

Der grüne Golf mit dem Spitznamen „Herr Weber“ – abgeleitet vom Weber-Vergaser kombiniert mit dem Retro-Charme eines Seniors – schafft es wieder in mehrere Fachzeitschriften und ins Fernsehen. Bei den „VW-Audi-Days“ in Geiselwind dreht „Grip – das Motormagazin“ 2019 einen Beitrag mit ihm. Auch die „Sourkrauts“ veröffentlichen auf ihrem Youtube-Kanal einen Beitrag über den Tuner und sein Fahrzeug. Gefahren wird der Wagen aber mittlerweile nicht mehr, nur noch auf dem Hänger transportiert. „Zu schade und nicht mehr straßengeeignet“, zuckt sein Besitzer mit den Schultern und grinst.

Einladungen zu Fahrzeugtreffen in ganz Europa und darüber hinaus bekommt Mathias Lieb zugesandt: England, Frankreich, Polen, Belgien. Doch derzeit beschränkt er sich auf zwei, drei ausgewählte pro Jahr. „Früher, da war ‚ma jedes Wochenende unterwegs.“ Und in der restlichen Zeit, die neben der Arbeit noch bleibt, wird geschraubt. Beim Stempeln im Winter sind 15, 16 Stunden in der Werkstatt ganz normal.

Im Keller unter der Werkstatt warten weitere Fahrzeuge darauf, zum nächsten Projekt zu werden.

Mit zunehmendem Alter, dem Sesshaft-werden und der Familiengründung verändern sich die Prioritäten. Die Zeiten des exzessiven Schraubens (gepaart mit Alkoholgenuss) rücken in den Hintergrund. Auch für viele seiner Freunde. Die VW-Audi-Szene schrumpft wieder. „Die Zeiten sind jetzt halt vorbei, ist einfach alles weniger geworden.“ Seine mittlerweile 16-jährige Tochter begleitet ihn manchmal auf Treffen, der zwölfjährige Sohn hat viel Freude, wenn er mit dem Vater was zerlegen darf. Dieser lächelt. „Und doch, das alles gehört einfach zu mir und meinem Leben, momentan einfach nicht in so extremer Weise.“

Sein Antrieb sei etwas Künstlerisches: Man verwirkliche das, was man sich ausspekuliere. „Du kreierst, du erschaffst etwas, eine Vision“, beschreibt er die Bedeutung, die das Tunen in seinem Leben hat. „Für mich ist Schrauben reines Runterkommen, Treffen sind wie Urlaub. Lauter Narrische – aber die verstehen dich halt.“ Mittlerweile sind Pokale nicht mehr das Wichtigste, sondern neue Leute kennenzulernen „Ich hoffen schon, dass Szene-mäßig mal wieder was zusammengeht, wenn auch bei den anderen die Prioritäten wieder anders gelegt werden. Kinder werden größer – sprich: wieder mehr Zeit für das Hobby.“

„Das ist dann nicht mehr dasselbe wie früher“

Eine junge Generation von Tunern alter Autos sei spärlich, aber dennoch vereinzelt vorhanden. Öfters würden moderne Autos gepimpt oder einfach fertig erworben, aber: „Kaufen kann jeder. Alle Kisten sehen dann eben gleich aus. Das ist dann nicht mehr dasselbe wie früher.“ Generell seien die Schrauberarbeiten in Zeiten von Internet nicht mehr vergleichbar mit dem Suchen nach Teilen in Zeitschriften oder auf Teilemärkten bei Treffen. Diejenigen, die sich trotz viel Zeitaufwands und gefordertem Durchhaltevermögen alten Fahrzeugen zuwenden, sind bei Mathias Lieb stets willkommen.

Er fände es schade, wenn die Schrauberleidenschaft, die „Old School“-Tricks verloren gingen. Im Keller unter der Werkstatt parken weitere Autos. Sie warten darauf, zum nächsten Projekt zu werden. Dann vielleicht schon mit Hilfe der „jungen“ Nachkommen der „alten“ Tuner, die versuchen wollen, das Feeling von damals weiterzugeben…

Lisa Brem


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