Was haben Schaschlikspieße, Holznägel und Zigarrenkisten gemeinsam? Es sind Bayerwaldprodukte, gefertigt von findigen Unternehmern aus heimischem Holz.

In Vierhäuser bei Mauth verarbeiten Erika und Josef Wagner mit 15 Mitarbeitern Buchenstämme zu Schaschlikspießen und verkaufen diese europaweit. „Unsere Auftragsbücher sind voll, aber wir haben Sorge, noch ausreichend Arbeitskräfte zu finden.“ Josef Weidinger aus Sonnen führt nahe Obernzell einen Betrieb, der sich unter anderem auf die Herstellung von Holznägeln für hochwertige Schuhe spezialisiert hat. „Wir sind da Weltmarktführer; selbst in den Cowboystiefeln der amerikanischen Präsidenten, welche diese zur Amtseinführung erhalten, sind unsere Holznägel verarbeitet.“
In Zwiesel produziert Holz Liebich individuelle Verpackungen für Wein, Zigarren, Kaviar oder Tee für Kunden aus aller Welt. Vor acht Jahren wurde dort eine neue Manufaktur errichtet, das „größte Massivholzbauwerk Bayerns in Ständerbauweise “, wie Inhaber Dr. Thomas Koy betont.
Innovationsfreude und Kreativität

All diese Unternehmen verwenden nur heimisches Holz und repräsentieren Innovationsfreude und Kreativität im Umgang mit dem wertvollsten Rohstoff des Bayerischen Waldes. Der weitaus größte Teil des geernteten Holzes wird aber in den regionalen mittelständischen Sägewerken verarbeitet und von den zahlreichen Zimmerern und Schreinern veredelt. Zwei Großsägewerke an der Donau beziehen einen hohen Anteil ihrer Hölzer ebenfalls aus dem Bayerischen Wald. Ein nicht unerheblicher Teil des Holzes landet als Scheitholz in privaten Heizungen oder als Hackschnitzel beziehungweise Pellets in Nahwärmenetzen.
Vom Osser bis zum Dreisessel und hinunter bis an die Donau – etwa diese Fläche umfasst der Bayerische Wald. Der Pfahl trennt dabei den Vorderen vom Inneren Bayerischen Wald. Fichtendominierte Bergmischwälder mit Tanne und Buche prägen den Wald. Ab 1.100 Höhenmetern lösen Bergfichtenwälder am Grenzkamm den Bergmischwald ab. Und in klimatisch wärmeren Gegenden des Vorderen Bayerischen Waldes finden wir auch Eichen oder Linden.
Der Waldanteil liegt etwas über 50 Prozent. Je näher man dem Grenzkamm kommt, umso dichter wird der Wald. Die Landkreise Freyung-Grafenau und Regen zählen zu den waldreichsten Landkreisen in Deutschland, die Gemeinde Lohberg am Arber erreicht sogar einen Waldanteil von 85 Prozent. Nirgendwo in Europa steht mehr Holz pro Hektar: stolze 450 Kubikmeter (zum Vergleich Bayern 405, BRD 335, Schweiz 374, Schweden 112).
Rund 30.000 Besitzer kleinerer Privatwälder
Der jährliche Zuwachs an Holz beträgt zehn Kubikmeter/Hektar. Aber lediglich gut 50 Prozent des jährlichen Holzzuwachses werden genutzt – das sind rund 1,5 Millionen Kubikmeter Holz. Die rund 30.000 Besitzer kleiner Privatwälder bis 20 Hektar nutzen – wenn überhaupt – ihren Wald sehr extensiv, wie Wolfgang Kreuzer vom Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten in Regen erläutert.
Dort liegen daher auch die höchsten Holzvorräte. Die großen Privatwälder gehören dem Hause Hohenzollern am Arber und der Familie von Poschinger am Rachel. Andererseits nutzen die großen Staatswaldbetriebe in Bodenmais und Neureichenau nahezu den gesamten jährlichen Holzzuwachs, insgesamt 220.000 Kubikmeter; daher werden dort die von Großsägern beliebten Fichtensortimente schon knapp.
Unterschiedlichen Bewirtschaftungsformen und der hohe Anteil von nutzungsfreien Wäldern – allein im Nationalpark 25.000 Hektar – begünstigen eine Artenvielfalt, die für europäische Mittelgebirge einmalig sein dürfte. Vom Auerhahn über Habichtskauz und Schwarzstorch, von Luchs und Wolf bis zur Waldbirkenmaus reicht die Palette. Daher sind weite Teile des Bayerischen Waldes als Schutzgebiete ausgewiesen.
Waldland aus Menschenhand

Der international hoch angesehene Nationalpark liegt im Zentrum zweier Landschaftsschutzgebiete, die zusätzlich das Prädikat Naturpark führen. Spiegelbildlich finden wir auf tschechischer Seite den Nationalpark Šumava inmitten eines Landschaftsschutzgebiets. Zusammen bilden sie das größte Waldschutzgebiet Mitteleuropas, ein Segen für die Natur und die Menschen. Dieses Alleinstellungsmerkmal ist auch Basis für einen florierenden Naturtourismus und sinnstiftend für die Menschen der Region.
Vor tausend Jahren war der Bayerische Wald unberührte Waldwildnis. Erst mit der Ansiedlung der ersten Glashütten im 14. Jahrhundert gelang es, den schier unendlichen Holzreichtum auch wirtschaftlich zu nutzen. Zur Gewinnung von Brennholz zum Beheizen der Öfen und zur Herstellung der Pottasche wurden hauptsächlich die stärksten Bäume genutzt.
In den 1847 veröffentlichten „primitiven Operaten“, den frühesten Wirtschaftsplänen für Wälder, finden wir als Resümee dieser Entwicklung den Hinweis „diese Nutzung blieb weit unter dem nachhaltigen Ertrag“. Und auch auf den Erhalt hoher Anteile von Tannen und Buchen wird hingewiesen.
Nutzung der Wälder erfolgte meist in kleinen Kahlschlägen
Wesentlich gravierender waren die Auswirkungen der Trift und Flößerei auf den Wald. Die großen Städte an der Donau wie Regensburg oder Wien hatten einen stetig steigenden Bedarf an Brennholz. Mit dem Ausbau der Bachsysteme von Regen und Ilz hatte man die Möglichkeit, das Holz auf dem Wasserweg an die Donau zu transportieren. Die Zuflüsse wurden ausgebaut, teils kanalisiert, und so die Bachökosysteme nachhaltig negativ verändert.
Die Nutzung der Wälder erfolgte meist in kleinen Kahlschlägen. Die urwaldartigen Wälder gingen als Brennholz im wahrsten Sinne des Wortes den Bach runter. Die Trift dauerte etwa von 1750 bis 1950. Aber auch von politischer Seite gab es enormen Druck auf den Wald. Der in Kötzting geborene bayerische Finanzminister Joseph von Armansperg forderte 1821: „Aufgabe der Forstverwaltung ist es auf der geringsten Fläche den höchsten und bestmöglichen Materialertrag mit dem mindesten Aufwand zu erzielen.“
Zusätzlich führten verheerende Kalamitäten wie der „Grosse Sturm“ 1868, kriegsbedingte Übernutzungen und klamme Staatskassen letztlich dazu, dass vor 50 Jahren großflächig junge, strukturarme fichtendominierte Wälder vorherrschten. In den Staatswäldern ging es damals der Buche mittels Herbiziden an den Kragen, um der wirtschaftlicheren Fichte mehr Raum zu verschaffen. Hohe Wildbestände führten zu einer weiteren Abnahme der Tanne.
Klimawandel beschleunigt Waldumbau

Beginnend mit dem Waldsterben in den 1980er Jahren setzte ein Umdenken ein. Der sich natürlich verjüngende Mischwald aus Tanne, Buche und Fichte war nun das Ziel der Waldbewirtschaftung. Angesichts des Klimawandels wurde und wird dieser Prozess des Waldumbaus beschleunigt fortgesetzt.
„Wir setzen beim Umbau der Fichtenwälder in Mischwälder vor allem auf heimische Baumarten, wobei der Tanne und im Vorderen Bayerischen Wald der Eiche eine tragende Rolle zufällt. In Lagen über 800 Höhenmetern hat bei den aktuellen Klimaszenarien auch die Fichte ihre Berechtigung. Aber auch bewährte fremdländische Baumarten wie Douglasie oder Roteiche werden berücksichtigt“, so Förster Wolfgang Kreuzer. Hohe Anteile von Totholz, der Schutz von Biotopbäumen sowie nutzungsfreie Naturwälder sorgen nicht nur im Staatswald für steigende Artenvielfalt und damit für höhere Stabilität.
Wolfgang Koller und Baptist Resch verbindet die Liebe zum Wald und insbesondere zur Baumart Tanne. Wolfgang bewirtschaftet hoch über Lam zusammen mit seiner Familie einen biozertifizierten Milchviehbetrieb und rund 130 Hektar Wald samt Eigenjagd. Die Geschichte dieses Freibauernhofes reicht bis ins Jahr 1554. Seit Generationen bewirtschaften sie ihren Wald als Plenterwald: Tannen, Fichten und Buchen bilden diese Lebensgemeinschaft. Dicke Bäume, dünne Bäume, alte und junge, hohe und niedrige stehen auf engem Raum nebeneinander.
Die Tannenkönige
Licht und Schatten im Wechselspiel formen einen vitalen und stabilen Wald. Dabei spielt die Jagd eine zentrale Rolle: Wolfgang weiß, dass ein ökologisch intakter Lebensraum Voraussetzung für einen gesunden Rehwildbestand ist. Geerntet werden nur einzelne starke Bäume im Winterhalbjahr, ein Teil davon als Mondphasenholz. Unterstützt wird Wolfgang von seinem Sohn, einem gelernten Forstwirtschaftsmeister.
„Einen Harvester hat mein Wald noch nie gesehen.“ Dem zu Unrecht schlechten Ruf von Tanne und Käferfichte als Bauholz setzt Wolfgang positive Beispiele entgegen: Zwei Chalets, eines aus reiner Tanne, das andere aus Käferfichte – gerade im Holzhausbau sieht Wolfgang noch viel Luft nach oben.
In Neureichenau betreibt Baptist Resch ein Sägewerk für Starkholz. 30.000 Kubikmeter Holz aus der Region werden hier eingeschnitten, 40 Prozent davon Tanne. Wie Koller sieht Resch in der Tanne eine „klimafitte“ Zukunftsbaumart, da sie in Zeiten des Klimawandels die Fichten in großem Umfang ablösen wird. Resch gilt aber vor allem als Pionier beim Aufbau von Nahwärmenetzen.
Was fehlt ist eine Vernetzung

Vor zehn Jahren hat er eine eigene Firma gegründet, die bisher acht Projekte umgesetzt hat. Allein in Freyung sind über 100 Haushalte an das Nahwärmenetz angeschlossen, eine weitere Verdichtung erfolgt derzeit. Beheizt wird mit Hackschnitzeln aus der Region, die als Abfallprodukte bei der Holzernte oder Landschaftspflege anfallen.
Koller und Resch ist es wichtig, dass die Wertschöpfung in der Region bleibt. Beide sind sich auch einig, dass entlang der Wertschöpfungskette Holz Kommunikation und Kooperation verbessert werden müssen – und das grenzübergreifend. Wie kann man engagierte Waldbauern, innovative Schreiner und Zimmerer, mittelständische Sägewerke, auf Holzbau spezialisierte Architekten in einen Dialog bringen? In Straubing gibt es exzellente Forschungen zu nachwachsenden Rohstoffen, im Nationalpark international renommierte Naturwaldforschung. Was fehlt ist eine Vernetzung.
Der Wald in der Region steht angesichts des Klimawandels vor Herausforderungen wie nie zuvor. Aufbauend auf einem über Jahrhunderte angesammelten Wissen im Umgang mit Wald und Holz braucht es noch mehr Visionäre, die Wege in eine ökologisch wie ökonomisch gute Zukunft des Bayerischen Waldes aufzeigen.
Michael Held
(Erstveröffentlichung in: Schöner Bayerischer Wald)
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