Grafenau/Neuschönau. „Früher fehlte es mir an den nötigen Wurzeln und zum Fliegen hatte ich zu wenig Mut.“ Es ist ein Satz, der tief blicken lässt in das Leben von Alexandra Hiller. Heute lebt die gebürtige Landshuterin in einem Tiny House bei Grafenau, umgeben von Natur, ihren Hühnern und dem Wald, der ihr als Kraftquelle dient. Doch wer die 57-Jährige nur als idyllische Naturmalerin versteht, greift zu kurz. Die gelernte Schreinerin und Ergotherapeutin ist eine Frau der Kontraste: Mal leise und suchend im Aquarell, mal laut und etwas rebellisch in der abstrakten Acrylmalerei.

Nach schweren gesundheitlichen Krisen und persönlichen Umbrüchen hat sie in der Kunst ihren ganz eigenen „Freiraum“ gefunden – einen Ort, an dem Wut und Depression dem Wunsch nach Harmonie gewichen sind. Diesen Raum öffnet sie nun für die Öffentlichkeit: Unter dem bezeichnenden Titel „Freiräume“ präsentiert sie ab dem 13. März ihre neuesten Werke in der Tourist-Info Neuschönau.
Was macht ein Bild mit dem Betrachter und wie findet man in einer hektischen Zeit seinen persönlichen Freiraum? Alexandra Hiller verrät im Hog’n-Interview, warum der Weg für sie das Ziel bleibt – und was ihre Kunst mit dem ‚Gefühl von Woid‘ zu tun hat.
„Ich lasse mich da gerne treiben“
Frau Hiller, der Titel Ihrer aktuellen Ausstellung in Neuschönau lautet „Freiräume“. Sie bezeichnen sich selbst als „Freigeist“, der schon früh gegen starre Normen rebelliert hat. Inwiefern ist die Leinwand heute der Ort, an dem diese Rebellion und Ihre persönliche Freiheit am besten sichtbar werden?

Ich denke, heute bin ich schon etwas ruhiger geworden als zu meiner Jugendzeit. Aber ich nutze die Malerei immer noch um meine Gefühle sichtbar zu machen. Der Unterschied zu früher ist, dass ich nicht mehr diese Wut und Depression in mir habe, sondern vielmehr das Schöne, Harmonische darstellen möchte. Dass ich mehr in mir ruhen kann beim Malen als früher.
Sie leben seit acht Jahren im Bayerischen Wald und ziehen viel Kraft aus der Natur. Wie viel „Woid“ steckt in Ihren Bildern – eher als konkretes Motiv in Ihren Aquarellen oder als abstraktes Gefühl in Ihren Acrylwerken?
Beides würde ich sagen. Ich lasse mich da gerne treiben. Mal hab ich Lust auf konkrete Motive, mal einfach nur auf Formen und Farben. Wobei schon auffällig ist, das viel Grün und Blau in meinen Werken steckt.
In Ihrer Vita schreiben Sie einen bewegenden Satz: „Früher fehlte es mir an den nötigen Wurzeln und zum Fliegen hatte ich zu wenig Mut.“ Hat die Kunst Ihnen dabei geholfen, diese Wurzeln hier in der Region zu finden und sprichwörtlich „abzuheben“?
Noch nicht, ich bin immer noch nicht angekommen. Aber vielleicht ist bei mir eher der Weg das Ziel.
„Einfach zulassen, sich völlig vergessen“

Als Ergotherapeutin wissen Sie um die gesundheitsfördernde Wirkung von Kreativität. Ist das Malen für Sie persönlich eher ein stiller Rückzugsort oder ein „lautes“ Ventil, um Emotionen und Krisen zu verarbeiten?
Auch hier ist meine Antwort: beides! Ich erkrankte 2016 an Brustkrebs. Da ich aber ein positiv denkender Mensch bin, hatte ich keine Angst zu sterben. Allerdings hat sich mein Leben nach der ganzen Therapie völlig verändert. Sowohl körperlich als auch seelisch hatte ich mit den Nebenwirkungen zu kämpfen – und habe es zum Teil immer noch. Zu meinem Pech stellte sich nach der Therapie heraus, dass ich noch eine andere chronische Bluterkrankung habe, die ich leider nicht mehr losbekomme.

All diese Veränderungen lassen mich natürlich auch mal verzweifeln und wütend werden. Ich glaube, das ist auch der Grund, warum ich Menschen anbiete, mein Atelier als ihren „Freiraum“ zu nutzen. Weil ich nicht die Einzige bin mit solchen Erlebnissen – und es oft einfach guttut, mal abzuschalten, raus aus dem Kopf zu gehen, die ständige Spirale des Denkens zu unterbrechen und etwas „Schönes“ zu machen.
Ihr Atelier in Grafenau trägt den Namen „Freigeist“. Dort bieten Sie auch offene Ateliertage an. Was ist das wichtigste Gefühl oder die wichtigste Erkenntnis, die Menschen, die vielleicht noch nie einen Pinsel in der Hand hatten, aus Ihrem „Freiraum“ mit nach Hause nehmen sollen?
Wie gesagt: das gute Gefühl. Ich erlebe oft, dass Menschen sagen: ‚Oje, ich kann ja gar nicht malen! Was soll ich denn malen? Wie fange ich denn an?‘ Ich versuche ihnen dann erstmal verschiedene Möglichkeiten anzubieten, wie sie anfangen können, mische mich aber nicht zu sehr ein. Nach einer Weile dann sehe ich, dass sie eintauchen in ihre Fantasie, sich immer mehr trauen, ausprobieren – und am Ende sehr zufrieden und glücklich sind, mit dem was sie geschaffen haben. Das heißt: einfach zulassen, sich völlig vergessen und eine gute Zeit verbringen, das ist genau das Ziel!
„Tue mich oft schwer, Bildern einen Titel zu geben“

Zwischen 2005 und 2010 haben Sie eine kreative Pause eingelegt. Was hat Sie schließlich dazu bewogen, die Staffelei wieder hervorzuholen? Und: Hat sich Ihr Blick auf die Kunst in dieser Zeit verändert?
2010 habe ich mich von meinem ersten Mann getrennt und wohnte bereits woanders. Dieser Lebensabschnitt war sehr einschneidend und ich begann dies auch auf kreative Weise zu verarbeiten. Ich wurde in meiner Technik experimenteller und abstrakter.

Sie sagen: „Ich möchte in keine Schublade passen.“ Das spiegelt sich in Ihrem Wechsel zwischen gegenständlicher und abstrakter Malerei wider. Wie entscheiden Sie beim Betreten des Ateliers, ob es heute ein „leises“ Aquarell oder eine „laute“ Acryl-Komposition wird?
Die Aquarelle sind bisher eher kleinformatiger, daher entstehen die bei mir zuhause. Im Atelier konzentriere ich mich eher auf großformatige Bilder. Aber ob es nun gegenständlich oder abstrakt wird, bunt oder eher dezent, entscheide ich meist spontan, wenn ich im Atelier bin.
Wenn ein Besucher vor einem Ihrer Werke in der Touristinfo Neuschönau steht: Gibt es eine bestimmte Botschaft oder ein Gefühl, das Sie den Menschen in der heute oft so hektischen und leistungsorientierten Zeit mit auf den Weg geben möchten?
Ja, das schönste Feedback, das ich von Betrachtern und Käufern bekomme, ist, wenn durch mein Bild eine Erinnerung geweckt wird oder ein schönes Gefühl entsteht. Ich glaube, das ist auch der Grund, warum ich mich oft so schwer tue, Bildern einen Titel zu geben. Denn eigentlich zählt ja das Gefühl des Betrachters – und nicht der Titel des Bildes.
Ein schönes Schlusswort. Vielen Dank für die Beantwortung unserer Fragen – und weiterhin alles Gute!
die Fragen stellte: Stephan Hörhammer







